Tasmanien zum Finale

7. September 2023

Ein etwas mühsamer erster Tag

Ich hatte für die 12-stündige Überfahrt von Geelong nach Devonport in Tasmanien auf das Buchen einer teuren Kabine verzichtet. Ein großer Lehnsessel musste reichen. Beim Abendessen hielt ich mich auch zurück. Denn es war für die Nacht Wind angesagt. Deshalb war ich vorsichtig. Doch das leichte Schaukeln und Rumpeln des Schiffes störte nicht sehr. Und vom Radfahren müde, hatte ich den Umständen entsprechend auch im Recliner recht gut geschlafen.

 

Nur der Frühstart auf nasser Fahrbahn und fast noch im Morgengrauen wollte mir nicht so recht schmecken. Reichlich frisch war es zudem auch. Dennoch sah ich mit Staunen ein paar Badende in der Bucht. Vielleicht waren es auch nur Mutproben. Denn allzu lange hielt es sie nicht im Wasser. Oder sie nahmen den Zusatztext auf den tasmanischen Nummerntafeln wortwörtlich: „Explore the possibilites“ ist da lesen. Ich stellte mich dem natürlich auch. Denn es ging mit Steigungen gleich recht heftig zur Sache. Einen Hügel rauf, und auf der anderen Seite steil runter, das wiederholte sich ein paar Mal, bis ich die Stadtnähe verlassen hatte. Das viele Orange und Rot auf der Anzeige des Navis bei den Anstiegen war ich auch schon lange nicht mehr gewohnt.

 

Der trübe Himmel ließ die Landschaft anfangs eher düster erscheinen. Nicht so recht einladend, kam mir der erste Eindruck vor. Kahle Äcker, nasse Wiesen, grauer Himmel, graues Meer, eingeschränkte Sichten. Dennoch war die Küstenstraße zum Teil idyllisch zum Fahren. Dort, wo sie unmittelbar am Meer entlang einer nicht mehr befahrenen Bahntrasse verlief, da hat es mir gefallen. Doch oft wurde sie auch zur einzigen Verbindungsstraße mit hektischem Treiben, wo ich es als Radfahrer etwas mühsam empfand. Es waren fast zu viele Kleingewerbezonen und deren Ausflüsse, die die ansonsten wunderbare Naturlandschaft ins Hintertreffen geraten ließ. Im Reiseführer hat sich dieser Küstenteil anders gelesen. Und von den hier beheimateten kleinen Pinguinen war auch nichts zu sehen. Die würden sich untertags im Meer aufhalten, und erst beim Eindunkeln ihre Nester aufsuchen. Mein erster Tag in Tasmanien also: Etwas mühsam, war meine Bilanz am Abend. Nur die Aussicht auf viel Regen, die ist laut Wetterbericht sehr gut. Ich glaube, ich werde morgen wohl einen Ruhetag einschieben.

 

8. September 2023

Roads made for horses

Beim Aufwachen ist es still im Zimmer. Ich war überrascht. Doch als ich den Vorhang zurückziehe und die Türe öffne, sehe und höre ich es kräftig plätschern. Das war gestern so angekündigt. Also keine große Überraschung. Außer dass es vielleicht noch eine Spur intensiver ist. Denn am Tisch bei der Terrasse spritzt das Wasser nach allen Seiten weg. Und das Flattern der Fähnchen am Golfplatz auf der anderen Seite der kleinen Bucht ist nur mehr als Andeutung zu sehen. Auch die am Kai dümpelnden Segelbote wollen glaub heute nicht aufs Meer. Jedenfalls nicht jetzt am Morgen bei so einem Schütter.

 

Ich wage mich dennoch nach draußen. Zumindest ein paar Türen weiter. Frühstück im Gästesalon, das möchte ich heute ausgiebig genießen. Denn dass es ein Ruhetag vom Rad sein wird, dazu musste ich mich nicht lange überreden. Chai Tee, Orangensaft, Eggs Florentine, eine Müslischale mit Beeren und ein Muffin mit Nuss und Banane. Wow, dachte ich mir in meinem bequemen Stuhl beim Genießen und Rundumblick im stilvoll eingerichteten Raum und beim Blick nach draußen. Wieso gönne ich mir das nicht jeden Tag? Na ja, das Motel hier war ja auch nur ein Zufallstreffer. Und mit jedem Tag nur Chillen macht man keine vielen Kilometer am Rad.

 

Aus Langeweile hatte ich nebenbei die Website des Motels angeschaut. An einem Tisch beim Fenster erkannte ich daraufhin den Inhaber. Ich sprach ihn an, wollte mich wegen Wetter und Routentipps erkundigen. Beim Wetter schien er kundig, doch bei den Routen musste er passen. Er sei kein Radfahrer. Geholfen hat er mir dennoch. Zwischenzeitlich waren nämlich noch andere Gäste aus dem Ort zum Frühstück gekommen. Und so ließ sich ein älteres Ehepaar auf einen Radlertratsch ein. Meine angedachte Route im Westen hielten sie für zu ambitioniert. Ich solle mich bei dem Wetter eher nach den asphaltierten Straßen richten. Auf denen sei das bergige und kaum besiedelte Gebiet leichter zu überwinden. Das wären die alten Erschließungsstraßen des Landes, „made for horses“. Dieses Argument klang überzeugend. Und mein Hauptprogramm für den Tag war damit auch schon am Tisch: Routenplanung neu.

 

Ein paar Mal wollte ich es später nicht glauben, dass es draußen so herrlich und idyllisch blau sein kann. Hätte ich also doch Fahren können? Doch die schnellen Wetterwechsel gibt es anscheinend auch hier in Tasmanien. Denn auf die überraschenden Sonnenfenster zwischendurch folgten umgehend wieder volle Schütter wie am Morgen. Und das über den ganzen Tag verteilt. Das wird wohl spannend werden, mein Ausflug nach Tasmanien, und wie ich ihn angehe.

 

9. September 2023

Kälte und Nässe im grünen Westen

Ein herrlich klarer Morgen. Ich springe mit einem Juchzer aus dem Bett. Welch Unterschied zu gestern. Die Sonne blinzelt über die ruhige Bucht, die Segelboote am Kai glitzern, das Wasser spiegelt, meine Kleidung frisch gewaschen. So ein Start in den Tag kann einem gefallen.

 

Das Thermometer zeigt 8 Grad. Frisch am Rad. Auch in den mich gleich am Ortsausgang erwartenden Steigungen wird mir nicht viel wärmer. Im Gegenteil. Ich ziehe bald noch ein zweites Paar Socken an, und ein doppelt gefaltetes Halstuch über die Mütze als Ohrenschutz. Es ist nämlich Wind aufgekommen. Richtig giftig pfeift er mir um die Ohren. In den grünen Wiesen scheint das die vielen Rinder nicht zu stören. Die halten mutig ihre abstehenden Ohren weiter in den Wind. Ich scheine ihnen dagegen etwas suspekt vorzukommen. Keine Ahnung, ob des Rades oder meines Ohrenschutzes wegen. Sie laufen aufgeregt parallel zur Straße in der Wiese mit mir mit. Ein paar Hügel weiter wiederholt sich das Spiel. Schon von weitem werden die Rinder auf mich aufmerksam, und stehen am Stacheldraht Spalier. Sehr wertschätzen tue ich es jedoch nicht. Mich beschäftigen mehr die zunehmend dunkler werdenden Wolken.

 

Und irgendwann am Vormittag kommt dann die erste Regenfront. Es kühlt rasch ab. Während ich in der Regenkombi Höhenmeter um Höhenmeter die grünen Hügel und den Wald weiter emporklettere, zeigt das Thermometer nur noch 4 Grad an. Kuschelig ist anders. Eine lange Abfahrt in eine Schlucht wartet auch noch auf mich. Auf der Straße liegen Rindenteile und abgebrochene Äste. Wasser rinnt von den bemoosten Hängen in die Seitengräben. Farne biegen sich im Wind. Kurvig geht es zu einem Flussbett runter, und über viele Windungen noch höher als ich schon war. Wenn es nicht regnete, sorgte der Wind dafür, dass ich dennoch Wasser abbekam, von den die Straße überragenden Bäumen. Außer mir wollte heute glaub niemand auf den Weg. Es sind keine zehn Autos, die mir über den Tag gezählt in der Einsamkeit der Hügel und des Waldes begegnen. Vielleicht hat sie das Straßenschild abgeschreckt, auf dem vor möglicher Eisglätte und Schnee auf dieser Strecke gewarnt wurde.

 

Wenn für kurze Zeit mal die Sonne einer Regenfront folgt, dampft die Straße. Mich friert es an den Fingern. Dennoch finde ich Gefallen an der Nässe im Wald, am Moos und den Farnen, an den Kurven, den Bäumen, und an den Flechten am Fahrbahnrand. Und hie und da auch am Blau des Himmels, über den weiße Wolken rasend schnell vorüberziehen. „Vielfalt im Überfluss“ kann ich später auf einer Ortstafel lesen, zur Begrüßung in den „Western Wilds“. Es finden sich tatsächlich ein paar Häuser auf einer weiten Lichtung. Früher gab es hier eine Zinnmine, daher die Ansiedlung. Mir kommt sie mit dem einzigen Hotel auch gelegen. In der Kälte und im Nassen Radeln will mir nämlich nicht so recht gefallen. Später lese ich, dass es hier die nässeste und kälteste Region Tasmaniens sei. Also wird es danach schon wieder zum Passen kommen, mit dem Radeln in der Sonne. Etwas Geduld werde ich dennoch haben müssen. Am Wetterradar kündigen sich derzeit laufend neue Fronten aus Westen an. Doch an der Theke sagen sie in Gummistiefeln, Mützen und Winterjacken, "not so bad". Eh klar, wer hier wohnt, hat eine andere Sichtweise. 

 

10. September 2023

Ein Lese- und Lernnachmittag

Lazy Sunday nennt man es glaub, was ich heute gemacht habe. Nämlich absolut nichts. Oder halt zumindest nichts am Rad. Am Morgen hat es zwar nicht geregnet, doch die Aussichten waren schlecht. Und der Wetterbericht für meine angedachte Strecke sowieso. Also buchte ich das blaue Zimmer im Hotel für eine Nacht mehr. Sie hatten es frisch gestrichen. Ein sattes dunkles Blau an den getäfelten Wänden, die Decke und die Rahmen an Tür und Fenster weiß. Etwas ungewohnt zuerst, doch je länger im Raum, desto stimmiger fühlte es sich an.

 

Einen kurzen Spaziergang in die historische Ortschaft wagte ich dann doch. Im Nieselregen. Und einen raschen Blick in die offenen Museumsgebäude tat ich auch. Pioniergeist muss es wohl gewesen sein, sich hier niederzulassen, und in der Mine zu arbeiten. Doch vor 150 Jahren hat die Leute vielleicht auch etwas anderes angetrieben, oder waren die Standards und Lebensweisen andere. Viel umgesehen hatte ich mich jedoch nicht. Meine Regenhose hatte ich leider nicht angezogen. Ich suchte also rasch wieder das Trockene.

 

An einem Haus war in bunter Farbe ein Spruch aufgemalt: „Always was, always will be“. Ich sinnierte über dessen Bedeutung nach. So aufs Erste dachte ich, dass damit vielleicht die Umgebung hier gemeint ist, mit dem nicht zu ändernden Wetter und der Abgeschiedenheit. Doch der Spruch hat eine weit größere Bedeutung oder anderen Zusammenhang: Es soll klar zum Ausdruck kommen, dass die Aborigines als First Nations People noch hier sind und das Land nicht verlassen. So habe ich es dann später nachgelesen. Er soll auf die 1980-er Jahre zurückgehen.

 

Jetzt, Mitte Oktober 2023, wird es eine große Volksabstimmung geben, ob die Achtung der indigenen Kultur als „The Voice“ auch in der australischen Verfassung verankert werden soll. Plakate für Vote Yes konnte ich beim Durchradeln über all die Monate immer wieder und überall sehen. Doch das Vote No war ebenso auffällig vorhanden. Das Thema ist glaub sehr vielschichtig, die Aufarbeitung ebenso, und das Land diesbezüglich im Umgang sicher gespalten. Jedenfalls war es für mich spannend, darüber an meinem lazy Sunday zumindest ein bisschen mehr nachzulesen. Und nachdenklich stellte ich dann fest, dass auch in meinem Kopf Australien erst mit der Entdeckung um 1800 beginnt. Dass der Kontinent schon seit 65.000 Jahren bewohnt wird, war bloß eine Feststellung, ohne dass ich davon größere Verpflichtungen abgeleitet hätte, oder mir deren bewusst wurde. Dazulernen kann man immer, auch an einem verregneten Sonntag, war dann auch eine Feststellung.

 

11. September 2023

Kalte Zehen und Aludosen im Überfluss

Die Sonne lockt mich früh mit ein paar wenigen Strahlen aus dem Bett. Nach dem gestrigen Regentag eine Wohltat. Im Zimmer hat es 6 Grad. Den kleinen Heizlüfter hatte ich in der Nacht nicht eingeschaltet. Doch es geht noch weniger. Am Rad sind es beim Passieren der Tankstelle am Ortsanfang 3 Grad. Eine rote Laufschrift zeigt es an. Und rot ist glaub auch meine tropfende Nase. Die Zehen sind es wahrscheinlich auch. Irgendwann ziehe ich die Regengamaschen als Windschutz an. Die Zehen würdigen zumindest mein Bemühen. Etwas Wärmeres wäre ihnen glaub lieber gewesen. Der Sonne ist es peinlich. Sie hat sich längst hinter die Baumwipfel und die Wolken verzogen. In der ersten langen Abfahrt friert es mich kräftig durch. Ich zweifle, ob meine Routenwahl oder das Starten heute eine gute Idee war.

 

Zum Glück erhole ich mich in der folgenden Steigung etwas. Und laut sage ich zu mir, dass es wenigstens nicht nass ist. So lässt sich immer was Gutes in der jeweiligen Situation finden. Das baut auf. Und aufgebaut hat mich auch die erste Pause. Ein Palettenstapel diente als willkommene Sitzgelegenheit in einer Miniortschaft. Die wohl schon lange geschlossene Taverne dahinter bot Windschutz. Die Sonne war jetzt auch wieder dabei. Der Tag zeigte also langsam ein normales Gesicht. Und ich wahrscheinlich auch. Die Mundwinkel schafften es nicht mehr nur beim Kauen nach oben.

 

Mit einigem Auf und Ab erreichte ich mittags die nächste Ortschaft. Eine kleine Minenstadt mitten im bewaldeten Nirgendwo. Etwas entfernt sah man die Ablagerungshalden aus dem Tagebau der Zinnmine. Der Park im Zentrum war mit Kunstrasen ausgestattet. Kein Gatsch macht die Ortschaft mit den Bergen rundum etwas freundlicher. Wenig freundlich waren sie dagegen im Café am Platz. Und im Laden daneben hantierte die Frau hinter der Theke gerade so, als ob sie im Bergwerk untertags irgendwas mit der Schaufel umschichten müsste. Der Appetit auf ein frisch gemachtes Sandwich war zwar da, doch brachte ich beim Zuschauen keinen Laut mehr über die Lippen. Ich beließ es bei Bananen und Snickers.

 

Der Bergbau begleitete mich dann auf der weiteren Strecke. Es waren jetzt auch ein paar Lastwagen unterwegs. Und immer wieder kam ich an irgendwelchen Lagerarealen, Gleisen oder Förderbändern vorbei. Doch noch viel auffälliger war der Straßengraben. Waren es bisher immer nur Rindenmulch, Äste, Steine, Farne oder Schlamm, so dominierten jetzt hier in den Rinnsalen und Gräben weggeworfene Aludosen. Jede dritte war blau-silbrig. Vielleicht nimmt man die Dosen im schnellen Vorbeifahren aus der Autoperspektive nicht so wahr. Doch als Radler mit viel Gepäck sind sie in den Steigungen ein richtiger Blickfang. Und wenn man sie als störend empfindet, sowieso.

 

Beim Einchecken im Motel entdecke ich Prospektmaterial fürs Mountainbiken. Demnach gibt es hier in den Bergen an der Westküste jede Menge Trails. Die Region ist als Hotspot fürs Biken ausgewiesen. Doch auf der Straße sind mir noch keine Radler begegnet. Als ich nach dem Wetter für morgen frage, klingt die Antwort etwas ernüchternd: West-Coast, mit Regen ist immer zu rechnen. Doch es soll wärmer werden. Also gar nicht so schlecht.

 

12. September 2023

Ein Schlenker zum Meer und dann ab in die Berge

Ich freute mich am Morgen, dass ich dem Regen ein Schnippchen schlagen konnte. Ich bin einfach später losgefahren. Der Wetterbericht hatte es mir empfohlen. Und beim Losfahren schaute es auch verhältnismäßig prächtig aus. Doch schon bald nach der Ortsausfahrt nahm die Straße eine andere Richtung ein. Die Wolken vorne ließen auf Regen schließen. Und so war es dann auch. Ein leichter Nieselregen breitete die Arme für mich aus. Ich musste in die Regenkombi rein. Ungern. Im Straßengraben daneben quakten die Frösche vor Schadenfreude. Oder wahrscheinlich über das Mehr an Nass.

 

Lange hielt das Nieseln jedoch nicht an. Näher zur Küste wurde es trocken. Die Sichten blieben dennoch schlecht. Ein paar weitere Blicke in die Landschaft hätten mich schon interessiert. Dunkle Wolken hingen aber wie ein ungeöffneter Vorhang in der Landschaft. Das störte mich etwas. Dafür war das Fahren ziemlich toll. Kurvig und abwechslungsreich und immer wieder mit kurzen Anstiegen dazwischen.

 

Nach einem Schlenker zu einem Hafen am Meer ging es in eine kräftige Steigung. Der erste Gang hatte viel Arbeit. Und viel Arbeit gab es auch entlang der Straße. An einigen Stellen wurde sie mit schwerem Gerät begradigt. Und dort wo dies schon abgeschlossen war, wurden neue Leitschienen montiert. Einer der Arbeiter rief mir beim Vorbeifahren zu, dass er da nie raufkommen würde. Ich hatte in dem Moment jedoch keine Zweifel. Denn auf der Anzeige des Navis schob sich seitlich schon ein grüner Balken für das bald beginnende nächste Flachstück herein. Es führte mich durch eine kleine Hochebene. Hie und da tat sich der Blick nach vorne ins Tal auf. Und auf einem der Berge vis-à-vis meinte ich, den großen Anstieg für morgen erkennen zu können. Ja, der Westen Tasmaniens sorgt für reichlich Höhenmeter.

 

13. September 2023

Herrliches Radeln

Beim Zusammenpacken leuchten ein paar zarte Sonnenstrahlen das Zimmereck aus. Fein, denke ich mir. Endlich Sonne gleich schon am Morgen. Doch kaum die Taschen verschlossen und den Helm untern Arm geklemmt, zieht Nebel die Straße entlang. Bei mir zieht es die Mundwinkel nach unten. Zumindest kurz. Denn beim Aufsteigen aufs Rad ist der Nebel wieder verschwunden. Es gibt freien Blick auf die nicht mehr in vollem Betrieb befindliche Kupfermine mit ihren Betriebsanlagen. Etwas weiter aus der Stadt raus komme ich an kleinen Holzhäusern vorbei. Wahrscheinlich ehemalige Wohnungen für die Minenarbeiter.

 

Doch viel Zeit zum Schauen habe ich nicht. Es wartet eine lange Steigung mit etlichen Serpentinen. Die Straße windet sich den Berg hoch. Lässig zum Fahren. Beim Blick zurück sehe ich die vielen Kurven. Die weißen Holzpfähle mit den Stahlseilen als Straßenbegrenzung sind ein schöner Blickfang. Die Gesteinsabräumhalden der Mine weniger. Der Vermieter meines Zimmers meinte beim Frühstück, dass sie in der Stadt wieder auf einen Aufschwung der Mine hoffen, weil vielleicht mehr Kupfer für Elektroautos gebraucht wird. Doch er selbst glaubt, dass sie besser auf die Tourismusschiene setzen sollten. Die sei umweltverträglicher, auch wenn die Berge für Mountainbike-Trails umgegraben werden. Während der Hochblüte der Kupfermine hätte es rund um die Stadt keinen einzigen Baum mehr gegeben. Doch jetzt nehme es langsam wieder grüne Gestalt an.

 

Am Scheitelpunkt der Steigung komme an einem Kratersee aus der Minenzeit vorbei. Laut Hinweisschild hat der Kupferabbau hier begonnen. Nach Gold wurde damals gesucht, und Kupfer wurde gefunden. Die von Hand in den Stein gehauenen Trassen beeindruckten. Und eindrucksvoll war auch eine Trail-Linie am Berg auf der anderen Talseite. Die Zick-Zack-Kurven schauten schwer nach einer schwarzen Piste aus.

 

Mir gefiel es jedoch auch auf der Straße. Es war wunderbar zum Fahren. Ich komme an vielen Seen vorbei. Und durch ein langes, bewaldetes Tal plätschert es von den Felsen auf den Straßenrand runter. Im Talgrund höre ich den Bach murmeln. Später liegt der Nelson-Wasserfall an meinem Weg. Für den Fußweg waren 20 Minuten angegeben. Mit dem Fahrrad auf dem schmalen, flachen Pfad durch den dichten Regenwald war es nur ein kurzer Ausflug. Ich hatte dafür mehr Zeit zum Schauen, wie das Wasser einen rauschenden Schleier über die bemoosten Felsen legte. Und gurgelnd und glucksend verschwand der dunkle Bach wieder zwischen Farnen und hohen Bäumen. Ein wunderbares Spektakel im grünen Urwald.

 

Das Tal zog sich weit zwischen Bergen dahin. Am Horizont war gar eine schneebedeckte Kuppe zu sehen. Der finale Anstieg führte in moderater Steigung bis über 800 Meter hoch. Dort freute ich mich über eine Tafel. „East-West-Divide“ war angeschrieben. Demnach habe ich jetzt den Westen mit seinen bis zu 3 Metern Jahresniederschlag hinter mir. Mich erwartet der tiefer liegende und trocknere Teil der Insel. Gute Aussichten also. Und eine gute Aussicht habe ich auch von meinem Zeltplatz an einem ruhigen See, mitten im Wald. Stille rundum, nur der Kookaburra-Vogel durchbricht sie hie und da mit seinem Gelächter. Heute war ein feiner Tag. Mit Sonne macht das Radeln in so einer Umgebung sichtlich Spaß. Heute bin ich mehr als nur zufrieden.

 

14. September 2023

Kräftige Anstiege und rauschende Abfahrten

Irgendwann in der Nacht wache ich mit einem Grinser im Gesicht auf. Unglaublich, für kurze Zeit höre ich nämlich ein paar Regentropfen aufs Zelt trommeln. Ich musste an die Tafel von gestern denken, auf der der trockene Teil Tasmaniens erklärt wurde. Doch ich war viel zu müde, um länger darüber nachzudenken, oder das Geschehen am Zeltdach weiter zu verfolgen.

 

Auf der Karte hatte ich meine heutige Route nur oberflächlich angeschaut. Ich meinte, dass sie mehr abwärts führt. In Summe traf dies auch zu. Doch bis zum Endpunkt in einem wunderschönen Talgrund lagen etliche Anstiege dazwischen. Die hatte ich etwas unterschätzt. Ich musste richtig kämpfen. Und bei den letzten am Nachmittag auch Pausen im Anstieg einlegen. Sonst wäre ich wohl nicht hochgekommen. Doch wenn es auf einer Talseite steil hoch ging, so ging es auf der anderen Seite meist ebenso steil runter. Und diese Abfahrten waren richtig klasse. Da habe ich es voll laufen lassen. Ein paar Mal dachte ich mir, dass mir da jetzt aber nichts dazwischenkommen darf, damit sich die Kurven mit meinem schweren Gefährt ausgehen. Doch im Landesinneren ist auf Tasmaniens Straßen nicht viel los. Es herrscht Einsamkeit pur.

 

Zahlreiche Seen auf meiner heutigen Route werden für die Stromproduktion genutzt. Zum Teil sind sie über Kanäle miteinander verbunden. Ich bin gar an einigen Kraftwerken vorbeigekommen. Bei einem führten von beiden Talseiten jeweils sechs dicke Rohre zum großen Turbinenhaus im engen Talgrund. Volles Gefälle für das Wasser, und volles Gefälle auch für mich auf der Straße, nur halt mit vielen Kurven. Die waren lässig zum Runterbrausen. Beim Gegenanstieg fiel mir dann keine so tolle Beschreibung fürs Fahren ein. Da hatte ich zu kämpfen.

 

Irgendwann gegen den frühen Nachmittag hin hatte ich die vielen Wälder hinter mir gelassen. Die Landschaft wurde weiter, und damit auch der Blick rundum. Es ging zwar immer noch die Hügel hoch, doch statt der Bäume waren jetzt Wiesen zu sehen. Einzelne Farmhäuser, kleine Ortschaften. Zumindest drei habe ich heute passiert. Jede hatte einen Dorfladen, ein Gasthaus, und eine Post. Die scheint hier wichtig zu sein. Ein Post-Office gibt es glaub überall. Und wenn im Westen einzelne kleine Siedlungen aufgegeben scheinen, ein „Historic Post Office“ ist dennoch überall groß angeschrieben und zur Schau gestellt.

 

15. September 2023

Eine Unterkunft am Berg

Der Tag beginnt mit einem Regenguss. Ohne ihn wäre es glaub nicht Tasmanien. Es war ein kräftiger Schauer, der im Morgengrauen auf das Blechdach meiner Hütte mit Terrasse trommelte. Fast noch lauter war jedoch das Rauschen der Bäume im Wind. Ich war verwundert. Denn der Wetterbericht hatte Sonne angekündigt. Die zeigte sich dann auch, nur mit etwas Verspätung.

 

Der Wind hatte sich rasch gelegt. Die wunderbare Gartenanlage nahm wieder ihre paradiesische Ausstrahlung vom Vortag an. Duffy's Country Accommodation war gestern an der Straße im Derwent Valley angeschrieben. Ich bin sie aufs Geratewohl angefahren. Es war die einzige Unterkunft weit und breit. Viel Auswahl hatte ich also nicht. Doch diese hat gepasst. Etwas abseits an einem Bach gelegen hatte ich eine kleine, grüne Oase vorgefunden. Beim Ankommen war der Hausherr gerade mit Rasenmähen beschäftigt. Die Schafe auf der anderen Seite des Gartenzauns taten es geräuschloser, nur nicht mit derselben Exaktheit. Ein Paradies will sorgsam gepflegt werden, war mein Eindruck, wenn es so ausschauen soll wie dieses. Ich hatte es genossen.

 

Mit guter Laune hatte ich dem Kommen der Sonne zugeschaut, und meine Sachen zusammengepackt. Es dauerte etwas länger. Mein zum Trocknen ausgebreitetes Zelt gab es ja auch noch zu Verstauen. Und kurz bin ich dabei auch heftig erschrocken. Beim Verschließen der Tasche entdecke ich nämlich auf der Rückseite eine riesengroße Spinne. Ganz wohl war mir dabei nicht. Ich bin jedenfalls ohne sie losgefahren. Ein Platz im Garten schien mir für sie besser passend.

 

Für die Anfahrt auf Hobart hatte ich eine Straße entlang eines Flusses gewählt. Mit Freude entdeckte ich dabei dessen Namen auf einer Tafel. River Derwent war angeschrieben. Der zieht sich durch halb Tasmanien. Vorgestern war er auf meiner Route noch ein gurgelnder kleiner Bach. Hier war er jetzt zu einem mächtigen Fluss angewachsen. Je nach Sonneneinfall zeigte er ein prächtiges Blau. Und prächtig war auch die Landschaft rundum anzuschauen. Herrliches Grün. Fruchtbar scheint sie auch zu sein. Obstanbau in großem Stil. Für das idyllische Tal fast eine Spur zu groß. Über viele Kilometer war der Talboden mit Netzen großflächig überspannt. Spalierbäume noch und noch. Einige mit einem ersten Blütenansatz. Der Frühling will also doch Einzug halten. Mir soll es Recht sein.

 

Rund um Hobart war dann auf den Straßen einiges los. Eine Hauptstadt sorgt für Betrieb. Auf die Hügel ausweichen war mein Plan. Ehrgeizig, wie ich beim Fahren dann feststellte. Richtig steil, rauf und runter, vorbei an schmucken Häusern im Wald und an Hängen, von einem Hügel oder Tobel zum nächsten. Schweißtreibend, im Schatten dennoch kühl. Am Navi waren die Anstiege kräftig rot. Mein Kopf auch, der Puls mehr als nur hoch. Und gar absteigen musste ich bei meinem letzten Anstieg. Ich hatte das House On The Hill als Bed & Breakfast-Unterkunft im Süden ausgewählt. Der Hügel erwies sich als nicht nur steil, sondern als sehr steil. Der Inhaber staunte, als er mein Fahrrad sah. Und ich auch, meine schwere Fuhre hier die Sandpiste hochgeschoben zu haben. Der Blick ins Tal war da nur ein bisschen entschädigend.

 

16. September 2023

Nass und rote Sandspritzer

Gleich beim Ankommen gestern hatte ich um eine Nacht mehr angefragt. Der Wetterbericht hatte für heute nämlich schweren Regen angesagt. Da wollte ich nicht aufs Rad. Und wenn schon hier heroben, dann gleich den Regentag im Trockenen abwarten. Nur es hat sich anders ergeben. Das Zahlen mit Karte war nicht möglich. Ich brauchte Bargeld. Ich musste also doch raus.

 

Gleich nach dem Frühstück machte ich mich nach etwas Zuwarten auf ins Tal. Alles Schwere weg vom Rad. Taschen und Flaschen runter. Dann müsste es herauf vielleicht leichter gehen, war meine Überlegung. Schon nach wenigen Metern sah ich rote Sandspritzer auf dem Schutzblech vorne. Die Sandstraße war regennass und tief. Die Bremsen hatte ich voll angezogen. So rollte ich den Wassergräben ausweichend den Berg hinunter. Irgendwann schaute ich dann auch auf meine Schuhe. Boah, nicht mehr schwarz. Gesprenkelt rot voll Sand. Die Beinlinge auch, die Schaltung und Rahmenteile ebenso. Der Ausflug zum Geldholen war wohl eine blöde Idee. Ich war verärgert.

 

Gefreut hatte ich mich dann dennoch. Dass ich den Berg samt Geld radelnd wieder hochgekommen bin. Die gerade Linie von der Abfahrt mehrfach hin und her kreuzend ist es mir gelungen. Bei der Zufahrt auf das Haus sah ich den Graben neben der Straße voll Wasser. Das Regenwasserbecken rann über. Hatte ich mir beim Hinunterfahren noch überlegt, wie ich mein Rad wieder sauber kriege, so war es jetzt schnell getan. Das Rad in den Graben gestellt, und munter geplantscht. Annähernd blitzsauber stellte ich es wieder auf die Terrasse. Ein Ausflug im Regen. Hoffentlich wird er morgen anders.

 

17. September 2023

Der Küste entlang Höhenmeter gesammelt

Gestern am Abend gab es noch eine kleine Überraschung. Irgendwann kurz nach 19 Uhr flackerte plötzlich das Licht, und dann war es aus. Stromausfall. Alles dunkel. Nach einiger Zeit hörte ich den Vermieter am Sicherungskasten hantieren. Ohne Erfolg. Also zuwarten was weiter passiert. Doch es passierte weiter nichts. Außer dass ich mein Fahrradlicht hervorgeholt hatte. Mit dem Strom war auch das Wasser weg. Weil nur Regenwasseranlage mit Pumpe. Kälter wurde es im Zimmer mit der Zeit auch. Es gab nur Stromheizung. Blöd. Doch eingeschlafen bin ich dennoch. Und auch früh aufgewacht. Der Vermieter hantierte wieder am Stromkasten. Dann hörte ich ihn mit dem Auto wegfahren. Zurückgekommen ist er aber ohne Strom. Dafür meldete er sich jetzt auch an der Zimmertür mit einer Entschuldigung. Er könne sich den Ausfall nicht erklären, und wisse auch nicht, wie lange er sein wird.

 

Mich störte der Stromausfall nicht mehr. Für das einmalige Klospülen am Morgen gab es noch Wasser im Spülkasten. Und viel wichtiger war, dass die Sonne wieder vom Himmel lachte. Da wollte ich möglichst schnell aufs Rad. Losgefahren bin ich dennoch etwas später. Es war nämlich noch ein weiterer Gast im Haus, den der Stromausfall vor das Haus lockte. So gab es in der Morgensonne mit Blick ins weite Tal einen Dreiertratsch über alles andere als den Stromausfall. Ich fand es spannend, was der eine Mann über sein Leben in Singapur und den Vergleich zu Australien zu erzählen wusste.

 

Das Mitfahren im Auto ins Tal für ein Ersatzfrühstück im Ca­fé schlug ich aus. Ich wollte mit dem Fahrrad runter, und auch weiter. Die Straße war nach wie vor tief. Es fühlte sich schwammig an am Rad. Doch Sandspritzer gab es keine mehr. Im Straßengraben rann jedoch mehr Wasser als gestern. Und erneut beeindruckt hat mich, wie steil der Weg war. Noch mehr beeindruckt hat mich dann aber die Landschaft im Tal. Wunderbar, entlang des breiten Huon Rivers entlangzufahren. Und wunderbar auch seinen Übergang ins Meer zu verfolgen. Wo fängt das Meer an, wo hört der Fluss auf? Je breiter der Fluss wurde, desto größer wurden jedenfalls die Boote, oder Schiffe. Und irgendwann hatte dann der starke Wind volle Bühne am Wasser. Wellengang mit Gischt. An Land Blätterrauschen, und Fahrradschwanken.

 

Das Fahren war hie und da etwas anstrengend. Denn immer wieder gab es saftige Anstiege. Am Morgen dachte ich noch, dass es eine lockere Runde am Küstenrand sein wird. Doch es gab dann mehr als nur genug Höhenmeter dazu. Immer wenn die Straße etwas vom Meer wegführte, galt es gleich größere Hügel zu überwinden. Es war ein stetiges Auf und Ab. Gefallen hat es mir dennoch. Das Fahren am Meer fasziniert mich sehr. Mit dem Wind dazu noch umso mehr. Da schaut es am Wasser richtig spektakulär aus, und hört es sich auch so an. Da habe ich richtig Respekt. Am Nachmittag war es auf der anderen Seite der Halbinsel etwas ruhiger. Da dümpelten die Segelboote an Bojen festgemacht ruhig vor sich hin, während sie am Vormittag aufgereizt hin- und herschaukelten. Nur Fahren am Wasser habe ich heute kein Boot gesehen. Vielleicht war der Wind doch zu stark.

 

Ein paar Mal bekam ich etwas Regentropfen ab. Doch die Schauer sind meist hinter mir durchgezogen. Nicht immer war ein Regenbogen mit dabei. Aber wenn, dann meist richtig schön anzuschauen. Und schön anzuschauen war bei einer Pause auch ein kleiner japanischer Kirschbaum in voller Blüte. Vielleicht fasziniert mich so etwas umso mehr, weil ich nach wie vor in heimatbezogenen Jahreszeiten denke. Und es hier in Tasmanien ja auch septemberkalt ist. Da muss ich eher an Herbst als an Frühling denken. Mit Sonne fein auszuhalten, doch ohne sie und mit Wind fahre ich gerne mit Pullover, Halstuch und Mütze.

 

18. September 2023

Stadtverkehr am Morgen, dafür später genial 

Ein herrlicher Morgen. Wunderbar. Etwas kühl, doch ganz klar. Andere Radler sind auch am Weg. Wahrscheinlich zur Arbeit. Die Straße ist etwas holprig. Das stört glaub nur mich. Die Autofahrer scheinen davon unbeeindruckt zu sein. Die düsen flott an mir vorbei. Sofern es der dichte Stadtverkehr zulässt. Hobart. Hauptstadt. Mehr als 200.000 Einwohner. Da ist was los. Alles fährt kreuz und quer.

 

In meiner Jugendzeit hielt ich Hobart für etwas ganz Besonderes. Weil so weit weg, und ohne viele Informationen auch eine geheimnisvolle, große Unbekannte. Doch jetzt beim Durchfahren erweist sich die Stadt als eine wie jede andere. Zwar schon mit Ausstrahlung, weil am Meer, mit Hafen, mit Zentren, mit Hügel, und klein und überschaubar. Doch das magische Flair aus der undefinierten Erinnerung gab es nicht. Dennoch freute ich mich, dass ich jetzt auch in Hobart war. Und das sogar mit Rad.

 

Wenig Freude hatte ich dann beim Passieren der langen und hohen Tasman Bridge über den River Derwent. Dort wo er ins Meer übergeht. Autos Stoßstange an Stoßstange auf allen vier Spuren. Kein Meeresrauschen, nur Autorauschen. Radler und Fußgänger, von denen ich keine traf, mussten sich den einen Meter links und rechts der Autospuren auf holprigen Betonplatten teilen. Das Vorbeifahren aneinander ist sich dann ausgegangen, wenn ich mich ans Geländer klammernd stehen blieb. Gefallen hat mir nur die Zufahrt zur Brücke. Da war der Radweg breit und als Intercity Cycleway ausgeschildert. Egal, ich musste ja nur einmal über die Brücke drüber. Und das hat geklappt. Ein Foto mit Blick auf Hobart ist sich auch noch ausgegangen.

 

Später, in den Wohngegenden der Vororte, war dann wieder Vogelgezwitscher zu hören. Und mein Frühstück hatte ich auch nachgeholt. In einem der kleinen Orte sah ich ein Schild mit „German Bakery“ samt Brezelsymbol. Das hat mich angelockt. Die Brezel waren lecker. Das Baguette dafür ganz weit von Frankreich weg, trotz feinem Camembert, frisch gepresstem Orangensaft, und wärmender Sonne.

 

Die Landschaft hatte sich jetzt farblich verändert. Es dominierte in den Wiesen ein fahles, trockenes, helles Braungelb. Dafür bestach das immer im Blickfeld sich zeigende Meer mit einem schönen Blau. Manchmal war es in den seichten Buchten auch ein schönes Türkis. Das Fahren war anfangs wenig spektakulär. Doch irgendwann, als der Verkehr längst ausgedünnt war, kamen auch Hügel dazu, und Wald. Und da war das Fahren dann ein Fest. Richtig toll ging es dahin. Oder die Steigungen auf und ab, mit engen und weiten Kurven. Dazu der Blick aufs Wasser, und irgendwelches Land dahinter, von dem man nicht wusste, ob es eine andere Insel ist, oder nur eine weitere Landzunge.

 

Bei einer kurzen Pause am frühen Nachmittag bin ich auf einer Parkbank ungewollt eingenickt. Im leichten Wind war es gar etwas frisch. Doch an diesem Platz war es fein sonnig. Das Powernapping zur Stärkung vor der Weiterfahrt hat jedenfalls gutgetan. Denn Höhenmeter gab es heute auch. Immer wieder führte die Straße über Kuppen. Oder etwas höhere Hügel. Vom letzten Hügel der heutigen Etappe hatte ich einen wunderbaren Ausblick auf den Tasman National Park und die Pirates Bay. Fantastisch.

 

Und gefallen hat mir auch das erhaltene Upgrade im Hotel. Statt dem gebuchten Standardzimmer hinten raus gab es eine größere Feriensuite mit Blick auf die Bucht und das Meer. Prächtig, dachte ich mir beim Einschalten der Waschmaschine. Hier ist alles da. Und es war nicht nur ein Toplader mit bloß Kaltwasser, sondern eine hochwertige Maschine und Trockner in einem. Ich musste schmunzeln, dass ich mit der Bedienung sofort klargekommen bin. Und auf das Ergebnis des Waschens mit Regenwasser bin ich gespannt. Denn die Maschine läuft grad jetzt beim Schreiben und Hochladen dieser Zeilen.

 

19. September 2023

Ein lässiger Vormittag und später böiger Wind

Mit Sonne und bei angenehmer Temperatur von 15 Grad bin ich von der Pirates Bay schon früh gestartet. Die Bucht mit dem Sandstrand und dem blauen Wasser war wunderbar anzuschauen. Das Meer rollte jetzt am Morgen etwas leiser an als in der Nacht. Da gab es wohl etwas mehr Wind.

 

Als Route hatte ich mir eine Strecke auf der Tasman Halbinsel zurechtgelegt. Wie an den Vortagen sammelte ich auch hier wieder Höhenmeter um Höhenmeter. Es ging nie sehr hoch hinauf. Doch das stetige Auf und Ab auf kleine Hügel summiert sich ebenfalls. Entlang der Buchten war es lässig zum Fahren. Immer wieder der Blick auf das ruhige Blau. Und im Wald Kurve um Kurve. Irgendwann kam ich auch bei Port Arthur vorbei, bis 1850 berüchtigtes britisches Gefangenenlager in der Sträflingskolonie Australien. Ich hatte es jedoch bei einer Pause vor dem Eingangsbereich belassen. Der Ort wird touristisch sehr vermarktet. Das zieht mich nicht an, obwohl zum UNESCO-Weltkulturerbe zählend. Ich war viel mehr am Fahren auf den kleinen, kurvigen und hügeligen Straßen durch die Wälder und entlang des Meeres interessiert.

 

Eine Zeit lang hat es mir dann auch noch weiter voll getaugt. Doch am frühen Nachmittag kam merklich mehr Wind auf. Und als mich die Route wieder auf eine größere Durchzugsstraße zurückbrachte, lag ich voll im Gegenwind. Dazu war auf der Straße ungewohnt viel Verkehr. Das stresste mich ein bisschen. Und der böige Wind war lästig. Ich fuhr fast nur am kleinen Kettenblatt vorne, und musste mich kräftig anstrengen. Ungeschützt von Wald hat es mich auf manchen Kuppen fast vom Rad geblasen. Hatte ich am Vormittag noch ein paar Juchzer abgelassen, weil so schön, so war ich am Nachmittag eher bei schlechter Laune. Viel Verkehr, viel Wind, keine idealen Bedingungen zum Radeln. Lässig war es heute nur am Vormittag. Der späte Nachmittag war eher zum Vergessen. Jeden Tag brauche ich so ein Theater nicht, war mein Resümee am Abend. Doch beim Anschauen der Fotos war ich dann dennoch wieder zufrieden. Blauer Himmel, blaues Meer, schöne Buchten, Hügel und kurvige Straßen, damit kann Tasmanien gefallen.

 

20. September 2023

Ein windiger Tag mit herrlichem Schluss

Der Wind hat die ganze Nacht durchgeblasen. Doch müde war er am Morgen deshalb keineswegs. Ich hatte den Eindruck, als ob er in derselben Tonart weitermacht wie gestern. Es war also gleich schon zum Start anstrengend. Doch irgendwann nahm die Straße eine mehr nordöstliche Richtung an. Das kam mir gelegen. So hatte ich den Wind mehr von der Seite, und nicht mehr frontal von vorne. Lästig war er deswegen dennoch. Vor allem wegen der Böen. Auf offenen Wiesen holte er immer mächtig Anlauf. Bei den Böen war ich dann fast gezwungen, kurze Zeit in Schräglage zu fahren.

 

Nach einer guten Stunde warteten zwei größere Hügel. Es waren längere Anstiege jeweils im ersten Gang. Nicht ungut zum Fahren. Kräftiger Druck auf die Pedale und ein festes Ziehen am Lenker. Und hie und da ein Blick auf die Farbe der Steigung am Navi. Rot und Orange wechselten sich ab. Ein paar Mal musste ich an einem Traktor vorbei. Mäharbeiten am Straßenrand. Die Fahrer waren sehr aufmerksam. Sobald sie mich im Rückspiegel sahen, stoppten sie das Mähwerk. Sicher ist sicher, denn die Böschungen waren mit Steinen durchsetzt. Bei einem der weiteren Hügel an der Strecke war die Kuppe mit „Break me neck hill“ angeschrieben. Mit entsprechender Wirkung auf mich. Die Abfahrt ging ich vorsichtiger an.

 

Für eine erste Pause machte ich mich auf der abgesperrten Zufahrt zu einem Damm breit. Am Boden sitzend gab es Brot mit Avocado und Rote Beete. Deren Saft hinterließ rote Spuren am Asphalt. Doch mitten in meiner Völlerei kam plötzlich ein Pickup daher. Ich musste zur Seite rücken. Und weil schon aufgestanden, half ich dem Fahrer beim Öffnen des Gatters. Er meinte, dass er auch gerne so Radfahren würde wie ich. Doch das ginge seit Jahresbeginn nicht mehr. Als Erklärung zog er den weiten Ausschnitt seines T-Shirts nach unten. Eine breite, blaurote Narbe zog sich vom Bauch bis über die Brust. Mit 55 am Herzen operiert, war dazu der Kommentar. Das sei nicht lustig. Als er weitergefahren war, setzte ich mich wieder zu meiner Jause auf den Boden. Der Rote Beete-Saft kam mir jetzt wie eine Blutlache vor.

 

In den Wiesen waren heute unzählige Schafe zu sehen. Graue Wollknäuel in fahlgelbem Grün. Schon gestern ist mir aufgefallen, dass ihre Schwänze kupiert waren. Nur die Lämmer konnten noch damit wedeln. Den Rindern werden die Hörner genommen, den Schafen die Schwänze. Es wird schon eine Begründung dafür geben.

 

Am frühen Nachmittag erreichte ich die Ostküste. Das Meer bildete mit seinem faszinierenden Blau einen wunderbaren Kontrast zu den Schafwiesen. Bei den vielen Buchten blieb ich gleich ein paar Mal stehen. Dunkle Felsen, helle Sandstrände, das Grün der Bäume und Büsche, etwas Wellenrauschen. Es hat mir gefallen. Die Strecke war jetzt flach, und der Wind irgendwo anders. Toll, der Schluss des Fahrens heute. Am Morgen hat es noch nicht danach ausgeschaut.

 

21. September 2023

Waldbrand und Blasloch

Heute in der Früh hatte ich es wohlig warm in meinem Bett. Doch erst, nachdem ich die Heizdecke eingeschaltet hatte. Alternativ wäre noch die Heizung über die Klimaanlage möglich gewesen, mit ähnlich starkem Luftstrom direkt ins Gesicht wie beim Fahren am Rad im Gegenwind. Hat mich also nicht angemacht. Denn davon hatte ich die letzten Tage genug. Keine Ahnung, wie die Cabins in den Caravan Parks im Sommer hier sind. Im Winter oder in der Übergangszeit wie jetzt ist es in diesen wenig isolierten Hütten jedenfalls ziemlich kühl. Oder vielleicht auch gleich warm wie draußen.

 

Gestartet bin ich mit Gilet und Winterhandschuhen. Doch nach den ersten Kilometern schon dachte ich mir, dass ich den Morgen wahrscheinlich falsch eingeschätzt hatte. Es ging auch ohne Winterkleidung. Die Sonne wärmte bereits angenehm. Und angenehm war es auch zum Fahren. Es war eine schmale, kurvige Straße ohne großen Verkehr. Die Seitenränder waren reichlich ausgefranst. Irgendwann passierte ich eine Hinweistafel auf Eisesglätte und Schleudergefahr. Ich meinte, dass ich da nicht gefährdet bin. Kein Eis, da die Sonne schon hoch am Himmel stand. Und auch keine Schleudergefahr, denn im Aufstieg war ich dafür wohl zu langsam. Hie und da fallen mir solche Gedanken beim Fahren ein. Ich muss dann selbst schmunzeln.

 

Mit Blick auf die Berge des Freycinet National Parks komme ich bei einem Aussichtsturm eines großen Weinbaubetriebes vorbei. Doch es sind nicht nur die Berge, das Meer, und die Reben zu sehen. Auch ein Traktor ist gut im Blickfeld. Er fährt mit seinem Spritzwagen emsig die Reben entlang, einen leichten Dunstnebel hinter sich herziehend. Und emsig am Spritzen waren sie etwas später auch aus der Luft. Ein Helikopter flog mit Wassertonne über den Wald, aus dem dichter Rauch aufstieg. Bushfire. Im Café am Weg hatten sie davon gesprochen. Vor zwei Tagen hätte es der Straße entlang gebrannt. Ich sehe die Brandspuren dann beim Entlangfahren. Verkohlte Bäume, schwarzer Boden, leichte Rauchschwaden, Brandgeruch.

 

In Coles Bay wurde ich von ein paar Regentropfen eingeholt. Schade. Denn die Bucht konnte so ihr schönes Türkis wenig zur Geltung bringen. Und die berühmte Wineglass Bay mit ihrem weißen Sandstrand sah ich auch nur auf Werbetafeln. Der Fußmarsch war mir bei unsicherem Wetter zu weit an diesem Tag. Im Ca­fé meinte der Wirt, dass sie aus dem Hubschrauber am schönsten anzuschauen sei. Doch der war heute wohl mit anderen Arbeiten beschäftigt.

 

Später tauchten dann die ersten roten Felsen am Wasser auf. Von Flechten überzogen bilden sie mit ihrer Farbe einen spannenden Kontrast zum Meer. Und spannend war auch das Warten auf die Wasserfontäne bei einem Blasloch im Gestein an der Küste. Synchron zum Anrauschen der Wellen stieg eine kleine Fontäne hoch. Nicht so spektakulär wie in den Prospekten beschrieben, doch Fontäne jedenfalls.

 

22. September 2023

Ein lohnender Ausflug

Gleich schon vor der Haustüre wechselte ich Handschuhe und Mütze. Es war wärmer als angenommen. Richtig fein, kam es mir vor. Zumindest auf den ersten paar Kilometern. Da ging es noch etwas geschützt durch waldiges Gebiet. Doch bald danach fuhr ich wieder im Wind. Gegenwind. Zwar nicht sehr stark, doch jedenfalls lästig, weil anstrengend zum Fahren.

 

Bei einem Weingarten hielt ich an. Die Anordnung der Rebenreihen hat mich aufmerksam gemacht. Sie waren nicht wie sonst üblich in geraden Reihen gesetzt. Nein, hier machten sie am Hang und am Feld weite Bögen. Etwas weiter vorne war ein Mann gerade von seinem kleinen offenen Jeep abgestiegen. Weil er mir freundlich zunickte, fuhr ich zu ihm hin. Ja, das Setzen der jungen Reben sei eine Menge Arbeit gewesen. Und sie gehe nie aus. Ein neuer Zaun fehle noch. Wegen der Kängurus. Die würden alles fressen, und vor nichts Halt machen. Da musste ich an meinen Acker zuhause denken. Dort fressen die Rehe angeblich meinen Mais. Doch das Gespräch mit dem Weinbauer setzte ich so fort, dass ich stolz von meinen eigenen acht Stück Reben erzählte. Da musste er schmunzeln, und meinte: „A lot of work“.

 

Für mich war danach das Fahren „a lot of work“. Der Gegenwind war stärker geworden. Am Rad ein Nachteil, am Meer zum Schauen und Zuhören ein Vorteil. In den Buchten mit dem hellen weißen Sand war das Anrollen des Wassers jetzt lauter, und auch spektakulärer. Weiße Dünen gab es auch. Mit dem hellen Sand ein toller Kontrast zum Türkis des Meeres. Spannend waren auch die Flusseinläufe zum Meer hin. Sie brachten glaube ich nur wenig Wasser, und hatten kein Gefälle. Ins Meer wurden die Gewässer meist in einem Bogen eingeleitet. Im Hintergrund rollten dann Wellen mit Gischt an, die an der Küste an einem weißen Sandstreifen brachen. Und im Vordergrund stand das Wasser der Flüsse ganz ruhig. Ich blieb da meist auf der Brücke stehen und staunte ob des Schauspiels.

 

Die Straße führte über weite Strecken direkt am Meer entlang. So waren die vielen Buchten gut einsehbar. Wunderbar, diese Küste hier, mit den Farben der Gräser, dem weißen Sand, und dem speziellen Ambiente. Hie und da waren auch ein paar wenige rote Steine zu sehen. Von denen wollte ich jedoch mehr. Also machte ich mit großen Erwartungen einen Abstecher zur Bay of Fires. Nur nach der Abzweigung war die Küste über viele Kilometer ähnlich zu der davor. Bloß dass es ein kräftiges Auf und Ab beim Fahren war. Ich meinte fast, dass es sich vielleicht nicht gelohnt hat, in diese Sackgasse reinzufahren. Doch kurz vor dem Umkehrpunkt war es dann eine große Bühne vor blauem Himmel. Kleine Buchten mit unregelmäßig großen, vom Wasser rundgeschliffenen Steinen, besetzt mit rotorangen Flechten. Dazu das türkise Meer, und ein Nachmittagslicht vom Feinsten. Ich war fasziniert. So was von schön. Herrlich.

 

Die erste dieser Buchten war von einer Anhöhe aus gut sichtbar. Doch je weiter ich auf der Straße hinunterfuhr, desto weniger war von der Bucht zu sehen. Ein Haus mit dichten Gartenbüschen und Bäumen versperrte die Sicht. Es schien unbewohnt. Also konnte mich auch der Zaun nicht aufhalten. Ich musste die Felsen mit den roten Flechten aus der Nähe sehen. Das Haus war nichts Besonderes. Doch die Aussicht vom Wohnzimmer und der Terrasse auf diese Bucht keine 30 Meter davor war es dann schon. Ein paar Kurven weiter war dann die Küste frei zugänglich. Dort waren die Steine und das Meer ebenso eindrucksvoll. Und ich konnte auf den rotflechtigen Felsen gar rumtanzen und rumspringen, wie ich wollte. Ich musste nur schauen, dass ich dabei nicht ins Wasser fiel. Und aufpassen, dass ich vor lauter Staunen und Schauen keinen Fehltritt mache. Bay of Fires. Dieser Ausflug hat sich heute gelohnt.

 

23. September 2023

Ein Wasserfall und viele Steigungen

Im Caravan Park hatte ich heute Nacht in einem Container übernachtet. Mountainbike-Center war angeschrieben. Die Anlage war mit Stil hergerichtet. Ich kann mir schon vorstellen, dass es hier im Sommer rund geht. In der Umgebung gibt es jede Menge Trails. Und eine Anlage mit Fahrradwerkstatt, Waschanlage, Küche, Pizzaofen, Feuer- und Grillplatz zieht wahrscheinlich auch bei dieser Klientel. Doch heute war ich der einzige Radler am Platz. Die Saison wird wohl erst später beginnen. Noch ist es am Morgen recht frisch. Ich bin jedenfalls mit zwei Paar Socken, doppelter Mütze und Winterhandschuhen los. Bei 4 Grad nützte auch die Erinnerung an die Bay of Fires von gestern wenig. Kalt ist kalt.

 

Am Beginn einer Steigung stand eine Frau am Gartenzaun. Sie wünschte mir eine gute Fahrt. Gerne blieb ich stehen. Ich musste es einfach loswerden, dass es saukalt sei. Ja, es sei am Morgen ein leichter Frost gewesen. Doch mir werde schon noch warm werden. Ab hier gehe es stetig bergauf. Und so war es dann auch. Der erste Gang hatte Hochbetrieb. Doch es war gut zum Fahren. Kein Verkehr. Und mit der Zeit auch wärmende Sonne.

 

Irgendwann zweigte ich zum St. Columba Fall ab. Große Milchbetriebe lagen am Weg, die Kühe in den Wiesen. Später kurbelte ich auf angenehmer Steigung durch einen Regenwald hoch. Ein kurzer Fußweg führte mich dann zum Wasserfall. Dort hieß es Staunen: Ganze 90 Meter prasselt das Wasser über die Felsen runter, und verschwindet irgendwo im Regenwald. Den Bach hatte ich beim Hochfahren zwar nie gesehen, doch immer gehört. Am Rückweg mache ich bei einer Schaukäserei Halt. Ein spätes Frühstück in warmer Sonne musste sein. Sattes Grün rundum, blauer Himmel, so ein Vormittag kann mir gefallen.

 

Am weiteren Weg ging es von Steigung zu Steigung. Kuhwiesen und Wald, manchmal ein größerer Acker. Bei einem solchen war gerade ein Traktor am Pflügen. Hie und da hatte er Mühe, in der rotbraunen, feuchten Erde voranzukommen. Doch mich interessierte mehr der Duft der frisch umgebrochenen Erde. Betörend intensiv, kam er mir vor. Wie spürbare Urkraft. Ich blieb gar länger stehen. 

 

Die Abfahrt vom höchsten Punkt war lässig. Sie ging eine Zeit lang durch dichten Regenwald. Es kam mir gar vor, als ob ich länger am Weg war als aufwärts. Doch das musste ich dann wieder wettmachen. Denn die Steigungen begleiteten mich weiter den ganzen Tag. Am Abend verkündete mein Navi einen neuen Rekord auf meiner Tour: Über 2.000 Höhenmeter. Und bei der Fahrt durch ein kleines Nest hatte ich einen Mountainbikeladen neben dem anderen gesehen. Dazu jede Menge Cafés und Biker, und Radtransportanhänger auf der Straße. Obwohl Reiseradler, mischte ich mich unter die Mountainbiker. Wenn die sich eine Holzofenpizza gönnen, dann darf es für mich auch eine sein. Mit scharfer Chili-Sauce schmeckte sie lecker. Die folgenden Steigungen danach gingen bis zum Abend locker. Ich war zufrieden. Wahrscheinlich habe ich auf der Tasmanienrunde jetzt die gröbsten Hügel hinter mir. Und dazu war angenehmes Wetter den ganzen Tag. Das Radeln heute machte richtig Spaß.

 

24. September 2023

Unglaubliche 66 Hügel

Lustigerweise bin ich auch gestern wieder in einem Container gelandet. Doch der ist bedeutend luxuriöser, oder wohnlicher eingerichtet als jener davor. Glück gehabt. Im Mountainbike Camp in St. Helens war der Container spartanisch, vielleicht wie ein Hardtail. Hier ist er gediegen, oder wie ein Fully. Und dazu ist das Rail Trail Retreat als kleine Anlage erst vor kurzem eröffnet worden. Alles neu. Und ich war der einzige Gast. Mir hat es gefallen. Viel zur Auswahl hatte ich nicht. Unterwegs kam ich zwar an ein paar Schildern mit kleinen Unterkünften vorbei. Doch die tauchen meist nur dann auf, wenn man schon was anderes im Voraus gebucht hat. Und oft wären sie von meiner Route auch noch recht weit entfernt gewesen.

 

Etwas müde von den Höhenmetern des Vortages bin ich später losgefahren. Ich hatte mir Zeit gelassen. Oder vielleicht auch, weil es recht nett war, und mir der Container und das Ambiente gepasst haben. Bis zur Ortschaft war es nicht so weit. Doch das Café war noch zu. Also versorgte ich mich im kleinen Laden im Ort. Und fein in der Sonne auf einer Bank vor der Kirche schmeckte der Einkauf als improvisiertes Frühstück lecker. Uniting Church war groß angeschrieben. Irgendwann hörte ich das Öffnen der Kirchentüren. Das machte mich neugierig. Ich schaute rein. Auf einer Leinwand war ein Willkommensgruß zu lesen. Der galt vielleicht auch mir. Mich wunderte, dass der Raum gut geheizt war. Das Surren der Klimaanlage war deutlich zu hören. Erst da checkte ich, dass es ja Sonntag war, und wohl die Vorbereitungen für eine Messe im Gang waren. Jeden Tag am Rad, da ist jeder Wochentag gleich. Oder die ganze Woche Wochenende. Eigentlich ist es egal, was für ein Tag.

 

Doch ganz egal war der heutige Tag dann auch wieder nicht. Zumindest nicht aus persönlicher Sicht. Und nach den ersten paar Hügeln, die gleich zu fahren waren wie am Tag zuvor, kam mir eine spaßige Idee: Wenn es heute mehr als 65 Hügel werden, dann feiere ich den 66-zigsten mit einem feinen Essen in einem Restaurant. Und so war es dann auch. Im Little V, einem veganen Lokal in Launceston, feierte ich meinen besonderen Tag, den mit den 66 Hügeln. Unglaublich.

 

25. September 2023

Stadt- und Schluchtenbummeln

Der Wetterbericht kündigte für heute etwas Regen an. Damit lag er jedoch komplett daneben. Die paar dunklen Wolken am Morgen hatten sich schnell verzogen. Sie machten der Sonne Platz. Doch bis dahin hatte ich meinen Tagesplan schon abgeändert. Ich wollte nicht mehr aufs Rad. Stattdessen hatte ich mir eine kleine Wanderung zu einer Schlucht vorgenommen. Und in der Stadt kreuz und quer durch wollte ich auch noch. Die spezielle Etappe in den Ben Lomond National Park als Tasmaniens Radhighlight nehme ich mir morgen vor. Das Wetter muss da ganztags passen.

 

Dass es in Tasmanien steile Straßen gibt, hatte ich schon mitbekommen. Dass es jedoch auch solche gibt, bei denen mir ein „Boah“ entkommt, erst heute. Richtig steil. Mit dem Fahrrad nur in eine Richtung fahrbar: Abwärts. Aber nur bei vorherigem Bremsencheck. Ich hatte am Weg zur Schlucht jedenfalls gestaunt, wie manche Wohnstraßen hier angelegt sind. Nichts für Angsthasen.

 

Rund um die Schlucht war einiges los. Sie wird touristisch vermarktet. Doch der Stil war eher nicht mein Geschmack. Ich hatte meinen Aufenthalt also kurzgehalten. Länger hätte er gedauert, wenn ich den Sessellift benützt hätte. Laut Werbetafel hat er mit 308 Metern bei Sesselliften den weltweit größten Abstand zwischen den Stützen. Doch er fuhr abenteuerlich langsam über den Taleinschnitt mit den mächtigen Felsen. Vielleicht waren gerade Rekordversuche im Gang, um für so eine Entfernung auch die längste Zeit am Lift verbringen zu können. Egal, Radfahren gefällt mir jedenfalls besser. Und das will ich spätestens morgen wieder genießen.

 

Dass ich das Bummeltempo jedoch ebenfalls draufhabe, ist mir später beim Spazieren durch die Stadt aufgefallen. Da war ich auch nur schlendernd unterwegs, hatte mich dem Tempo der anderen angepasst. Die paar schnellen Jogger am Flussufer dachten sich vielleicht, dass das ja nicht zum Aushalten ist, so gemächlich wie am Schluchtensessellift durch die Stadt zu laufen.

 

26. September 2023

Ein super Tag im Ben Lomond National Park

Als ich Mitte Juni für ein paar Tage mit Francois und Jeff im Northern Territory geradelt bin, hatten wir, weil dort alles flach und gerade, so nebenbei über Berge und Alpenstraßen gesprochen. Dabei machten sie mich auf den Ben Lomond National Park in Tasmanien aufmerksam. Dort ginge eine steile Serpentinenstraße hoch. Tasmanien war damals weit entfernt. Zugehört hatte ich jedoch aufmerksam. Denn für bestimmte Codeworte bin ich empfänglich. Jetzt, 11.000 Kilometer später, kamen sie mir wieder in Erinnerung.

 

Nach dem Lesen von Berichten zum Ben Lomond war mir klar, dass ich das mit Gepäck vergessen kann. Doch ohne müsste die Straße gehen. Denn mehr Kilometer und Höhenmeter am Tag hatte ich ja schon gemacht. Aber nicht auf unbefestigter Straße. Und in einer schönen Umgebung bin ich ja schon mehr als genug gefahren. Doch die am Ben Lomond soll ganz speziell sein. Und dann wurde noch vor schwierigen Bedingungen bei Schlechtwetter gewarnt. Nur ich hatte ja zugewartet, es soll ein Tag mit Sonne geben.

 

Mit dieser Etappe hatte ich mich in der Vorbereitung also entschieden mehr beschäftigt als mit jeder anderen davor. Und heute wollte ich sie angehen. Also Taschen runter und los. Gewichtsoptimierung war das Schlüsselwort. Doch ich brauchte dann etwas länger, bis ich zufrieden war, was und wie gepackt. Da war fast der ganze gestrige Abend draufgegangen. Und mächtige Vorfreude hatte ich auch entwickelt. Juhu, Fahren ohne Gepäck. Das hatte ich nur an einem Tag gemacht, beim Ausflug zur Lucky Bay. Und der hat mir gefallen.

 

Gleich aus der Stadt raus wurde mir schon warm. Mein Navi hatte ein paar steile Anstiege gefunden. Doch nach den letzten, langgezogenen Vorortsiedlungen wurde es ein angenehmes, gleichmäßiges Radeln. Nur leicht ansteigend ging des durch grüne Wiesen. Schafe en masse. Und fast noch mehr kleine Lämmer. Es machte Spaß, ihnen im Vorbeifahren beim Rumsausen zuzuschauen. Oder wie ihre Schwänze freudig wackelten, wenn sie ein Euter gefunden hatten.

 

Später wurde aus den Wiesen dann Wald. Eukalyptusbäume. Und irgendwann zweigte die Straße zum Ben Lomond rechts ab. Auf Gravel ging es kräftig zur Sache. Doch die Steigung war ausgewogen. Und als ich das Schild mit der Aufschrift „Jacob’s Ladder“ entdeckte, musste ich staunen. In einer zerklüfteten Felslandschaft ging es in Serpentinen steil hoch. Beeindruckend. Zum Schauen, und auch zum Fahren. Von einem Aussichtspunkt oben war der Blick auf die Straße und ins weite Tal faszinierend. Toll. Ich freute mich sehr.

 

Nach ein paar wenigen Kilometern mehr erreichte ich das apere Skigebiet Ben Lomond. Es war alles da, wie bei den großen Skidestinationen. Doch hier fanden sie mit fünf Schneekanonen das Auslangen. Und die Anzahl der Schlepplifte war auf das Mindestmaß reduziert, dass man sie gerade schon in der Mehrzahl benennen musste. Mir hat es gefallen. Auch ohne Schnee. Und ohne andere Leute. Die vielleicht mal von einem Eiszeitgletscher glatt geschliffene Landschaft rund herum hatte einen eigenen Charme.

 

Die Abfahrt runter ins Tal hatte auch ihren Reiz. Auf Schotter hatte ich es richtig laufen lassen. Ohne Gepäck war es super zum Fahren. Mit dem Gesäß etwas aus dem Sattel für eine bessere Balance ging es flott durch den Wald dahin. Hie und da etwas Bremsen. Doch fast nie Treten. Wunderbar. Auch wenn es etwas rumpelig war, und der Lenker leicht vibrierte, es hat mir getaugt. Ich habe dann extra noch eine andere Route für die Rückfahrt gewählt, damit ich mehr auf Schotter fahren konnte.

 

Unten im Tal tauchten dann wieder die grünen Schafwiesen auf. Jetzt am späten Nachmittag in einem noch schöneren Licht. Ohne Verkehr auf kleinen Nebenstraßen ein Gedicht. Als ich dann Launceston wieder erreichte, hatte ich einen breiten Grinser im Gesicht. Voll happy. Das Navi zeigte stolze 2.600 Höhenmeter an. Ich freute mich, dass ich diese Tour als mein eigenes Geburtstagsgeschenk gleich ausgepackt hatte. Es wäre schade gewesen, sie als offenes Projekt weiter mit rumzuführen. Der Ausflug zum Ben Lomond war genial.

 

27. September 2023

Anstrengend mit Gegenwind

Am Morgen dachte ich, dass es ein gemütlicher Tag werden wird. Denn die Strecke bis zur Fähre nach Devenport war überschaubar. Da kann ich ruhig etwas später losfahren, ging es mir durch den Kopf. Doch ich hatte mich getäuscht. Am Nachmittag war ich ziemlich geschafft. Und keinesfalls zu früh angekommen.

 

Aus der Stadt raus war einiges an Verkehr. Es gab am Anfang zwar einen Seitenstreifen, nur auf dem waren immer wieder Autos geparkt. Und mit den zahlreichen Ampeln und Hauszufahrten war es ein unruhiges Fahren. Fein wurde es erst, als ich auf eine kleine Nebenstraße ausweichen konnte. Sie wand sich einem Meeresarm entlang, der weit ins Land hereinragte. Kurvig, ohne Autos, am Wasser, das machte Spaß. Den hatten wohl auch zwei größere Rennradgruppen, die mir entgegenkamen. Alle hatten einen Grinser im Gesicht, als ich ihnen zuwinkte. Oder sie freuten sich wie ich an der Musik ihrer Reifen. Dieses gleichmäßige, monotone Surren am Asphalt tönt wunderbar.

 

An den flachen Hängen gab es Weinbaubetriebe. Die Reben zeigten schon ein zartes Grün. Der erste Austrieb war im Gang. Das Schilf am Wasser war blassbraun. Es harmonierte gut mit dem Blau des Meeres und des Himmels. Vielleicht, weil rundum auch noch ein paar sattgrüne Wiesen zu sehen waren. An einem Steg sonnte sich eine Schar Wasservögel auf dem Geländer sitzend. Es schaute wie nach einer Unterhaltung aus. Einer hatte für längere Zeit die Flügel ausgebreitet. So, als ob er sie in der Sonne oder im Wind trocknen lassen wollte.

 

Bei einer Bäckerei sprach mich ein Australier an. Er war zuvor rund um mein Fahrrad gestreift, und hatte es ausgiebig gemustert. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er erst vor kurzem vom Radfahren in Europa zurückgekommen war. Frankreich und Schottland waren seine Destinationen. Beide meinten wir dann, dass man als Radler mit dem französischen Baguette und dem Käse das Auslangen finden kann. Das Australische Brot gibt da etwas weniger her. Dafür lässt es sich gut packen. Da kann der Brotsack noch so voluminös ausschauen, mit etwas Pressen und Drücken lässt sich auch ein Kilogramm immer gut unterbringen.

 

Irgendwann musste ich wieder auf die Hauptverkehrsroute zurück. Da war es dann aus mit der Gemütlichkeit. Es war Wind aufgekommen, der zusehends stärker wurde. Und ein paar Hügel galt es auch noch zu überwinden. Ich fuhr rauf wie runter mit dem kleinen Kettenblatt. Frontaler Gegenwind. Voll lästig, weil anstrengend zum Fahren. Dazu donnerten immer wieder mit Langholz beladende Lastwagen vorbei. Sie schoben viel Wind vor sich her, der mich manchmal kräftig durchbeutelte. Erst als am Nachmittag nach einem Waldstück das Meer zu sehen war, war mir der Wind egal. Denn damit hatte ich es nicht mehr weit. Und als der Leuchtturm vom Mersey Bluff auftauchte, wusste ich, dass die drei Wochen Tasmanien jetzt um sind. Bei der Fähre nach Geelong zurück in die Nähe von Melbourne war ich eine halbe Stunde vor dem Boarding angekommen. Dank Wind also irgendwie just in time.

 

28. September 2023

Zum Ausgangspunkt Melbourne zurückgefunden

Dass ich mich gestern kräftig anstrengen musste, merkte ich beim Einschlafen. Kaum hatte die Fähre losgelegt, war ich auch schon eingenickt. Doch durchgeschlafen hatte ich keinesfalls. Denn irgendwann weckte mich das stärkere Rumpeln des Schiffes. Im Scheinwerferlicht war kräftiger Wellengang zu sehen. Und so war es in der Nacht mehr ein vor sich hin Dösen.

 

Beim Frühstück fragte ich die Frau an der Kassa, wie es denn ihr mit Schlafen an Bord ginge. Sie meinte, dass sie nach zwei bis drei Tagen ihren Rhythmus gefunden habe. Ihr Rekord wären 42 Fahrten im Monat. Normal seien es 28. Da dachte ich mir, dass mir die Fahrten am Rad lieber sind. Denn ich wurde erst mit der frischen Luft nach dem Aussteigen richtig wach.

 

Obwohl Richtung Millionenstadt Melbourne am Weg, hatte ich für annähernd zwei Drittel der Strecke gut zu fahrende Nebenstraßen ohne Verkehr gefunden. Nur ein Mal lockte mich mein Navi auf eine für Radfahrer gesperrte Autobahnstrecke. Ich musste einen etwas längeren Weg wieder zurückfahren. Das war mir äußerst unangenehm. Denn am Hinweg war ich ins Revier eines Magpie geraten. Gab es bisher bei den Angriffen keine Berührung am Helm, so touchierte mich dieser hier mit lautem Gekreische mehrfach kräftig. Und am Rückweg gab es dasselbe Szenario nochmals.

 

Näher zu Melbourne kommend, dominierte der großflächige Gemüseanbau. Bei einem Landmaschinenhandel konnte ich im Vorbeifahren spezifische Traktoraufbauten bestaunen. Weit vom Feld zu einem neuen Traktor haben sie es hier nicht. Da hatte ich es nach Melbourne etwas weiter. Laut Karte meinte ich, den Yarra River nahe zur Bucht mit einer Fähre überqueren zu können. Doch leider tauchte keine auf. Dafür hatte ich freie Sicht auf die Skyline im Hintergrund. Davor baute sich eine große Brücke auf riesigen Betonpfeilern auf. Aus meiner Perspektive am Kai schauten sie selbst fast wie Wolkenkratzer aus.

 

Irgendwann kam ich dann bei einer Brückenbaustelle vorbei, die mir bekannt vorkam. Ich hatte sie Ende April schon mal gequert. Recht viel weitergekommen waren sie mit den Arbeiten nicht, war mein Eindruck. Da ist bei mir in den gut fünf Monaten deutlich mehr passiert. Als ich die Stelle checkte, machte sich Freude und Erleichterung breit. Doch ich fuhr weiter. Ich wollte zu den Docklands. Dort hatte ich beim Starten am ersten Tag Fotos von Hochhäusern am Kai mit bunten Balkonverglasungen gemacht. Als ich sie jetzt wieder sah, ließ ich mein Rad zufrieden ausrollen. Der Trip Down Under ist aufgegangen. Juhu. Unglaublich. 

 

 

Nachspann

Fünfeinhalb Monate mit dem Rad unterwegs sein, so ein langer Zeitraum ist immer etwas Besonderes und Schönes. Das Reinfinden in die Tour war jedoch schwierig. Dabei war es nicht der ungewohnte Linksverkehr. Es war der unmittelbare Umstieg von den Skischuhen in die Radschuhe. Oder die Art und Weise, wie ich die ersten Tage angegangen bin. Da war ich wohl zu ambitioniert am Weg. Meine Achillessehne wollte da nicht mitmachen. Ich hatte gar Bedenken, ob ich überhaupt weiterfahren kann. Doch mit Geduld und vielen Dehnungsübungen für meine Waden ging es dann doch. Von einer Stadt als Zwischenziel zur nächsten, war die Hoffnung damals. Und so nach gut drei Wochen hatte ich glaub meinen Rhythmus gefunden, und hatten sich die Schmerzen gelegt. Das regelmäßige Dehnen hatte sich gelohnt. Mehr auf meinen Körper achten, hatte ich mir dann vorgenommen.

 

Entlang der Küste fahren, das hat mir gefallen. Wunderbare Strände, tosende Wellen, herrliches Türkis, hey war das beeindruckend. Doch die dicht besiedelte Ostküste hatte auch ihre Schattenseiten. Das Mitschwimmen am Highway im pulsierenden Verkehr war zeitweilig richtig mühsam. Rund um die großen Metropolen dominierten die Autos. Das war ihr Gebiet. Da kam ich mir als Radfahrer fast wie ein Geisterfahrer vor.

 

Doch je weiter ich in den Norden kam, desto ruhiger wurde es auf den Straßen. Da waren dann nur mehr die Grey Nomads mit ihren Wohnwagen mit mir am Weg. Und natürlich die überlangen Road Trains. Vor denen hatte ich am Anfang mächtig Respekt. Doch zumeist ließen sie beim Überholen genügend Abstand. Oder gaben deutliche Signale, dass es eng wird, und ich von der Straße runter musste.

 

Irgendwann hatte ich die Zuckerrohrplantagen mit ihrem spritzigen Grün und die Küste hinter mir gelassen. In Queensland kam ich beim Fahren und dem Queren nach Westen ins Schwärmen. Es ging flach und gerade dahin. Und dazu gab es jeden Morgen ein fantastisches Licht. Die ersten Morgenstunden mit der aufgehenden Sonne und dem fahlgelben Grasland rundum waren ein Juchzen. Genial. Wenig besiedeltes Land mit langen Distanzen, der Duft von trockenem Gras, das Spüren von Weite, etwas Hitze, eine faszinierende Landschaft mit zunehmenden Rottönen, und Einsamkeit pur. Oder Sonnenuntergänge zum Dahinschmelzen. Das hat mir gefallen. Kilometer machen im Flachen war das Programm. Und mich der Herausforderung stellen, die sich aus der fehlenden Infrastruktur im Outback ergab. Mehr Wasser und mehr Essen mitnehmen, mich nicht auf jederzeitige Verfügbarkeit verlassen können. Doch dafür das Zelt irgendwo am Straßenrand und Busch aufstellen, unterm Sternenhimmel einschlafen, der Stille zuhören, durch Vogelrufe aufwachen, meine Zufriedenheit spüren, nach Lust und Laune in die Weite pedalieren, das Surren der Reifen genießen. Oder mich am vielen Zuwinken aus Caravans erfreuen, für die ich als Radfahrer in dieser Gegend wie ein Wesen von einem anderen Stern war. Nur ihre immergleichen Fragen an den Rastplätzen waren mit der Zeit etwas nervig.

 

Die Landschaft und die Weite im Norden, die waren faszinierend. Da hat auch das Wetter zum Radfahren gepasst. Obwohl Winter, wohlig fein. Nur je weiter ich dann irgendwann an der Küste wieder nach Süden vorankam, desto widriger wurden die Umstände. Alle meinten, ich sei dort fast zwei Monate zu früh dran. Kälte, Regen und Wind hielten ihre Arme bereitwillig offen. Mir wollte diese winterliche Umarmung wenig gefallen. Vor allem machte mir der oftmalige Gegenwind zu schaffen. Mit ihm war es an manchen Tagen richtig zäh. „You must have a strong mind“, habe ich mir als Kommentar eines Australiers gemerkt. Und ihn auch gleich zur Motivation hergenommen, wenn der Wind mal heftiger war.

 

Dafür erfreute ich mich an Weingärten, Schafwiesen, einsamen Straßen, am wunderbaren Gelb der Rapsfelder, an der magischen Lucky Bay, an den Bunda Cliffs, an den langen Geraden der Nullarbor-Ebene, an den vielen Regenbögen, und an einsamen Buchten. Dazu kam noch die Great Ocean Road zum Schluss als Hingucker zum Träumen. Ja, auch der Süden geizte nicht mit Charme. Nur war das Wetter nicht immer auf meiner Seite. Mit dem hatte ich auch in Tasmanien anfangs meine Mühe. Die Westküste hielt ausgiebig Regen für mich bereit, und sorgte für mehr Ruhetage als je zuvor. Dafür konnte ich mich dann mit Höhenmetern unerwartet reichlich austoben. Etwas lieblicher zeigte sich der Osten. Eine magische Küste, rote Felsen in der Bay of Fires, der Anstieg zum Ben Lomond National Park, das waren da die unvergesslichen Highlights.

 

Im Rückblick waren die Zeit und die Tour wie im Flug vergangen. Rund um Australien, mehr als 17.000 Kilometer, unglaublich. Was anfangs nur eine vage Idee war, ließ sich mit wunderbaren Erlebnissen und Eindrücken umsetzen. Der Kontinent faszinierte mit seiner einmaligen Landschaft. Das Radfahren in der einsamen, roten Weite hatte eine eigene, unvergleichbare Dimension. Es hat mir gefallen. Der Kontakt mit den Leuten war angenehm. Wiewohl er sich zumindest im Norden meist auf die Caravanfahrer beschränkte. In der unbesiedelten Gegend sind halt andere nur schwer anzutreffen. Zwiespältig war mein Eindruck nur beim Aboriginees-Thema. Das war etwas komisch, ohne den Grund wirklich festmachen zu können. Doch da ringen sowohl Weiße als auch Indigene selbst um ein befriedigendes Miteinander, und kommen dabei glaub auch nicht recht vom Fleck.

 

Aus Amerika hatte ich mir letztes Jahr den Spruch „The bicycle makes the eyes smile“ als bleibende Erinnerung mitgenommen. Aus Australien ist es dieses Jahr eine wohlgemeinte Zuschreibung zweier Australier im Gespräch auf einem Rastplatz. Sie meinten: „He must be a mallee bull“. Wer in einer so kargen Gegend mit dem Rad unterwegs sei, der müsse von ähnlicher Natur sein wie die nur hier wachsenden, und mallee genannten, knorrigstruppigen Eukalyptusbäume. Nämlich tough and fit, sonst gäbe es kein Überleben.

 

Mein Trip Down Under, also eine coole Geschichte. Radfahrerisch etwas vom bisher Genialsten, und von den Bedingungen her ziemlich fordernd. Großartig, dass dabei auch alles gut aufgegangen ist, ich gesund und zufrieden zurückgekehrt bin. Zu Down Under sage ich: "Bärig gsi".