Giro der Nase nach - planen von Tag zu Tag

Was machst du als nächstes? Wohin zieht es dich? Hast du schon eine neue Tour im Köcher? Das waren die gängigsten Fragen beim Heimkommen letzten Jahres, nachdem ich meinen Freunden von meiner tollen Tour nach Down Under erzählt hatte. Doch kaum zu Hause, schon wieder weg, darauf wollte ich mich nicht einlassen. Erst mal ankommen, alles auspacken, sacken lassen, und dann weiter schauen, war zumeist meine Antwort, und auch mein innerer Wunsch. Ich wollte mich nicht drängen lassen. Zuerst Abstand gewinnen, bewusst eine Pause machen, das Radfahren nicht im Sinn haben, auf dass dann irgendwann im Frühling wie von selbst wieder neue Lust entstehen kann. Das hielt ich für mich stimmig. Und ich wollte auch erst mal den Winter mit Skitouren auskosten, Spuren im Schnee ziehen, mich im Pulver austoben, und den anderen Schneearten auch.

 

Das Radfahren war also im Spätherbst ganz weit weg. Nur einmal, kurz nach Weihnachten, ließ ich mich im Gespräch mit einem Freund doch zu einer Festlegung hinreißen: Bis Mitte Februar, wenn wir uns das nächste Mal treffen, habe ich sicher eine Idee, oder sind meine vagen Überlegungen vielleicht konkret. Und mit dieser unverbindlichen Ansage hat mein Planen dann schlussendlich Fahrt aufgenommen.

 

Genug Muße zum Überlegen hatte ich ja. Der Winter war nämlich ganz anders als sonst. Ein Wetter eher zum Vergessen. Kein Schnee bis runter ins Tal. Und wenn dann doch, dann sofort wieder warme Temperaturen, die die weiße Pracht schmelzen ließen. Oder starker Wind, der die Rücken und Grate vom Schnee befreite und mit viel Triebschnee für heikle Bedingungen sorgte. Die Klimaveränderung zeigte sich daher nicht nur in den statistischen Wetterdaten, sondern auch in meinem Skitourenbuch. Das Sammeln von Höhenmetern ging etwas zähe. Eine starke Bronchitis ließ mich zudem länger pausieren. Schöne Skierlebnisse waren dennoch dabei, einige gar von fantastischer Art. Und zwischendurch blieb genug Zeit zum Schmökern nach einem geeigneten Ziel fürs Rad.

 

In Tasmanien hatte ich mal jemand aus Singapur getroffen. Und unterwegs in Australien auch ein paar Radler, die aus Asien kamen, oder dorthin wollten. Dieser Gedanke beschäftigte mich einige Zeit. Ja, von zu Hause los Richtung Asien entfachte einen gewissen Reiz. Nur beim Checken einer Route auf der Karte war da immer ein breiter Korridor dazwischen, der mit Kriegsschlagzeilen die mediale Berichterstattung dominierte. In Zeiten wie diesen durch Russland und dessen Nachbarländer schien mir wenig angebracht. Und auch Chinas Westen machte mit dubiosen Schlagzeilen eher negative Reklame. Je mehr ich da recherchierte, desto unrealistischer wurde dieser Plan. Und eine Tour in einem anderen Kontinent wie Afrika oder Südamerika erschien mir auf die Schnelle zu herausfordernd.

 

Blieb also was in Europa über. Vielleicht mal Richtung Süden, war die Idee. Und als ich am Funkensamstag an meine Aussage vom Dezember erinnert wurde, erzählte ich vom aktuellen Stand: Follow the nose, mit Start von zu Hause aus, und zuerst Richtung Italien, das wird es wahrscheinlich heuer werden. Etwas später verfestigte sich dieser Plan. Denn emotional war ich mit einer unliebsamen Erkrankung im Familienumfeld und dem sich abzeichnenden Tod meines Jugendfreundes konfrontiert. Dazu kam der plötzlich bleibend große Pflegebedarf meiner Mutter nach einem blöden Sturz. Vorkommnisse also, die eine Aufbruchstimmung nach weit weg ziemlich dämpften. Doch mit dem Rad unterwegs sein, Sonne und Fahrtwind im Gesicht spüren, macht die Gedanken frei. Ich meine, dies in meinem Leben nicht missen zu wollen. Daher gibt es ihn, den Plan nach einem "Giro der Nase" nach. Und wenn so eine Idee mal im Kopf, dann will sie auch umgesetzt werden.

 

Die Vorbereitung - Auf Routine verlassen

Die Packliste vom letzten Jahr war schnell gefunden. Der Notizzettel zu den neu zu beschaffenden Teilen ebenso. Es waren nur ein paar Sachen bei der Kleidung, der Rest sollte oder musste weiter passen. Beim Rad und dem Service verließ ich mich auf Bewährtes. Mein Händler war zwar zwischenzeitlich leider in Pension gegangen. Doch das Motto bei der Übergabe an seinen Nachfolger überzeugte: "Alles bleibt besser". Aus Siegle-Bike wurde Sieger-Bike, und ich blieb dem Laden treu. Schon Mitte März konnte ich das Rad vom Service abholen. Und irgendwann ab Mitte April begann ich dann langsam, die anderen Sachen hervor zu kramen. Ich ging es ohne große Eile an. Mit Routine, kam mir als Bezeichnung meiner Vorgangsweise in den Sinn. Die war ja nach all den vielen Touren doch gegeben. Und von zu Hause losfahren zu können, machte die Vorbereitung auch entspannter.

 

Das Zeitfenster für den Start blieb dann ungeplant lange offen. Denn der Winter wollte sich nämlich Ende April nochmals kräftig zeigen. Oder mich vielleicht mit Schnee bis in die Niederungen auch bloß fragen, ob ich statt mit dem Rad nicht doch lieber weiter mit den Ski am Weg sein möchte, und mein Höhenmeterkonto nachträglich füllen. Nur die sonnigen Frühlingstage davor ließen mich an meinem Entschluss festhalten: Ich wollte aufs Rad, und meine Tour Richtung Süden starten, meinen "Giro der Nase nach", mit einem Planen von Tag zu Tag wohin es mich zieht.

 

Der Start - Von Zu hause los

27. April 2024

Arlberg mit Zug - statt oben drüber unten durch

Die ersten paar Meter am Rad fühlten sich etwas komisch an. Mit dem ganzen Gepäck war das Rad eher träge zu fahren. Ungewohnt kam es mir vor. Ich muss mich wohl erst wieder daran gewöhnen. Doch bis zum Bahnhof ging es jedenfalls gut. Und statt mit den Ski stand ich dann um 8 Uhr in der Morgensonne mit meinem voll beladenen Rad am Bahnsteig. Weil der Arlbergpass für Radfahrer gesperrt war, musste ich den Zug nehmen. Die erste Bergwertung konnte ich also auslassen. Nicht oben drüber, sondern unten durch, hieß es daher beim Arlberg. In Langen hatte es noch mächtig Schnee. In Tirol auf der anderen Seite des Passes gab es weniger von der weißen Pracht. Nach dem Aussteigen in St. Anton riskierte ich noch einen Blick auf die verwaisten Skipisten. Doch dann galt es Ernst mit Radfahren: Ich war bereit für meinen Giro der Nase nach.

 

Abwechselnd mit Bundesstraße und Radweg war ich schnell in Landeck. Davor konnte ich bei einer Umleitung noch die mächtige Trisannabrücke der Arlbergbahn von unten bewundern. Imposant, und sehr beeindruckend. Etwas später beeindruckte mich dann der starke Föhn. Vom Reschenpass blies er mir durch das Oberinntal entgegen. Vorbei war es mit dem Frühlingsfeeling beim Radfahren. Der Wind machte es anstrengend. Und kalt war es zudem auch. Das hatte ich mir wirklich anders vorgestellt. Dafür freuten mich in der Nähe des Passes die vielen Himmelschlüssel in den Wiesen. Daheim gab es die ersten wohl schon vor fast zwei Monaten.

 

Beim Anblick des Reschensees war ich dann ziemlich enttäuscht. Der Stausee hatte nämlich bedingt durch Bauarbeiten kein Wasser. Die weite Fläche zeigte sich in düsterem Grau. Der berühmte Kirchturm von Alt-Graun war ohne großen Reiz. Er hob sich kaum von der Umgebung ab. Für etwas Abwechslung sorgte nur die Streckenführung des Radweges. Hie und da durch Wald, und dann wieder durch offene Flächen, schlängelte er sich mit einem leichten Auf und Ab der grauen Seekante entlang. Und als es dann etwas später in den Vintschgau runter ging, hatte ich richtig Spaß beim Fahren. Ohne Anstrengung auf kurvigem und menschenleeren Radweg rasant dahinrollen, das hat schon was. Am Abend war ich mit dem ersten Tag jedenfalls zufrieden. Nicht nur bloß aufgebrochen, sondern den Rhythmus beim Fahren gefunden und zum Schluss auch noch mit viel Spaß am Weg gewesen. Das hat gepasst.

 

28. April 2024

Frieren und Leiden am Gampenpass

Raus aus Glurns begegnen mir ein paar Kirchgänger. Sonntagmorgen, da geht es im Trachtenjanker wohl zur Messe. Glockengeläute und Hahnenkrähen, so ist es hier am Land. Ich dagegen hatte den Kragen der Windjacke hoch-, und den Kopf etwas eingezogen. Es war frisch. Die Berge an den Talseiten steckten in tiefen Wolken. Hie und da schaute oben Schnee hervor. Beim Frühstück konnte ich noch hören, dass sie letzte Woche 30 Grad hatten. Da wäre ich ohne Mütze ausgekommen. Doch jetzt war ich froh um sie.

 

Der Radweg führte entlang der Etsch idyllisch durch Obstplantagen. Bachrauschen war zu hören, und manchmal auch Traktorenlärm. Die kleinen, schmalspurigen Traktoren begegneten mir immer wieder. Und sie schauten auch zwischen den Spalieren hervor. Dort waren sie mit Spritzarbeiten beschäftigt. Bio-Obstbau findet wohl woanders statt.

 

Mich beschäftigten dafür heute ganz unerwartet zunehmende Schmerzen meiner Achillessehne. Vielleicht könnte da spritzen auch helfen. Abwärts rollend und ohne viel Kraftaufwand tretend war es zum Aushalten. Doch als ich nach Meran dann die ersten Kilometer Richtung Gampenpass hinter mir hatte, überlegte ich gar, wieder umzudrehen. Es war richtig zäh, bis ich endlich die Passhöhe erreicht hatte. Dazu war es unangenehm kalt. Für die Abfahrt zog ich alles an, was ich auf die Schnelle mit klammen Fingern aus der Packtasche kramen konnte. Erst als ich die Tafel mit dem Willkommensgruß der Region Trentino weiter unten passierte, wurde das Wetter freundlicher. So recht freuen wollte es mich dennoch nicht. Die Achillessehne ist zwar die stärkste Sehne im Körper, doch wenn sie zwickt, ist es mit stark Radeln und guter Laune nicht weit her. Ich ärgerte mich, dass ich daheim keine Radkilometer gemacht hatte, und mich so langsam auf die Tour vorbereitet hatte.

 

29. April 2024

Endorphine am Passo del Tonale

Mit Dehnungsübungen der Wade bin ich gestern am Abend ins Bett, und am Morgen gab es als Erstes dasselbe Programm. Zum Starten am Rad war ich überraschenderweise schmerzfrei, und deswegen auch mit guter Laune losgefahren. Doch auch das Wetter war unterstützend. Sonne gleich schon in der Früh, und angenehme Temperaturen. So lässt es sich fein radeln, ging es mir durch den Kopf. Und wenn es durch Kirschbaumspaliere kurvig abwärts geht, sowieso.

 

Bei einem Stausee spiegelte sich die Umgebung im blauen Wasser. Das satte Grün der zum See hin sanft abfallenden Weinberge war schön anzuschauen. Später zog sich das Tal weit hinauf zum Passo del Tonale. Ihn hatte ich mir heute vorgenommen, und hoffte, dass auch meine linke Wade mitmacht. Irgendwann bekam ich von einem italienischen Rennradler Windschatten angeboten. Ich freute mich, und Alessandro mit dazu. Im Flachen war es kurz gar ein nettes Tratschen. Denn Verkehr war nur ganz wenig. Doch als dann die Steigung zum Pass begann, musste ich ihn ziehen lassen. Ohne Gepäck fährt es sich halt leichter.

 

Die Landschaft imponierte mir sehr. Es war weniger die gleichmäßig ansteigende Straße, sondern die schneebedeckte Berggruppe zur linken Seite. Ich konnte gar Skispuren ausmachen. Da musste ich natürlich einen kleinen Stopp einlegen und schauen, was man wohl sonst noch hier hochsteigen und abfahren könnte. Einen längeren Stopp legte ich dann auf der Passhöhe ein. Dort rief mir Alessandro von einer kleinen Bar aus zu. Bei Cola und Pasta setzen wir unsere Konversation fort. Das hat mir gefallen. Auf der Sonnenterrasse sitzen, abenteuerliche Skispuren vis-à-vis in einer ultrasteilen Rinne sehen, und übers Radfahren sich unterhalten. Und mich dann noch freuen, dass der Passo del Tonale super zum Fahren war, und ich bester Stimmung.

 

Nach der Abfahrt war ich gar etwas übermütig. Statt wie geplant die Etappe in der ersten Ortschaft zu beenden, ging ich gleich noch einen weiteren kleinen Pass an. Da war ich zwar etwas langsam am Weg, doch geschafft hatte ich ihn auch. Allora, tutto bene, war dann die freudige Bilanz bei einer Pizza am Abend. Draußen rollte langsam der Bernina-Express der Rhätischen Bahn an der Basilika von Tirano vorbei. Schön zuzuschauen.

 

30. April 2024

Auf Radweg idyllisch durchs Veltlin

In der kleinen Unterkunft in der Nähe zur Basilika war das Frühstück mit Stil angerichtet. Und zu einem köstlichen Apfel bekam ich auch noch einen gut gemeinten Spruch mit auf den Weg. Er beschäftigte mich die ersten paar Kilometer dann am Rad: „Chi va piano, va sano e va loutano“. Es wird wohl was dran sein, an solchen Gedanken. Es fiel mir heute am Morgen jedenfalls nicht schwer, etwas langsamer dahin zu rollen. Der Radweg und die Landschaft luden dazu ein.

 

Der Weg führte immer wieder durch Waldstücke entlang eines kleinen Flusses, der mit Fortdauer zusehends größer wurde. In den kleinen grünen Wiesen standen zahlreiche aufgelassene oder halb eingestürzte Gehöfte. Alle aus Stein gebaut. Meist wuchsen schon Bäume mitten aus ihnen heraus. Oder sie waren von Sträuchern wild überwuchert. Manchmal galt es auch den Fluss oder einen Zubringer zu überqueren. Das war dann gelegentlich auf imposanten Steinbrücken. Doch die Veltliner können auch anders bauen. Während der Fluss sanft dahin mäanderte, war die Straße über weite Strecken in das Tal hineingeklotzt. Wahrscheinlich fällt einem das im Auto fahrend gar nicht so auf. Ich war mit dem Radweg und dem Fahren entlang des Flusses jedenfalls zufrieden. Nur durch die kleinen Ortschaften hindurch war die Wegsuche manchmal herausfordernd.

 

Am Comosee war es aber endgültig aus mit der Radleridylle. Viel Verkehr, und wenig Platz. So ganz wollte sich meine Vorfreude auf den See nicht bestätigen lassen. Ein paar schöne Flecken hatte ich zwar schon entdeckt, nur zum Kilometermachen waren sie nicht. Nur dort wo die Tunnels der Hauptstraße zum Umfahren waren, hat es mir versöhnlich gefallen. Zum Glück hatte ich den Zettel mit dem Spruch von heute Morgen noch zur Hand. Demnach kommt man ja auch langsam weit. Doch richtig verinnerlicht habe ich dieses Motto glaub noch nicht.

 

1. Mai 2024

Vom Comosee zum Lago Maggiore

Gleich am frühen Morgen schon war Donnergrollen zu hören. Kein gutes Omen für einen Tag am Rad. Doch der Blick auf den Wetterbericht stimmte mich zuversichtlich. Wenn ich mich mit Fahren beeile, dann sollte ich vielleicht trocken durchkommen.

 

Die Stimmung am See war beeindruckend. Entfernt zog eine Regenfront durch. Sie tauchte die Landschaft und den See in ein vielschichtiges Grau. Und noch bevor ich die Steigung bei Menaggio anging, musste ich ein erstes Mal unterstehen. Es war nur kurz, dann setzte sich gar leicht wieder die Sonne durch. Das hat mir gepasst. Und gefallen hat mir auch das Fahren in den Kehren. Da war immer wieder ein Blick zurück auf den See zu erhaschen. Auch das, was sich danach an Landschaft Richtung Schweiz auftat, war von der besseren Seite. Beim Grenzübergang war freie Durchfahrt. Kein Posten in Sicht, obwohl eigentlich Tag der Arbeit war.

 

Bei Sonnenschein in Lugano passierte ich einen kleinen Markt. An der Uferpromenade war ein Oldtimertreffen im Gang. Unzählige bunte Automobilschönheiten waren Tür an Tür geparkt, und wollten wohl bewundert werden. Mein Rad hätte dazwischen sicher auch eine gute Figur gemacht. Aus Lugano raus kam ich beim Fahren dann außer Atem. Die Steigung vom See hoch zog sich länger als erwartet dahin. Dafür gab es oben wieder eine schöne Aussicht. Auch die nächsten Kilometer entlang eines hübschen Flusses konnten mir gefallen. Kurvig und mit etwas Auf und Ab durchquerte ich den südlichen Zipfel der Schweiz, und erreichte bald wieder Italien. Douane-hopping fiel mir als Schlagwort ein.

 

Irgendwann wurde der Himmel dann wieder düster. Und als ich an ein paar der entgegenkommenden Autos Regenwischer in Aktion sah, musste ich mir einen Aktionsplan für den Nachmittag überlegen. Ich entschloss mich für eine Pause mit Pizza. Den Lago Maggiore hatte ich ja längst erreicht, und war damit von der zaghaften Sonne am Comersee in den ergiebigen Regen am nächsten italienischen See gewechselt. Doch die Pause war kurzweilig. Bald nach meiner Einkehr tauchte ein anderer Radler auf. Klassisch British Style, ging es mir durch den Kopf, und so stellte er sich auch vor. Von London kommend war er in einem Monat jetzt durch Frankreich und die Schweiz gefahren, mit dem großen Ziel nach Athen zu kommen. Ich zollte ihm Respekt. Denn seine Regenausrüstung war minimalistisch und reichlich improvisiert. Ich war jedenfalls froh um meine eigene Kombi. Richtig Spaß wollte sich danach beim Fahren im Regen dem See entlang zwar nicht mehr einstellen. Doch halbwegs trocken bleiben ist auch was Wert.

 

2. Mai 2024

Regentag - nicht am Rad

Nix ist es heute geworden mit einem Tag voll Sole. Der kräftige Regen von gestern am Abend setzte sich die Nacht über fort. Und heute am Morgen war es ein voller Schütter. Er hielt den Tag über an, und mich im Hotel. Der Blick auf den See war zwar noch gegeben. Doch viel weiter reichte es dann nicht. In den aufliegenden Prospekten war das Panorama mit der Burg und dem Ufer und dem Ausblick aufs Piemont schön anzuschauen. Nur im heutigen Regen wollte keine Jubelstimmung aufkommen. Egal. Ist also ein Pausentag zur Regeneration. Aufs Rad geht es erst wieder morgen.

 

3. Mai 2024

Entlang von Reisfeldern durch die Po-Ebene

Am Morgen lag der schmale Arm des Lago Maggiore ruhig da. Weit im Süden öffnete sich das Wolkenband über dem Wasser, und zeigte in blassblauen Pastelltönen die vorausgesagte Wetterbesserung. Ich schwang mich beruhigt aufs Rad. Denn wenn das Wasser nur nebenan ist und nicht von oben kommt, dann ist es jedenfalls zum Aushalten.

 

Schon bald nach der Stadt entdeckte ich den Radweg. Er führte mich den Vormittag lang an einem Gewässer Richtung Süden. Irgendwann war es dann ein breiter Kanal, an dem immer wieder kleine Kraftwerke den Weg unterbrachen, oder für kurze Umfahrungen sorgten. Leicht im Schatten bewaldeter Böschungen war es eher kühl. In einer kleinen Stadt wählte ich eine Straße durch das Zentrum. Weil grad Markt war, musste ich kurz absteigen und schieben. Ich hatte daher genug Zeit, die Angebote der fahrenden Händler anzuschauen. Für mich hatten sie nichts anzubieten. Doch einige Frauen schienen ihre Freude mit den äußerst günstigen Textilien zu haben. Mein Highlight war dagegen ein älterer, korpulenter Mann auf einem Fahrrad. Ich musste bei seinem Anblick schmunzeln. In der Ausnehmung für den Akku beim Rahmen lag nämlich stattdessen eine Rotweinflasche. Es schien mir, als ob sich sein Wine-Bike zur langsamen Fortbewegung im Marktgetümmel durchaus bewährt hat.

 

In meiner Mittagspause leistete mir ein Italiener in einem kleinen Park Gesellschaft. Bei mir gab es Brot mit Tomaten und Brie, und bei ihm gab es eine Pizza aus dem Karton. Und als ich dann wieder aufs Rad stieg, wusste ich, dass morgen in Turin der Giro d'Italia startet. Also ganz in der Nähe. Ich müsse mich beeilen, wenn ich dort mitfahren möchte, war noch der gutgemeinte Tipp des Italieners. Er sei schon gespannt, ob er mich mit den Packtaschen neben dem Girofavoriten Pogačar im Fernsehen sehen werde.

 

Damit hatte er mich natürlich kräftig für die Weiterfahrt motiviert. Ich ging sie dennoch mit vielen Zwischenstopps an. Denn in den Feldern ließen sie gerade Wasser für den Reisanbau einlaufen. Das war schön anzuschauen. Und zwischen diesen Feldern hindurch war es auch lässig zum Fahren. Abends recherchierte ich dann, dass fast die Hälfte des europäischen Reises aus diesem Flecken hier in der Po-Ebene kommt.

 

4. Mai 2024

Forderndes Fahren durch Weinberge und Hügel

Während die Routenplanung für den heutigen Tag des Giro d’Italia einen flachen Kurs vorsah, musste ich mich bedeutend größeren Anforderungen stellen: Es lagen viele Hügel vor mir am Weg. Bei einer gestrigen Pause hat man sie mir bereits angekündigt. Und so ging es gleich nach der Ausfahrt aus der Stadt kräftig zur Sache. Der Lohn auf den Kuppen war jedes Mal eine tolle Aussicht. Die hat mir gefallen.

 

Weniger gefallen hat mir, dass ich über eine größere Distanz Feldwege zum Fortkommen ausgesucht hatte. Da war es mit dem Gepäck etwas fordernd zum Fahren. Und noch fordernder wurde es, als so ein Feldweg plötzlich in einen erdigfeuchten Wiesenweg überging. Zurück wollte ich nicht mehr, denn die Distanz schien mir zu groß. Kurz entschlossen hatte ich mich mutig für ein Vorwärtsfahren entschieden. Und danach war ich dann einige Zeit mit dem Säubern der Reifen und Schuhe beschäftigt. Denn der Lehm haftete hartnäckig an ihnen. Dafür entschädigte die Landschaft für dieses kleine Malheur. Ich fand diese grünen Hügel und ihre Abgeschiedenheit herrlich. Außer Hasen und Rebhühnern war sonst niemand zu sehen.

 

Irgendwann waren dann weit entfernt im Westen die mächtigen schneebedeckten Berge an der Grenze zu Frankreich zu erkennen. Ich staunte über diesen Anblick. Und zum Staunen war mir auch, weil mich meine Route durch viele Weinberge führte. In ihnen war es ein pulstreibendes Auf und lässiges Ab, mit manchmal gigantischem Ausblick inklusive. Und dass ich schon weit im Süden unterwegs war, schloss ich beim Durchfahren der Ortschaften aus dem Blick auf die Balkone. Überall hing bunte Wäsche zum Trocknen. Für mich untrüglich ein Zeichen des Südens.

 

Für die B&B-Unterkunft musste ich nochmals steile 250 Höhenmeter extra machen. Dafür gab es auf einem Geländekamm eine geniale Aussicht, angeblich bis zum Mont Blanc, und ein spontan angebotenes Abendessen feinster Art. "La Quiete tra le colline", nomen est omen, entpuppte sich als wunderbarer Ort mit überaus freundlichen Gastgebern.

 

5. Mai 2024

Ruhe im Hinterland und Trubel am Meer 

Ganz unerwartet zeigte sich der Morgen Grau in Grau. Dichter Nebel lag über und in den Hügeln. Beim Fahren beschlug die Brille leicht. Und es nieselte aus dem Nebel heraus. Ich hatte es mir heute viel freundlicher vorgestellt. Von der Landschaft war leider nicht viel zu sehen. Dafür war das Fahren sehr kurzweilig. Es ging kurvig dahin. Und von ein paar längeren Anstiegen zwischendurch abgesehen, ging es weitestgehend nur abwärts.

 

Irgendwann schaute dann das Meer bei einem Taleinschnitt hervor. Das war lustig anzuschauen. Denn ein großes Frachtschiff draußen am Meer fahrend wirkte wie ein Luftschiff zwischen den beiden bewaldeten Hügeln. Die letzten paar Kilometer vor Savonna ging es dann recht steil hinunter. Vor den Spitzkehren liefen die Bremsen heiß. Und kaum unten angekommen, war es auch schon vorbei mit der Idylle und der Ruhe am Land. Die Straßen waren voll, der Verkehr gar hektisch. Und jede Menge Motorroller zwängten sich zwischen den Autos durch. Oder sie besetzten die erste Spur bei den Ampeln, und düsten dann gemeinsam los. Ich fühlte mich in dem Trubel reichlich verloren.

 

Kurz vor Genua kam dann die Sonne durch. Doch mich konnte sie nur wenig freuen. Denn es schien mir, als ob damit nur noch mehr Verkehr unterwegs war. Die kleinen Orte an der Küste glichen einander sehr. Unterschiede gab es glaub nur beim Strand. Einige der Ufer waren sandig pur, andere wiederum sehr mit Steinen durchsetzt. Und überall waren die Vorbereitungen für die Sommersaison schon voll im Gang. Mit kleinen und großen Raupen wurde Sand verschoben, an den Umkleidekabinen geschraubt, Holzterrassenplatten verlegt, Zäune errichtet, Schilder angebracht. Und wer heute schon den Weg zum Ufer und Strand gefunden hatte, konnte in den Ortschaften ausgiebig dem Jahrmarkttrubel frönen, oder auf andere Art am Marktgeschehen teilhaben. Für mich war das Durchfahren fast etwas stressig. Einige Male suchte ich Umfahrungen durch die engen Gassen der Kleinstädte.

 

Irgendwann kam ich auch am Stellplatz eines riesigen Kreuzfahrtschiffes vorbei. Für die erst vor kurzem in Dienst gestellte MSC World Europa werden 333 Meter Länge ausgewiesen. Vollbesetzt sind es mit Besatzung und Fahrgästen fast 9.000 Personen, die auf diesem Unikum Platz finden. Neben ihr wirkten die anderen Schiffe fast wie Kleinboote. Obwohl zwischenzeitlich die Sonne voll durchgekommen war, und das Meer sich in schönem Türkis zeigte, wollte mir der Trubel hier nicht recht gefallen. Den Nebel am Morgen hätte ich zwar auch nicht gebraucht. Doch das Fahren in den Hügeln war mir weitaus lieber als das heutige Mitschwimmen am Nachmittag im dichten Verkehr an der Küste.


6. Mai 2024

Gegenwind und Höhenmeter - von beidem genug

Statt Sonne erwartet mich zum Start ein reichlich bewölkter Himmel. Leider war das Schönwetter von gestern schon wieder weg. Doch zum Glück sind auch die vielen Menschenmassen von gestern wieder weg. Das Wochenende ist vorbei, und der Verkehr ist wieder erträglich. Und bei all den schmucken Villen am Weg sind die Fensterläden wieder zu. Hängen gelassen haben sie jedoch die üppig großen Zitronen an den niederen Bäumen. Die sind mir gestern schon aufgefallen, und heute fast noch mehr. Eine Pracht sondergleichen.

 

Doch auch die schmucken Wiesen müssen sich nicht verstecken. Zwar oft nur ganz klein und abschüssig, dafür umso größer in ihrer Blumenvielfalt. Sie waren meist nah zu den einzelnen, alleinstehenden Häusern irgendwo abseits der Siedlungen. Aufgefallen sind sie mir bei einem der zahlreichen Anstiege heute. Ich hatte eine überaus kurvige Route gewählt. Sie führte mich vom Meer weg über einen kleinen Pass. Wald und Gestrüpp wechselten sich ab, und dazwischen diese großartigen Unterbrüche mit Grasflächen und Blumen. Ein paar kleine Selbstversorgeräcker waren auch dabei. Auf ihnen standen die Kartoffeln schon gut im Kraut. Und grüne Bohnen waren ebenfalls zu sehen, der Größe nach fast erntereif.

 

Das Fahren weg vom Meer hat mir trotz der schweißtreibenden Anstiege sehr gefallen. Auch wenn anstrengend, so war es mir heute deutlich lieber als das Fahren an der Küste. Dort gab es zwar auch immer wieder kürzere Anstiege, doch mehr nervte mich der starke Gegenwind. Der konnte einem den Nerv ziehen. Ich beneidete die paar wenigen entgegenkommenden Radler. Mit Rückenwind und ohne Packtaschen schienen sie recht flott und mühelos am Weg zu sein. Bei mir war es hingegen zähe Arbeit.

 

Am Nachmittag hatte ich überraschenderweise die im Voraus gebuchte, etwas außerhalb gelegene Unterkunft rasch gefunden. Die Konversation mit der Vermieterin scheiterte zwar an unser beider fremdsprachlichen Defizite. Doch sie konnte mir dennoch helfen. Ihr kleiner Fiat war schnell gestartet. Statt der Wegbeschreibung fuhr sie mich einfach selbst zum nahen Einkaufsladen. Die Maccheroni mit Tomatensugo schmeckten danach vorzüglich. Wohl auch, weil ich ein paar scharfe Pfefferoni noch extra mit dazu gab. Und die Abendsonne auf der Terrasse war trotz des leichten Windes ebenfalls zum Aushalten.

 

7. Mai 2024

Ein langer Sandstrand und spannende Fischerei

Noch in der Nacht höre ich es auf dem Fenstersims tröpfeln. Und am Morgen zeichnet sich die Landschaft draußen Grau in Grau. Untermalt wird das Szenario von kräftigem Prasseln auf dem Dach. Die vielen Hähne in der Umgebung schien es nicht zu stören. Denn sie meldeten mit fortwährendem Krähen lauthals den neuen Tag. Oder vielleicht auch den Regen. Weil das Krähen wollte kein Ende nehmen.

 

Mir wollte der Regen gar nicht passen. Ich verschob kurzerhand mein Aufbrechen auf Mittag. Laut Wetterbericht sollte es dann besser werden. Doch der hatte sich wohl ein wenig geirrt. Die erste Stunde noch war ich um meine Regenkombi mehr als nur froh. Auch die Kanalisation hatte ihre Mühe mit dem vielen Wasser. An einigen Stellen war die Straße halbseitig geflutet. Doch je näher ich wieder zur Küste kam, desto besser wurde es. Und irgendwann fuhr ich gerne mit kurzer Hose.

 

Auf der Karte war die Küstenstraße vor Viareggio als gerader Strich eingezeichnet. So war sie auch zu fahren. Doch mehr beeindruckte mich die Länge. Es ging wohl an die 20 Kilometer nur geradeaus. Und der Uferbereich hatte es in sich. Es reihte sich eine Badeanstalt an die andere. Sonnenliegen und Schirme noch und noch, Restaurants und Pizzerien, und nahe zur Stadt dann Einkaufsläden und Flanierzonen. Ich fuhr wohl gerade den längsten bewirtschafteten Sandstrand Italiens ab. Zu meinem Glück war die Badesaison noch nicht im Gange.

 

Bei einer Mole schaute ich staunend ein paar Fischern zu. Sie hatten nicht nur Angelruten, sondern auch noch Gummischleudern im Einsatz. Damit schossen sie immer wieder irgendwelches Lockfutter in die Nähe ihrer meist roten Schwimmerkugeln. Doch Geduld brauchte es trotz des Schleudereinsatzes jedenfalls auch. Denn einen Fang hatte während meines Zuschauens keiner.

 

8. Mai 2024

Berühmte Bauten und geschäftiges Treiben

Hey, war das ein toller Morgen heute. Von der Sonne geweckt bin ich gut gelaunt aufs Rad gestiegen. Kurz nach Viareggio folgte ich einem Naturweg, der küstennah durch niederes Gebüsch führte. Die vielen Pfützen nahmen die ganze Wegbreite ein. Und so war es ein Slalomfahren, je nachdem an welchem Rand noch etwas mehr Platz für eine Radspur war. Nach einigen Kilometern musste ich jedoch absteigen und schieben. Der Weg führte direkt am Meerufer entlang. Der tiefe Sand ließ kein Fahren zu. Doch ich war zuversichtlich, durchzukommen. Denn weiter vorne entdeckte ich auf einer Sandbank Fischer. Und die mussten ja auch irgendwie dorthin gekommen sein. Mein Schieben dauerte also nur kurz, bis ich über einen Trampelpfad wieder die befestigte Straße erreichte.

 

Sie führte mich dann rasch nach Pisa. Schon bald nach dem Ortsschild konnte ich den berühmten Turm ausmachen. Und irgendwann hieß es einfach nur noch den vielen Leuten nachfolgen, bis ich auf dem großen Platz vor den historischen Bauten mit Dom, dem Baptisterium und dem Schiefen Turm stand. Doch nicht nur diese beeindruckten mich. Es war auch die ausgesprochen ruhige Stimmung, die ich wahrnehmen konnte, trotz der vielen Touristen. Kein Lärm, unglaublich. Vielleicht, weil der Platz so riesig, und weit und breit keine Autos. Oder weil alle mit Staunen und Selfies beschäftigt.

 

Später fand ich einen wunderbaren Radweg Richtung Livorno. Flach, geradeaus, und perfekter Belag. Da hat mir das Kurbeln gefallen. Im Hafen mit den vielen Containern und dem Schwerverkehr war ich zum Glück schnell durch. Die Fähren und Kreuzfahrtschiffe ließ ich ebenfalls links liegen. Länger verweilte ich nur bei den kleinen Fischerbooten an einem zentrumsnahen Kai. Das Zuschauen war dort kurzweilig. Netze sortieren, flicken, Boote säubern, Fische frei Hand verkaufen, es war einiges los. Dazu bunte Farben sehen, wildes Durcheinander vermuten, Fischgeruch wahrnehmen, Fremdsprachen lauschen, viele Nationalitäten wahrnehmen, Möwengeschrei hören, über Fertigkeiten staunen, mich an der Sonne freuen, und irgendwann den Weg aus der Stadt hinaus der Küste weiter entlang wieder finden.

 

9. Mai 2024

Eine feine Jause und ein roter Lamborghini

Auf Nebenstraßen fahre ich kreuz und quer durch eine reizvolle Landschaft. Olivenhaine, Weinbau, später dann auch Gemüsefelder mit Artischocken, Tomaten, viele Folientunnel, im Wind sich wiegendes Getreide. Mir gefällts. Bei einer großen Wiese mäht ein Bauer mit seinem Traktor gerade die letzte Mahd ab. Wird wahrscheinlich Heu werden. Doch das gemähte Gras ist voller roter Mohnblüten. Herrlich anzuschauen, dieser Kontrast mit Grün und Rot.

 

Für kurze Zeit bekomme ich von einer Vierergruppe italienischer Radler Windschatten. Sie wohnen hier in der Gegend, und meinen auch, dass es recht nett sei. Doch sie biegen bald ab. Und ich auch. Mich zieht es zu einem kleinen Laden. Alimentari steht drauf. Bei solchen Geschäften kaufe ich lieber ein als in den großen Supermärkten. Die Verkäuferin hätte mir gerne eine ihrer verschiedenen Salatvariationen mit Meeresfrüchten angeboten. Ich bin nämlich vor dieser Vitrine stehen geblieben. Doch die vegetarische Alternative mundete mir ebenfalls ausgezeichnet. Es war eine Art Auflauf mit Kartoffeln und Broccoli. Gerade recht als stärkende Jause für zwischendurch.

 

Irgendwann passiere ich ein großes Schild mit der Aufschrift "Terra di Butteri". Abgebildet sind Reiter in cowboyähnlicher Montur. Demnach bin ich in der Maremma-Gegend unterwegs, wo es spezielle Rinder und auch eine alte Tradition mit berittenen Hirten gibt. 

 

Entlang der Küste fahrend habe ich freien Blick auf die nahe Insel Elba. Und freien Blick auf den Gegenverkehr habe ich auch. Aus einer größeren Kolonne an Oldtimerfahrzeugen sticht mir eine flache rote Flunder ins Auge. Es ist ein Lamborghini. Mit seiner Farbe und Bauart putzt er die Kolonne aus meist weißen und grauen Cabrios richtig auf. Vielleicht durfte er deshalb auch in der Mitte der Gruppe fahren. Oder er war ihr Ehrengast. Ich hatte jedenfalls große Freude mit ihm. Denn er erinnerte mich an meine Jugendzeit und ein Quartettspiel mit besonderen Autos. Ich glaube, es war ein Lamborghini Muria.

 

10. Mai 2024

Fordernde Wege in der Maremma

Heute bin ich schon früh wach. Noch vor Sonnenaufgang. Doch bald kriecht die helle Kugel über einen der vielen Hügel der Umgebung und erhellt mein Zimmer. Kurz darauf beginnt irgendwo entfernt ein monotones Rauschen. Erst beim Losfahren checke ich die Quelle. Es ist ein Weinbauer. Mit seinem kleinen roten Traktor fährt er Zeile für Zeile seines Weinberges ab, und zieht einen Spritzanhänger hinter sich her. Ein großes Gebläse zerstäubt dabei sein Spritzgut, und sorgt für dieses hochfrequente Rauschen.

 

Irgendwann sehe ich Hinweisschilder am Weg: Cammini di Maremma ist darauf zu lesen. Der Beschaffenheit des Weges nach sind sie wohl für Fußgänger gedacht. Doch weil es anfangs noch gut zum Fahren geht, folge ich brav dem Vorschlag meines Navis. Nur irgendwann wird es dann doch etwas wild. Ich hole mir nasse Füße. Denn beim Durchfahren streife ich den vielen Tau vom meterhohen Gras, das den Weg überwuchert. Und an den Reifen bleibt der rote Sand des Weges hängen. Richtig ungut. Aber bevor ich die Moral verliere, finde ich dann wieder eine befestigte Straße. Solche Zwischenstücke mit schlecht fahrbarer Unterlage entdecke ich heute jede Menge. Ein paar Mal muss ich gar durch weglose Furten, und Böschungen auf und ab. Der einzige Vorteil, kein sonstiger Verkehr. Ein Mal sehe ich zwei Radfahrspuren im losen Sand. Ich bin mir unsicher, ob die zweite Spur nicht vom Umkehren stammt, so wenig einladend zeigt sich der Weg. Ich bleibe meiner Route dennoch treu. Und es hat sich gelohnt. Landschaftlich wunderbar, wenn auch fordernd zum Fahren.

 

Später fahre ich dann entlang von Gemüsefeldern. Folientunnel noch und noch. Gurken und Melonen kann ich drinnen erkennen. Doch es wird anderes sicher auch noch hier angebaut oder wachsen. Die Erde ist mit vielen kleinen Plastikresten wohl von früherem Anbau durchsetzt. Keim Kauf im Laden sieht man die Anbaubedingungen halt nicht. Gemüseanbau im Großen geht offensichtlich nicht ohne Plastik, oder nicht mehr.

 

Abends bin ich dann mit dem Tag doch zufrieden. Jetzt weiß ich, wo die Maremma liegt, und weiß auch, wie sie zum Radfahren ist, oder zumindest in Küstennähe ist: Auf meiner Route durchaus anspruchsvoll.

 

11. Mai 2024

Spritztour durch die Hauptstadt - Visitare Roma

Bei angenehmer Temperatur und im Schatten von lichtem Wald und Alleebäumen mache ich mich auf Richtung Rom. Weil Samstag sind auch viele Radler am Weg. Alle winken recht freundlich, rufen ein lautes Ciao zu, oder spreizen wie ich als Gruß lässig die Finger der linken Hand vom Lenker. Sie fahren alle raus aus der Stadt, wollen ins Grüne. Ich habe mich jedoch für eine Spritztour in die Stadt hinein entschlossen. Obwohl große Städte nicht so mein Ding zum Radfahren sind, will ich mich heute darauf einlassen.

 

Spätestens als ober mir ein paar Flieger zur Landung Fiumicino anpeilen, holt mich auch der viele städtische Verkehr ein. Zum Glück finde ich am Fluss Tiber gleich die Zufahrt zum Radweg. Und entlang des Tibers ist es dann für einige Kilometer pipifein zum Radfahren. Gleich nach der Tiberinsel muss ich jedoch wieder hoch ins Verkehrsgewühl. Autos, Autos, Autos, und Roller mit dazu. So sind die Städte hier. Doch es schaut nach rücksichtsvoller Fahrweise aller aus. Ich komme klar. Es sind keine Ferraris auf der Straße.

 

Und als ich dann die Liste meiner Sightseeingpunkte abzuhaken beginne, bin ich natürlich auch im Fußgängerstrom unterwegs. Touris, Touris, Touris, und ich als einziger Radfahrer mitten unter ihnen. Am Petersplatz verteilen sie sich noch. Der ist groß genug. Doch danach ist es ein Stop and Go im Gewurrle. Unglaublich, wie viele Menschen da in der italienischen Hauptstadt auf Besuch sind. Trotz des Auflaufs gefällt es mir sehr gut. Das Rad bietet gar Vorteile, hält die Menschen etwas auf Distanz. Sie sind eher bereit, auszuweichen und Platz zu lassen. Zum Fotografieren wird es dann meist dennoch eng. Die größte Menschenmasse begegnet mir am Trevibrunnen. Umfallen wäre da nicht mehr möglich gewesen, Hineinfallen vielleicht schon. Doch Polizistinnen und Polizisten sorgten mit Trillerpfeifen für Ordnung. Sie hatten es streng. Es war fast ein Dauerkonzert mit Pfeifen.

 

Als ich am Abend vom Rad steige, bin ich richtig stolz auf mich. Ich habe zwar als Route einen Bogen gezogen. Doch diesen nicht um, sondern zentrumsnah mitten durch Rom. Und gefallen haben mir dessen historische Bauten und Stätten noch dazu. Mein Abstecher nach Rom hat sich gelohnt. Es war richtig klasse heute, wie es auch das Essen im Hotelrestaurant weit außerhalb der Stadt war.

 

12. Mai 2024

Eine Routenberatung und orange Sonnenschirme

Gleich zum Start erwarten mich ein paar Höhenmeter. Sanft ansteigend, und mit frischen Beinen sowieso, sind sie gut zu fahren. Dann habe ich den Höhenzug mit Blick auf einen großen Kratersee erreicht. Irgendwo in der Mitte kräuselt der Wind leicht das Wasser. Es spiegelt. Sonntagsstimmung. Diese ist in den kleinen Ortschaften am Weg ebenfalls spürbar. Oder vielleicht ist es der Muttertag, der mir das Ganze etwas feierlicher vorkommen lässt. Festlicher geht es in den Cafés jedenfalls zu.

 

Irgendwann passiere ich die Ortstafel von Castel Gandolfo. Papstresidenz im Sommer. Aha, denk ich mir, in so einer Umgebung lässt es sich sicher gut aushalten, mit Höhenluft und reizvoller Natur und Aussicht rundum. Ein großer Kontrast zum Petersplatz jedenfalls.

 

In der Abfahrt bleibe ich kurz stehen. Ich will mich auf der Karte orientieren. Während einige Radlergruppen vorbeizischen, bleibt ein Einzelfahrender stehen. Er bietet mir seine Ortskenntnisse an. Beim Zuhören und mit ihm Mitfahren muss ich schmunzeln. Vielleicht war er beruflich mal ein Verkäufer. Denn die von ihm so hoch angepriesene beste Route erweist sich als die für die Weiterfahrt ohnedies einzig mögliche Variante. Ich habe mich zwar über seine Begleitung gefreut, doch die danach selbst gefundene Route mehr im flachen Hinterland den Weingärten entlang hat mir besser gefallen. Auf holpriger Straße zwar, doch allein und ohne sonntäglichen Verkehr, fühlte ich mich wohler.

 

Denn etwas vom Muttertagstrubel holte mich der Küste entlang dann wieder ein. Über viele Kilometer fädelte sich die parkende Autokolonne auf. Stoßstange an Stoßstange standen sie am Straßenrand, manchmal gar beidseitig. Und schwer bepackt suchten die Menschen die Zugänge zum flachen Strand. Hinter dem Damm zeigten sich die Spitzen der bunten Sonnenschirme. Ich meinte, neben weiß und blau eindeutig orange als dominierende Farbe erkennen zu können.

 

13. Mai 2024

Zugfahren und ein Abschied

Statt mit dem Rad Richtung Neapel und Amalfiküste weiterzufahren, fuhr ich heute ganztägig Zug. Mein Programm war gänzlich anders als geplant. Denn mich erreichte gestern am Abend noch die traurige Nachricht meines Bruders, dass unsere Mama wohl ein baldiges, finales Abschiednehmen im Sinn hat.

 

Der nächstgelegene Bahnhof war in Formia. Die paar Kilometer waren im Morgengrauen schnell geschafft. Mit den Pendlern zusammen ging es nach Rom, und mit dem superschnellen Frecciarossa 1000 bis nach Bozen. Mein Fahrrad war mit dabei, obwohl sie in diesen Zügen keine Räder mitnehmen. Irgendwie hat es wunderbarerweise funktioniert. Ich bin einfach eingestiegen, und rausschmeißen wollten sie mich nach dem Erzählen meiner Geschichte dann doch nicht mehr.

 

Ich gewann großen Respekt für die italienischen Zugbegleitpersonen. Denn beim Umstieg in Bozen auf einen Schnellzug der ÖBB verwehrte mir der österreichische Schaffner das Einsteigen. Er schob stur das Einhalten von Regeln oder Sicherheitsbedenken vor, und ließ sich von meinem Bitten nicht beeindrucken. Die wenigen Stellplätze für Räder seien belegt. Ich müsse mit dem Regionalzug weiter. Während die Italiener Toleranz, Verständnis und Souveränität zeigten, verbiss sich der Vertreter der heimischen Bahn in seinem Regelwerk und bot ein frustrierendes Bild seiner Servicekompetenz. Mich und die beiden Gepäcktaschen mit den etwas großen Rädern in seinem Schnellzug mitzunehmen, das war für ihn auch ausnahmsweise ein absolutes Ding der Unmöglichkeit. 

 

Meine Rückreise nach Hause dauerte daher etwas länger, und die Botschaft beim Ankommen war eine traurige: Meine Mama war eine halbe Stunde davor gestorben, ruhig und friedlich eingeschlafen. Ein erfülltes, langes Leben ist zu Ende gegangen. Es hieß Abschied nehmen, als die untergehende Sonne das Zimmer mit hellem Licht flutete, und irgendwann dann die Kühle des Abends zu spüren war. Einige Tage später konnte ich in der Kirche hören: „Wenn Gott uns heimführt aus den Tagen der Wanderschaft, uns heimbringt aus der Dämmerung in sein beglückendes Licht, das wird ein Fest sein.“