23. Juli 2022

Ein etwas mühsamer Tag

Die Einreise nach Kanada gestern war ein Erlebnis besonderer Art. Ein Österreicher mit dem Fahrrad, noch 3 Dollar Bargeld in der Tasche, schon 70 Tage und 8.700 Kilometer in Amerika unterwegs, bloß einen vagen Plan wohin es gehen soll, ohne Bekannte und ohne Hotelbuchungen, da kann etwas nicht stimmen. Das war wohl der Eindruck für die mich kontrollierende kanadische Beamtin an der Grenze. Mit einem Laufzettel ausgestattet musste ich ins Gebäude rein zu einem eingehenden Check. Freundlich aber bestimmt deckte mich dort ein anderer Beamter ausgiebig mit Fragen aller Art ein. Mein Bankkonto blieb uneingesehen. Die App ließ sich nämlich über das lokale WLAN nicht öffnen. Die Geldtasche durchsuchte er daher eingehend selbst, keine Ahnung wonach. Und fast wäre ich gescheitert, denn bei der Gesundheitsvorsorge zeigte ich irrtümlich eine bereits abgelaufene Polizze. Die gültige fand ich dann aber umgehend in einer anderen Mail. Und gefunden hat der Beamte auch das Datum für einen Rückflug nach Europa. Damit ließ sich der Grenzbalken dann öffnen. Der Weg für einen Abstecher nach Kanada war frei.

 

Die Fahrt durch Vancouver gleich in der Früh war etwas nervig. Viel zu viele Ampeln, und auch ein paar Verfahrer. Doch irgendwie fand ich den Weg nach Westport zur Fähre. Vorbei an noblen Villen machte ich ein paar kräftige Steigungen. Da kam ich nur langsam hoch. Zeitlich wäre es sich dennoch gut ausgegangen. Aber die Fähre war schon voll. Samstag und Hochsaison, da bin nicht nur ich am Weg. Also reihte ich mich ein in die lange Schlange der Wartenden am Ticketschalter. Es vergingen fast 3 weitere Stunden bis zur Abfahrt. Im Hafen noch ruhig, blies draußen am Meer eine kräftige Brise. Das Panorama mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund und den vielen Inseln oder Halbinseln rund herum war beeindruckend. Im Gegenlicht der Nachmittagssonne zeigte sich alles Ton in Ton in einem blassen Blau. Das hat mir gefallen.

 

War die Fähre schon randvoll mit Leuten, so hatte ich den Eindruck, dass es dazu auf Vancouver Island noch eine Steigerung gab. Ich hatte reichlich naiv und ohne Vorbereitung einsame Straßen erwartet. Doch es war dann gänzlich anders. “Beautiful British Columbia“ haben sie auf der Nummerntafeln bei den Autos stehen. Schön war es hier wirklich, mit der Küste, den Hügeln, den Bergen vis-a-vis, dem Wald, den Wiesen, den Villen, den gepflegten Gärten, den Parks, den privaten Anlagen. Und das zieht halt an, zum Leben und Urlauben, zum Chillen und Genießen. Die Campingplätze am Weg waren natürlich auch alle voll. Irgendwo reinfahren in den Wald ging nicht, denn überall waren Häuser versteckt. Also fuhr ich recht lange weiter, bis ich ziemlich exklusiv wo unterkam. Mal schauen wie das dann die nächsten Tage wird.

 

24. Juli 2022

Der Küste entlang mit Blick auf tolle Berge

Den Pullover und die Beinlinge ziehe ich schon nach den ersten Metern wieder aus. In der Sonne ist es fein warm, sonntäglich warm. Kein Wind, kein Verkehr, so lässt es sich radeln. Ich weiß nicht, wo die vielen Leute von gestern verschwunden sind. Doch später sind sie dann ohnedies wieder aufgetaucht. Haben wahrscheinlich länger geschlafen als ich. Vielleicht hätte ich das schöne Ambiente der Unterkunft länger auskosten sollen. Gediegen und mit Stil eingerichtet, schöne Details, hell, feine Bettwäsche, angenehme Matratze, Holzboden, all diese Dinge sind mir gleich nach den ersten paar Kilometern eingefallen. Denn da bin ich an ein paar Campingplätzen vorbeigekommen. Ich hätte also nur etwas weiter fahren müssen. Egal, so habe ich mal wieder ein tolles Bett genossen. Und heute habe ich ja ohnedies wieder eine neue Chance für eine Nacht im Schlafsack.

 

Ich fahre der Küste entlang. Es riecht nach Algen, Meer, vielleicht auch Fisch. Jedenfalls anders als im Wald. Denn den sehe ich später noch ausgiebig. Spektakulär ist die Sicht auf die andere Uferseite mit den schneebedeckten Gipfeln der Küstenberge. Ich bleibe immer wieder stehen und gönne mir den Ausblick. Manchmal mit breiten Küstenstreifen und freier Aussicht, manchmal nur zwischen den Bäumen oder Häusern hindurch, und hie und da von einer Ausweichbucht an der Straße. Schon schön, denke ich mir. Und bei so einem Stopp bleibt ein amerikanischer Biker mit schwer bepacktem Rad neben mir stehen. Er meint, dass es hier auch schön sei. Doch das was er gesehen habe, das ließe das hier alles vergessen. Und dann erzählt er mir von seiner Route bis hoch in den Norden. Ich könne sie auch umgekehrt fahren.

 

Solche Treffen mit anderen Radfahrern finde ich immer spannend. Neugierig tauscht man sich aus, fragt nach Details und Besonderheiten, schwärmt von der eigenen Route, oder staunt über Erlebtes. Am meisten fasziniert mich, dass immer wieder solche dabei sind, die ganz lange unterwegs sind. Dem Amerikaner heute habe ich es auf den ersten Blick schon angesehen, und seiner Ausrüstung auch.

 

25. Juli 2022

Einsame Gegend mit Flair

Morgensonne in den Baumwipfeln. Vor blauem Himmel ziehen oben kleine Nebelfetzen und einzelne Wolken schnell dahin. Und unten bin ich am Kurbeln. Der Asphalt ist gut, der Seitenstreifen breit, der Verkehr gering. So lässt es sich leben am Rad. Eine kleine Bergwertung gibt es auch noch. Mit langer Rampe gleichmäßig ansteigend. Es gefällt mir.

 

Mittags zieht es mich zu einem Rastplatz hin. Mal auf einer Bank sitzen statt nur am Rad ist der Wunsch. Doch ich setze mich dann doch nicht nieder. Die eine Bank in der Sonne ist schon besetzt. Und im Schatten ist es mir fast zu frisch. Ein großes Geländefahrzeug mit Aufbau steht dort. Die Frau auf der Bank in der Sonne hört leise Musik. Sie summt zu den deutschen Schlagern mit. Am Wohnmobilaufbau des Fahrzeuges steht groß „Austria“, auf der Nummerntafel Gmunden. Ja, die Welt ist anscheinend doch ganz klein. Ich gebe mich als Landsmann nicht zu erkennen. Die Schlagermusik auf einem einsamen Rastplatz in Kanada war der Grund.

 

Als ich meinen Abfall in den bereitstehenden Containern entsorgen wollte, scheiterte ich an der Bärensicherung. Ich konnte den Deckel nicht öffnen. Eine kanadische Oma eilte mir zu Hilfe. Es sei etwas „tricky“, meinte sie. Ja, die amerikanische Variante hatte ich schon gecheckt. Doch die hier war noch ausgeklügelter. Und beim Tratschen über meine Reise war dann leicht festzustellen, wer Tourist war, und wer aus der Gegend. Denn an der Bärensicherung scheiterten ein paar andere beim Entsorgen ihrer Abfälle auch.

 

Die kanadische Oma war mit ihren beiden Enkeln auf Rundreise. Die meinten, dass ihre Eltern auch schon in Europa auf Bikepacking und Rundtour waren. Und damit ich einen besseren Überblick über mögliche Varianten und Distanzen in British Columbia bekomme, überließ mir die Oma eine Landkarte. Sie empfahl mir eine Route im Norden, die ich mir auch schon überlegt hatte. Lustigerweise war es genau jene, von der der Amerikaner gestern Nachmittag so geschwärmt hatte. Damit wurden meine Pläne für den nächsten Monat ziemlich konkret.

 

26. Juli 2022

Ein historisches Datum und sich spiegelnde Boote

Hey, heute ist der 26. Juli. Ein ganz besonderes Datum für mich. Denn vor 3 Jahren war es mein letzter Arbeitstag für die Finanz. An diesem Tag begann auch mein intensives und wohl auch ein wenig abenteuerliches Radlerleben mit langen Touren. Im Rückblick meine ich, eine wunderbare Zeit. Und ich bin ja nach wie vor unterwegs. Also freue ich mich auf das was kommt.

 

Über dem schmal sich viele Kilometer hinziehenden See liegt am Morgen dichter Nebel. Doch darüber lässt sich schon erkennen, dass es spätestens mittags auftun wird. Meine Geduld wird dann aber doch etwas länger beansprucht. Dafür waren die Impressionen an der Küste und deren Häfen wunderbar. Bunte Boote spiegelten sich im ruhigen Wasser. Und hie und da tat sich auch der Blick auf die gegenüberliegende Seite auf. Da waren die schneebedeckten Berge immer noch da. Oder setzten sich von gestern der Küste entlang nach Norden fort. „Coast Mountains“ heißen sie, konnte ich auf der Landkarte nachlesen.

 

Die Straße wurde immer wieder von Waldwegen gekreuzt. Auf ihnen waren Trucks mit Baumstämmen am Weg. Sie zogen lange Staubfahnen hinter sich her. Es war durchaus spektakulär anzusehen, wenn vor einem die Straße plötzlich in einer dichten Staubwolke verschwindet. Ich rätselte dann, in welche Richtung der Truck wohl unterwegs ist, oder aus welcher er gekommen ist. Irgendwann kam ich auch an einer Deponie vorbei. Sie nannte sich „7 Mile Recycling“. Ein kreativer Name. Denn ungefähr so lange konnte ich sie später auch noch riechen. Irgendwie verbreiten diese Einrichtungen glaub weltweit denselben Geruch. Doch er war schnell wieder vergessen. Der Blick auf blaue Meeresbuchten und die Schneegipfel dahinter blieb mir mehr in Erinnerung.

 

27. Juli 2022

Eine Fährfahrt als imposantes Schauspiel

Im Morgengrauen Zelt abbauen. Es geht ganz gut. Die Handgriffe sind schon eingeübt . Und so viel zum Verstauen gibt es auch nicht. Heute gehe ich auf große Fährfahrt. Es geht über die Inlandroute 500 Kilometer nach Norden bis Prince Rupert. Die „Northern Expedition“ bringt mich als modernes Fährschiff dahin. Es werden 15 lange Stunden sein. Zwischen dem Festland und den Inseln durch, manchmal auch im offenen Meer. Ich bin voll gespannt und freue mich.

 

Die Morgenstimmung ist gewaltig. Die Inseln liegen im Nebeldunst. Die Morgensonne blendet. Die Landschaft ist mit dem Nebel in ein mystisches Licht getaucht. Die ersten zwei Stunden verbringe ich nur mit Rundumschauen und Staunen. Im offenen Meer schaukelt das Schiff ganz leicht auf und ab. Doch sobald es sich wieder zwischen den Inseln bewegt, wird es deutlich ruhiger. Delphine und Robben begleiten uns eine kurze Zeit. Ein paar Fischkutter sind auch am Weg. Sie schaukeln wie kleine Nussschalen. Hie und da sind sie nur noch zur Hälfte zu sehen, wenn sie in ein Wellental abtauchen.

 

Die Graublauschattierungen des Meeres und der Küstenberge verlieren sich irgendwo am Horizont. Oder es verschwindet die Küste im Nebel. An den Felsen der Küste sehe ich das Wasser mit weißem Schaum hoch aufklatschen. Es schaut fast so aus, als ob ein ausgefranstes weißes Band die Küste säumen würde. Und immer wieder laufen die Wellen an. Im Gegenlicht der Vormittagssonne glitzert es silbern am Meer. Hie und da tauchen auch Wale auf. Manchmal ist nur ihre Fontäne zu sehen, wenn sie Luft ausblasen. Oder ihr schwarzer Rücken als breiter Strich im Wasser. Doch springen und aufklatschen sehe ich sie ebenfalls ein paar Mal. Auch wenn es etwas weiter weg vom Schiff ist, so ist das Schauspiel dennoch wunderbar. Da höre ich es dann rundum bei den Kameras klicken. Toll, so nebenbei auf diese Meerestiere zu treffen. Nicht gerade beim Radeln, doch bei einer Fährfahrt, die mich weiter in den Norden bringen wird, zumindest ein Stück weit.

 

Ab Mittag wird es am Sonnendeck ziemlich heiß. Es seien höhere Temperaturen als hier für gewöhnlich im Sommer zu verzeichnen sind. Das erfahre ich an der Reling, als bei einem Zwischenstopp ein paar Autos die Fähre verlassen. Das Wende- und Andockmanöver ist wahrscheinlich Routine, dennoch schauen viele interessiert zu. Ich natürlich auch. Danach tauchen wir wieder ein in die bläulichen Farben. Vorbei an einzelnen Buchten, für kurze Zeit hier mit Häusern. Einsam wohnen oder urlauben kann man hier jedenfalls.

 

Zu sehen gibt es nur Wald, Wald, und nichts anderes als Wald. Und viel Wasser noch dazu, mit blauem Himmel sowieso. Doch die Küsten-, Hügel-, Licht-, und Felsformationen, die Steilheit, die Art der Buchten, der Taleinschnitte, die Farbe der Bäume, alles ist immer wieder ganz unterschiedlich. Manchmal gibt es viel und dann wieder weniger verdorrte Bäume, manchmal sind sie ganz dicht, und dann wieder weniger dicht. Hie und da kann man Unterholz sehen, und dann wieder nur Äste, oft satt dunkelgrün und dann wieder etwas heller. Oder das Schwemmholz am Ufer, durcheinander liegend oder schön geschlichtet. Oder Schluchten und dann wieder breite Rücken. Einmal gar Lawinenreste. Und dann wieder Wasserfälle, im Wald verschwindend, und ins Meer rauschend. Ein Fest für die Sinne.

 

Ich lehne am Oberdeck an der metallenen Wand, spüre am Hinterkopf das leichte Vibrieren des Schiffes, höre das monotone Geräusch der Motoren aus den Schiffskaminen. Ich lasse Eindruck um Eindruck an mir vorbeiziehen. Ich lausche, ob ich den Wasserfall vom Meeresrauschen unterscheiden kann. Ich genieße die vielen Farbschattierungen in gräulichem Blau. Ich mag deren Übergänge entlang der Konturen der Landschaft. Ich blinzle ins Abendlicht. Ich halte mein Kopftuch fest. Ich stemme mich gegen den Wind. Und ich schaue, und staune, dass eine Fährfahrt und so toll sein kann.

 

28. Juli 2022

Mit Rückenwind nach Osten

Als ich am Morgen in den Spiegel schaue, blickt mir ein total verschlafenes Gesicht entgegen. Ich erkenne mich kaum wieder. Denn zwei sehr kurze Nächte hintereinander haben Spuren hinterlassen. Gestern in der Nacht ist die Fähre nämlich die letzten 100 Kilometer ganz langsam dahingedümpelt. Es hätte Nebel, hieß es. Ich kam erst kurz vor 3 Uhr ins Bett. Und die Nacht davor war auch eine kurze, ebenfalls der Fähre wegen. Doch mit etwas Wasser und kräftig Augen reiben wurde ich dann wach und radelfit.

 

Draußen empfängt mich strahlende Sonne. Wie ein Herbsttag mit klarer Luft. Dazu bewaldete Berge rundum. Ich pumpte die Reifen nach und düste los. Richtung Osten ist jetzt die neue Richtung. Hoffentlich kann ich mich daran gewöhnen. Schon nach den ersten paar Kurven kamen mir Trucks mit Langholz entgegen. Die Welt ist also hier in Prince Rupert im Norden auch im Lot. Es sind dieselben Verkehrsteilnehmer wie weiter unten.

 

Beim ersten See spiegelt sich die grüne Landschaft. Und als ich nach der Straßenabzweigung entlang eines großen Flusses fahre, sehe ich bei einem Landesteg eine Fahne. Sie steht stramm im Wind. Juhu, ich habe Rückenwind. Gestern eine Fährfahrt, und heute Fliegen. So schaut entspanntes Radeln aus. Denn mit dem Wind von hinten ist es fast wie fliegen, so schnell geht es dahin.

 

Oben auf den Bergen zeigen sich Schneefelder und Gletscher. Es glitzert überall. Und unten im Tal mäandert ein breiter Fluss dahin, füllt das weite Tal fast ganz aus. Es ist eine traumhafte Kulisse, genial zum Kurbeln. Die Strecke geht entlang einer Eisenbahnlinie flach dahin. Doch einen Zug sehe und höre ich erst am späten Nachmittag. Oder ich habe die anderen übersehen, weil vom tollen Ambiente zu sehr abgelenkt.

 

Irgendwann höre ich es im Unterholz neben der Straße knacken. Ein paar Sträucher wackeln. Ich bremse ab. Als ich zum Stehen komme, sehe ich einen Braunbären. Er hatte gerade einen Strauch mit roten Beeren in der Arbeit. Doch er nimmt gleich reißaus, verschwindet im Gebüsch. Dafür taucht was anderes auf. Fliegen haben mich entdeckt, und Moskitos mit dazu. Beim Fahren waren sie kein Thema. Doch jetzt beim Stehen sind sie mehr als nur lästig. Als Bär muss man hier in der Gegen wohl ein dickes Fell haben.

 

29. Juli 2022

Was man am Weg alles sieht

Gleich am Morgen bin ich schon Gast bei McDonalds. Zumindest vor dessen Gebäude. Ich brauchte W-Lan für einen Kontakt mit daheim. Am Campingplatz war nichts verfügbar. Und dann spurte ich mich mit der Sonne im Gesicht auf dem Seitenstreifen des Highways ein Richtung Osten. Zuerst war noch einiges los auf der Straße. Doch schnell löste sich der Knäuel auf. Dafür war am Fluss einiges mehr los. Zahlreiche Fischer standen bei einer Flussbiegung weit vom Ufer weg im Wasser und schwangen ihre Fliegenruten auf und ab. Es musste ein richtig begehrter Platz gewesen sein. Denn sowohl flussauf- als auch flussabwärts versuchten sie ihr Glück, während ich ihnen eine kurze Zeit von einer Brücke zuschaute. Fang konnte ich jedoch keinen sehen.

 

Dafür hatte ich später dann mehr Glück. Ich konnte nämlich einen richtig guten Fang verzeichnen. Nämlich einen Schnappschuss eines Bären einfangen. Ich hörte es oberhalb der Böschung rascheln und hörte Äste brechen. Dann sah ich ein schwarzes Ungetüm mittendrin. Mit Respektabstand blieb ich stehen. Und der Bär zeigte auch Respekt. Er wartete mit Abhauen bis ich meinen Fotoapparat bereit hatte. Dann mühte sich das schwere Tier die Böschung hinauf und verschwand. Ich weiß nicht was ich gemacht hätte, wenn er in meine Richtung gekommen wäre.

 

Irgendwann am frühen Nachmittag bog ich vom Highway ab. Ich folgte seiner ehemaligen Trasse über viele Kilometer nahe zum Fluss. Mit dem Fahrrad war ein Durchkommen möglich, auch wenn die Straße sonst gesperrt war. Sie war schon recht eng zugewachsen. Ich fand es fast ein wenig abenteuerlich, weil sonst weit und breit niemand am Weg war. Und für kurze Zeit war es auch spannend. Denn weit vorne vor mir trottete plötzlich ein vermutlich noch junger Wolf die Straße entlang. Als er mein Kommen hörte, bog er gleich wieder in das Unterholz Richtung Fluss ab. Am Abend recherchierte ich dann zum Vorkommen von Wölfen in Kanada. Sie wurden früher von Farmern fast ausgerottet. Doch zwischenzeitlich gibt es sie anscheinend wieder zahlreich. Und ich habe heute zufällig einen von ihnen kurz gesehen.

 

30. Juli 2022

Tolle Gletscher und eine lustige Geschichte

Hohe schneeweiße Wolkentürme prägten heute den ganzen Tag das Bild. Und darunter gab es auch viel Weiß zu sehen. Nämlich mit den Schneefeldern und den Gletschern auf den Bergen. Manche waren fast zum Greifen nahe. Andere wieder auf einer Gebirgskette irgendwo am Horizont. Und dazwischen lebhaftes, buntes Grün auf Wiese und Wald. Hie und da hell, das Auge erfrischend, und dann auch in gesättigtem Dunkel, beruhigend.

 

Doch am besten gefallen haben mir die Gletscher. Je näher ich ihnen auf der Straße kam, desto schöner kamen sie mir vor. Da gesellte sich dann zum Weiß auch noch ein helles, kaltes Blau. Bruchlinien waren auch zu sehen, und Gletscherabflüsse sowieso. Ein paar Mal überlegte ich mir gar, wieder ein Stück zurückzufahren. Einfach um die beste Perspektive fürs Betrachten zu finden, zumindest vom Rad aus. Denn mit Bergschuhen wäre der Genuss natürlich nochmals ein größerer gewesen.

 

Irgendwann kurz vor Smithers, einer kleinen Stadt am Bulkley River, hupte jemand aus der Autokolonne beim Vorbeifahren neben mir. Am Dach sah ich ein grünes Kanu. Und das Gesicht des Mannes, der sich lachend aus dem Beifahrerfenster lehnte, kannte ich auch. Ich war perplex, ihn hier nochmals anzutreffen. Er winkte mir zu, und schrie den Namen eines Sees an der Strecke. Ich musste ebenfalls lachen, und winkte freudig zurück. Unglaublich, diese Geschichte. Sie begann vorgestern, als ich mich nach der Fährfahrt in Prince Rupert wieder auf das Rad schwang.

 

Ich wollte ein Foto der tollen Umgebung mit dem wunderbaren See machen und fuhr auf einen Aussichtsparkplatz. Dort stand ein Auto mit einem grünen Kanu auf dem Dach. Zwei ältere Männer vertraten sich die Beine. Ich sprach sie wegen des Kanus an. Es waren zwei Kanadier auf Kurzurlaub. Als ich mich als Österreicher vorstellte, meinten sie, dass ihre Eltern auch aus Europa seien. Nach dem Krieg mit vielen anderen aus Dänemark ausgewandert.

 

Während der eine der beiden die Gurte der Kanubefestigung nachspannte, benannte der andere ein paar besonders markante Passagen auf meiner anstehenden Route nach Osten. Von Prince Rupert bis Smithers sei sie am schönsten. Soweit eigentlich nichts Besonders, bloß Sightseeing-Empfehlungen von Einheimischen. Lustig war jedoch, dass die beiden Dänemark-Kanadier am Abend zufällig am selben Campingplatz vis-a-vis von mir eincheckten. Der Gesprächigere fragte gleich nach, wie mir die Landschaft gefallen hat. Ich antwortete launisch, für den ersten Tag ganz gut, doch ich sei ja noch nicht bis Smithers gefahren. Dann will er mich später danach fragen, meinte er lachend. Wir würden uns sicher wieder treffen, und benannte ihren Campingplatz für den nächsten Tag. Gestern am Abend dachte ich, dass auch ich dort mein Zelt aufgestellt hatte, doch ein Auto mit dem grünen Kanu am Dach sah ich keines.

 

Ja, und heute, ausgerechnet kurz vor Smithers, hatte mich das Auto mit dem grünen Kanu am Dach überholt. Zufälle gibt es, unglaublich. Mit dem Zuruf des Namens eines Sees aus dem Auto heraus wollten sie wohl die Geschichte fortsetzen. Vielleicht geht sie auf. Doch unglaublich war sie ja schon bisher. Und die Landschaft bis Smithers jedenfalls war wie angekündigt, nämlich unglaublich wunderbar.

 

31. Juli 2022

Schöne Seen und eine flache Strecke

Verwöhnt von den Vortagen kommt mir die heutige Strecke etwas weniger attraktiv vor. Mir fehlen die schneebedeckten Berge. Es gibt nur bewaldete Hügel. Und vor allem viele Seen. Die gefallen mir natürlich schon, mit ihren ganz unterschiedlichen Farben. Vom tiefen Blau über ein sattes dunkles Grün bis zu einer Mischung aus beidem. Das Wasser ist vom Wind meist leicht gekräuselt. Und das Ufer ist von Wald gesäumt. Oder der See ist in den Wald eingebettet. Zugänge gibt es eher selten. Und wenn eine Straße hinführt, dann ist meist auch schon der Motorlärm der Boote zu hören.

 

Die Straße geht flach hin. Ein paar längere Steigungen gibt es dennoch. Über den Tag verteilt gewinne ich deutlich an Meereshöhe. Doch zum Fahren ist es ganz fein. Nur hie und da ist die seitliche Schulter in einem schlechten Zustand. Ich fahre dann zickzack nach Gehör, und wechsle von der Straße seitlich nach rechts wenn sich ein großes Fahrzeug nähert. Denn obwohl Sonntag sind auch einige Trucks am Weg.

 

Irgendwann passiere ich ein Sägewerk neben der Straße. Der Holzplatz ist schon von weitem zu sehen, weil so riesengroß. Nahe beim Hauptgebäude sind dann die gesägten Produkte auch zu riechen. Wunderbar, dieser Geruch nach Holz, oder nach Sägespänen, oder nach dem, was von beidem ausgeht. Betörend gut.

 

Und gut gefällt mir auch der Signalton der Lokomotiven. Er tönt anders als das schrille Pfeifen in Europa. Ein paar Mal kann ich es heute hören. Es sind ein langer Güterzug und ein kurzer Personenzug mit nur 3 Wagons, die mich überholen. Die Straße führt hie und da nahe zu den Gleisen der Bahn. Bei den immer unbeschrankten Übergängen der Nebenstraßen lassen die Züge ihren Signalton hören, und das meist gleich mehrfach.

 

Am späten Nachmittag finde ich einen am Fraser Lake liegenden öffentlichen Campingplatz. Großzügig angelegte Wiesen mit kurz geschnittenem Rasen direkt am azurblauen Wasser. Die sonstige Infrastruktur ist zwar spartanisch, doch wohlfühlen tue ich mich dennoch. Ich habe viel Platz rund um mich im Gras, und eine tolle Aussicht übers Wasser auf die dicht bewaldeten Hügel ringsum. Ach so, ja, einen Bahnübergang gibt es auch gleich daneben. Doch der Signalton gefällt mir ja, habe ich vorhin geschrieben. Und wenn untertags nur wenige Züge fahren, dann werden es in der Nacht hoffentlich nicht mehr sein.

 

1. August 2022

Ein Elch auf der Straße und ein Gitter vor dem Geschäft

Eine unruhige Nacht. Die Platzwahl neben den Bahngleisen war vielleicht doch keine so gute Idee. Denn der Zug ist in der Nacht gleich ein paar Mal direkt durch mein Zelt gefahren. So hörte es sich jedenfalls an. Und dass ich es auch sicher mitbekomme, wurde die Durchfahrt von mehrmaligem lautem Hupen begleitet. „Fucking train“ war der Kommentar meines Zeltnachbars am Morgen. Doch da hatte ich mein Zelt schon wieder eingepackt und war abfahrbereit. Und mit dem Platz und der Bahn versöhnt. Denn die Morgensonne schien breit über den See herüber und lachte einladend vom blauen Himmel.

 

Mit leichtem Rückenwind ging es gleich flott dahin. Es war nur ganz leicht hügelig. Ich machte richtig Tempo. Das gefällt mir jedes Mal absolut gut. Wenn fast keine Windgeräusche sind, und nur das Surren der Räder am Asphalt und das Mahlen der Kette am Kettenblatt zu hören sind. Oder dieses schnelle, gleichmäßige Klicken des Freilaufs wenn ich abwärts am Weg bin. Dazu fürs Auge hie und da ein kleiner See, mal links, mal rechts, mal grün, mal blau. Das mäßige Bolzen heute hat mir gefallen.

 

Bei einer Pinkelpause vor einem Anstieg kreuzt vor mir ein Elch die Straße. Er stoppt kurz ab, und trabt dann locker weiter. Sein Geweih war mächtig. Im Gegenlicht der Sonne gab das Tier eine imposante Erscheinung. Es ließ sich durch ein nahendes Wohnwagengespann nicht aus seinem Trott bringen. Wahrscheinlich war der Elch an das Überqueren des Highways schon gewohnt. Als ich dann später auf seiner Höhe war, war er im Wald nicht mehr zu sehen. Doch dass es Wildwechsel auf dieser Strecke gibt, war immer wieder auf Hinweistafeln zu lesen. Elche, Rentiere und Hirsche, wenn ich die unterschiedlichen Symbole richtig interpretierte.

 

Schon früh am Nachmittag erreichte ich die Stadt Prince George. Ich freute mich, dass es so schnell gegangen ist. Denn ich hatte schon vor ein paar Tagen hier in einem Fahrradgeschäft nachgefragt, ob sie einen passenden Hinterreifen für mich haben. Auf der weiteren Route meinte ich, mir rechtzeitig keinen mehr besorgen zu können. Das Geschäft hatte ich gleich gefunden. Die Öffnungszeiten waren ebenfalls angeschrieben. Doch es war ein breites Scherengitter vorgezogen.

 

Zuerst zweifelte ich am Wochentag. Denn beim Rundumschauen kam mir vor, als ob alle Geschäfte geschlossen wären. Ich kannte mich nicht mehr aus. Ist Urlaubszeit und alle haben zu? Ein vorbeikommender Fußgänger war ebenfalls ratlos. Er hätte weiter vorne auf den Bus gewartet, und gehe jetzt zu Fuß, weil keiner gekommen sei. Vis-a-vis zeigte die Werbetafel eines indischen Restaurants, dass es geöffnet hat. Also fragte ich dort nach, wieso sonst alles geschlossen ist. Es sei heute “British Columbia Day“, erklärte mir die junge Frau mit einem roten Punkt auf der Stirn. Aha, sagte ich leise zu mir: Reisen bildet. Was weiter unten im Süden der 4. Juli ist, ist dann hier in Kanada wohl der 1. August. Den neuen Hinterreifen gibt es also erst morgen.

 

2. August 2022

Ein neuer Hinterreifen und Slalomfahren am Seitenstreifen

Nach einem Frühstück mit Rösti war ich kurz nach 9 Uhr beim Fahrradladen. Von außen unscheinbar war er drinnen umso besser sortiert. Doch ich beschränkte mich beim Einkaufen auf einen neuen Hinterreifen. Nach einer guten halben Stunde und Selbstmontage war ich schlauchlos mit einem Michelin Power Gravel wieder unterwegs. Zwar nicht mein Wunschreifen, doch fahrbar. Und etwas außerhalb der Stadt knackte ich die 10.000 Kilometermarke auf meiner Tour. Als Belohnung gönnte ich mir drei Ferrero Rocher, mitten unter den tausend anderen Süßwarenartikeln zufällig bei einer Tankstelle gesehen. Dort kaufte ich Proviant ein. Denn eine Hinweistafel an der Straße machte darauf aufmerksam, dass es die nächsten fast 200 Kilometer jedenfalls keine Tankstelle mehr geben wird. Und woanders sind in dieser einsamen Gegend keine Lebensmittel aufzutreiben.

 

Im Gegenverkehr sah ich immer wieder Trucks mit Langholz. Und in meiner Richtung waren welche unterwegs, die das Holz in Folie verpackt retour beförderten. Wahrscheinlich getrocknete Bretter oder Balken. “Yellowhead“ ist der Name des Highways, auf einer breiten Schneise durch den Wald angelegt. Die Straße wies oft lange schnurgerade Teilstücke auf. Ein paar sanfte Hügel lagen dazwischen. Da verschwanden die Autos dann in der Senke und tauchten erst an den Scheitelpunkten wieder auf.

 

Irgendwann sah ich dann auch wieder Berge am Horizont. Doch wirklich näherkommen wollten sie nicht. Oder es kamen andere dazwischen, die sie ablösten. Mir passte das auch ganz gut. So war das Fahren weniger anstrengend.

 

Am Seitenstreifen lagen viele Leinwandreste von Autoreifen. Manchmal war es fast wie Slalomfahren zwischen den schwarzen Gummiteilen durch. Wenn es ein längeres Stück aufwärts ging, dann war die Straße zweispurig angelegt. Das bedeutete dann viel Platz für mich. Einige Kettenanlegeplätze gab es auch. “Chain up“ und “ Chain off“ konnte ich ein paar Mal lesen. Und beim Weiterfahren fragte ich mich, ob das im Winter dann auch für Fahrradfahrer verpflichtend ist?

 

3. August 2022

Ein Hase, viele Mücken, und später ganz viel Regen

Mein Zelt hatte ich gestern bei einem Rastplatz am Highway aufgeschlagen. Fürs Weiterfahren in die nächste Ortschaft war es mir zu weit. Doch für eine Notlösung war es ganz ok. Dafür weiß ich jetzt, dass auch Hasen Urlaub brauchen. Das erklärte mir nämlich ein Familienvater, als er die Klappe der Ladefläche seines Pickups öffnete und die Kinder raufturnten. Ein großer weißer Hase schaute dort neugierig aus seinem Metallkäfig hervor. Mir schien, er war ganz munter, wäre wahrscheinlich auch gerne mal in der Wiese des Rastplatzes rumgehüpft, und dann vielleicht im Wald mit den alten Bäumen verschwunden. Eine Hinweistafel sagte, dass es hier in diesem weltweit einzigartigen und geschützten Regenwaldgebiet mehr als 1.000 Jahre alte Zedern gibt.

 

Nur die vielen Mücken waren unerträglich. Vielleicht spürten sie den Wetterumschwung und waren deshalb so aktiv. Oder sie gehören zu einem Regenwaldgebiet ganz selbstverständlich mit dazu. Wie auch der Regen, der dann kam. Am Morgen regnete es jedenfalls. Und zwar gerade so lange und so viel, dass alles richtig nass war. Das Einpacken des Zeltes machte mir wenig Spaß. Doch ich war dennoch schnell. Die Mücken halfen mir dabei, dass es ruck zuck ging. Sie schien der Regen wenig zu stören. Aber auf der Straße war ich sie dann wieder los.

 

Die Berge rundum lagen in dichten Wolken. Immer wieder waren graue Regenschauer über den Flanken zu erkennen. Kurz vor Mittag erreichten sie die Talebene und den Highway, und damit auch mich. Mit der Regenkombi machte ich dann die letzten Kilometer bis zur Ortschaft. Für heute musste ein halber Tag am Rad genügen. Ich hatte keine Lust auf nasse Füße. Also bog ich bei einem Motel an der Straße ab und checkte ein. Davor hatte ich noch eine Werbetafel im Ort gesehen. “Mountainview“ war groß zu lesen. Doch an einem Regentag wie heute kommt das wohl eher einer Mogelpackung gleich. Denn ab dem Nachmittag hatte es sich richtig eingelassen. Fast wie November-Tristesse, und nicht wie August-Sommer.

 

4. August 2022

Warten auf besseres Wetter

Verhangene Berge. Kalt. Unlustig. Ich blättere im Tagebuch Seite um Seite zurück. Vor fast 2 Monaten hatte ich wegen Regens einen Pausentag eingeschoben. Das war noch unten in Missouri. Demnach war es die letzten 7.300 Kilometer bis hierher gar nicht so schlecht, denke ich mir. Doch die nächsten Tage will ich ins kanadische Herzstück der Rocky Mountains. Also vielleicht ein bisschen taktieren und auf besseres Wetter rund um die Gegend von Jasper und Lake Louise hoffen. Wenn die Vorhersage zutrifft, dann könnte ich ja bald wieder aufs Rad. Heute mache ich jedenfalls mal Pause.

 

Nachmittags geriet ich in einen Landmaschinenladen. An der Tankstelle hatten sie mich, nach einem starken Klebeband zur Befestigung der Schutzhülsen am Gepäckträger fragend, dorthin verwiesen. Der Einkauf war dann lustig. Denn ein anderer Kunde meinte mir zuhörend, dass ich einen „starken Akzent“ hätte. Er verortete mich nach Deutschland. Ich musste lachen. Anscheinend lässt sich die sprachliche Herkunft nie ganz ablegen. Das dachte ich mir hie und da auch schon im Kontakt mit anderen Leuten vor Ort auf meiner Reise. Obwohl nur in zwei Staaten unterwegs, radle ich dennoch mittendrin in einem nicht nur rein sprachlich bunten Multikulti-Potpourri.

 

5. August 2022

Weltklasse Hühnerrennen und eine steile Felswand

Es ist ziemlich frisch am Morgen. Das Thermometer zeigt 10 Grad. Die Berge rundum sind noch in Wolken. Doch etwas Blau ist schon zu sehen. Und später wird es zunehmend mehr. Aber vorher suche ich noch meine Radhandschuhe, und finde sie nicht. Ich habe sie wohl beim letzten Regenstopp irgendwo an der Straße abgebaut. Vielleicht tapst jetzt ein kleiner Bär mit ihnen rum. Ich werde mir neue besorgen müssen.

 

Nach den ersten paar Kilometern denke ich mir: Uihh, ist das schön. Wieder am Rad zu sitzen. Die runde Bewegung genießen. Den Wind im Gesicht spüren. Rundum schauen was sich so tut. Hie und da einen Nasentropfen wegwischen. Am Radla, wunderbar.

 

Zwei Hirsche springen auf, machen mächtige Sätze, suchen eine Lücke im Gebüsch, und weg sind sie wieder. Edle Tiere mit eleganten Bewegungen. Später sehe ich einen verendet im Graben liegen. Auf dem Rücken, die Beine weggestreckt. Krähen haben sich an ihm zu schaffen gemacht. Sie fliegen auf, als ich sie passiere, und mit Geschrei dann gleich wieder zurück.

 

Nach einem einsamen Farmgebäude fällt mir eine große Werbetafel mitten im Wald auf. Fünf schnell laufende Hühner sind abgebildet, dazu der Text “World class chicken racing“ und ein Ortsname. Ich sinniere nach, ob es das wirklich gibt, Hühnerrennen? Und dann noch groß beworben. Ich nehme mir vor, das bei Gelegenheit mal zu recherchieren. Und auch nachzuschauen, wo denn dieses Fort James liegt. Eishockey spielen sie in Canada ja auch. Doch gesehen habe ich davon noch nichts. Vielleicht ist also doch was dran, an der Weltklasse kanadischer Hühner, die ich auch noch nicht gesehen habe.

 

Bei einem Parkplatz liegt die Wiese mit den Tischen in der Sonne. Das gefällt mir. Ich mache Pause. Als ein Auto hält, steigt ein Mann aus. Er bietet mir eine Wasserflasche an. Hier gebe es ja nichts am Weg. Vielleicht sei ich froh darum. Er hätte noch mehr davon im Auto. Voll nett, ich greife zu. Ja, Laden gibt es hier wirklich keinen. Doch Wasser schon. In den vielen Bächen, die sprudelnd von den Bergen runterkommen, und schön anzuschauen sind.

 

Kurze Zeit später und wieder am Rad denke ich mir, ob ich den freundlichen Kanadier aus Edmonton nicht um einen Schirm hätte bitten können. Denn es fängt an zu regnen. Entlang der Berge auf der linken Talseite ziehen Regenschauer durch. Die rechte Talseite ist von der Sonne noch schön beleuchtet. Leider führt die Straße eher links entlang. Also beschließe ich, bei einem kleinen Parkplatz das Vorbeiziehen des Regens abzuwarten. Die Äste einer großen Tanne bieten mir Schutz. Lang muss ich nicht unterstehen. Ich kann bald wieder auf nasser Straße weiter.

 

Am frühen Nachmittag erreiche ich den Mount Robson-Nationalpark. Und gleich darauf ist die mächtige, noch von Schnee und Eis durchzogene Felswand dieses Bergriesen zu sehen. Sein Gipfel liegt in dichten Wolken. Auch die Gletscherfelder der angrenzenden Berge sind nur im Ansatz zu erkennen. Dennoch imposant und beeindruckend, wie steil sich der Berg auftürmt. Dem Mount Robson fehlen nicht mal 50 Meter, dann würde er in der Liste der 4.000er geführt. Beim Visitor-Center bin ich dann nicht mehr allein. Hier scheint es gerade ein Treffen von Wohnmobilen zu geben. Die haben das gleiche im Sinn wie ich: Schönheit der Natur bestaunen.

 

6. August 2022

Glitzerndes Gletscherweiß und Touristenrummel in der Stadt

Sternenklare Nacht. Über der Straßenschneise im Wald glitzert es wunderbar. Unten zwischen den Bäumen ist es am Campingplatz stockdunkel. Und dazu ziemlich kalt. Es friert mich gar leicht. Doch am Morgen blinzelt die Sonne über den Platz. Es scheint ein schöner Tag zu werden.

 

Gestern wollte sich der Mount Robson nicht so recht zeigen. Erst recht spät haben sich die Wolken rund um den Gipfel verzogen. Aber da war es schon am eindunkeln. Am Morgen jedoch, beim Einbiegen auf den Highway, zeigt er sich in ganzer Pracht. Schnee und Eis in der grandiosen Westwand. Dazu weit unterm Gipfel nach Süden eine lange Schulter mit ausgeprägtem Grat. Und natürlich ein mächtiger Gletscher in strahlendem, reinem Weiß. Grandios. Der Parkplatz ist noch ganz leer. Wohnmobilcamper schlafen anscheinend länger.

 

Mit einer kräftigen, aber angenehm zu fahrenden Steigung komme ich eine Etage höher in ein langgezogenes Tal. Links und rechts ist es von bewaldeten Bergen flankiert. Unten fließt der Fraser River durch. Hie und da höre ich ihn kräftig rauschen. Zwei Eisenbahnzüge gab es auch noch, die für eine kurze Zeit ebenfalls laut rauschten. Ein langer Personenzug mit Panoramawagen, und ein überlanger Güterzug mit gar drei Lokomotiven und doppelstöckig geladenen Containern. Und auf der Straße war ebenfalls einiges los, sowohl auf meiner Spur, als auch fast noch mehr in der Gegenrichtung.

 

Kurz vor dem Eingang zum kostenpflichtigen Jasper Nationalpark in Alberta zog eine braune Holztafel mit weißer Aufschrift meine Aufmerksamkeit auf sich. “Zeitzonenwechsel, Uhr eine Stunde vor“. Uihh, das habe ich ganz vergessen, denke ich mir. Wenn ich mich jetzt nach Osten orientiere, dann muss ich mich wieder von Zeit zu Zeit an das Drehen der Uhr gewöhnen.

 

Jasper, der regionale Verkehrsknotenpunkt und die “Hauptstadt“ des Nationalparks zeigt sich dann ganz als touristischer Hotspot. Es wurlt in den Straßen und in den Geschäften. Darauf muss ich mich die nächsten Tage wohl einstellen. Es wird auf meiner geplanten Route entlang des Icefields Parkways sicher ähnlich sein.

 

7. August 2022

Großes Gletscherkino zum Staunen

Obwohl schon früh wach, brauche ich heute etwas länger bis ich am Rad bin. Ich warte ungeplanter Weise ab, bis die Sonne über die Berge scheint. Und mit ihr ist es gleich viel angenehmer, richtig wohlig. Ein paar wenige Wolken ziehen durch, doch sie stören nicht.

 

Die Kanadier beschreiben ihren Icefields Parkway von Jasper bis Lake Louise als die landschaftlich schönste Straße der Welt. Das lese ich zumindest so in der Infobroschüre über den Nationalpark. Gestern wollte ich sie zuerst gar nicht mitnehmen. Doch heute bin ich froh darum. So weiß ich, wo die besonderen Aussichtspunkte an der Straße sind, und kann mich besser orientieren.

 

Am Morgen habe ich das Gefühl, dass ich allein am Weg bin. Ich genieße es. Und noch mehr genieße ich die tolle Landschaft. Fast hätte ich einen Elch übersehen, der unmittelbar an der Straße sein Geweih am Putzen ist. Er reibt es in aller Ruhe an den Ästen, schaut aus wie morgendliches Zähneputzen.

 

Rund um mich herum, und ganz speziell auf der rechten Seite ziehen entlang des Athabasca Rivers Wälder und Berge vorbei. Oben schauen Schneefelder und Gletscher herab. Die Wände sind schroff und steil. Der Fluss glitzert. Ich komme mir vor wie im Kino. Erste Reihe fußfrei, in angenehmer Distanz zur Leinwand. Bei nur mäßiger Steigung pedaliere ich dahin, auf gutem, feinem Asphalt, und überbreitem Seitenstreifen. Der Verkehr hält sich in Grenzen. Nur an den Aussichtspunkten staut es sich, oder ist mehr los. An den tosenden Wasserfällen, oder an den Parkplätzen mit besonders guter Sicht auf die Gletscher, und später dann beim großen Columbia Eisfeld. Doch als Radler bin ich die ganze Zeit mittendrin in diesem Gletscherfilm. Ich genieße nicht nur die Höhepunkte, sondern auch das davor und danach.

 

Ich sehe den vom Gletscherwasser milchig grün gefärbten Fluss, wie er breit dahinrauscht. Oder wie er ganz langsam den ganzen Talboden ausfüllend hin und her mäandert. Ich höre das wilde Wasser gurgeln. Es klingt wunderbar. Und mit dem Blick auf die schroffen Felsen und die darüberliegenden Gletscher ist es fast zum dahin schmelzen, so schön. Immer wieder bleibe ich stehen. Knipse Bilder, schaue und staune. Was für ein genialer Tag. Ein Sonntag und eine Landschaft zum Juchzen.

 

Beim Columbia Icefield Center mache ich einen Zwischenstopp. Ich belohne mich, weil es zum Schluss dann doch etwas steil war. Und weil mir das Radfahren heute in dieser Umgebung so getaugt hat. Ein „Gipfel-Salat“ mit grünen Bohnen, kleinen Kartoffeln, Tomaten, Dill und Schnittsalat schmeckt mit dem Columbia Dressing und zwei knusprigen Brötchen ausgezeichnet. Ich vergesse fast den Trubel rund um mich herum. Denn es warten gefühlte tausend Leute, bis sie mit Bussen auf den Gletscher gekarrt werden, und dort etwas im Schnee rumtapsen dürfen. Oder noch näher bei den gigantischen Eisbrüchen sein können. Mir genügt jedoch der Blick vom Parkway aus. Ich bin vollauf zufrieden mit dem sonntäglichen Kino heute. Das war richtig tolles Radfahren. Abends schaue ich mir dann nochmals die Bilder an. Eine fantastische Landschaft. Zum Staunen.

 

8. August 2022

Ein fantastisches Ambiente und ein verschwundenes Zelt

Ich bin froh, dass ich gestern nicht am Wilcox Pass übernachtet habe, sondern noch bis ins Tal hinunter gefahren bin. In der Morgenfrische hätte es bei der Abfahrt wohl kalte Finger und Ohren gegeben. So sind es nach dem Start nur wenige Kilometer bis mir die Sonne ins Gesicht scheint.

 

Rund um mich geht die Vorführung von gestern weiter. Ein gigantisches Ambiente. Steile Felswände, mächtige Gletscher, dunkelgrüner Wald, etwas Rückenwind, und ich mit bester Laune. Hey, macht das Radfahren hier Spaß. Und als Steigerung zu gestern kommen heute noch viele Seen ins Spiel. Immer wieder mit etwas anderer Farbe. Denn es ziehen auch ein paar Wolken mit mir durch. Sie bedienen den Mischpult der Beleuchtung. Eine Inszenierung zum Staunen, und zum freihändig Applaudieren. Beim Bow Lake kommt es mir vor, als ob der Gletscherfilm seinen Höhepunkt erreicht hat. Schöner und idyllischer geht es fast nicht mehr. Das Folgende danach ist dann ein langer Abspann bis Lake Louise. Ebenfalls zum Genießen.

 

In Lake Louise stelle ich am riesigen Campingplatz mein Zelt auf. Beim Eingang heißt es zwar, dass sie voll sind, doch für Radfahrer aben sie noch einen Platz frei. Ich wähle beim Sektor K die Nummer 10 aus, deponiere meine Taschen, und freue mich auf die Auffahrt zum Lake Moraine. Ein türkiser See, eingebettet in einen Felsenkessel, von oben bewacht durch mächtige Gletscher. Kitschig schön. Es wimmelt zwar von Leuten, und man steht sich gegenseitig fast auf die Füße. Doch der Blick auf den See ist es wert. Zufrieden düse ich ins Tal, und nehme noch eine Runde zum Lake Louise mit. Ebenfalls wunderbar, und ebenfalls übervoll mit Touristen. Es ist halt Hochsaison, und die Landschaft hier ist eine mit magischer Ausstrahlung.

 

Am Campingplatz falle ich dann fast vom Rad. Auf meinem Platz hat sich eine Familie breit gemacht. Mein Zelt ist weg, samt meinem Gepäck. Ein Schock. Die Parkranger hätten meines abgebaut, denn die Familie hätte diesen Platz reserviert. Also mache ich mich auf die Suche. Mein Zelt findet sich in einem abgesperrten Container der Campverwaltung. Es stellt sich heraus, dass mein richtiger Platz die Nummer 12 ist, direkt neben der 10. Also führen die Ranger mein Zelt auf der Ladefläche ihres Pickups wieder zurück. Auf diese Art hatten sie es auch entfernt. Zum Kichern. Aber erleichtert bin ich jedenfalls, dass alles noch da ist. Ein etwas überraschender Abschluss eines großartigen Tages.

 

9. August 2022

Wunderbare Täler und kräftiges Schwitzen

Früh aufgewacht setz ich mich schon um 7 Uhr aufs Rad. Die Berge ringsum sind sonnenbestrahlt. Doch der Ort liegt tief im Schatten. Das Thermometer zeigt 5 Grad. Und so fühlt es sich an den Fingern und Zehen auch an. Dazu führt meine Route auf der linken Talseite nach Süden, also auf der Schattseite. Auf die Sonne muss ich fast 30 Kilometer lang warten. Doch dann knallt sie herunter. Es wird auch kleidungsmäßig ein abrupter Übergang. Kurzärmelig und ohne Beinlinge gehe ich die erste Steigung des Tages an. Sie zieht sich kräftig. Vielleicht bin ich auch vom vielen Schauen etwas müde.

 

Ich meinte zwar, dass die landschaftlichen Höhepunkte schon vorbei sind. Doch das Bow Valley mischte im Reigen der ganz Großen kräftig mit. Das Türkis des Flusses passte gut zum Wald und den Felsen, und dem stetig weniger werdenden Weiß.

 

Nach der Steigung tat sich ein anderes Tal auf. Ich gelangte in den Kootenay Nationalpark. Die seitlichen Flanken mit Felsen und viel Wald waren hier weniger hoch. Dazu war der Talboden breiter. Lieblicher kam es mir vor, weniger schroff. Ein paar Einblicke auf imposante Gletscher in Seitentälern konnte ich dennoch erhaschen. Der Wald schaute über mehr als 60 Kilometer arg zerzaust aus. Kahle, abgestorbene, ergraute, astlose Bäume prägten mit ihren nackten Stämmen das Bild. Käferbefall ist die Ursache, konnte ich in einer Broschüre nachlesen. Doch darunter oder dazwischen kam saftig grüner Jungwald empor. Zumindest in großen Teilen. Die Natur erholt sich, oder passt sich an, oder definiert sich immer wieder neu.

 

Irgendwann waren die Numa Wasserfälle angeschrieben. Während es für die Autofahrer einen kurzen Fußmarsch gab, konnte ich mit dem Rad bis zum Fluss und der Felsenkante vorfahren. Durch eine markant felsige Verengung suchte der Vermillion River seinen Weg nach unten. Die Gischt und das hohe Wasserspritzen waren beeindruckend. Die Regenbogenfarben im Sonnenlicht ebenso.

 

Später erkundigte sich ein Motorradfahrer, auf mein Tempo abbremsend, ob alles ok sei oder ob ich Wasser brauche. Wahrscheinlich hat er meinen roten Kopf gesehen. Während ich am Morgen noch fror, ließen mich am Nachmittag die ungewohnt hohen Temperaturen kräftig schwitzen. Die Pointe als Replik auf das Fragen nach Wasser fiel mir aber erst etwas später ein: Ich hätte sagen können, dass ich vorher bei den Numa Fällen aufgetankt hatte.

 

Auf einem Rastplatz traf ich dann auf einen anderen Radfahrer mit schwerem Gepäck. Er hatte sogar eine Fischerrute mitgenommen, und sie hinterm Sattelrohr befestigt. Etwas zögerlich fanden wir auch nur kurz ins Gespräch. Beide waren wir wohl von der großen Hitze irgendwie mitgenommen. Er war aus Süddeutschland, und machte eine Monatstour im westlichen Kanada. Sein Fahrrad war eine Schweizer Marke. Auffällig war der montierte Doppellenker. Am überlangen Steuerrohr hatte er oben eine gerade Lenkstange mit Hörnchen, und darunter noch einen Rennlenker montiert. Es ließe sich damit trefflich radeln. Auf eine Probefahrt wollte ich mich jedoch nicht einlassen. Ich wollte mit meinem eigenen Rad möglichst schnell die letzte Steigung schaffen, und dann unter eine Dusche. Die große Nachmittagshitze machte mir zu schaffen. Jedenfalls war ich mächtig froh, als es dann zum Schluss des Tages nur noch abwärts ging, und ich ausrollen konnte.

 

10. August 2022

Humus mit Paprika und Ratschen bis in die Nacht

Ein bewölkter Tag mit diffusem Licht und wenig spektakulärer Landschaft. Ich bin wieder in besiedeltem Gebiet unterwegs. Der Übergang ging rasant. Alles ist ganz ungewohnt. Es ist ein auffälliger Kontrast zur Gegend der letzten Tage. Kilometerlang stehen plötzlich Reklametafeln in den Wiesen am Straßenrand. Im Fahrradtempo lassen sie sich gut und vollständig lesen. Die Firmen in der nächsten Ortschaft werben für sich und ihre Produkte. Auf 3 Kilometern 300 Geschäfte kann ich auf einer lesen. Keine Ahnung ob das viel ist, oder mehr als anderswo. Bei der späteren Ortsdurchfahrt stellen sich die Betriebe als kunterbunter Branchenmix heraus. Neben den Baumaterialien stechen sie Tatoos, und neben der Kanuvermietung gibt es lange Fingernägel. Für mich ist jedenfalls nichts dabei.

 

Ich fahre weiter und suche mir einen schönen Platz mit Aussicht auf den Columbia-See. Auf ihm probieren gerade zwei Wasserskifahrer ihr Glück hinter den Booten. Mein Plan ist dagegen ein spätes Frühstück oder ein frühes Mittagessen als Jause. Humus mit roter Paprika und Brot ist das Menü. Es schmeckt. Am Platz vorbei führt auch ein Mountainbike-Trail. Ich musste mein Fahrrad von der Straße bis zum Platz schieben. Doch die vorbeikommenden Biker glauben wohl, dass auch ich mit meinem Rad auf ihrem Trail am Weg bin. So entnehme ich es ihren staunenden Augen und den flüchtigen Kommentaren. Bei einem hat es die Motivation sichtlich heruntergedrückt. Er kämpfte schon, den Anschluss an seinen Partner vorne zu halten. Beim Anblick meines bepackten Rades und meiner Entspanntheit ist er dann völlig aus dem Tritt gekommen. Ich winkte ihm freundlich zu, und erfreute mich genüsslich weiterkauend ob des Tages.

 

Am See entlang und viele Kilometer weiter führte ein toller Radweg. Er war unmittelbar neben der Straße angelegt. Auf dem Radweg war mehr Verkehr als auf der Straße. Es schaute so aus, als ob Urlauber auf einer Seeumrundung unterwegs wären. Und mit Staunen stellte ich fest, dass das viele auch auf E-Bikes taten. Bisher hatte ich nur ganz wenige davon gesehen. Ich selber blieb mit meinem Rad auf der Straße. Ich meinte, dass ich dort besser vorankomme. Aber statt auf entgegenkommende Radfahrer musste ich dafür auf die Streifenhörnchen am Wegesrand achten. Die verschwanden mit aufgestelltem Schwanz immer erst im letzten Augenblick in den Wiesenstreifen daneben. Doch vielleicht trieben sie auch nur ein Spiel mit mir, und waren dieses Zuwarten mit Verschwinden bis auf den letzten Drücker längst gewohnt. Mich brachten sie dagegen doch ein wenig in Unruhe.

 

Am späten Nachmittag traf ich dann unerwartet wieder auf den Doppellenker-Radler von gestern. Er checkte gerade auf der Karte seine weitere Route. Der Platz nach einer Brücke war zwar beengt, doch man konnte auf der seitlichen Betonabgrenzung die Räder anlehnen. Ich gesellte mich zu ihm. Ich wollte seine Anreise mit der Bahn ab Vancouver nochmals nachfragen, von der er gestern geschwärmt hatte.

 

Ja, und so wurde es dann trotz des großen störenden Verkehrs daneben ein ganz guter Austausch. Wir setzten gemeinsam die Fahrt fort. Das beim Zuschauen gesehene viele Umgreifen am Doppellenker fürs Schalten oder beim Bergauf und Bergab konnte mich nicht überzeugen. Doch der Radler selbst tat es schon. Dazu trugen das Gespräch am Straßenrand und das Tratschen während des Fahrens bei. Thomas, irgendwo aus der Nähe von Stuttgart, war mir sympathisch geworden. Und obwohl nicht miteinander abgesprochen und jeweils andere Routen verfolgend, ergab sich dann zufällig derselbe Campingplatz als gemeinsames Etappenziel. Der Abend war unterhaltsam und kurzweilig. Total unterschiedlich als Personen fanden wir aufs Radfahren und Reisen bezogen viele Übereinstimmungen. Wir mussten beide staunen, was sich da mit Fortdauer des Abends alles an Interessantem herausstellte.

 

11. August 2022

Urlaubsparty am Vormittag und Grenzübertritt am Nachmittag

Am Morgen setzten wir das Tratschen vom Abend fort. Thomas bei Kaffee, Haferbrei und Zigarette, ich bei Käse, Brot, Banane und Sprite. Und beim Packen brauchten wir beide deutlich länger als sonst. Die jeweiligen Routinen und Handgriffe waren etwas durcheinandergekommen, stellten wir gemeinsam fest. Es wurde für beide ein ungewohnt spätes Losfahren vom Platz. Doch dafür ein umso früheres Einkehren zu einer Rast. Schon nach 20 Kilometern kehrten wir bei einer Tankstelle an einer Straßengabelung zu. Denn dort sollte sich unsere gemeinsame Fahrt dann auch trennen.

 

Thomas wollte sich für mein Bezahlen des Campingplatzes erkenntlich zeigen. Und ich meinte, die letzten kanadischen Dollar aufbrauchen zu müssen. So feierten wir mit Wasser, Limo, Chips, Müsliriegel und Magnum-Eis als Einkauf unser gemeinsames Treffen auf einer Holzbank vor der Tankstelle. Thomas meinte belustigend, das sei eine richtige Urlaubsparty. Ich konnte dem nur zustimmen. Und als die Mittagshitze eher zum Verweilen im Schatten einlud, setzten wir unsere Fahrt endlich wieder fort. Thomas mit Doppellenker Richtung Vancouver, ich mit Einfachdropbar Richtung Montana.

 

Was ich mir ursprünglich als Strecke für den ganzen Tag vorgenommen hatte, kurbelte ich dann mutig in einem halben Tag herunter. So hatte ich die Grenze zu den USA schnell erreicht. Das goldgelbe Montana hieß mich willkommen. An der Grenze ging es flott wie bei meiner Anfahrt. Das Scannen des Reisepasses dauerte nur wenige Sekunden. Das Antworten auf die Frage nach dem Reiseziel auch nicht viel länger. “Have a nice trip“ schloss als Gruß des Beamten die Amtshandlung rasch ab. Ich konnte da nur mit einem breiten Strahlen antworten, und freute mich ob des freudigen Weiterwinkens von einem mit ebenfalls Mundwinkel oben.