Ab Monticello in Utah ...

22. Juni 2022

Wetterbericht schauen und Landschaft riechen

Für heute und morgen waren Regen angekündigt. Das verunsicherte mich etwas in meinem Tun. Dennoch losfahren und mich nass überraschen lassen? Oder es besser vorsichtig angehen und zuwarten? Am besten ist glaub eine Mischung irgendwo dazwischen. Denn mit dem Wind in der Region ist die Vorhersage anscheinend nicht immer ganz zutreffend. Es schaute am Morgen jedenfalls nicht so schlecht aus. Bewölkt und diesig. Der Regen war wahrscheinlich irgendwo anders. Doch es mal gemächlich angehen und nur wenige Kilometer bis zur nächsten Stadt machen, das war auch verlockend. Und so bin ich dann erst spät los und habe mir gar nicht viel vorgenommen.

 

Für die Straße waren teilweise breite Einschnitte in die Landschaft gegraben worden. Das bot ein tolles Farbenspiel der vielen Schichten. Mintgrün samtig, salbei rauh, eierschalen sandig, ockerbraun felsig, blassgrau verwaschen, nahm ich im Durchfahren an den Böschungen wahr. Vielleicht noch ein Mal zurückfahren und die Farben genauer anschauen? Details besser aufzeigen können? Ach, ich bin mit dem zufrieden was mir in der Erinnerung einfällt. Oder meine Sprache als Schilderung zulässt. Denn der wahre Genuss ist das unmittelbare Eintauchen in so etwas am Rad. Das Genießen des einen Moments, und das offen sein für den Nächsten.

 

Später am Nachmittag gab es dann den angekündigten Regen. Nicht viel. Es war nur ein kurzer Schütter. Doch er reichte aus, um die Landschaft auch riechen zu können. Vorher habe ich sie nur mit den Augen und ein wenig mit den Ohren wahrgenommen. Nach dem Regen kam plötzlich für kurze Zeit ganz intensiv ein weiterer Sinn dazu. Ockerbraun lag einem betörend in der Nase, und das sehr angenehm.

 

23. Juni 2022

Ein genialer Tag im Farbentopf

Für den heutigen Tag habe ich mir einiges vorgenommen. Ich wollte die 200 Kilometer von Blanding bis Hanksville durchfahren. Denn dazwischen gibt es keinen Laden oder eine Übernachtungsmöglichkeit, und auch kein Wasser. Ein großes Sandwich und die doppelte Menge Wasser müssen reichen. Mein Zelt kann ich ja immer noch irgendwo aufstellen falls es nicht klappt.

 

Die Sonne ist schon da als ich losfahre. Es ist ein schönes Morgenlicht. Ich bin allein am Weg, und bleibe das auch bis auf ein paar wenige Motorradfahrer und Autos den ganzen Tag. Rund um mich ist es still. Ich höre nur das Mahlen der Reifen auf dem Asphalt. Hie und da auch das Surren des Freilaufs wenn es etwas abwärts geht.

 

Mir gefällt die Landschaft mit ihrem rotbraunen Ton über alle Maßen. Und mit Fortdauer des Tages wird sie immer spektakulärer. Ich lasse einen Juchzer um den anderen, bleibe immer wieder stehen und staune. So was von schön. Und kaum geht es um eine Kurve oder über eine Kuppe hinweg, tut sich schon das nächste Felswunder auf. Es ist ein Baden mit allen Sinnen in einem rotbraunen Farbentopf unter blauem Himmel. Ich mache jede Menge Fotos. Ein paar Mal checke ich auch, ob sie abgespeichert werden. Denn Bilder vom heutigen Tag möchte ich jedenfalls als Erinnerung haben.

 

Bei der Brücke über den Colorado River mache ich kurz Halt. Es ist nur eine trübe Suppe, die sich unten langsam vorwärts bewegt. Doch Respekt habe ich schon. Denn wenn ein Fluss eine Landschaft so gestalten kann, dann hat er was drauf.

 

Etwas weiter oben sehe ich neben der Straße einen Bus mit Leuten. Ich denke, es ist ein Aussichtspunkt und fahre hin. Doch kaum nähere ich mich auf der Seitenstraße, fangen die Leute an zu rufen und wild zu winken. Ich soll weg von der Straße, denn es sei eine Landepiste für Flugzeuge. Und tatsächlich tauchen gleich drei Kleinflugzeuge auf und stellen sich neben mir auf. Sie machen Ausflugsflüge über den Colorado River und den Glen Canyon. Einer der Piloten meint, dass es am späten Nachmittag ein Gewitter gebe. Ich solle vorsichtig sein. Es sei viel Regen angekündigt.

 

Und irgendwann türmen sie sich dann auf, die Wolken. Zuerst als weiße Himmelkratzer, wunderbar zum Anschauen vor dem blauen Himmel. Doch sie ändern bald das Weiß in Grau. Ich wünsche mir, dass ich es aus dem Canyon raus schaffe. Denn ein Gewitter zwischen diesen Felsen rund herum stelle ich mir nicht gerade kuschelig vor. Eine Zeit lang schaut es so aus, als ob meine Fahrtrichtung regenfrei bleibt. Doch als ich die Hochebene erreiche, werden die Tropfen größer und größer. Ziemlich schnell habe ich meine Regenkombi angezogen. Denn der Himmel ließ es kräftig gießen. Und im Nu flossen seitlich der Straße rotbraune Bäche, oder suchten in der Ebene ihren Lauf. War es vorher überall staubtrocken, so schaute es jetzt deutlich anders aus. Doch es war nur ein Gewitter. Es klarte wieder auf. Über den Bergen im Hintergrund bot sich ein tolles Schauspiel der Grautöne des Regens. Dort ließen es die Wolken weiter gießen.

 

Am Abend zog ich freudig Bilanz: Der Tag hat mir voll gefallen. Es war zwar fordernd zum Fahren wegen der Distanz und der vielen Höhenmeter. Doch in dieser gigantischen Landschaft war es Genuss pur. Ocker, oder rotbraun, oder Utahrot, ich habe darin gebadet, einen ganzen langen Tag. Und an den Felsformationen konnte ich mich kaum satt sehen, weil so beeindruckend. Dieser Tag war ein Fest.

 

24. Juni 2022

Andere Farben und müde Beine

Ein Regenbogen begrüßt mich nach den ersten paar Kilometern auf der Straße. Kurze Zeit später kommt noch ein zweiter dazu. Sie erheben sich über einer grauroten Felsformation und verlieren sich im Blau auf der anderen Talseite. Die Landschaft zeigt sich heute in anderen Farben. Zumindest jetzt am Morgen. Statt dem dunklen Braunrot dominiert ein dezentes Grau mit einem leichten Einschlag von Braun. Und die Felsen sind nicht mehr so markant. Sie wirken eher sandig, aber sind dennoch zum Staunen.

 

Nach einiger Zeit sehe ich jemanden sein Rad aus dem Gelände auf die Straße schieben. Die Spur führt von den Felsen weiter hinten her. Es ist ein junger Amerikaner aus Ohio mit recht viel Gepäck. Er hat hinten gezeltet. Er sei jetzt schon fast ein Jahr auf Tour, und dies sei sein letzter Monat. Doch er hätte sich auf den Westen beschränkt. Ab Denver nehme er dann den Zug nach Hause. Und dann schwärmt jeder dem anderen vom gestrigen Tag vor. So freuen wir uns beide aufs Weiterfahren. Denn es wird demnach wieder beeindruckend werden. Später ist er mir immer wieder in den Sinn gekommen. Er hat mich mit seiner Art und Gelassenheit beeindruckt. So ein Jahr am Rad und im Zelt, das macht was mit einem.

 

Je näher ich zum Zentrum des Nationalparks komme, desto markanter wirken die Felsen und desto intensiver werden ihre Farben. Und irgendwann kommt es mir so vor, als ob es wieder ähnliche Farbformationen sind wie gestern. Nur dass hier die Felsen plattiger und höher sind. Ohne Vorsprünge ziehen sich die Wände hoch. Jetzt kann ich endlich mal so eine braunrote senkrechte Felswand hautnah bestaunen, an der sich Kletterer den Rissen entlang emporarbeiten. Zumindest sind mir solche Bilder bekannt. Doch Kletterer sehe ich keine, nur viele Routen, die man wahrscheinlich hier machen könnte.

 

Meine Route führt zwar nicht einem Riss entlang, und senkrecht geht sie auch nicht hoch, doch anstrengend ist sie dennoch. Ich habe noch etwas müde Beine von gestern. Und das Sitzen fällt mir heute auch etwas schwer. Gleichmäßig steigend schlängelt sich die Straße durch bewaldetes Gebiet hoch. Am Nachmittag sehe ich die bunte Landschaft nur noch weit hinten. Bei einem Hinweisschild zum Singletree Campground biege ich kurz entschlossen ab. Mir reichen die heutigen Höhenmeter. Ich mag nicht mehr weiter. Die Park-Aufseherin empfiehlt mir den Platz mit der Nummer 12. Ich soll ihn mir mal anschauen und dann wieder kommen. Doch schon beim Hinfahren bin ich mir sicher, dass ich ihn nehmen werde. Denn die Nummer 12 habe ich auch zu Hause. Als ich meine Sachen auspacke, kommt mir die Frau mit ihrem Golfplatzwagen nachgefahren. Wenn ich schon müde vom Radfahren sei, dann wolle sie mir das Zurücklaufen ersparen. Wir können die Formalitäten auch hier erledigen. Ich muss herzhaft lachen. Ja, ich bin wirklich müde heute.

 

25. Juni 2022

Utah lässt einem farbenfroh staunen

Am Morgen weckt mich die Sonne im Zelt. Etwas entfernt höre ich den kleinen Wasserfall rauschen. Vögel zwitschern. Ich fühle mich wohl. Als erstes mache ich mich an die Reparatur des Sattels. Im vorderen Bereich hat sich die Polsterung gelöst und ist gebrochen. Ich frage die Camp-Aufseherin um ein Stück Panzerband. Ich hatte es gestern bei ihr am Auto gesehen. Bereitwillig gibt sie es mir, und macht sich über meine Radlerbeine lustig. Ohne Radlerhose würde ich wie ein braunweißes Zebra ausschauen. Doch die Oberschenkel klebe ich deswegen nicht auch noch ab. Ich belasse es mit ein paar Streifen an der Nase meines Sattels, und hoffe, dass es hält.

 

Die Straße steigt ziemlich steil hoch. Gestern wäre ich hier wohl gescheitert. Doch jetzt am Morgen geht es ganz gut. Ich habe gar noch Zeit, mich etwas auf den Parkplätzen umzusehen. In Tarnanzügen laden Männer ihre Allradfahrzeuge von den Pickup-Anhängern. Vielleicht gehen sie hier auf die Jagd. Diese Fahrzeuge scheinen hier überhaupt ein großes Hobby zu sein. Ich sehe sie fast überall. Am Wochenende sowieso. 

 

Das Gelände ist als offene Weidefläche gekennzeichnet. Viele Weideroste trennen die Gebiete ab. Einige der schwarzen Kühe und Kälber haben sichtlich Respekt vor mir. Radfahrer scheinen sie nicht zu kennen. Ich selber habe dann etwas später Respekt. Denn am Straßenrand mustert mich ein kräftiger Stier mit beeindruckendem Nacken. Da lasse ich ziemlich viel Abstand. Und etwas Abstand lasse ich auch von der frischen Kuhscheiße auf der Straße. Nur die Autos scheint das hier weniger zu stören. Die pflügen mutig durch.

 

Während ich den Aufstieg auf den Pass gut geschafft habe, tat ich mir bei der Abfahrt richtig schwer. Gegenwind machte mir das Leben sauer. Und die Ebene weit unten wollte und wollte einfach nicht näher kommen. Die wunderbare Landschaft ist da fast etwas in den Hintergrund geraten. Doch gestaunt habe ich auch heute wieder. Denn dieses Utah hat so viele verschiedene Geländeformationen und Farben drauf, dass ich mich nur wundern kann. Und ich tat es trotz Gegenwind ausgiebig.