Hatte ich mir für die erste Etappe mehr als einen Monat Zeit vorgenommen, so war sie dennoch rasch vorbei. Eine Muskelzerrung in der Wade ließ mich den Apennin erst gar nicht richtig angehen. Kaum weggefahren war ich nach gut einer Woche schon wieder daheim. Statt Radfahren sah ich jetzt dem Mais im Acker beim Wachsen zu. Und orientierte mich am in Italien zuletzt Gesehenen: Zwar kein Fluten des Feldes, doch eifriges Gießen mit der Kanne, setzte ich gleich um. Und den mir empfohlenen Salbenverband für die Wade auch. Dem Rad gönnte ich noch eine neue Schaltung. Sie machte mir auf der ersten Etappe schon nach wenigen Kilometern ganz unerwartet Probleme. Leider hat sich die Reparatur dann etwas gezogen, und meine erzwungene Pause damit ebenso. Doch mehr war daran auch das Wetter beteiligt, das mit einer Kaltfront für Schnee und Regen sorgte. Doch Mitte Mai hatte das Warten dann ein Ende, und meine Tour einen neuen Anfang.
Als neue Richtung wählte ich jetzt Osten statt Süden. Der Apennin hatte beim ersten Anlauf nicht geklappt, daher wollte ich es nicht gleich wieder auf die gleiche Art probieren. In Alternativen denken bringt einem wohl auch beim Radfahren weiter, war meine Überlegung. Und das Losfahren von daheim macht es zudem leichter. Zusätzliche Motivation holte ich mir noch mit ein paar wiederentdeckten Bikepackingvideos. Doch selber Kurbeln und Fahrtwind spüren macht noch mehr Spaß. Also startete ich am 17. Mai bei Sonnenschein endlich wieder los.
17. Mai 2026
Arlbergpass - Oben drüber statt unten durch
Blauer Himmel am Morgen. Doch es ist saukalt. Die Berge sind schneebedeckt, die Bäume oben auch. Mit Schwung fahre ich von zu Hause wieder los. Ich orientiere mich Richtung Osten. Kurz denke ich mir, dass zu zweit losfahren jetzt auch ganz fein wäre. Aber ich finde auch allein recht schnell meinen Rhythmus. Das Fahren ist nicht mehr ganz so ungewohnt wie beim ersten Mal Losfahren. Ich komme gut zurecht. Die Landschaft ist vertraut, die Wege auch.
Beim Blick ins Brandnertal sehe ich meine Skitourengipfel vom Winter. Der Himmel ist strahlend blau. Der Schnee glitzert. Ein wunderbares Bild. Wow, da oben müsste es jetzt auch recht schön sein, geht es mir durch den Kopf. Richtig cool. Der Radweg durch das Klostertal gefällt mir jedoch auch. Auf einem Forstweg fahre ich dem Fluss entlang kurvig und leicht ansteigend immer wieder durch einen grünen Wald. Etwas entfernt ist die Autostraße zu hören. Das Vogelzwitschern ist näher. Beim großen Wasserfall machen sich Leute zum Einstieg in den Klettersteig bereit. Sie tragen Helm wie ich, und Handschuhe auch. Irgendwann überhole ich einen anderen Reiseradler. Er hat zwei Pappschilder hinten und vorne drauf. "Uk to India" kann ich im Vorbeifahren lesen. Er pflichtet mir bei, dass es wohl eine Challenge werden wird. Doch ich glaube, dass er mehr an den Pass gedacht hat, als an die vielen Kilometer und die Bedingungen danach.
Kurz vor dem Anstieg zum Arlbergpass erreiche ich die Schneegrenze. Oben am Albonagrat sind zwei einzelne Skispuren zu sehen. Ihr regelmäßiges Muster den langen Hang herunter gefällt mir. Doch auch mein Fahren auf der Passstraße gefällt mir. Es gibt nur wenig Verkehr. Die Steigung ist angenehm. Der Skihang zur Ulmerhütte ist schon arg zerfahren, der Parkplatz unten voll. Der viele Neuschnee und das prächtige Wetter haben demnach viele Tourengeher angezogen. Auf der Passhöhe haben einige Sportwagenfahrer ihre schicken Autos gleich neben dem Ramschladen für Souvenirs geparkt. Es scheint sie nicht zu stören. Sie sind wie ich mehr vom Weiß der Umgebung angetan. In der Abfahrt überholen sie mich, obwohl es auch ich recht flott laufen lasse. Die Cabrios fahren mit geschlossenem Verdeck, ich mit Pullover, Mütze und Windjacke. Es ist ziemlich frisch. In der Ebene unten brauche ich lange, bis ich es wieder angenehm finde. Dafür gefällt mir der Radweg gleich. Nah zu einem murmelnden Bach in herrlichem Türkis geht es durch einen wunderbaren Auwald. Zuerst sind es Lärchen, später dann Föhren, die den Radweg säumen. Und im engen Talboden natürlich auch die Zugstrecke, die Autobahn und die Verbindungsstraße zwischen den kleinen Ortschaften. Später sind dann auf dem Inn einige bunte Kajakboote zu sehen. Am Abend ziehe ich zufrieden Bilanz. Arlberg gut geschafft, und meinen Neustart Richtung Osten damit auch.
18. Mai 2026
Brennerpass - ein eher mäßiger Tag
Am Anfang gefällt mir die Radroute ausgezeichnet. Entlang von Kartoffelfeldern und Wiesen ist es ganz gefällig zum Fahren. Bei einem kleinen Feld wurde schon probeweise gegraben und sind die Knollen auf ein paar Meter vom Ackerrand weg geerntet. Obwohl erst reichlich gefrühstückt, bekomme ich bei diesem Anblick gleich wieder Hunger. Doch auch sonst bin ich ganz zufrieden. Ich staune, wie nett sich das Inntal hier zeigen kann, und kurble freudig dahin.
Doch nicht viel später ist es aus mit meiner Freude. Der Radweg führt entlang der Autobahn. Der Lärm ist kaum zum Aushalten. Richtig nervig. Auch mit den Schallschutzwänden später wird es nur unmerklich besser. Zum Trost zeigt sich das Wasser des Inns in einem faszinierenden Türkis. Einige Male quere ich den Fluss und freue mich ob seiner Farbe. Sie ist ein schöner Kontrast zum Schnee auf den Bergspitzen rundum. Auch die Nordkette bei Innsbruck zeigt sich wunderbar weiß. Am Innrain mache ich wie viele andere auch ein paar Schnappschüsse dieser eindrücklichen Kulisse. Die bunten Altstadthäusern im Vordergrund sind ein verlockendes Motiv.
Die Auffahrt zum Brenner ist dann eher eine Enttäuschung. Bis auf ein paar wenige Kilometer vermag sie mir nicht zu gefallen. Und je näher ich zum Pass komme, desto mehr Verkehr ist auf der Straße. Doch im Vergleich zur nahen Autobahn ist es auf meiner Straße durch die Ortschaften dennoch verhältnismäßig ruhig. Denn immer wieder tut sich der Blick auf die mächtigen Brücken der Autobahn auf. Dort sehe ich eine unendliche Kette an langsam auf einer Spur fahrenden bunten Lastwagen. Und unglaublich, dass dies in beide Richtungen so der Fall ist. Auf der italienischen Seite gibt es dann zum Glück einen eigenen Radweg. Auf ihm gestaltet sich die Abfahrt ganz entspannt. Stören tun mich nur ein paar Regentropfen. Mehr von ihnen gibt es aber nur auf den Bergen rundum. Ich komme ohne Regenkombi durch.
19. Mai 2026
Nigrapass - ein kräftiger Juchzer
Die Leute auf der Straße tragen am Morgen Anorak und Mütze. Auch ich finde es beim Losfahren reichlich frisch. Erst als dann irgendwann zaghaft die Sonne durchkommt, wird es angenehmer zum Fahren. Der Weg war es schon vorher. Ein schöner Radweg mit leichtem Auf und Ab, und dazu immer wieder Nebenwege, die mich begeistern können. Schon recht bald passiere ich eine riesige Schutthalde mit Ausbruchmaterial vom Brenner Basistunnel. Noch größer als der Berg an Bruchgestein war nur die Lastwagenschlange auf der Autobahn in Fahrtrichtung Brenner. Sie standen dicht gedrängt einer hinter dem anderen auf der rechten Fahrspur. Ich meine, dass das so über mehr als 20 Kilometer der Fall war.
Nach Brixen wurde der Eisacktalradweg echt toll zum Fahren. An den Hängen sieht man etwas Obst- und Weinbau. Die Kirschbäume entlang des Weges zeigten im Ansatz schon ein zartes Rot. Und neben dem Weg rauscht die Eisack immer wieder über Stromschnellen. Doch es ist nicht nur das Rauschen des Gebirgsbaches zu hören. Abwechslungsweise dominiert das Rauschen der Autos von der nahen Autobahn, oder das Rattern der Räder von Güterzügen. Bei der Abzweigung zum Beginn des Anstieges Richtung Rosengarten in den Dolomiten komme ich an einer Bar vorbei. Ich muss schmunzeln. Auf einer kleinen Werbetafel entdecke ich einen lustigen Spruch: „Zum Glück muss kein Bier durch die Straße von Hormus“.
Aber kurz danach ist es aus mit lustig. Der Anstieg fordert mich sehr. Schon die ersten 500 Höhenmeter bis zu einer Ebene mit grandioser Aussicht sind echt zäh. In einer scharfen Rechtskurve hat mich zudem ein Lastwagen mit langem Auflieger fast abgeräumt. Während er vorne mit dem Führerhaus ausreichend Abstand ließ, wurde es hinten auf Grund des Kurvenradius für mich total eng. Außer einem gehörigen Schrecken ist mir aber nichts passiert. Schon wegen der Steigung hatte ich einen hohen Puls, doch war er für kurze Zeit dann nochmals eklatant höher. Etwas später war es dann nochmals ähnlich, als mehr als zehn Sportwagen röhrend an mir vorbeirasten. Weiter oben wurde die Straße auf kurzen Teilstücken für mich fast unfahrbar. Das Gepäck kam mir doppelt so schwer vor wie sonst. Ein paar Mal musste ich eine Pause zum Verschnaufen einlegen. Am Nigrapass war dann der Juchzer entsprechend laut, die Seufzer davor vergessen. Nicht nur weil ich den Anstieg geschafft hatte, sondern auch wegen des faszinierenden Panoramas der Dolomiten rundum. Das war feinste Sahne. Abends war ich mit dem Tag rundum zufrieden. Ich bin ihn wegen des Passes mit gehörig Respekt angegangen. Daher war die Freude dann entsprechend groß.
20. Mai 2026
Passo San Pellegrino - Anstieg mit Schwitzen
Beim Frühstück in der kleinen Pension sitzt mir Dominik Paris, der berühmte italienische Skirennläufer gegenüber. Statt der Müslischale hält er einen großen Pokal in der Hand, und seine Pappfigur ist lebensgroß. Noch mehr beeindruckt mich jedoch der mit ausgestellte Abfahrtsski von Nordica. Schmal und überlang, und angeblich mit einem Kurvenradius von 50 Metern. Ich staunte.
Nach dem Losfahren macht mich eine Fußgängerin auf einen Radweg entlang des Baches aufmerksam. Es war ein dankbarer Tipp. Denn talauswärts dem Bach entlang ist es ein herrliches Gleiten ohne viel Mühe. Leider zweigt meine Route bald ab. Und statt der Straße hatte ich einen steilen Schotterweg gewählt. Ich komme nur mit Schieben hoch. Da war ich auf eine lange Abfahrt eingestellt, und sehe mich dann plötzlich im Anstieg zum Passo San Pellegrino wieder. Ich hatte die Karte nicht genau angeschaut. Ich wurde kräftig überrascht, und kam ordentlich ins Schwitzen. Oben auf der Passhöhe hatte ich ein nasses Shirt. Ein Kuckuck applaudierte mir mit seinem Rufen. Rundum war die Skiarena verlassen. Auch die große Seilbahn stand still, mitten auf halbem Weg nach oben.
Die Abfahrt erwies sich dann als richtig steil. Ich war froh, dass ich nicht auf dieser Seite hochfahren musste. Meine Bremsen wurden ordentlich gefordert. Denn immer wieder galt es enge Serpentinen zu meistern. Talauswärts zog es sich dann mächtig. Das Abwärtsrollen schien kein Ende zu nehmen. Zwischen den hohen Dolomitenbergen führte die Straße Richtung Belluno. Zwar war hier unten etwas mehr Verkehr, doch das Bergpanorama imponierte mir sehr. Weniger Gefallen fand ich an ein paar längeren Tunnels. Sie waren nur schlecht beleuchtet, und der Asphalt am Rand etwas holprig. Später legte ich dann bei einer Kirche eine längere Pause ein. Ich wollte eine vorbeiziehende Regenfront abwarten. Doch ohne Regenkombi ging es nicht weiter. Der leichte Frühlingsregen hatte sich begleitet von gelegentlichem Donnern zum Verweilen im Tal entschlossen. Erst gegen Abend kam dann die Sonne wieder durch, und zauberte einen imposanten Regenbogen übers Tal.
21. Mai 2026
In der Ebene flott am Pedalieren
Am Morgen ziehen noch ein paar Nebelschwaden entlang der Berge über die Felder. Doch schon beim Losfahren zeigt sich die Sonne in voller Pracht, und die Umgebung ebenso. Meine Regensachen habe ich schön zusammengefaltet gleich verstaut. Die brauche ich heute jedenfalls nicht mehr. In der Bar an der Straßenkreuzung kehren frühmorgens einige Leute zu. Alle ordern einen schnellen Espresso. Für einzelne Gäste wird er schon auf die Theke gestellt, wenn die Besitzerin das Auto vorfahren sieht. Sie scheint alle bestens zu kennen. Mit manchen gibt es auch zwischendurch einen kurzen Tratsch. Doch lange bleiben die Leute nicht. Kaum den Espresso bestellt, sind sie auch schon wieder weg. Manche auch noch mit einem Lottoschein, oder vereinzelt mit einer Zeitung.
Entlang eines größeren Sees ist der Naturweg vom gestrigen Regen leicht aufgeweicht. Gleich zeichnen sich weiße Schlammsprenkel am Rahmen und an meinen Taschen ab. Es ist sonst niemand am Weg. Bei einer kleinen Bootsanlegestelle pumpt ein Mann draußen am See Wasser aus einem der vielen Holzboote. Ein anderes droht wohl bald zu sinken. Es ist mit Wasser fast vollgelaufen. Später fahre ich im Schatten einer langen Bergkette durch ein Tal abwärts. Ober mir verläuft auf mächtigen Stelzen die Autobahn. Ein verrücktes Bauwerk in dieser sonst idyllischen Kulisse.
Irgendwann verlasse ich dann die Berge und erreiche die Ebene vor den Alpen. Gleich zeigt die Landschaft einen anderen Charakter. Weinbau und Äcker dominieren, einige Olivenbäume sehe ich auch, knallgelben Raps ebenso. Und mehr Verkehr gibt es zudem. Mittags kehre ich in einem Bioladen ein. Ich finde meinen Einkauf ziemlich teuer. Auf meinem Soyadrink mit Vanille kann ich dann lesen: „Of course, organic food is expensive. But being handpicked by athletic italian elves on unicorns has its price“. Es lässt sich also alles ganz natürlich erklären. Obwohl gestärkt durch ein so elitäres Getränk merke ich die Nachmittagshitze am Rad dann dennoch. Zum Glück geht es flach dahin. Die Berge mit ihren Pässen sind schon weit weg. Ein paar weiße Spitzen sind aber immer wieder zu sehen.
22. Mai 2026
Auch slowenische Hügel können einen fordern
In der Agriturismo-Unterkunft sind über der breiten Fensterfront auf einem langen Fotostreifen die von hier sichtbaren Berge Friauls aufgelistet und mit Namen und Höhe dargestellt. Ein Zacken reiht sich an den anderen. Es sind unzählige Namen. Unglaublich, dass ich mir mit dem Apennin mal ein ähnliches Auf und Ab als Ziel vorgenommen hatte. Heute bin ich jedenfalls froh, dass es flach dahin geht, zumindest anfangs. Die malerische Bergkulisse begleitet mich noch einige Zeit. Ich freue mich, dass auch noch ein paar schneeweißen Spitzen hervorschauen.
Mit reichlich viel Verkehr quere ich ein paar Industriezonen und zahlreiche große Kreisverkehre. Doch Weizenfelder und Schotterstraßen gibt es dazwischen auch. Und auf den Nebenstraßen ein herrliches Ambiente. Der leichte Wind kühlt beim Stehenbleiben angenehm. Mein Langarmshirt hatte ich schon gleich nach dem Start wieder ausgezogen. Irgendwann ist auf einem Wegweiser Grado angeschrieben. Meine Route verläuft hier nah zur oberen Küste des Mittelmeers. Doch abzweigen mag ich nicht. Ich hatte mir Slowenien in den Kopf gesetzt. Die Grenze war auch blad erreicht. SLO löste das I bei den Kennzeichen der Autos ab. Die Weinberge blieben gleich. Nur etwas mehr Hügel kamen dazu. Und mit ihnen auch immer wieder schöne Aussichten in die Umgebung. Olivenbäume gab es als Straßensäumer ebenso. Und jede Menge Kirschbäume. Sie trugen schon fast reife Früchte. Ein paar Mal musste ich von dem Rot am Weg kosten, wenn die Zweige fast in die Straße hineinragten.
Später fuhr ich auf einem Radweg entlang der hier aufgestauten Soča. Der Fluss zeigte ein magisches Türkis und war kristallklar. Erinnerungen ans Kajakfahren von früher waren auch gleich da. Auf einigen Wiesen wurde Heu gemacht. Die pralle Sonne ließ das Gras wohl gut und schnell trocknen. Mir trieb sie dafür Schweißperlen auf die Stirn. Denn die Hügel nahmen zu, und Gegenwind gab es auch. Zwar fuhr ich immer wieder auf Feld- und Forstwegen auch im Schatten von Bäumen, doch bei ein paar satten Steigungen war ich kräftig gefordert. Als ich dann nach einem langen Anstieg eine Art Hochebene erreicht hatte, war es dafür ein lustvolles Gleiten mit nur mehr kurzen und leichten Anstiegen. Slowenien zeigt sich recht gefällig, war meine Bilanz dann am Abend.
23. Mai 2026
Dobrodošli u Hrvatsku
Schon bald nach dem Losfahren wurlt es auf den Straßen. Ich habe eine Nebenstraße verlassen und bin auf einer größeren Verbindungsstrecke unterwegs. Pfingstreiseverkehr in voller Blüte. Den Kennzeichen nach drängen aus allen Teilen Österreichs und Deutschlands Autos mit und ohne Wohnwagen auf die nahe Autobahnauffahrt. Auch später ist auf Teilstrecken immer wieder mehr los. Viele Fahrräder sind zu sehen. Doch zumeist nur auf den Heckträgern der Autos.
Am Morgen ist es noch angenehm kühl. Doch schon ab Mittag war es gänzlich anders. Es wurde mir ziemlich heiß. Nicht nur der vielen Hügel wegen, sondern wegen der sich anbahnenden sommerlichen Hitze. Dazu hatte ich auch noch oft mit reichlich Gegenwind zu kämpfen. In der offenen Weite war es öfters anstrengend zum Fahren. Der Wind war in den Wiesen im Spiel mit den Grashalmen zu erkennen, und manchmal auch an den flatternden Kopftüchern mancher Frauen auf den vielen kleinen Äckern. Unkrautpflege war dort angesagt, oder das Anhäufeln der Kartoffelreihen. Traktoren waren ebenfalls unterwegs. Die meisten beim Zetteln von Heu, und auch mit dem Mähen von Gras auf den kleinteiligen Feldern. Es waren keine großen Maschinen, und alle durchwegs älteren Baujahrs. Sie erinnerten mich an solche von früher daheim.
Am Nachmittag zog sich einer der Anstiege recht lange dahin. Dafür war dann die Abfahrt in einem steilen Wald mit einigen lichten, sonnengefluteten Stellen absolut herrlich. Kurvig schnitt ich flott in das Tal hinab, vergessend, dass es unten dann wieder ebenso steil hochgehen wird. Davor fuhr ich noch auf flacher Strecke am Grenzfluss zwischen Slowenien und Kroatien entlang. Die Straße war neu asphaltiert, obwohl im unbesiedelten Nirgendwo gelegen. Außer ein paar vereinzelten Wochenendhäusern traf ich auf keine Siedlungen. An der Grenze gab es am ehemaligen Abfertigungsgebäude eine Tafel mit dem Hinweis auf freie Durchfahrt, und das Willkommensschild für Kroatien: Dobrodošli u Hrvatsku. Kurz machte ich an einem Gewässer noch eine schnelle Rast. Dann ging ich den langen, steilen Anstieg an. Kein Verkehr, das war positiv, der Schatten von Bäumen ebenso. Doch die Steigung wollte mir länger nicht gefallen. Ich hatte reichlich Mühe, und musste ein paar Mal auch schieben. Doch oben war ich dann ganz zufrieden. Ich schaute mit Respekt zurück, welch bewaldeten Taleinschnitt ich bewältigt hatte.
24. Mai 2026
Eine Hirschkuh, ein Dachs, und ein heißer Tag
Der Tag beginnt nach einigen Pedaltritten aufwärts gleich mit einer langen Abfahrt. Ich freue mich mit Mundwinkel oben. Nicht nur, dass es gleich abwärts ging, sondern auch, dass ich da gestern hochgekommen bin. Ich genieße die Kurven im Schatten, lasse es laufen, und mühe mich dann doch bei den gelegentlichen kurzen Anstiegen dazwischen. Ich habe heute wohl doch etwas müde Beine.
Es ist eine wenig besiedelte Gegend. Manchmal ist entfernt ein Rauschen der Autobahn zu hören. Die Häuser entlang meiner Route sind meist einfacher Bauart. Oft sind es noch unverputzte Ziegelbauten, und dem Ausschauen nach dennoch schon lange bewohnt. Geheizt wird mit Buchenholz. Fast vor jedem Haus liegt ein Stapel Holz, bereit für das Spalten. Eine Spaltmaschine hat wohl jeder hier. Oft liegt irgendwo auch noch Langholz rum. Oder es steht ein Traktor mit beladenem Anhänger in der Wiese.
Gegen Mittag fahre ich eine längere Teilstrecke auf einem Forstweg durch einen Wald. Ich ärgere mich, denn der Weg ist alles andere als gut zu fahren. Er ist mit losem, grobkantigem Schotter belegt. Das Fahren ist mühsam. Bei den kurzen Steigungen muss ich jedes Mal absteigen. Mein Hinterrad dreht im Schotter durch. Vielleicht habe ich damit auch eine Hirschkuh aufgeschreckt. Sie quert nicht weit vor mir mit wenigen Sprüngen den Weg und verschwindet im Dickicht. Etwas später ist es ein Dachs, der kurz vor mir herrennt, und dann mit wackelndem Schwanz schnell ins seitliche Wiesengras untertaucht. Es ist wohl eine Gegend für Fuchs und Hase, doch vielleicht gelten hier eine Hirschkuh und ein Dachs als Synonym für bewaldete Einsamkeit. Freuen tue ich mich am Duft der vielen Holunderbüsche. Sie sind in voller Blüte, und lenken etwas davon ab, dass mir die Hitze zusetzt. Irgendwann mache ich gar ein kurzes Nickerchen im Schatten einer kleinen Kirche. Es ist fast zu heiß zum Fahren, obwohl es nur mehr flach dahingeht. Ausgeruht schaffe ich dafür die letzten Kilometer des Tages dann wieder ganz flott.
25. Mai 2026
Flach der Save entlang
Irgendwann am Vormittag begrüßt mich mit weitem Flügelschlag ein Storch von hoch oben in seinem Nest auf einer Straßenlaterne. Das Junge schaut neugierig mit dem Kopf über den Nestrand. Vielleicht interessiert es sich fürs Radfahren, weil Fliegen noch nicht geht? Meine Route führt den ganzen Tag flach quer durchs Land Richtung Osten. Wiesenland und Waldlandschaften wechseln sich ab. Nah zu Zagreb sind es Ferienflieger, die gar nicht so hoch im Landeanflug ebenfalls in meine Richtung steuern.
Meine Vormittagsjause schmeckt mir heute ausgezeichnet. Frisch beim ersten Hunger in einem kleinen am Weg entdeckten Studenac Market gekauft, bin ich rundum zufrieden. Käse, Brot, Paprika und eine Tomate. Dazu noch ein Snickers und eine Banane. Zum Trinken gibt es einen Joghurtdrink, eine Sprite und Wasser. Im Schatten des Ladens stärke ich mich. Solche kleinen Landläden liebe ich sehr. Da kriegt man mit ein paar Schritten im Rundumdrehen alles, was man fürs Radeln braucht. Kein langes Suchen und ein überschaubares Angebot. Und es kaufen auch andere Leute hier ein. Einen Einkaufswagen brauchen aber auch sie keinen.
Später gerate ich auf eine lange Schotterpiste einem Gewässer entlang. Es ist die Save. Ein entgegenkommender Lastwagen zieht eine gewaltige Staubwolke hinter sich her. Ich flüchte seitlich ins Gras. Meine eigene Staubwolke ist im Gegensatz zu jener des Lastwagens kaum wahrnehmbar. Statt einer Brücke gibt es eine Seilfähre zum Queren des Flusses. Der Fährmann nimmt kein Geld. Dafür gerne mein angebotenes Snickers. Das Gleiten der Seilfähre über die Save hat etwas Magisches. Mit ein paar kräftigen Zügen am Stahlseil bringt der Mann die Fähre in Bewegung. Etwas weg vom Ufer steuert er mit einem Ruder das Boot. Obwohl der dunkelgrüne Fluss ganz träge dahinfließt, geht das Übersetzen recht flott. Ich muss unweigerlich an Siddharta von Hesse denken. Denn so ein Fährmann an der Save hat sicher auch was zu erzählen. Und die vielen Ziehbrunnen bei den Häusern an den Straßensiedlungen danach auch. Keiner von ihnen ist wohl noch in Benutzung. Doch markant stechen sie mir dennoch ins Auge. Mehr noch als die vielen verfallenden und von der Natur überwucherten Holzhäuser am Weg. Die überall im gleichen Stil gehaltenen Neubauten daneben sind auch alle schon in die Jahre gekommen, und werden wohl nie fertiggestellt werden. Es scheint hier auf meiner Route wohl eher keine mondäne Wohngegend zu sein.
26. Mai 2026
Flach der Drau entlang
Aus der Kleinstadt raus war dichter Verkehr. Doch kaum war dieser weg, war es auch aus mit einem gut fahrbaren Asphalt. Ich war auf eine holprige Flickwerkpiste geraten. Sie war als Radweg ausgeschildert und führte mit leichtem Auf und Ab durch einen lichten Wald. Links und rechts der Straße war ein breiter Grünstreifen mit vielen Kunstobjekten aus Holz. Ich staunte, welch faszinierende Vielfalt es gab, und welcher Ideenreichtum sich mit einfachen Mitteln zeigen konnte. Doch achten musste ich auch auf die wenig schmuckhaften Löcher in der Straße. Es rüttelte mich kräftig durch. Hie und da roch es auch nach Öl. Es führte wohl eine Pipeline entlang meiner Route. Denn immer wieder waren technische Einrichtungen und Leitungen zu sehen.
Im Schatten des Waldes war es ein angenehmes Fahren. Doch mit Fortdauer des Tages wurde es auch mehr und mehr heiß. Obwohl es flach dahinging, setzte mir die Hitze in der weitestgehend unbesiedelten Gegend etwas zu, und auf offenem Feld noch mehr. Ich legte schon früh eine Pause ein. Ein kleiner Laden kam mir da gerade gelegen. Während ich mir Brot mit Käse am Boden sitzend gönnte, fütterte ein Storchenpaar seine Jungen hoch oben auf einem Laternenmast. Ein Klappern war auch ein paar Mal zu hören. Die drei Jungstörche streckten aufgeregt ihre Schnäbel nach oben, und wurden zum Teil direkt versorgt. Oder ich konnte sehen, wie der Storch einen Brei ins Nest herauswürgte. Dann waren die Köpfe der Jungstörche gleich verschwunden. Unter dem Dach des langgestreckten Ladengebäudes zählte ich mehr als zwanzig Schwalbennester. Auch da herrschte reges Treiben und gab es dichten Luftverkehr. Dafür ging es auf der Straße behäbiger her. Es waren mehr Traktoren als Autos am Weg. Wenn sie beim Laden stehen blieben, ließen sie ihre Maschinen weiterlaufen. Zetor und Ursus waren die gängigen Marken.
Entlang meines Weges gab es später dann immer wieder kleinere Straßensiedlungen. Kleinbäuerliche Anwesen und die meisten Gebäude nur halbfertig gebaut, oder zur Hälfte schon wieder verfallen. Mittags stieß ich dann auf die Drau, und folgte ihr auf einem Radweg. Ich staunte, wo österreichische Flüsse überall hinkommen. Doch vom Fluss war oft wenig zu sehen. Der Radweg führte zum Teil auf der normalen Straße durch die kleinen Dörfer. Über eine längere Strecke waren Asphaltarbeiten im Gang. Der Hitze wegen glänzte der neu aufgetragene Belag satt schwarz, und zeigte sich reichlich klebrig. Mit kurzem Fahren im seitlichen Kiesstaub konnte ich das Problem wieder loswerden. An einigen Friedhöfen war ich heute auch vorbeigekommen. Einer war an einem Hang gelegen, mit herrlichem Ausblick auf die Weite der umliegenden Felder. Es waren zumeist große, in schwarz gehaltene Steingräber. Wenn schon zu Lebzeiten vielleicht nur in einem halbfertigen Haus gewohnt, so durfte es danach dann doch etwas Prächtiges für länger sein, war da mein Eindruck.
27. Mai 2026
Dem Klappern der Störche zugehört
Beim Losfahren heute ist es ein leicht schwüler Morgen. Der Himmel ist diesig, und es ist weitestgehend windstill. In den Bars der Stadt ist gleich viel los wie gestern am Nachmittag. Üppig besucht ist mein Eindruck. Kaffee geht offensichtlich auch ganz in der Früh. Mich erwarten heute fast nur lange Geraden. Im Gegensatz zu den Tagen davor gibt es wenig Abwechslung. Auf einer gut frequentierten Hauptstraße geht es immer nur geradeaus, und nach den Kreisverkehren oder Kreuzungen ebenso nur gerade weiter. Manche Lastwägen sind auch am Weg. Einige haben Langholz geladen. Schwere Eichenstämme wie ich sie zuvor in den Wäldern gesehen habe.
Akustisch begleitet mich das Mahlen meiner Reifen. Am Asphalt etwas lauter als auf dem schmalen, aufgemalten, die Fahrspur abgrenzenden, seitlichen, weißen Streifen. Beim konzentrierten Fahren auf ihm ist es nur ein leises Surren. Hie und da ist von einem Haus das Krähen eines Hahnes zu hören. Keine Ahnung, ob sie mich am Rad auch hören, oder sehen. Doch auffällig ist, dass sie immer bei meinem Passieren ihrer Ställe krähen. Oft geht es jedoch im Rauschen der herannahenden oder mich überholenden Autos unter. Laute Rockmusik gab es für ein paar Sekunden auch. Eine Autowerkstätte sorgte für gehörig Lärm. Leise war es nur, als ein Mann das Gras des Seitengrabens mit einer Sense mähte. Ich staunte, dass man es so auch machen kann. Denn sonst sind nur Leute mit Motortrimmern zu sehen und zu hören, ausgestattet mit Schutzbrille und Ohrenschützern und zumeist auch finsterer Mine. Doch am meisten ist mir das Klappern der Störche in den Nestern in Erinnerung geblieben. Ein sehr ungewohntes Geräusch, und am Rad gut zu hören. Als ich mir vorgenommen hatte, ihr Klappern mit meiner Klingel zu erwidern, war aber auf meiner Route kein Nest mehr zu sehen.
Und sonst waren es Gerüche, die ich beim Pedalieren auf den flachen Geraden heute wahrnahm. Eine Siloanlage, eine Bäckerei, irgendwo ein totes Tier im Graben, ein Hühnermastbetrieb, Abwässer im Seitengraben, Ladegut von Lastwägen, frisch gemähtes Gras, oder auch getrocknetes Heu. Ein paar Mal kam ich an Hinweisschildern für einen Radweg vorbei: Bikeroute along Drava. Doch den Fluss sah ich erst spät am Nachmittag, als ich von der Hitze des Tages schon müde war zum Fahren. Mittags hatte ich mich unter zwei Bäume gelegt. Sie standen nebeneinander. Einer hatte rote, aber wenig geschmackvolle Kirschen, und der andere kleine, grasgrüne und noch ungenießbare Nüsse. Doch es war mehr der kühlende Schatten, der mich angezogen hatte, und der zum längeren Verweilen einlud. Gefallen hatten mir auch die knallroten Mohnblumen, die über eine weite Strecke den Seitenrand zierten. Dazwischen waren kleine violette und pastellblaue Farbtupfer anderer Blumen wahrzunehmen. Herrlich, da entlangzufahren, auch wenn der neue Radweg noch unfertig gebaut war.
28. Mai 2026
Mit viel Gegenwind entlang von Getreidefeldern
Aus der Stadt hinaus war es am Morgen ziemlich mühsam. Ich war nicht der Einzige auf der Straße. Auch andere fuhren in meine Richtung, oder kamen mir entgegen. Dabei bin ich schon früh gestartet. Ich hatte mir etwas mehr Kilometer vorgenommen. Es zog sich dann einige Zeit, bis ich die Sonnenblumen, Mais- und Getreidefelder und damit auch die offene Weite erreichte. Meine Route führte nach Osten, der schon hochstehenden Sonne entgegen. Bald fuhr ich am Radweg auch an einem Hinweisschild vorbei: EuroVelo Nummer 6 war angeschrieben, die Route vom Atlantik zum Schwarzen Meer.
An der Grenze zu Serbien ging es etwas förmlich zu. Ich war überrascht, dass hier kontrolliert wurde. Doch allzu viel Verkehr war nicht, und Radfahrer checken sie glaub auch schneller durch. Bald nach der Grenze gönnte ich mir ein spätes Frühstück. Eine schattige Kirchentreppe war dafür der ideale Platz. Das Fahrrad konnte ich mit dem Pedal auf der ersten Stufe gut anlehnen, und ich mich auf der zweiten ausbreiten. Mir schräg gegenüber war eine Apotheke. Eine Mitarbeiterin telefonierte unter der Tür länger als meine Jause andauerte. Es musste wohl um ein besonders wichtiges Medikament gegangen sein.
Bald danach passierte ich auf einer breiten und langen Brücke die Donau. Dunav war angeschrieben. An der Farbe war sie nämlich nicht zu erkennen. Statt sattem Blau war es eher ein dunkles Grün. Und ihr Fließen war von oben betrachtet äußerst träge. Gar nicht mehr träge konnte ich es mir dann danach auf meinem Fahrrad einrichten. Ich hatte kräftigen Gegenwind, teilweise auch böig. Und mit dem vielen Verkehr auf der Hauptstraße war es kein entspanntes Fahren mehr. Speziell bei den Lastwagen musste ich sehr aufpassen. Es rüttelte mich der Böen wegen immer wieder kräftig durch. Dazu erwiesen sich die Serben als wenig fahrradfreundliche Verkehrsteilnehmer. Geschwindigkeitsbegrenzungen scheinen sie konsequent zu ignorieren. Und das Abstandhalten ist ihnen ebenso unbekannt. Mehr Freude hatte ich beim Schauen in die Felder, wie der Wind über die sanften Geländewellen drüber blies, und die Halme sich in verschiedenen Mustern neigten. Auch haben mir die farblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Feldern gefallen, oder die Farbnuancen bei den Übergängen. Das war eindeutig das Beste des heutigen Tages. Die Weite und die Farben der Landschaft, und das Spiel des Windes darin. Weniger freudig war es, dass mir der Wind entgegenblies. Abends war ich dann dennoch zufrieden. Auch weil ich noch einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt Subotica machte. Herrliche offene Plätze, enge Gassen, mächtige Bäume überall, prächtige Bauten sowieso, ein überschaubares und doch angeregtes Treiben, und eine abendliche Brise, die mich die Hitze des Tages wieder vergessen ließ.
29. Mai 2026
Holpernd der grünen Tisza entlang
Gleich beim Losfahren ist es mir wieder aufgefallen: Alle Männer tragen kleine Umhängetaschen. Das war schon in Slowenien so, in Kroatien ebenso, und jetzt auch hier in Serbien. Keine Ahnung, ob sie die Taschen in der Nacht auch tragen. Doch beim aus dem Haus gehen scheint es jedenfalls ein Muss zu sein. Na ja, irgendwie muss man ja die Rauchwaren transportieren. Weil hier alle ständig am Rauchen sind. Wobei meine Umhängetaschen fürs Rad entschieden größer sind, und ich außer Snickers auch keine Suchtmittel mitführe.
Das Fahren in der Stadt ist überall ein Abenteuer. So war es auch heute am Morgen. Zumindest die erste Stunde war etwas anstrengend. Ein holpriger, oft unterbrochener Radweg, und auf der Straße viel Verkehr. Das wurde erst besser, als es näher zur ungarischen Grenze ging. Diese war entlang der Straße mit Stacheldraht abgesichert. Da wäre ein Umfallen vom Rad sicher unangenehm geworden. Doch dafür war einer der Beamten an der Abfertigungsstelle sehr nett. Er war auf Plaudern eingestellt, und interessierte sich ebenfalls fürs Radfahren. Wobei er es seinen Empfehlungen nach eher auf gemütliche Art bevorzugte. Ich soll heute der Hitze wegen schon bald Schluss machen. In Szeged sei Weinfest. Das würde sich ideal anbieten, war so eine.
Ich hatte das Weinfest natürlich ausgelassen, und dafür etliche flotte Kilometer auf einem guten Radweg abgespult. Da war es durchaus lässig zum Fahren. Absolut herrlich waren manche Blumenwiesen, oder deren farbig bunte Sprenkel in den Feldern: Ein atemberaubender Purpur wie noch nie gesehen. Ich musste staunen noch und noch. Später staunte ich dann ob der Beschaffenheit des Radweges. Nur eine entsprechende Beschilderung animierte mich zum Weiterfahren. Es war ein holpriger Wiesenweg mit Trockenrissen im lehmigen Untergrund. Eines der riesigen Maisfelder am Weg wurde bewässert. Eine gewaltig große, fahrbare Sprinkleranlage sorgte mit ein paar Spritzern auch bei mir für Abkühlung. Der Gischtnebel war richtig angenehm zum Durchtauchen. Das Wasser wurde aus der nahen Tisza gepumpt. Ich folgte ihr etwas später ein paar Stunden lang auf einem breiten Dammweg. Die Atmosphäre der Naturlandschaft in Verbindung mit der Einsamkeit des Weges entschädigte für den teilweise schlechten Belag. Und mit den vielen Windungen sorgte die grüne Tisza auch für etwas Abwechslung im Fortkommen. Es hat mir gefallen, und das gefundene Apartement am Abend auch. Selbst gekochte Pasta mit scharfer Paprika war mal ein anderes Menü als nur Brot und Käse wie sonst.
30. Mai 2026
Prächtige Rittersporne säumen die Dämme
Taubengurren und Traktorengeräusche waren die Weckrufe heute Morgen. Die Sonne stand beim Losfahren auch schon hoch. Sie wollte sich dann untertags aber nur ganz selten zeigen, und entschloss sich für ein Voreikommen erst wieder spät am Abend. Über eine Pontonbrücke mit losen, ratternden Holzschwellen querte ich die Tisza, und fuhr am anderen Flussufer weiter. Doch die Straße war auch dort nicht viel besser. Slalomfahren und Wellenreiten waren angesagt, für mich wie für die Autos und die Traktoren.
Es war anfangs eine wenig befahrenen Rumpelpiste. Im Vorbeifahren scheute ich ein Rehkitz auf, das aufgeregt im Unterholz verschwindet. Später machten es ihm dann zwei Hasen nach. Einem Auerhahn schien ich auch nicht ganz geheuer, ebenso wie nah zu einem Haus einer bunten Katze. Sie ließ mich tief geduckt etwas herankommen, und nahm dann mit einem weiten Satz Reißaus. Einen Hund konnte ich nicht beeindrucken. Er verfolgte mich kläffend ein paar Kurven lang.
Irgendwann kam mir ein Eselfuhrwerk entgegen. Langsam und behäbig trottend zog das Tier den Holzwagen. Ein rundlicher Mann und eine ebensolche Frau mit Kopftuch saßen drauf. Sie transportierten drei Gasflaschen. Etwas schneller ging der Verkehr dann auf der Hauptstraße voran. Da war von Entschleunigung nichts mehr zu spüren. Obwohl ich am Radweg daneben fuhr, störte mich der Lärm dann doch. Freude kam erst wieder auf, als meine Route ab Mittag auf einem Damm der Tisza entlangführte. Zwar war es auf dem Dammweg windig, und manchmal auch böig. Doch das Wiesenpanorama rundum war einzigartig. Es sei Feldrittersporn, sagten sie mir später, der hier so herrlich violett blühe. Auch ohne Sonne war die Farbenpracht ein Gedicht. Genial. Irgendwann musste ich die Flussseite dann wieder wechseln. Mittels antiquierter Seilfähre ging es rüber, und auf einsamen, zum Teil unbefestigten Dammwegen wieder weiter. Auch wenn ich da nur langsam vorankam, oder manche Häuser ärmlich und verkommen wirkten, so beeindruckte mich die Atmosphäre der Puszta rundum sehr, und die Farbe des Rittersporns am meisten.
31. Mai 2026
Sonntagsradeln entlang der breiten Tisza
Es war eine etwas unruhige Nacht. Zum einen zwitscherten die vielen Vögel in einem bunten Konzert fast bis nach Mitternacht. Und zum anderen setzte wenig später Regen ein. Er trommelte kräftig auf das Zeltdach, und ließ mich immer wieder aufwachen. Dazu war entfernt Donnern zu hören. Doch am Morgen länger schlafen war auch nicht möglich. Die Sonne knallte voll aufs Zelt. Machte ich mir in der Nacht noch Sorgen, wie ich das nasse Zelt verstauen werde, so nahm mir die Sonne das Trocknen ab. Nur das Gras war noch etwas feucht rundum, zumindest beim Losfahren.
Die etwas sandige Piste als Zubringer zum Damm erwies sich dank des Regens gut fahrbar. Und auf dem Damm selbst war es dann ein herrliches Pedalieren. Flache Weite rundum mit Aussicht. Es hat mir gefallen. Und gleich zu Beginn standen zwei Tiere Spalier. Links war es ein krächzender Auerhahn, und rechts ein kräftiger Hase mit aufgestellten Löffeln. Beide pokerten etwas, war mein Eindruck, ob sie sich sicherheitshalber davonmachen sollen. Doch für ein sonntägliches Spalier verharrten sie stramm und regungslos. Und Fotos durfte ich auch noch machen. Später machte ich welche an einem großen Stausee. Entlang des Ufers versuchten sich zahlreiche Fischer an ihrem Anglerglück. Manche hatten sich mit Familie und Zelten wohl für einen längeren Sonntag eingerichtet.
Das Fahren auf den Dammwegen hat mir gefallen. Flach ging es ohne große Mühe dahin. Nur die teilweise schlechte Fahrbahn machte einem zu schaffen. Doch das Ambiente rundum entschädigte für die Mühe. Irgendwann konnte ich für kurze Zeit das Tempo eines Storches im Flug halten. Breit flügelschwingend schwebte er mit weit nach hinten ausgestreckten Beinen dem Damm entlang. Im Nest oder am Boden schauen diese Vögel etwas komisch aus. Doch im Flug sind sie die Eleganz pur. Herrlich zuzuschauen. Gefallen hat mir etwas später auch die Fähre zum Übersetzen der Tisza. Sie wurde per Schaufelrad angetrieben. Und es gab sogar zwei Belege für meine Überfahrt. Einer war für mich und der zweite für das Fahrrad. Der Fährmann hatte seine Frau mit an Bord, war meine Erklärung für diese neue Erfahrung auf so einer Kleinfähre. Danach gehörte der Damm dann bis in den späten Nachmittag hinein mir allein, und den vielen Hasen, die auch hier immer wieder zu sehen waren.
1. Juni 2026
Ein Montag in der Regenkombi
Der Wetterbericht war für meine Route heute etwas schwierig einzuschätzen. Er war mal so, und mal so, jedoch mit Regen jedenfalls. Also startete ich recht früh. Ich meinte, dadurch am Nachmittag ohne Regen durchzukommen. Doch er holte mich schon früher ein. Schon bald nach dem Start war es eine Wettfahrt gegen die Regentropfen, wer schneller nachlassen wird. Mit Bolzen auf einem breiten und gut asphaltierten Dammweg ging die erste Runde heute an mich. Ich kam noch ohne Regenkombi durch, zumindest für kurze Zeit. Denn danach ging es nur noch mit ihr weiter. Der Regen hatte sich für den Rest des Tages in der Gegend niedergelassen.
Ich war auf der EuroVelo-Route Nummer 11 unterwegs. Sie führt von Norwegen bis Griechenland. Und mich leitete sie heute in die Nähe der Slowakei. Drei Rehe im Gras wunderten sich wohl über mein Outfit. Ihr eigenes gefiel mir viel besser. Ihr helles, ins Ocker gehende Braun des Felles passte wunderbar zum trockenen, fahlgelben Gras rundum. Doch lange konnte ich sie nicht bewundern. Ein unvorsichtiges Geräusch von mir, und schon waren sie mit hohen Sätzen im Dickicht des nahen Waldes verschwunden. Meine Jause nahm ich heute unter dem nur wenig schützenden Blätterdach eines Baumes ein. Die grüne Spitzpaprika war extrem scharf. Ich brauchte am Rad einige Zeit, bis das Brennen im Mund aufhörte.
In einer der nächsten kleinen Ortschaft waren alle Laternenmaste mit Storchennestern geschmückt. Das Gefieder der Störche war heute ohne Glanz. Sie sahen ob des Regens richtig zerzaust aus. Nur anmerken ließen sie sich nichts. Und auch ich machte am Rad gute Mine zum ständigen Nass von oben. Bei einem kräftigen Schütter stehe ich aber in einem Buswartehäuschen unter. Gegen den Nachmittag hin kommen die Hügel mit den grauen Nebel- und Regenwolken näher. Sogar ein längerer Anstieg wartet auf mich. Die Straße führt sanft durch einen klitschnassen Märchenwald. Mächtige Eichen und noch mehr Buchen bilden das grüne Blätterdach. Im engen Tal murmelt zwischen den Bäumen ein Bach. Salamander sind auf der Straße zu sehen. Ich muss beim Fahren aufpassen. Immer wieder liegen wohl Wochenendhäuschen am Weg. Klein mit steilen Dächern. Bei einigen raucht der Schornstein. Auch ich finde es eher kalt. Die Mütze hatte ich schon mittags angezogen. Statt Juni kam es mir wie November vor. Doch gefallen hat es mir in dieser entlegenen Gegend dennoch. Aber lieber wäre ich hier ohne meine grüne Regenkombi durchgefahren.
2. Juni 2026
Ein Dienstag in der Montagekombi
Die Straße ist noch nass. Doch die Sonne lacht. Sie hat den gestrigen Regen schon vergessen. Und damit auch ich. Nur mein Fahrrad ist noch gezeichnet. Supersauber schaut anders aus, nur sauber auch. Doch egal, beim Fahren stört es nicht. Und das Panzerband am Sattel hält auch. Ich musste ihn gestern notdürftig reparieren. Der Kleber der beiden nach vorne schmal auslaufenden Sattelzungen hatte sich gelöst. Mit Klebeband scheint es jetzt zu halten. Mal schauen, wie und wo ich da in nächster Zeit zu einem gleichwertigen Ersatz komme.
Ohne Nebel sind heute die bewaldeten Hügel rundum sichtbar. Damit habe ich auch eine ungefähre Vorstellung über meinen Routenverlauf. Irgendwo oben thront eine mächtige Burg auf einem herauskragenden Felsen. Sie ist weiß gekalkt und schaut erhaben ins Tal. Der längere Anstieg ist gut zu fahren. Es gibt einen neu asphaltierten, separaten Radweg. Ein paar Häuser sind auch am Weg. Eine Frau ist mit einer Hacke in ihrem Kartoffelfeld tätig. Noch liegt der Acker im Schatten. Auch ich finde den Schatten im Anstieg ganz angenehm. Aber oben ziehe ich für die Abfahrt dennoch Mütze und Jacke an. Nach einigen langgezogenen Kehren öffnet sich plötzlich der Blick in eine weite Ebene. Die Slowakei zeigt sich mit Hochhäusern, Industrieanlagen, und auch mit riesigen Schornsteinen und Kühltürmen eines unlängst erst stillgelegten Kraftwerks. Ein voller Kontrast zu meiner ländlichen Umgebung der letzten Tage.
Auch beim Radweg schaut es etwas frustrierend aus. Entlang eines Gewässers ist es mehr ein holpriger, schmaler Singletrail auf einem teilweise weichen Wanderweg. Ich komme nur langsam voran, und hole mir vom hohen Gras nasse Beine. Später war es auf der Straße wegen des dichten Verkehrs mühsam. Das Durchqueren der Stadt zog sich. Doch danach hat es mir mit dem Fahren durch eine hügelige, grüne Landschaft wieder gefallen. Nur beim Reparieren eines Patschens am Vorderrad brauchte ich gar zwei Anläufe. Ich hatte im ersten Versuch mit dem Hebelwerkzeug leider den Schlauch beschädigt. Ich war wohl zu ungeduldig, und schon war das Missgeschick passiert. Zum Glück hatte ich einen schattigen Platz bei einer Wegabzweigung gefunden. Denn zum Schwitzen kam ich ob meiner Montageversuche auch so. Es dauerte nämlich, bis ich die Ursache gecheckt hatte, wieso sich der Reifen partout nicht aufpumpen ließ. Dafür lief dann danach alles wieder rund. Gestaunt hatte ich später, als ich mit meinem Fahrrad zu einer futuristischen Straßenkreuzung gelangte. Es lagen vier mehrspurige Fahrbahnebenen übereinander. Und auch die Kreisverkehre davor und danach waren üppigster Natur.
3. Juni 2026
Im Karpatenvorland am Schwitzen
Der erste Lastwagen der mir heute begegnet ist ein rauchender, alter Tatra. In dunklem Grün kommt er mir langsam fahrend entgegen. Auch ich puste schon kräftig, obwohl erst losgefahren. Es sind ein paar Steigungen, die mich fordern. Anfangs ist auf der Straße noch einiges los. Doch bald dünnt es sich aus. Es gefällt mir. Kurvig geht es auf gutem Belag durch die Hügel. Nett zum Fahren, geht es mir durch den Kopf. So könnte es bleiben.
In den Wiesen steht das Gras schon hoch. Es schaut überreif aus. Die erste Heuernte ist hier schon bald fällig. In einer kleinen, langgezogenen Straßensiedlung tönt Musik aus Straßenlautsprechern. Ich wundere mich. Doch die Beschallung dauert die ganze Durchfahrt an. Irgendeine slowakische Volksmusik ist zu hören. Und sie setzt sich mit anderen Liedern fort. Die Leute in den Gärten oder die Arbeiter auf Kleinbaustellen scheint das nicht zu interessieren. Wahrscheinlich sind sie es schon gewohnt. Für mich war sie entbehrlich. Rundum ländliche Idylle unter blauem Himmel und einsame Abgeschiedenheit. Da fand ich das Gekrächze aus den Lautsprechern störend. Bald danach hörte ich jedoch ohnedies nur noch meinen eigenen Atem. Ich war im Anstieg zur polnischen Grenze.
Das Karpatenvorland hat es in sich, waren meine Gedanken. Die Hügel sorgen nicht nur für ein kurviges Schlängeln in den Talböden. Manchmal führt die Straße auch über sie drüber. Und da waren heute ein paar happige Steigungen dabei. Der Aufstieg zur Grenze war mit Kilometertafeln beschildert. Ich staunte, wie lange sich einzelne Kilometer ziehen können, wenn sie über zehn Prozent Steigung haben. Dafür ging es dann nach einer kurzen Abfahrt mit ständigem Auf und Ab durch einen schönen Naturparkwald. Herrlich zum Fahren. Und auch die weitere Route verlief durchaus angenehm. Bis auf dass mich die Anstiege doch immer kräftig zum Schnauben brachten. Ich nehme an, dass sie es in dem einen slowakischen Dorf hinter der Grenze über die Straßenlautsprecher nicht übertragen haben. Und dass es auch keine Durchsage gab, dass ich die ersten Kilometer in Polen hinter mich gebracht habe.
4. Juni 2026
Radfahren an Fronleichnam
Am Morgen ist der große Hauptplatz der Stadt wie ausgestorben. Alles ist ganz still. Geschäfte und Cafés sind geschlossen. Ich wundere mich, und checke dann mit Verspätung, dass heute Feiertag ist. Fronleichnam. Es wird also nichts mit einem schnellen Einkehren irgendwo für ein Frühstück. Ein paar Kurven weiter sehe ich einige Leute Richtung Kirche gehen. Dort wird vor dem Eingang noch an einem Altar gebastelt und ein Podium geschmückt. Das Szenario wiederholt sich in der nächsten Ortschaft gleich. Irgendwann gerate ich auf einen längeren Feldweg. Er erweist sich als Rumpelpiste. Entfernt höre ich einen Kuckuck rufen, und auch das Gekrächze von Auerhähnen. Ich erschrecke, als einer plötzlich unweit vor mir aus dem Gras aufflattert und lautstark meckernd in Richtung eines Gebüsches davonfliegt.
Auf den Straßen sind nur wenige Autos. Dafür sind die Parkplätze rund um die Kirchen alle voll. Und die Kirchen selber wohl auch. Denn vor den Eingangsportalen stehen Trauben von Menschen. Einige lehnen an den Mauern, oder haben sich auf die Gräber gesetzt. Messgesänge sind zu hören, oder nur die Lautsprecherstimme des Pfarrers durch die offene Tür. Dort wo die Messe wahrscheinlich später beginnt, pilgern die Leute zu Fuß zu den Kirchen. Familien mit Kindern, ältere Paare, doch eher wenig Junge. Ein paar von ihnen begegnen mir in einem Wald. Dort testen sie gerade ein kleines Elektromoped und haben dabei mächtig Spaß. Ich hatte dafür kurz danach eher weniger Spaß. Meine Route verlief für ein paar Kilometer durch ein Waldstück, in dem der Weg nur noch ansatzweise zu erkennen war. Ich war dann richtig froh, als ich mit verschlammten Reifen wieder die befestigte Straße erreichte. Die verschmutzten Schuhe versuchte ich im Gras zumindest ein bisschen wieder feiertagsgerecht herzubekommen.
Auch später komme ich oft an geschmückten Straßenstücken vorbei, oder an festlich dekorierten Altären, an Häusern mit Heiligenbildern, oder an Menschen, die mit Blumen, Schleiern und Teppichen die Zugänge zu Heiligenstatuen am Weg herausputzen, oder vor improvisierten Festzelten auf Gäste warten. Fronleichnam im ländlichen Polen, ein besonderes Ereignis jedenfalls. Und hatte ich mich wiederholt auf einen der vielen Hügel hinaufgemüht, so erwarteten mich nach genussreicher Abfahrt in den Ortschaften wieder die Menschentrauben rund um die Kirchen, oder Rosenblätter in Weiß und Rot noch und noch in den Straßengräben. Oder es begleitete mich eine kurze Zeit lang der Kirchengesang wieder auf den nächsten Hügel hinauf. Abends habe ich dann Pech mit meinem Fotoapparat. Die Speicherkarte ließ sich nicht mehr einschieben. Der Kartenschacht ist möglicherweise beschädigt. Voll blöd. Nur mit Handy zu knipsen finde ich nicht so toll.
5. Juni 2026
Flach und flott entlang von Siedlungsrändern
Bei stark bewölktem Himmel und vermeintlich kühlen Temperaturen steige ich aufs Rad. Doch den Pullover ziehe ich schon bald wieder aus. Es wird schnell etwas freundlicher, und auch wärmer. Anfangs sind es noch die mehrspurigen Straßen der Großstadt. Es dauert, bis ich meine Abzweigung finde, und dann mit kaum Verkehr auf kleinen Straßen den weiteren Tag verbringe. Die Strecke ist weitestgehend unspektakulär, konnte aber dennoch gefallen. Entlang von Dorf- und Siedlungsränder kurble ich flach dahin. Kurz querte ich auch ein Industriegebiet. Es war spannend, welche Gerüche sich da auftaten.
Viel angenehmer war da der blühende Holunder am Straßenrand. Die vielen herrlich blühenden Bäume waren nicht nur optisch eine Zier, sondern verströmten mit ihrem Duft auch eine liebliche Note. Ich freute mich daran im Vorbeifahren, und hielt dann auch gleich Ausschau, wo der nächste Baum oder Busch wieder sein könnte. Bei einem waren ein Mann und eine Frau gerade am Pflücken der Blüten. Ein roter und ein blauer Plastikkübel standen bereit. Später war es bei einer Dorfeinfahrt der Duft von Brot aus einer Bäckerei, der mich den Straßenzug entlang begleitete.
Immer wieder gab es auch längere Waldpassagen, meist mit Föhrenbestand. Oft waren es dann Schotterwege, doch gut zu fahren. Das helle Grün am Boden harmonierte wunderbar mit dem Braun der licht stehenden Bäume. Und wenn die Wege asphaltiert waren, so war es ein zufriedenes Dahingleiten mit surrenden Reifen. Manchmal war Motorsägenlärm zu hören, und in den Ortschaften oft die unvermeidlichen Rasentrimmer. Auf klapprigen Fahrrädern sind mir in den Dörfern auch heute wieder einige Leute begegnet, zumeist ältere Personen. Luft am Hinterrad hätte ich wohl bei allen nachpumpen können, und die Kette ölen ebenso. Junge mit dem Fahrrad habe ich kaum gesehen. Dafür viele auf Elektro-Scootern, und dabei oft auch lässig balancierend nur am Hinterrad anfahrend. Abends stellte ich dann fest, dass es eine flache Etappe war, und dass Kilometersammeln ohne Hügel und Höhenmeter viel leichter und entspannter geht.
6. Juni 2026
Pedalierend statt spritzend durch Obstbauplantagen
Heute hatte ich in einem Studentenwohnheim übernachtet. Die Ausstattung war spartanisch, doch ganz ok, und preislich günstig. Nur die Eisentüren waren etwas eigen. Und der Eincheckformalismus auch. Doch geschlafen hatte ich gut. Ich stieg bei Sonnenschein gut gelaunt aufs Rad. Schon bald konnte in einen Föhrenwald abbiegen. Der Weg war als Radroute beschildert. Manchmal ging es etwas holprig dahin. Doch über ein größeres Teilstück bedeckten die Baumnadeln die Fahrspur ganz dicht. Da war es ein herrliches, fast lautloses, weiches Gleiten. Nur meine Lenkertasche gierte etwas ob der Unebenheiten und störte die friedliche Ruhe rundum. Es war ein faszinierendes Ambiente mit den Bäumen und hohem Farn, und gelegentlichen Kuckucksrufen als akustische Untermalung.
Vereinzelt gab es auch ein paar modern gestaltete Häuser am Weg. Wer alleinstehend wohnen will, kann es hier und findet auch die ideale Umgebung. Doch ein Zaun rundum muss immer sein. Oft auch gemauert, und mit mehr Ziegeln als für das Haus benötigt. Landschaftlich gefällt es mir. Entlang von Getreidefeldern sind die vielen roten Mohnblumen ein schöner Aufputz. In den Wiesen sind hie und da Störche zu sehen. Stetig elegant voranschreitend und mit dem langen Schnabel am Boden pickend. Tomatenfelder gibt es auch. Ich staune, wie viele Holzstickel da in langen Reihen dicht an dicht gesteckt wurden, als Rankhilfe für die noch jungen Pflanzen.
Doch den Tag bestimmend waren die riesigen Obstbauplantagen, durch die mein Weg führte. Apfelbäume in Spalierform noch und noch, oder einzelnstehende mit niedrigem Stamm. Es war ein dichtes Wegenetz vorhanden. Und überall waren Kleintraktoren unterwegs. Kreuz und quer begegneten sie mir. Meist hatten sie Spritzfässer angehängt. Oder kleine Mähwerke oder Vertikutiermaschinen. Und wenn dazwischen mal ein paar Häuser auftauchten, dann standen auch dort viele Traktoren und Gerätschaften für den Obstbau herum. Bei einer mächtigen Schlossruine standen am Parkplatz dann aber nur viele Autos. Aus der Anlage waren Lautsprecherstimmen zu hören. Schloss Krzyżtopór zog jedenfalls viele an. Ich hatte meinen Gefallen kurz danach an einer großen Wiese mit blauen Blumen. Herrlich, sie im Sonnenschein anzuschauen, und betörend das Summen der unzähligen Bienen. Am späten Nachmittag kam ich dann etwas langsamer voran. Ein paar unerwartete Steigungen drückten mein Tempo merklich. Doch es war ein ziemlich feiner Tag heute.
7. Juni 2026
Ein schöner Sonntag und angenehmes Fahren
Es ist ein strahlend blauer Morgen. Ich finde es gar etwas warm. Rund um einen Stausee ist noch niemand auf der Straße. Das gefällt mir. Das Gelände auch. Es ist leicht kupiert, ohne dass die Anstiege mich sehr fordern. Und von den Abfahrten lässt sich meist etwas Schwung wieder mitnehmen. Sonntagsmorgenruhe. Dazu Windstille und herrliche Sonne. Auch der Radweg durch den Wald ist gut zu fahren, obwohl nicht durchgehend asphaltiert.
Irgendwann sehe ich ein blaues Stoffteil im Gras. Es kommt mir gelegen. Die Kette ist vom Öl und Staub stark verschmiert. Also gibt es am Straßenrand eine kurze Pause zum Kettenservice. Nach dem Putzen schaut sie zwar nicht blitzblank aus. Doch ich bilde mir ein, dass es sich so besser fährt. Die Geräusche sind um eine Nuance leiser. Ich freue mich, auch weil ich kurz danach eine blühende Hecke entdeckte. Die Rosa rugosa erinnern mich an daheim. Das Gelände ist abwechslungsreich. Lichte Wälder wechseln sich mit offenem Wiesengelände ab. Auch gibt es viele Richtungswechsel und unterschiedliche Oberflächen. Aber immer wenn ich mir denke, dass der Weg so bleiben könnte, kommt meist ein Schlaglochkilometer. Es geht dennoch gut und ohne viel Verkehr durch die leicht wellige Landschaft. Voll lässig heute, geht es mir manchmal durch den Kopf.
Mittags wird in einer größeren Kirche eine Messe gefeiert. Die Tür ist offen. Ich bekomme im Vorbeifahren ein paar laute Worte des Pfarrers mit. Und weil mich der Weg kurz danach in einem weiten Bogen durch ein Waldstück wieder in Kirchennähe vorbeibringt, höre ich noch mehr von der Messe. Jetzt ist es der Gesang eines Chores, der mich zum Stehenbleiben animiert. Es klingt richtig schön. Im Schatten einer mächtigen Föhre genieße ich eine meditative Pause. Nachmittags ziehen ein paar Gewitterwolken auf. Doch bis auf ein paar wenige Tropfen bleibt es trocken. In einer langen, kräftigen Steigung motiviert mich eine Frau mit Kinderwagen zum Durchfahren. Sie hat mein Kommen aus einer Hauseinfahrt heraus beobachtet, und war wohl gespannt, wie weit ich komme. Natürlich ganz hinauf. Erst nach dem Scheitelpunkt oben bin ich in die Abfahrt abgebogen. Vielleicht hat sie es dem Baby erzählt, dass ich es in einem ganz hoch geschafft hatte.
8. Juni 2026
Von allem etwas, und von Phacelien ganz viel
Blau mit etwas Wind. So zeigt sich der Morgen heute. Zum Aushalten, denke ich mir. Nur die mit Betonpflastersteinen gestalteten Radwege mag ich absolut nicht. Autos dürfen in den Ortschaften auf glattem Asphalt und ohne bewusst gesetzte Barrieren dahinrollen. Aber für die Radfahrer macht man dort das Leben extra schwer. Es muss holpern, ist glaube ich die Vorgabe. Und bei jeder Hauszufahrt oder Wegabbiegung muss ein Randstein diese Holperei noch verstärken. Zum Glück ist der Himmel blau und der Verkehr erträglich. Also vermeide ich tunlichst diese Holperei, und rolle auf gutem Asphalt dahin.
In einer frisch abgemähten großen Wiese beobachte ich einen Storch. Und er auch mich, bevor er seine Futtersuche wieder gelassen fortsetzt. Meine Route führt später durch einen Wald. Ich komme an einem Holzlagerplatz vorbei. Dünne, rötliche Föhrenstämme sind abgelängt säuberlich geschlichtet. Es riecht angenehm nach Harz. Am Boden liegen Rindenreste. Im nächsten Dorf drängen sich ein paar Leute um die offene Hecktür eines kleinen Kastenwagens. Drinnen sind Brotkisten zu sehen. Am Dorfende gerate ich auf eine Naturstraße. Sie führt mich an kleinen Seen vorbei. Im Schilfgebiet und aus den Gräben höre ich Frösche. Vogelgezwitscher sowieso, und gelegentlich das Knacken von Ästen im Unterholz. Naturidylle pur. Nur der Weg ist zeitweise unfahrbar. Ich muss schieben. Im losen Sand geht mit Fahren nichts mehr. Und manchmal stellt es mir das Vorderrad quer, wenn unerwartet die Fahrspur im Sand nachgibt.
In einem der nächsten Straßensiedlungen kommt mir ein Lastwagen langsam fahrend entgegen. Er hat ein extra starkes Signalhorn, und bedient es kräftig. Doch Leute kommen keine aus den Häusern. Es hätte Kohle zu kaufen gegeben. Ich sehe sie unter der Plane des Lastwagens. Und gegen Mittag sehe ich dann plötzlich nur noch Lastwägen. Ich bin auf eine stark befahrene Straße geraten. In beide Richtungen dröhnt es. Ein Sattelzug folgt dem anderen. Es dauert nicht lange, und ich traue mich nicht mehr weiter. Die Straße ist mir zu gefährlich. Etwas abseits finde ich eine Parallelstraße, und kurz darauf auch einen Radweg. Entspannt freihändig dahingleitend schaue ich mir den Rambazamba auf der Hauptstraße daneben an. Sie ist ein Zubringer für die Autobahn, wie ich bald darauf feststelle. Und als ich auf einer Brücke später diese dann quere, herrscht auch dort dichter Verkehr. Es ist wohl auch für die Autos kein Vergnügen, dort unterwegs zu sein. Und weil mich danach meine Route wieder in die ländliche Einsamkeit führt, freue ich mich an dem dort Gebotenen. Es sind große Felder mit Phacelia-Pflanzen. Beim Vorbeifahren waren es zwar nur hübsche bläulich-violette Blumen, im Sonnenlicht herrlich anzuschauen. Doch mit dem abendlichen Recherchieren weiß ich jetzt, dass es Phacelien sind. Sie werden vor allem als Gründünger, Bodenverbesserer oder als Zwischenfrucht im Ackerbau genutzt, und ziehen auch Bienen magisch an. Der Phacelia-Honig soll eine ganz besondere Spezialität sein. Ich setze Phacelia auf meinen Merkzettel für irgendwann dann daheim.
9. Juni 2026
Durch Lodz durch und quer übers Land
Heute lag mit Lodz die viertgrößte Stadt Polens auf meiner Route. Doch das Reinfahren und das Queren erwies sich als etwas mühsam. Viel Verkehr, wie bei allen Städten üblich, und auch einige Baustellen. Anfangs dachte ich mir, dass es auf den Radwegen ganz gut geht. Doch je näher zum Zentrum, desto mehr war überall los. Und auf die Straßenbahngleise galt es auch noch zu achten. Und wenn man nebenbei noch einen Blick auf die Bauten, Straßen und Plätze werfen will, ist es umso mehr fordernd. Strafzettel gab es keine. Mein Verhalten als Verkehrsteilnehmer war aber nicht immer ganz korrekt.
Als dann die Getreidefelder wieder mehr wurden, Mais und Kartoffeln dazukamen, und ein paar Sonnenblumenfelder auch, fühlte ich mich beim Fahren wieder deutlich wohler als in der Stadt. Ohne Verkehr auf schmalen Straßen übers Land fahren, das gefällt mir immer wieder sehr. Der Boden der Felder scheint hier nur aus Sand zu bestehen. Manchmal dachte ich mir, dass dies vielleicht der Grund ist, dass es nicht überall nach üppigem Wachstum ausgeschaut hat. Gejuchzt hatte ich, als wieder ein paar Phacelia-Felder auftauchten. Bei einem waren am Feldrand zahlreiche blaugelbe Bienenkästen aufgestellt. Weit nach Hause hatten es die Bienen hier nicht.
Schmunzeln musste ich, als mir ein Traktor mit einer Ballenpresse langsam fahrend entgegenkam. Der Fahrer und die Beifahrerin am Notsitz stärkten sich mit einem Eis. Das war zum heißen Wetter passend. Es war ausgesprochen schwül. Die Sonne knallte voll herab. Da war nicht nur das Arbeiten am Feld anstrengend. Auch am Rad war ich am Schwitzen. Kurz mühte ich mich auch auf einer tiefen Sandpiste ab. Obwohl die Fahrspuren der Traktoren und Autos auf einen festen Untergrund schließen ließen, war es am Rad dann gar nicht so. Zum Glück war es nur eine kurze Strecke. Der blühende Raps daneben lenkte etwas ab. Und das Krächzen der Auerhähne interpretierte ich als Motivationsrufe. Später war es dann eine stark befahrene Hauptstraße, die mich forderte. Doch ich wollte noch vor dem drohenden Regen die nächste Stadt und eine Unterkunft erreichen. Es ist sich auch gut ausgegangen.
10. Juni 2026
Flache Rolleretappe mit Schiebepassagen
Ein Storch nah zur Straße geht bei meinem Vorbeifahren auf Sicherheitsabstand. Mit ein paar eleganten Flügelschlägen gibt er sich etwas Anschub für einen schnelleren Lauf. Und zeigt mir damit auch die imposante Spannweite seiner Schwingen. Damit ließe sich wohl auch am Rad einiges mehr an Geschwindigkeit zulegen. Doch mein Tempo passt mir heute dennoch. Es geht bei bewölktem Himmel flach auf weitestgehend guten Verbindungsstraßen zwischen kleinen Ortschaften dahin. Ein Mal staune ich, weil mitten im Nirgendwo auf offener Strecke eine Bushaltestelle steht. Oder vielmehr wundere ich mich, dass hier tatsächlich ein paar Leute warten.
Irgendwann kündigt mein Navi an, dass bald eine unbefestigte Straße naht. Dabei meinte ich, bereits auf einer solchen zu fahren. Der Belag war nämlich ein Flickwerk sondergleichen und eine Ansammlung an Schlaglöchern. Solche Teilstücke finde ich immer wieder. Und dann geht es dennoch wieder pipifein surrend dahin. Die Unterschiede sind wirklich unglaublich. Am späten Vormittag besorge ich mir in einem kleinen Dorfladen eine Jause. Die Frau an der Kassa macht mich darauf aufmerksam, dass die von mir ausgesuchte Paprika einen kleinen Makel hat. So eine will sie mir nicht verkaufen. Sie sucht stattdessen nach einer einwandfreien Frucht und freut sich, dass ich ihr Tun wertschätzte. In der nächsten Ortschaft ist gerade Markt. An den vielen Ständen gibt es glaube ich alles, was man zum Leben so braucht, oder auch überhaupt nicht braucht.
Vielleicht hätte ich am Markt nach Sandblechen fragen sollen. Solche hätte ich auf der folgenden Sandpiste in einem Flussvorland gebrauchen können. Mit Fahren ging nichts mehr. Ich musste einige Zeit schieben. Den Spuren nach hatten da auch größere Fahrzeuge Probleme. Dass weiter vorne ein Kirchturm sichtbar war, gab mir Gewissheit, dass das Schieben doch nicht ganztägig sein wird. An einem Baum war das Symbol für den Jakobsweg angebracht. Gelbe Sonnenstrahlen auf blauem Untergrund, eine Jakobsmuschel stilisierend. Auch Pilgern dürfte auf diesem Wegstück mühsam sein. Gegen den Nachmittag hin wurden die Felder und Äcker größer. Und damit auch die Silos bei den Höfen. Flach und offenes Land, so zeigt sich Polen hier. Und mit den weiten Getreidefeldern verstärkte sich dieser Eindruck noch mehr.
11. Juni 2026
Regen, Wellblech und Apfelkuchen
Am Morgen hatte sich eine breite Regenfront niedergelassen. Ich zögerte meinen Start hinaus. Denn später sollte es besser werden, war die mutige Vorhersage, zumindest für ein paar Stunden. Eine kurze Etappe war daher der Plan. Anfangs wurde ich sogar noch von der Sonne verwöhnt. Fein, wie sie mir den Rücken wärmte. Gerne hätte ich das länger ausgekostet. Doch am Himmel zogen rasch wieder dunkle Wolken auf.
Die Naturstraßen waren nach dem Regen nicht mehr staubig. Doch angenehmer zu fahren waren sie deswegen nicht. Aus dem Staub war nämlich ein schmieriger, nasser Schlammfilm geworden. Und bei den Pfützen wusste man nicht mehr, wie tief die Löcher dort sind. Doch es waren nur wenige Kilometer auf so einem wenig attraktiven Straßenstück, bevor es richtig happig wurde. Meine geplante Route war wegen Bauarbeiten gesperrt. Ich suchte nach einem Ausweg, und geriet prompt auf einen sandigen Wellblechweg, der nicht enden wollte. Egal ob ich links, rechts oder in der Mitte fuhr, es rüttelte unerträglich. Ein Wegstück zum Vergessen. Voll blöd. Und kaum hatte ich danach auf einem neu asphaltierten Radweg wieder meinen Rhythmus gefunden, setzte plötzlich Regen ein. Aus den ersten Tropfen wurde rasch ein kräftiger Schütter. Ich rettete mich in ein Buswartehäuschen, und vertrieb mir mit Regenwolkenschauen die Zeit. Danach kam das Wasser dann von der Seite. Die Nebenstraßen waren meist ohne Kanalisation. Auch wenn die Autos rücksichtsvoll fuhren, ganz ohne Spritzer ging es nicht ab.
Dafür war dann vor Posen wieder alles eitel Wonne. Ein breiter, wunderbarer Radweg führte mich am Fluss Warthe entlang fast bis ins Zentrum der Altstadt. Mit meiner grünen Regenkombi und den in der Sonne langsam abtrocknenden Überziehschuhen war ich fürs Sightseeing dort nicht gerade ideal gerüstet. Doch eine kurze Runde am Rad genügte für den Eindruck, dass die Gebäude im Renaissancestil schon Charme versprühen. Und kaum hatte ich meine Regensachen wieder verstaut, musste ich sie dennoch kurz vor meinem Etappenziel wieder hervorholen. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Jeden Tag brauche ich so ein Wetter nicht, resümierte ich am Abend. Dafür könnte es bei den Quartieren und der Küche öfters gleich sein. Ich ließ den Regentag nämlich mit würziger Tomatensuppe, köstlichen Gołąbki und einem feinen Apfelkuchen ausklingen. Wenige Kilometer gefahren, dafür üppig und gut gegessen. Irgendwie hat es heute also auch gepasst.
12. Juni 2026
Pullover an, Pullover aus, und an und aus
Ein klarer Morgen erwartet mich heute, und etwas kühle Temperaturen auch. Der Verkehr rund um mich ist anfangs hektisch. Es drängen wohl alle mit ihren Autos in die Arbeit. Doch bald wird es besser. Der blassblaue Himmel motiviert ebenfalls. Es geht vorbei an Raps-, Mais- und blühenden Mohnfeldern. Eine große Bienenweide findet sich auch. Und ich einen guten Weg neben der Hauptstraße. Er ist fein zum Fahren. Doch die Straße endet plötzlich vor einem Flussbett. Ich mühe mich über einen Graben und eine steile Böschung zur Hauptstraße und deren Brücke hoch. Oben bin ich kräftig am Schnaufen. Zurückfahren hätte ich keinesfalls wollen. Es ist eine ländliche Umgebung. In einer Kurve kommt mir ein Tiertransporter entgegen. Die Fracht riecht unverkennbar. Und entferntes Kuckucksrufen bestätigt meine Wahrnehmung: Ja, es sind Schweine geladen.
Etwas später gelange ich wieder einmal auf eine sandige Naturstraße. Die Straße ist in der Mitte feinrippig, und an den Rändern regenfeucht tief. Beides fordert mich beim Fahren. Ich wechsle hin und her, und murre über beides. Zum Glück wartet bald danach wieder ein asphaltierter Weg. Die Windräder in den Feldern stehen still. Oder drehen sich kaum merklich. Auch die Blätter der Zuckerrüben kräuseln sich nur ein bisschen. Es ist ein riesiges Feld, und zieht sich weit über einen leichten Hügel hin. Die nächsten Windräder stehen in Getreidefeldern. Eines davon ziert auch noch roter Mohn. Farblich fein abgestimmt, geht es mir durch den Kopf. Die Rotorblätter haben nämlich rote Streifen im gleichen Farbton wie der Mohn. Und der Kontrast zwischen Getreide und dem milchig blauen Himmel samt vielen weißen Schäfchenwolken ist ebenfalls stimmig. Ich habe genug Zeit zum Schauen. Denn zum wiederholten Mal ziehe ich den Pullover wieder aus. Mit der Sonne ist es angenehm warm. Doch kaum ziehen Wolken durch, muss der Pullover wieder an. Es ist heute ein ständiges Wechselspiel.
Bei meiner Jause auf einem Dorfplatz ergibt sich ein lustiges Gespräch mit einem Mann mit Schiebermütze und einem schielenden Blick. Die sprachlichen Schwierigkeiten sind unüberwindbar. Doch mit meinen Ja/Nein-Antworten auf die von ihm genannten Länder und einzelne Städtenamen kann er meine Route nachvollziehen. Er staunt, und ich freue mich mit ihm und über seine freundliche Art. Die nächste Abbiegung bringt mich dann über viele Kilometer auf einen sandigen Waldweg. Zum Glück ist es ein fester Untergrund. Im Föhrenwald ist es rundum absolut still. Die schmalen Bäume stehen dicht an dicht. Bei einer Wegkreuzung häckselt eine mächtige Maschine die Baumreste aus einer Rodung. Ich schaue interessiert zu. Unglaublich, welch große Mengen da auf der einen Seite mit einem Greifarm auf ein Förderband geladen werden, und mit Getöse über einen Schwenkarm als Häckselgut auf einen Lastwagen mit hohen Seitenwänden geblasen werden. Am Nachmittag werden die Intervalle bei meinem Pulloverspiel dann etwas länger. Einmal Unterstehen bei einem Rastplatz mit Info- und Orientierungstafel im Wald ist auch noch dabei. Für kurz gab es nämlich ein paar Regenspritzer. Jetzt weiß ich auch, dass sich die afrikanische Schweinpest in Polen und dessen angrenzenden Ländern im Osten ausgebreitet hat, und dass der Bestand an Wild- wie Hausschweinen gefährdet ist.