Nach Übersee ist schon lange mal fällig

Anfang November letzten Jahres, ich hatte die Skitourensaison gerade eben gestartet, konnte ich die Nachricht der amerikanischen Botschaft lesen: Die Vereinigten Staaten öffnen ihre Grenzen wieder für Reisende aus Europa. Gut zu wissen, dachte ich mir damals. Doch mehr beschäftigte mich danach der gute Schnee und die Lust aufs Skitouren. Und das hielt den ganzen Winter über an.

 

Ich war fast jeden Tag am Weg, und manchmal gleich auch noch ein zweites Mal rauf, weil es so schön war. Da war kein Gedanke ans Radfahren. Nur mich austoben im Schnee. Und dabei fast nicht genug davon bekommen. Kein Wunder, dass sich am Höhenmeterkonto einiges tat. Während ich letzte Saison eher gezielt darauf hinarbeitete, ging es diesen Winter wie von selbst.

 

Wenn mich Freunde neugierig nach Plänen fürs Radfahren fragten, so antwortete ich meist ausweichend: Jetzt habe ich mal den Fokus aufs Skitouren. Aber die eine Nachricht von den wieder offenen Grenzen der USA blieb mir schon in Erinnerung. Das Visum für einen längeren Aufenthalt hatte ich mir ja schon im März 2020 geholt. Doch noch bevor ich damals nach Amerika aufbrechen konnte, war das Corona-Virus schon am Reisen. Und es sorgte hinter sich für geschlossene Grenzen. Aber wenn die jetzt wieder offen sind, dann schaut die Sache natürlich anders aus.

 

Und kaum hatte ich bei den Skitouren die 200.000 Höhenmeterschallmauer geknackt, war die eine Idee von früher wieder ganz präsent: Ja, Übersee, da wollte ich schon länger mal hin. Das ist für heuer fällig. Vielleicht geht es sich dieses Jahr 2022 wirklich aus.

 

Die Vorbereitung - anders als bisher

Ich hatte mich in Reiseberichten immer wieder über Tourenmöglichkeiten in den USA informiert. Wie das Land selbst, so ist auch die Auswahl an Touren riesig: Quer durch, in der Mitte, im Norden, im Süden. Die Küsten rauf und runter, im Osten oder im Westen. Dazu noch berühmte Passagen und Schleifen irgendwo, entlang von Flüssen, Bahnlinien oder Naturlandschaften. Mit dem Wind oder gegen den Wind. Die American Adventure Cycling Association verspricht, dass unter den vielen möglichen Routen alle etwas Passendes für sich finden. Doch so eine verlockende Werbebotschaft trifft wohl für alle Kontinente zu.

 

Nur ich war dennoch fast etwas überfordert mit der Vielzahl an Möglichkeiten. Wollte ich gar alles abfahren? Oder wirklich manches im Detail schon vorher festlegen? Oder eher mal nur eine Vorstellung haben, wohin es gehen könnte? Und dann unterwegs schauen wonach mir ist und ob es passt. Das schien mir letztendlich eine stimmige Variante für mich zu sein. Einen Rahmen und eine Idee haben, und beim Umsetzen dann frei sein und auch zu improvisieren.

 

Den Flug möglichst kurz, und dann mal bald quer durch. Das war meine erste Festlegung. Und starten irgendwann Mitte Mai. Doch je näher dieser Zeitpunkt kam, desto nervöser wurde ich. Das kannte ich von meinen früheren Touren nicht. Wie geht das mit der Fahrradmitnahme im Flieger? Wo komme ich unter? Klappt es mit einem Kaltstart mitten in der großen Stadt? Mag ich nicht lieber abseits vom Trubel unterwegs sein statt ihn gezielt gleich für den Anfang zu suchen? Ist mein Leben zu Hause mit Familie und Freunden nicht ebenso toll wie das unterwegs sein mit dem Rad? Manchmal können mich solche Gedanken ganz schön verunsichern. Und das war jetzt tatsächlich der Fall.

 

Doch zum Glück verstrich die Zeit der Vorbereitung wie im Flug. Und diesen trat ich mit Swiss am 14. Mai kurz nach Mittag in Zürich an. Destination New York, Reiselust und mein Fahrrad mit im Gepäck. Einige Fragen habe ich ungeklärt einfach zu Hause gelassen. Meine Familie drückt mir die Daumen. Und beim Radla fährt es sich mit wenig Ballast sowieso viel leichter. Ich will mich auf die runde Bewegung und den Fahrtwind im Gesicht freuen - und das Eintauchen in ein amerikanisches Leben noch dazu.

 

Das Einchecken am Flughafen Zürich ging problemlos schnell. Am Gepäckschalter freuten sie sich über den frühen Zeitpunkt. Und ich freute mich über die frühen Meter nach dem Abheben. Es war ein Steigen über bunte Gärten und Dächer, über blaue Pools und Schäfchenwolken, über Felder, Wälder, Wiesen, die immer kleiner wurden. Der Flügel mit dem weißen Kreuz auf rotem Hintergrund teilte den Himmel in zwei Hälften. Unten etwas Dunst, und oben blaue Weite. Und irgendwann dann auch ein atlantisches Blau noch unten.

 

Der Blick auf die Küste beim Ärmelkanal erinnerte mich an das letzte Jahr. Dort bin ich entlang gefahren, nur halt 10.000 Meter weiter unten. Und bei angenehmeren Temperaturen als die Bordanzeige hier oben mit ihren Minus 55 Grad anzeigte. Die Küste auf der anderen Seite des Atlantiks wollte sich dagegen im Nebel und Regen leider nur schemenhaft zeigen. Kein freundliches Wetter also als Empfang in den USA, dafür aber eine freundliche Beamtin beim Zoll am Flughafen in New York. Und auch ein erleichtertes Grinsen bei mir: Der Karton mit meinem Rad stand schon bereit. Beim Einladen in das Taxi half gar noch ein Polizist mit. Er sei ein familyman. Als solcher zeigte er dem ratlosen Taxifahrer, mit welchem Handgriff er die Rückbank umklappen konnte, damit der Radkarton reinpasste.

 

Noch im Taxi machte ich mir Gedanken, was sie wohl im Hotel zu meinem großen Gepäckstück sagen werden. Doch die Sorge war unbegründet. Mit einem breiten Grinsen erkundigte sich nämlich die Rezeptionisten, ob ich mit einem großen Fernseher am Reisen sei. Als solchen durfte ich den Karton natürlich klar mit aufs Zimmer nehmen. Und wenn der Zusammenbau klappt, dann kann das Radfahren morgen also wirklich starten.

 

Der Start - in New York Gehts los

15. Mai 2022

Wolkenkratzer und Nachmittagstrail

Die ganze Nacht war von der Straße immer wieder entferntes Sirenengeheul zu hören. Es klang gerade so, als ob die Polizei oder die Rettung irgendwo einen Rundkurs fahren. Erst gegen Morgen wurde es etwas ruhiger. Doch vielleicht dämpfte auch nur der dichte Nebel die Geräusche. Denn als ich mit meinem schmucken Reiserenner losfuhr, war die Sicht deutlich eingeschränkt. Die Wolkenkratzer machten damit ihrem Namen alle Ehre. Die oberen Etagen verschwanden irgendwo im schweren Grau. Und unten bot sich zumindest in den Vororten nicht nur des Wetters wegen ein eher tristes Bild. Überall Müll auf den Straßen und reichlich abgewohnte Bauten. Erst näher zu Manhattan wurde es dann anders und mondäner.

 

Nach einer Runde um das World Trade Center wollte ich den Hudson River mit einer Fähre queren. Doch sonntags waren ihre Zeiten eingeschränkt. Ich hätte lange warten müssen. Zum Glück halfen mir zwei heimische Radler weiter. Das Paar aus New York schlug als Alternative den Zug vor. Und so fuhren wir gemeinsam unter dem Fluss durch statt oben rüber. Nur das Überwinden der schmalen Drehkreuze an den Ein- und Ausgängen war mit meinen Gepäcktaschen am Rad etwas mühsam. Dafür war ich schneller in New Jersey, das mir besser gefiel als die andere Flussseite. Breite Radwege, schöne Gärten, großzügige Vorortsiedlungen, und irgendwann dann ein unbefestigter Trail entlang eines Kanales, dem ich fast den ganzen Nachmittag lang folgte. Der erste Tag am Rad gefiel mir gar nicht so schlecht.

 

16. Mai 2022

Gegensätzliches

Meine Route führte mich abwechselnd immer wieder durch Stadtzentren und deren Vororte durch. Manchmal waren es große Straßen, und dann auch irgendwelche Nebenstraßen außen rum. Beides war hie und da zum Staunen, der Gegensätze wegen. Eine große platte tote Ratte mit überlangem Schwanz mitten zwischen dem aufgeworfenen Asphalt der Straße, und rundherum palavernde Leute auf den überdachten Eingangsbalkonen ihrer schmuddeligen Häuser. Oder schmucke Limousinen im Gartengrün vor tollen Villen, die beidseitig fast endlos die Straßen säumten. Und irgendwas dazwischen gab es natürlich auch. Das waren dann meist etwas bieder daherkommende ebenerdige Holzhäuser. Ihr auffälligster Schmuck war meist eine Fahne mit roten und weißen Streifen, und einem von vielen Sternen gezierten blauen Quadrat. Nationalstolz muss man anscheinend immerwährend zeigen. Doch vielleicht fällt dies nur mir als Durchreisendem auf, und die Einheimischen nehmen sie selber gar nicht mehr wahr.

 

Irgendwann am Nachmittag zieht eine Regenfront durch. Das längere Nieseln davor habe ich noch ausgehalten. Doch als die Tropfen dichter werden, entschließe ich mich unterzustehen. Eine Bank kam mir da gerade recht. Ich mit meinem Rad unter dem schmalen Vordach auf der einen Seite, und auf der anderen Hausseite fette amerikanische Schlitten unterm weiten Flugdach des Drive-In-Schalters. Bankgeschäfte lassen sich anscheinend auf vielfältige Weise erledigen, und das auch noch bei Regen. 

 

17. Mai 2022

Schwarzer Rauch und lautes Brabbeln

Heute bin ich schon recht früh aufgewacht. Das Starten eines großen Peterbuilt-Trucks auf dem Parkplatz vor dem Motel hat mich geweckt. Die weißen Rauchwolken aus den verchromten Auspuffrohren beidseitig des Führerhauses machen sich im Morgenrot ganz nett. Einige Zeit lang lässt der Fahrer den Motor gleichmäßig vor sich hin tuckern. Nur kurz vor dem Losfahren gibt er mehrere kräftige Gasstöße. Statt weißem Rauch zeigen sich gleich dichte schwarze Rußwolken. In Amerika gilt die Euro 6-Abgasnorm wohl nicht, denke ich mir.

 

Am Vormittag bin ich gefühlt die ganze Zeit nur geradeaus gefahren. Am Seitenstreifen einer mehrspurig abgeteilten Straße kam ich gut voran. Das Schalten der Ampeln habe ich auch schon gecheckt. Immer wenn die Abbiegespur des Gegenverkehrs leer ist, kann ich bei Rot schon los. Da kommen mir die schweren Peterbuilts und Kenworth beim Ampelstart nie nach. Deren lautes Brabbeln höre ich erst wieder, wenn sie mich später überholen.

 

Jetzt, am dritten Tag am Rad, meine ich bei den Fastfood-Ketten schon einen Favoriten ausgemacht zu haben. Es ist Donkin Donuts. Ein leicht getoastetes Brot mit Avocadomus und angebratenen Tomaten, oder mit Humus und den Tomaten, oder mit geschmolzenem Käse und den Tomaten schmeckt lecker. Um das Angebot an Kaffee oder Donuts mache ich einen Bogen. Statt mir greifen da die anderen Besucher reichlich zu. Die steigen dann auch immer in Autos ein. Ohne einem solchen geht hier glaub nichts. Wiewohl es doch auch Radwege gibt, oder zumindest Beschilderungen dafür.

 

18. Mai 2022

Beim Kapitol und beim ersten Präsidenten

Am Morgen Richtung Zentrum gehörte die Radspur nur mir allein. Doch ganz allein war ich dann auch wieder nicht. Denn rund um mich herum dröhnte und rauschte es im Frühverkehr mehr als nur kräftig. Zum Glück konnte ich dann irgendwann in Seitenstraßen weiterfahren. Dort ließ es sich gut radeln, und da waren dann auch noch andere Radfahrer unterwegs.

 

Beim Kapitol war ich überrascht, dass es keine Absperrungen gab. Mit dem Rad über den großen Platz und rund herum, das war ohne Einschränkungen möglich. Und mit den Parks im Umfeld und der Weite der offenen Flächen war es ziemlich imposant. Dazu noch der Blick auf den 170 Meter hohen Marmorobelisk zu Ehren des ersten Präsidenten George Washington, das hat mir in der Morgensonne dann richtig gut gefallen.

 

Wahrscheinlich hat mich deshalb ein amerikanischer Radfahrer vor dem Lincoln Memorial angesprochen und sich nach meiner Tour erkundigt. Etwas auffällig bin ich mit meinen Packtaschen ja doch. Er hat mir dann gleich eine Route entlang des Potomac River empfohlen. Der Trail war landschaftlich sehr schön. Er schlängelte sich durch einzelne Waldstücke, ging mit Holzbrücken über Wasser, querte gepflegten Rasen. Nur zum Fahren war es etwas mühsam. Die vielen Baumwurzeln hatten den Asphalt immer wieder aufgeworfen. Es rumpelte kräftig. Doch den Autos auf der nahen Straße ging es glaub nicht anders. Dort waren es die Übergänge der Betonplatten die ich akustisch mitbekam.

 

In Mount Vernon beim George Washington House zählte ich an der Straße über 40 Busse. Da radelte ich dann gerne weiter. Denn neben den Autobussen gab es ja noch die übrigen Autos. Deren Stellplätze waren ebenfalls zum Bersten voll. Und so großartig interessiert hat mich die Präsidentengeschichte dann auch wieder nicht. Aber einen schönen Ort zum Präsident-Sein hat er sich jedenfalls ausgesucht.

 

Beim Weiterfahren musste ich dann ein paar Mal die beiden östlichen Hauptverkehrsrouten Richtung Süden queren. Das war atemberaubend. Denn wenn amerikanische Autos auf 6 Spuren gleichzeitig losdonnern, dann ist da schon was los. Und vor allem, es kommen sofort noch mehr nach als losgefahren sind. Am Abend habe ich dann die Autodichte recherchiert. In Amerika sind es angeblich 800 Autos je 1.000 Einwohner. Für Europa werden 500 angegeben, und für Indien 20.

 

19. Mai 2022

Ländliches Virginia 

Auf der historischen Straße Südroute Nummer 1 war am Morgen erstaunlich wenig los. Mich freute es. Feine Sonne und dazu das leise Surren der Reifen am Asphalt, der Tag fing ganz gut an. Kurz vor Richmond änderte ich die Fahrtrichtung. Aus Süd wurde West. Ein kleiner Einschlag des Lenkers genügte. Und nach ein paar kräftigen Pedaltritten um ein paar wenige Kurven herum, und schon hatte ich ein scheinbar anderes Virginia vor mir: Ländlich, üppig grün, kein Verkehr, schmale Straßen, leichtes Auf und Ab, viel Wald, dazwischen Wiesen, vereinzelt ein paar verstreute Häuser am Rand. Mir gefiel es am Rad richtig gut.

 

Mittags kehrte ich in einer einsam gelegenen Waldtankstelle zu. Es sollte der einzige Laden den ganzen Tag lang bleiben. Ich machte es mir mit Orangensaft, Kartoffel-Wedges und Salat mit italienischem Dressing auf der überdachten Holzterrasse bequem. An mir vorbei gingen die Leute in den Schuppen rein und raus. Alles Arbeiter, die sich für mittags Essen holten. Den Verpackungen nach langten sie bei frittierten Sachen und Softdrinks zu. Dann schwangen sie sich wieder in ihre Vans und Laster. Einige hatten Mühe mit den wenigen Stufen beim Eingang, waren recht steif und unbeweglich, viele hatten Erdklumpen an ihren Arbeitsschuhen, ihre Shirts trugen meist schon vergilbte Aufdrucke irgendwelcher Firmen. Und fast von allen gab es ein freundliches Nicken in meine Richtung, denn gleich bei der Stiege stand mein Fahrrad.

 

Nachmittags hatte ich für kurze Zeit einen etwas höheren Puls. Ich musste eine Meute von Hunden abschütteln. Beim Vorbeifahren an zwei Häusern mit reichlich Altmaterial drum herum hörte ich ein paar laute Rufe. Ich weiß nicht, ob es ein aufmunternder Angriffsbefehl für die Hunde war, oder sie jemand zurückhalten wollte. Denn plötzlich stürmten 5 kleine schwarze Hunde bellend aus dem Gestrüpp und hinter mir her. Ziemlich erschrocken versuchte ich mehr Fahrt aufzunehmen, was nur langsam gelang. Mein lautes Anschreien beeindruckte sie nicht. Zum Glück behinderten sie sich gegenseitig beim Zuschnappen. Mit meinen paar Schlenkern zur Seite mussten sie in den Straßengraben ausweichen und kamen dort nicht so gut weiter. So konnte ich sie abschütteln. Ich hatte jedenfalls gehörig Herzklopfen, weil total überrascht und auch mit etwas Angst, dass mich einer doch erwischt.