Den Unions-Osten erkunden

29. Juni 2024

Eine Fährfahrt und ein erster Tag

Es war die Sirena Seaways, die mich als Fähre heute Nacht von Kapellskär in 10 Stunden nach Paldiski in Estland brachte. Ich stand als Erster in der Linie 1 ganz vorne, doch das Einchecken auf das Schiff dauerte dann entschieden länger. Es war ein Schauspiel sondergleichen, was der Einweiser am Hafen ablieferte. Er kam mir wie ein Zeremonienmeister vor. Bis ich dann nach all den vielen Lastwagen die Freigabe zur Auffahrt auf das obere Deck bekam, hatte er sicher schon eine halbe Schachtel Tschik verbraucht. Zum Glück blieb der angesagte Regen aus. Es blieb beim frischen Wind, der mich in der Radlerhose etwas frösteln ließ, und den Einweiser beim Anzünden der Zigaretten ebenfalls etwas forderte. Die Belohnung für das lange Warten und den Abschluss des Schwedenabenteuers gab es dafür beim Buffet auf dem Schiff. Da langte ich reichlich zu, und war ob der großen Auswahl erstaunt. Sie kochten glaub nicht nur für die Lastwagenfahrer.

 

Statt der Einladung zum Bingospiel als abendliches Unterhaltungsprogramm entschied ich mich für das Waschen meiner Radsachen. Das Kabinenwaschbecken schien mir dafür geeignet. Denn in Estland wollte ich mit frischen Sachen starten. Die Überfahrt war ruhig. Ich hatte die kleine Kabine für mich allein. Und trotz der lauten Lüftungsgeräusche hatte ich gut geschlafen. Gegen Morgen hin perlten Wassertropfen dem Fenster entlang. Draußen zeigte sich das Meer als triste, dunkelgraue Suppe. Schemenhaft war eine Zeit lang ein Frachter in der Ferne auszumachen. Schade, dass es keine Sternenfahrt war.

 

Doch beim Verlassen der Fähre war der Regen bereits wieder abgezogen. Nur die erste Stunde war die Straße noch regennass. Dann jagte der Wind die Wolken woanders hin, und mich mit Rückenwind Richtung Tallin. Es war ein etwas großer Kontrast zum Fahren in Schweden. Während man dort als Radfahrer stets Vorrang hatte, hieß es hier immer aufpassen. Und rasanter waren die Esten auch am Weg. Spannend war es einmal, als der Radweg vor einer Autobahn endete, und man diese zum Weiterfahren queren musste. Wenn es mir ein anderer Rennradler nicht erfolgreich vorgezeigte hätte, wäre ich wohl um eine Alternative bemüht gewesen. Denn mit Gepäck ist meine Fuhre doch etwas träger in Gang zu bringen, als nur das Rad allein. Doch es ist alles gut gegangen.

 

Und gut gegangen ist nach dem modernen, lauten Tallin auch die Fahrt über das flache, ruhige Land außerhalb. Der Wind hielt an, und ich seine Richtung. Ich kam flott voran. Auf der Suche nach einem Campingplatz bin ich bei einem Fischerteich mit Hütten gelandet. Mit eigenem Zelt verlangten sie nichts. Dafür waren die vielen Mücken dann auch gratis. Der Platz war recht idyllisch abseits im Wald gelegen. Sauna, Hotpot und kleine Teiche gab es ebenfalls, wenn auch sehr rustikal in der Ausgestaltung. Na ja, weit entfernt weder zu Finnland noch zu Russland sind sie hier nicht. Mir hat es gepasst.

 

30. Juni 2024

Mit Mücken am Wanderweg

Es ist Sonntagmorgen. Beim Aufmachen des Zeltes hüpft ein Frosch in die Wiese davon. Er hatte glaub unter dem Vordach übernachtet. Mit ein paar Sprüngen hat er den Grasstreifen des Teichrandes erreicht. Dann höre ich nur noch ein lautes Platsch, untermalt von Kuckucksrufen irgendwo in der Ferne. Die Sonne blinzelt schon zwischen den Bäumen durch. Das Zelt ist zwar etwas taunass, dennoch schnell eingepackt. Ich will los.

 

Bald passiere ich das Schild des Lahemaa Nationalparks. Meine Route führt entlang von kleinen Seen und irgendwann immer mehr und nur noch durch Kiefernwald. Am Navi wird eine Abzweigung mit „Landwirtschaftlicher Weg“ angezeigt. Doch der entpuppt sich bald als verwurzelter Wanderweg. Und je weiter ich in den Wald vordringe, desto lästiger werden die Mücken. Bei flotter Fahrt waren sie nicht zu merken. Doch jetzt mit fast Schritttempo können sie leicht mithalten. Zum Glück war es nur ein kürzeres Verbindungsstück, das mich mit Schieben und Tragen und den stechenden Quälgeistern gefordert hat. Dann war ich wieder auf kleinen Nebenstraßen und Naturstraßen unterwegs. Auf einigen Wiesen entdeckte ich Störche. Einer war ganz nah zur Straße. Doch er wollte nicht aufs Foto, und hob mit langsamem Flügelschlag träge ab. Ich meinte, dennoch mit Eleganz.

 

Nah zur Küste war dann immer wieder das Baltische Meer zu sehen. Hie und da auch ein paar bunte Frachter am Horizont. Einmal musste ich kurz vom Rad. Ein Rottweiler verstellte mir zähnefletschend den schmalen Weg. Nur widerwillig ließ er sich von einer Frau im Bademantel zurück hinter den Zaun bringen. Das Fahren übers Land hat mir gefallen. Zwar waren die Naturstraßen manchmal etwas holprig, dafür hatte die Landschaft mit den bunten Wiesen, den Kiefernwäldern, den verfallenden großen Höfen, und hie und da ein paar kleinen Ortschaften ihren eigenen, etwas spröden Reiz. Etwas eigen waren auch die Einkaufsläden. Gestern ist es mir schon aufgefallen, doch heute umso mehr. Alkoholika scheinen hier der große Renner zu sein. Während ich mit Sprite und Wasser an der Kassa stand, hatten andere die Einkaufswägen mit Hochprozentigem voll. Doch vielleicht nutzen sie dies nur als bewährtes Hausmittel, um die Mücken in den Wäldern zu vertreiben.

 

1. Juli 2024

Ein Gewitter am See

Das Rauschen der Bäume ist schon früh zu hören. Es windet kräftig. Das Zelt flattert, oder biegt sich im Wind mit. Der Platz liegt auf einer Klippe direkt am Meer. Ein Campingplatz mit Aussicht, wenn man sich traut. Vorne an der Kante geht ein gesicherter Gittersteig mit vielen Stufen und Wendeltreppen die brüchigen Klippen runter in einen Waldstreifen am Meer. Es schaute alles stabil versichert aus. Doch der Verankerung im brösligen Felsen muss man erst mal trauen. Am besten nicht hinschauen, dachte ich mir gestern am Abend bei meinem Ausflug auf den ersten Metern, nach denen ich dann wieder umgekehrt bin.

 

Jetzt am Morgen führt mich meine Route weg vom Meer flach übers Land. Auf offener Weite bin ich dem Wind voll ausgesetzt. Und er kommt von vorne. Auf der Naturstraße ist der Staub der mich überholenden Autos im Nu weg. Einfach in die Wiese daneben verblasen. Erst als die Straße in ein größeres Waldstück übergeht, wird es ruhiger zum Fahren. Dennoch finde ich es anstrengend. Das Kurbeln im Wind fordert. Weil ich trotz einsamer Gegend immer wieder an Bushaltestellen vorbeikomme, schaue ich mir den Fahrplan an. Ungefähr alle Stunde ist eine Abfahrtszeit angegeben. Doch es sind fünf verschiedenen Destinationen ausgewiesen. Ich fahre also mit meinem Rad weiter. Keine Ahnung, wo ich mit dem Bus hingekommen wäre.

 

Ich wäre jedenfalls sicher nicht zu dem einen kleinen Laden gelangt, in dem ich Brot, Käse, und eine Dose Bohnen gekauft hatte. Beim Verstauen in meine Gepäcktaschen fiel mir ein im Auto Zigaretten rauchender Mann auf. Irgendwann stieg er aus, und leerte seinen Aschenbecher in den Abfallkübel vor dem Laden. Zeitgleich kam dann wohl seine Frau mit vollen Taschen raus. Ein paar Worte fielen, ich meine auf Russisch, dann fuhren sie ab. Eine klassische Rollenverteilung also, so wie man sie hier in dieser ländlichen Ecke zu Russland wahrscheinlich erwarten kann.

 

Gegen Mittag erreiche ich einen großen See. Lake Peipus steht auf der Karte. Auf der anderen Seite ist Russland. Und hier auf meiner Seite ist es eine verlassene Gegend mit alten, windschiefen Holzhäusern mit Wellblechdächern und verfallenden Schuppen. Der in der Karte ausgewiesene Campingplatz mit einer großen Wiese direkt am See ist zwar frisch gemäht, doch es ist niemand da. Wahrscheinlich hat das desolate Plumpsklo gleich nach der Einfahrt alle abgeschreckt. Ich bleibe dennoch. Am See gefällt es mir. Ich flacke allein im Gras und gucke Löcher in die Luft. Doch irgendwann bekomme ich Besuch. Es ziehen dunkle Wolken auf. Aus ist es mit der Idylle. Mit Blitz und Donnergrollen zieht ein kräftiges Gewitter auf. Der Regen kommt waagrecht daher. Ein paar kleine Eiskörner sind auch dabei. Ich schlüpfe so rasch ich kann in meine Regenkombi und harre bei einer überdachten Sitzgelegenheit aus. Dort, wo ich mein Zelt aufbauen wollte, hat sich im Nu das Wasser zu einer großen Pfütze gesammelt. Wahrscheinlich hätte ich im Zelt dann schwimmen können. Doch zum Glück zieht das Gewitter wieder ab. Eine Stunde im Regen warten kann dennoch lang sein. Dafür wusste ich danach, wo ich mein Zelt hinstellen will, nämlich auf einen etwas erhöhten Platz.

 

2. Juli 2024

Tartu - Europas Kulturhauptstadt 2024

Die Uhr zeigt etwas nach 4 Uhr. Doch die ersten Sonnenstrahlen sind schon da. Sie tönen die Zeltkuppel in ein hellgelbes Licht. Ich freue mich. Nach dem Unwetter von gestern offensichtlich wieder gute Bedingungen. Die äußere Zelthülle ist jedoch taunass. Auch der Schlafsack und die Radlerhose fühlen sich etwas feucht an. Oder bilde ich es mir ein. Egal, das wird vom Fahrtwind schon wieder trocken, geht es mir durch den Kopf.

 

Im Plumpsklo reicht der eine Liter im großen Kanister nicht für die Spülung. Also fahre ich wieder zurück zum See und hole Wasser. Es ist grünlich gefärbt, und erstaunlich warm, weil vom Rand geschöpft. Doch es tut jedenfalls seinen Dienst. Ich verlasse den Ort so wie vorgefunden. Am Rad fühlen sich die ersten Kilometer frisch an. Doch ich fühle mich wohl. Pudelwohl. Solche Kilometer sind es, die süchtig machen können. Im Zelt geschlafen, eine Banane und ein Müsliriegel zum Frühstück, etwas feucht die Schuhe noch vom Gras, allein auf der Straße, das Surren der Reifen im Ohr. Hey, das gefällt mir.

 

Bald bin ich wieder auf einer verwaschenen Naturstraße unterwegs. Der Sand klebt etwas an den Reifen. Wenn ein paar Kiesel aufgewirbelt werden, klimpert es am Schutzblech. Leicht kupiert und kurvig geht es durch lichten Wald, und auch an brach liegende Wiesen entlang. Viel Farn und hohe Gräser. Sie glitzern taunass in der Sonne. Nur selten zweigt eine schmale Gasse in den Wald hinein ab. Fahrspuren sind keine zu erkennen. Eine einsame Gegend hier. Und einsam kommen sich die paar wenigen Vorräte in einem Konsumgeschäft einer kleinen Ortschaft glaub auch vor. Üppige Auswahl schaut anders aus. Meine „Five Beanz von Heinz in a rich tomato sauace“ finde ich leider nicht. Der Laden macht einem fast ein bisschen traurig.

 

Keine Spur von Traurigkeit oder ländlicher Dürftigkeit herrschen dann 30 Kilometer weiter. Ich fahre durch Tartu, die europäische Kulturhauptstadt 2024. Sie gibt sich modern, und vielleicht auch etwas schrill. Will wohl zeigen, dass große Stadt, eine wie zuhauf die Großen im Westen. Ein paar feine Ecken sehe ich dennoch, und auch, dass schon eigener Stil und auch Geschichte.

 

Weiter südlich kommt mir die Landschaft lieblicher vor, oder offener und mit weniger Wald. Sogar recht großzügige Radwege neben den Hauptstraßen finde ich vor. Und weil die Sonne jetzt voll durch ist, gefällt mir auch das Fahren sehr. Auf einem großen Feld sind zwei Mähdrescher unterwegs. Irgendein Getreide dürfte erntereif sein. Doch spannender zum Hinschauen als die Maschinen ist die große Anzahl an Störchen, die den riesigen Fahrzeugen nachjagen. Ich zähle mehr als zwanzig Stück. Das Feld dürfte also nicht nur Getreide hergeben, sondern auch üppig Nahrung für die großen Vögel.

 

Fürs Übernachten habe ich auf der Karte an einem Seengebiet ein Campingsymbol entdeckt. Ich brauche zwar einige Zeit, bis ich den Lagerplatz finde. Er ist nur über einen mit viel Holz beplankten Wanderweg durch den Wald zu erreichen. Doch auch darauf lässt sich fahren. Und das Suchen hat sich gelohnt. Ein herrlicher Platz am Schilf tut sich nur für mich allein auf. Naturcamping vom Feinsten, üppig Mücken mit dazu. Tartu Maratoni rada Shiva Nr. 39 samt estnischem Text und ein QR-Code sind auf einem Schild zu sehen. Ich werde dann mal recherchieren, was es damit auf sich hat.

 

3. Juli 2024

Ein Ringelspiel mit Aprilwetter

Irgendwann noch in der Nacht wache ich auf. Ich will es nicht wahrhaben: Es tröpfelt leicht aufs Zelt. Da war es vor wenigen Stunden noch pipifein, und jetzt soll alles pipinass werden? Unvorstellbar, an so einem schönen Platz. Ich mache mich im Schlafsack klein, will nicht irgendwo an der Zelthaut anstreifen, und döse weiter. Beim Aufstehen ist es dann ein leichtes Nieseln. Also geht es heute gleich schon mit der Regenkombi aus dem Zelt. 

 

Die Holzplanken auf dem Waldpfad sind glitschig nass. Ich fahre eher nur tastend vorwärts. Zum Glück ist parallel zur Straße dann ein guter Radweg. Und trotz Regen gefällt mir das Fahren, weil es abwechslungsreich und kurvig dahin geht. Ein paar Störche sind auch schon munter. Von mir nehmen sie keine Notiz. Sie sind glaub voll auf Frühstückssuche fokussiert.

 

Nach gut zwei Stunden wird der Himmel heller. Ich meine, in meiner Fahrtrichtung ein paar blaue Minifenster erkennen zu können. Ein erster Wechsel der Regenkombi steht an. Ich werde sie dann noch mehrmals an- und ausziehen. Denn es bleibt den ganzen Tag über wechselhaft. Regen und Sonne machen ein Ringelspiel, und nehmen mich in die Mitte.

 

Die Grenze zu Lettland ist schnell erreicht. Das Zollhäuschen steht zwar noch, nur genutzt wird es als Touristeninformation. Und der Grenzfluss ist ein kleines Bächlein. Das Schild der beiden Staaten Latvija und Eesti am Brückengeländer ist fast breiter als das Rinnsal drunter. Während es bis zur Grenze Radwege gab, muss ich in Lettland dann auf der Hauptstraße weiter. Es gibt zwar nicht übermäßig viel Verkehr, aber doch viele Lastwagen. Ein paar Mal zwingen sie mich zum Ausweichen auf den nicht befestigten Seitensteifen. Bald ziehe ich sogar meine neongelbe Weste über. Denn ganz geheuer ist es mir auf diesem Streckenabschnitt nicht. Bei Gegenverkehr mit Lastwagen wird es immer eng. Sehr geübt bin ich danach jedenfalls im An- und Ausziehen der Regensachen, bilanziere ich am Abend. Denn es war Aprilwetter im Juli. Und über mein Improvisationstalent beim Aufhängen der nassen Zeltsachen und meiner Radkleidung zum Trocknen im Hotelzimmer freue ich mich auch. Das wäre gestern in Tartu vielleicht als Kunst-Installationsobjekt durchgegangen.

 

4. Juli 2024

Mittagessen mit Stil

Der Wetterbericht schaute am Morgen gleich mies aus wie gestern am Abend vorhergesagt. Es wird Regen geben. Also plane ich um. Ich teile meine Etappe bis zum Fluss Daugava, der aus Russland kommend zur Ostsee fließt, auf zwei Tage auf. Im Regen fahren ist zwar nie gemütlich, doch nur einen halben Tag klingt besser. Und mit Glück sind es dann vielleicht gar nur ein paar Stunden.

 

Beim Losfahren ist es noch trocken. Doch der Himmel zeigt sich düster trüb. Und färbt so auch auf die flache Landschaft ab. Kein großer Reiz, geht es mir durch den Kopf, beim Vorbeifahren an den landwirtschaftlichen Flächen, die gar nicht alle mehr bewirtschaftet scheinen. Doch mehr muss ich auch auf die Straße achten. Seitlich ist kein guter Belag, ziemlich viel Flickwerk und Löcher mit dazu. In der ersten oder einzigen Stadt heute setzt sich dieses Flickwerk auch bei den Häusern fort. Es wirkt alles sehr heruntergekommen und trist. Vielleicht kann dann das eine große Gebäude im Zentrum, das sie gerade am Renovieren sind, der Stadt zu mehr Glanz verhelfen.

 

Beim Weiterfahren entdecke ich auf einem weiten Feld vier junge Männer. Jeweils zu zweit rollen sie die runden Heuballen von Hand zu einzelnen größeren Lagerplätzen auf der Wiese. Das halbe Feld hatten sie schon geschafft. Einen Jux machten sie sich daraus glaub nicht. Oder es war eine verlorene Wette. Denn außergewöhnlich war es jedenfalls.

 

Irgendwann am Vormittag bog ich auf eine Naturstraße ab. Und schon bei der nächsten Kurve wartete dann der angekündigte Regen, der danach mit wenigen kurzen Unterbrüchen bleiben sollte. Sandig lehmiger Untergrund, ziemlich holprig, niemand zu sehen, nur Wald rundum, ich war in der Regenkombi am Land unterwegs. Dass ich mich für ein Kürzen der Etappe entschieden hatte, fand ich beim Fahren wiederholt als gute Idee. So ließ ich mir etwas mehr Zeit. Einmal stand ich bei einem Schütter gar länger bei einem Geschäft in einer der kleinen Ortschaften unter, die dann doch hie und da im Nichts auftauchten. Gestaunt hatte ich bei einem einsamen Haus mit großem Garten irgendwo im Wald. Im von Blumen umrankten Glashaus saßen eine Frau und ein Mann bei Tisch mit weißer Decke. Wahrscheinlich Mittagessen. Sie taten es mit Stil. Es brannten einige lange, schmale, weiße Kerzen, und Tischgedeck gab es auch. Bei mir gab es später nur Reste von gestern, doch auch ganz lecker, aber ohne Tischtuch. Der Rote Bete Hummus hätte im Nieselregen vielleicht Flecken gemacht.

 

5. Juli 2024

Wälder, Wälder, Wälder, und eine Flugshow

Wow, was für ein wunderbarer Morgen. Draußen regnet es, und ich bin dennoch voll zufrieden. Ich habe am Abend noch umdisponiert. Statt Frühstart will ich erst gegen Mittag starten. Denn dann sollte die Regenfront vorbei sein. Und so genieße ich ein liebevoll zubereitetes Frühstück im More Guesthouse. Die Unterkunft war ein Volltreffer. Aus der Not heraus gestern im Regen gefunden, stellte sie sich als herrliche Lokation in der Einsamkeit der lettischen Wälder dar. Ein Paar aus Riga, er ein quirliger Grieche mit ansteckender Freundlichkeit, leben hier herzhafte Gastfreundschaft bewundernswerter Art. Das Abendessen hat schon geschmeckt, nicht nur weil es die letzten Tage meist Dosenbohnen bei mir gab. Jetzt beim Frühstück staune ich, dass ein Tischservice doch entschieden mehr zu bieten hat als wie sonst die Snickers und Bananen während des Zusammenpackens meiner Radsachen.

 

Neben dem Guesthouse betreiben sie eine große Hirschfarm mit über 700 Tieren. Das war dann eine spannende Unterhaltung heute am Morgen über die Philosophie oder Einstellung als Farmer. Und wie so der Jahresverlauf in der Abgeschiedenheit hier ist. Ich meine, wir hatten wohl über eine Stunde vor dem Haus geplaudert. Und als ich dann endlich losfuhr, gab es Sonne und blauen Himmel pur.

 

Auf vom Regen etwas aufgeweichten, sandig-lehmigen Naturstraßen suchte ich einen Weg durch die Wälder. Ein paar der Wege bin ich dann gleich zweimal gefahren. Nicht weil es so toll war, sondern weil ein Fortkommen in den Holzschlägerungsschneisen für mich mit dem Rad nicht möglich war. Da hat mich das Navi wohl für einen Traktor gehalten. Wälder, Wälder, Wälder, so wird der Rest des Landes beschrieben, wenn man nicht nur von Riga schwärmen möchte. Ich habe heute jedenfalls ausgiebig daran geschnuppert.

 

Etwas später, als sich dann wieder Wiesen auftaten, kam ich bei einer Flugshow vorbei. Unzählige Störche zeigten, was sie beim Fliegen draufhaben, und wie edel es ausschauen kann, wenn sie langsam gleitend ihr Fahrwerk zum Landen ausfahren und mit einem ruckartigen Abschwingen Boden unter die Füße bekommen. Storchennester gab es jede Menge noch dazu. Mir hat es imponiert. Und mit offenem Mund hatte ich einige Kilometer weiter auf einem Wiesenhügel versucht, die Anzahl der Störche zu zählen. Es waren so viele Störche da wie sonst Krähen auf einem Feld, wenn man von vielen spricht. Ein Bauer war mit dem Mähen der Wiese beschäftigt. Anscheinend servierte er damit den Störchen auch zugleich ein reichhaltiges Mahl an Kleintieren.

 

Ein Kuriosum anderer Art gab es bei einer Brücke über einen kleinen Fluss in einem Waldgebiet. Das Geländer war nämlich bunt geschmückt. Beidseitig waren unzählige Büstenhalter befestigt, und wie mir vorkam, von üppiger Größe. Doch sonst ist mir am Nachmittag dann mehr das Fahren auf den braunsandigen Naturstraßen in Erinnerung geblieben. Vorbei an schilfähnlichen, grünen, in der Sonne glänzenden Gräsern mit rötlichen, im Wind sich wiegenden Samenspitzen. Dazu am blauen Himmel sich auftürmende, mächtige, weiße Cumulus-Wolken. Der Tag hat mir gefallen heute.

 

6. Juli 2024

Nach Lettland heute schon in Litauen

Ich starte mit einer Fährfahrt über die Daugava, die hier gut 400 Meter breit ist. Den frühen Termin konnte ich gestern schon ausmachen. Es sei kein Problem, meinte der Fährmann. Doch ganz so munter war er heute um 7 Uhr dann doch nicht. Er wirkte noch total verschlafen. Doch wir kamen mit dem kleinen Boot gut rüber. Dass wenig Wind sei, so wie heute, sei eher selten. Mir passten die Verhältnisse aber jedenfalls. Und das nicht nur am Wasser, denn ich fand zur Überraschung  ausgesprochen gute Straßen vor.

 

Ein paar Holzlaster waren auch schon am Weg, mit und ohne Holz. Beladen zogen sie eine Duftnote hinter sich her. Wenn auch nicht sehr intensiv, so doch wahrnehmbar, und für mich wohlriechend. Irgendwann passierte ich ein kleines eingezäuntes Feld unter Bäumen mit vielen niederen Betonkreuzen. Soldatenfriedhof 1914 bis 1918 war angeschrieben, für Russen und für Deutsche. So hat halt jedes Land eine kriegerische Vergangenheit, und einige gar nicht so weit weg von hier leider auch eine solche Gegenwart.

 

Das Spektakel mit den vielen Störchen auf frisch gemähten Wiesen wiederholte sich heute. Aus der Ferne schaute es bei einer so aus, als ob sie beim Nachfliegen direkt auf dem Mähbalken des Traktors landen, um von dort nach Beute Ausschau zu halten. Es war eine ausgesprochen bäuerlich geprägte Umgebung heute, mit vielen Getreidefeldern. Auch Mais war zu sehen. Und Kartoffeläcker gab es auch, doch nur rund um die Häuser bei den wenigen Straßensiedlungen, die ich passierte. Frauen mit meist weißen Kopftüchern waren in den Gärten gebückt mit irgendwelchen Arbeiten beschäftigt. Auf den Obstbäumen hatten die Äpfel schon etwas rote Farbe angenommen. Und ein Hühnerstall gehörte hier wohl zu jedem der Holzhäuser dazu. Denn die Hähne krähten eifrig.

 

Mittags traf ich in einem Park einen jungen, stolzen Litauer, der sich eine 6-wöchige Baltikumumrundung mit dem Rad vorgenommen hatte. Es war ein spannendes Gespräch, weil er mir viel von der Geschichte der drei Länder und deren jeweilige Prägung durch Russland erzählte. Litauen, in das ich eine halbe Stunde später einreiste, hatte heute nämlich den jährlichen Feiertag, an dem sie der ersten litauischen Staatsgründung 1253 gedenken. Entsprechend reich beflaggt waren viele Häuser. Etwas bunt ging es bei mir dann auch auf den Feldwegen zu. Ich teilte die Straße oft mit vielen Schmetterlingen. Weiß, Hellgelb, Blassgrün dominierte. Die Schmetterlinge hielten sich also nicht an die dunkel getönten Nationalfarben hier mit dem Gelb, dem Grün und dem Rot.

 

7. Juli 2024

Gegenwind und vegetarische Sushi

Sonntagmorgen, und ich noch etwas platt im Bett. Draußen windet es kräftig. Ich höre es zwar nicht rauschen, doch sehe es an den sich biegenden Bäumen. Und als ich dann aufs Rad steige, ist die Geräuschkulisse passend zu dem, was in den Baumwipfeln und Ästen los ist. Dazu ist es unerwartet warm. Die vielen bunten Fahnen in der Straße werden durchgelüftet, und flattern emsig. Ich muss an die Familie mit den beiden Kleinkindern von gestern im Bungalow daneben denken. Die hatten zur Feier des Tages ebenfalls eifrig kleine Landesfahnen geschwenkt, und dazu die Nationalhymne am Handy abgespielt und mitgesungen. Der Bub zwar noch mit Schnuller, dafür der Vater umso lauter. Nationalbewusstsein muss man leben. Ich kann mich nicht erinnern, wann und ob ich die österreichische Hymne jemals gesungen habe. So inbrünstig sicher nicht, und der ganze Text will mir jetzt am Rad auch nicht einfallen. Nach ein paar langen Geraden gebe ich auf, und gestehe, dass er mir partout nicht einfallen will.

 

Das Gelände ist am Vormittag ziemlich kupiert, meine Strecke abwechslungsreich mit unerwartet vielen Kurven. Zuerst dachte ich, dass heute gar niemand am Weg ist. Weder auf der Hauptstraße noch auf den Feldwegen, die hie und da kürzere Verbindungen ermöglichten. Doch es tauchten dann doch ein paar Radfahrer auf, entweder von den großen Höfen kommend oder dorthin fahrend, Männer und Frauen ebenso. Klapprige Räder, dachte ich mir beim Vorbeifahren dann, irgendwas quietschte und schleifte immer. Und die Steigungen hoch waren sie meist am Schieben. Da gaben es die Störche in der Luft deutlich eleganter. Ich bewunderte, wie geschmeidig sie mit wenigen Flügelschlägen im Wind dahinglitten. Ja, der Wind, der war natürlich auch da. Böig blies er mir entgegen, fast schon lästig zum Fahren.

 

Der Vermieter meinte noch, ich soll meine Route nicht über die Hauptstraße führen, denn dort sei eine große Baustelle. Doch dass ich auf ihr bereits unterwegs war, checkte ich erst als Umdrehen nicht mehr ging. Weil frisch asphaltiert ging es anfangs gut vorwärts. Nur irgendwann war es aus mit dem Asphalt. Mehr als 25 Kilometer zog es sich dann einspurig auf grobem Schotter holprig dahin. Und dazu hatte der Wind zugelegt. Ich fuhr in niederen Gängen, und saß fast ein bisschen missmutig am Rad, weil ich kaum vorwärtskam. Autos gab es zum Glück nur wenige. Die sind wahrscheinlich großräumig ausgewichen. Ich suchte erst ganz zum Schluss ein Schlupfloch, und fuhr auf herrlicher Straße kleinen Seen und Tümpeln entlang weiter. Zwar immer noch mit Gegenwind, doch ob der landschaftlichen Reize deutlich freudiger.

 

Am späten Nachmittag zog eine Gewitterfront auf. Der Regen kühlte alles ab, und die Luft war danach angenehm frisch. Als Belohnung für die Plackerei am Rad gönnte ich mir ein verfrühtes Abendessen in einem Lokal. Von den vier Möglichkeiten an der Straße wählte ich ein asiatisches Restoranas. Die vegetarischen Tempura Sushi und Yasai Rolls waren mit dem Wasabi-Gewürz vorzüglich. Der kräftige Gegenwind von untertags viel mir darob erst wieder jetzt beim Schreiben ein.

 

8. Juli 2024

Vom Land in die Stadt

In der Nacht gab es anhaltenden Regen, und letzte Ausläufer bis in den späten Morgen hinein. Ich lass mir also Zeit mit Losfahren. Laut Wetterbericht soll es heute aufklaren, und dann ein paar Tage gut sein. Als Morgenbeschäftigung checke ich meine Route ab. Ich habe Vilnius am Programm. Mal schauen, was es dort dann zum Schauen gibt.

 

Doch zum Start gibt es erst mal ausgiebig Pfützen zum Schauen. Die Straße ist nass. Meine Waden kriegen ein paar Spritzer ab. Doch je heller es am Himmel wird, desto heller wird es auch auf der Straße. Sie trocknet rasch ab. Kaum Verkehr, so lässt es sich gut aushalten. Und es gefällt mir zum Fahren. Landschaftlich abwechslungsreich, leicht kupiertes Gelände, viele kleine Seen, hie und da ein paar verschlafene Nester mit in die Jahre gekommenen Holzhäusern, und jedenfalls herrliche Ruhe oder Stille. Nur ein Mal kommt Ärger auf, ob der Straßenverhältnisse. Es ist eine unbefestigte Verbindungsstraße, die sich als Wellblechpiste darstellt. Bei der Abbiegung ist vor mir gerade ein Grader von Caterpillar eingebogen. Doch ich traue mich nicht seine Arbeitsaufnahme abzuwarten, weil die Straße nach ihm vielleicht zu weich ist, oder er sowieso länger braucht. Also rottle ich mich mutig durch. Eine Zeit lang hörte ich sein Motorengeräusch noch hinter mir. Doch dann hörte ich nur noch das Klappern meiner Taschen, trotz meiner langsamen Fahrweise.

 

Kurz vor Vilnius gibt es dann noch eine Straßengroßbaustelle. Viel roter Sand, der von großen Maschinen bearbeitet wird. Auch die Autos müssen langsam fahren. Ich kann deren Tempo fast halten. Doch ich wähle die erstbeste Abzweigung und gelange auf einem hübschen Radweg neben einem Fluss ins Zentrum der litauischen Hauptstadt. Und da staune ich dann, wie schön es in der Altstadt ist. Das Kopfsteinpflaster ist zwar hie und da nervig, doch die vielen Kirchen und barocken Gebäude sind es nicht. Viele große Plätze, keine Hektik, mir gefällt es. Die Auffahrt zum Gediminas-Turm schaffe ich auf den groben, runden Steinen nicht. Schon nach wenigen Metern sehe ich die Aussichtslosigkeit ein, und gehe zu Fuß hoch. Beim Tor der Morgenröte mit dem Marienbild warte ich einige Minuten für ein Foto, bis alle anderen Touristen weg sind. Eine junge Radlerin bekreuzigt sich ehrfurchtsvoll beim Durchfahren. Mir wäre das nicht in den Sinn gekommen. Abends lese ich dann nach, dass die Ikone mit der Schwarzen Madonna als Schutzheilige der Litauer und Belarussen tief verehrt wird. Und offensichtlich auch wenn radfahrend am Weg.

 

9. Juli 2024

Schweiß im Nacken und Sand in der Kette

War ich gestern auf dem Radweg mehr oder weniger unbehelligt von Autos in die Stadt reingekommen, so erweist sich heute das Rausfahren als etwas mühsam. Auf drei Spuren fahren die Autos in meiner Richtung. Der Radweg kreuzt mehrfach die Abbiegespuren. Ich habe es mir etwas gemütlicher vorgestellt, bis ich endlich allein auf Nebenstraßen übers Land ziehen kann. Doch dort währte die Freude nur kurz. Ich habe mir wieder eine Naturstraße als Verbindungsweg ausgesucht. Schon auf dem ersten Kilometer wird mir klar, dass es keine gute Wahl war. Es ist eine Rumpelpiste besonderer Art. Am Rand fahren geht auch nicht. Denn dort ist tiefer roter Sand. Also wechsle ich immer wieder die Straßenseiten und wühle mich durch.

 

Etwas später meine ich, dass mich mein Navi auf die Bahngeleise lotsen will. Doch es ist ein schmaler Weg daneben, auf dem es sich erstaunlich gut fahren lässt. So fahre ich über viele Kilometer parallel zu den Bahngleisen flach geradeaus. Mittags ist es ein kleiner Ort, an dem ich Halt mache. Natürlich beim Bahnhof, wo sonst. Es gibt eine elektronische Anzeige für die beiden Bahnsteige, und eine Ansage der Züge auf Englisch noch dazu. Ganz modern also, obwohl alles eher nach Gründungszeit der Eisenbahn ausschaut. Die beiden Regionalzüge, die während meiner Pause hier stehenbleiben, sind es wahrscheinlich auch. Mit Diesel betrieben kommen die drei Waggons ganz hochbeinig daher. Es herrscht freie Sicht unten durch. Die Wagen thronen auf den Fahrgestellen. Und ich zähle fünf Stufen, die die paar Leute beim Einsteigen hinaufmüssen.

 

Meine geplante Route hatte ich längst verlassen. Ich meinte, frei der Nase nach fahrend auf bessere Wege zu stoßen. Doch ganz war dem dann doch nicht so. Denn bei einer Stelle zwischen zwei kleinen Siedlungen war es ein Fußweg durch feuchte Wiesen runter zu einem kleinen Fluss. Gestern hatte ich mich über die eine sich bekreuzigende Radlerin in der Stadt noch lustig gemacht. Doch heute war mir auf der schiefen, wackligen und morschen Brücke über den Fluss auch irgendwie nach Beten, dass ich da heil rüber komme. Denn die dunkle Brühe darunter war wenig einladend zum Eintauchen. Es ist zum Glück alles gut gegangen.

 

Doch ein Malheur ist mir dennoch passiert. Ich hatte irgendwann am späten Vormittag meine Kette frisch geölt. Auf gutem Straßenbelag war es ein leises Rollen. Doch am Weg dann nach der Flussüberquerung war es eine tiefe, sandige Piste durch den Wald. Der aufgewirbelte Sand blieb auf der ölig nassen Kette haften. Irgendwann tönte es dann, als ob ich einen Steinbrecher betreiben würde. Putzen mit einem Tuch nützte nichts. Es knirschte und knirschte, und wurde eher schlimmer als besser. Zum Glück kam dann bald ein etwas größerer Ort mit einer Tankstelle und einer Waschstraße. Üblicherweise spritze ich die Kette bei so einer Anlage nie ab. Doch jetzt fuhr ich extra deswegen dorthin. Eine Minute Hochdruck, und der größte Teil des Sandes war aus der Kette und dem Ritzelpaket entfernt. Die Geräuschkulisse war danach wieder halbwegs normal. Etwas länger Hochdruck brauchte ich dann für die restlichen flachen Kilometer des Tages. Die Hitze trieb mir den Schweiß in den Nacken. Die Bäume des großen Naturparks boten leider nur wenig Schatten.

 

10. Juli 2024

Straßenwellblechblechblech zum Juchzen

Mein gestriger Ort entpuppte sich als Thermalkurort. Es war entschieden mehr los als woanders auf meiner Route. Doch ich war von der Hitze und der Anstrengung zu müde, um mich abends noch in das Touristengetümmel zu stürzen. Ich ging früh zu Bett, und war dafür am Morgen ausgeschlafen. Nach ein paar Kilometern entdeckte ich an einem Hügel eine lange, große Halle. Ich staunte, denn mit weißen Buchstaben war „Snow Arena“ angeschrieben, und auf einer Plakatwand davor „Skiing all year round“. Draußen auf der Rasenpiste waren Beschneiungslanzen und Flutlichtmasten zu sehen. In die Halle reinschauen wollte ich jedoch nicht. Hatte ja keine Ski dabei, nur das Rad.

 

Das Fahren heute am Vormittag hat mir gefallen. Allein auf guten Nebenstraßen Wiesen und Feldern entlang, und ausgiebig auch im schattigen Wald. Kurz vor der Grenze zu Polen machte ich eine letzte Rast in jenem Land, in dem glaub jeder Ort außer Vilnius auf ai endet. Eine Kurve nach dem Rastplatz begann dann eine Odyssee auf Schotterstraßen. Zuerst dachte ich, dass es vielleicht nur ein kurzes Stück unbefestigten Weges ist, wegen der Grenze im Wald. Doch die staubige Naturstraße zog sich waschbrettartig ewig weiter. Harte Rippen die ganze Fahrbahnbreite, und am Rand tiefer, mehlartiger Sand. Wenn man solche Verhältnisse liebt, dann wäre es zum Juchzen noch und noch gewesen. Doch mir war alles andere als danach zumute. Normal fahren ging wegen der Rottlerei weder in der Mitte noch am Rand. Und im tiefen Sand war Stürzen jederzeit möglich. Einige Passagen legte ich gar schiebend zurück.

 

Irgendwann wurde es mir zu bunt. Ich suchte auf der Karte nach einem Ausweg, und gelangte tatsächlich auf eine asphaltierte Straße. Da hat es mir gepasst. Nur war es in praller Sonne ausgesprochen heiß, und ein Weg mit gutem Belag lockte mich wieder in den Schatten des Waldes zurück. Einige Zeit war alles eitel Wonne. Doch irgendwann endete der Asphalt, und natürlich tat sich eine neue Wellblechpiste auf. Idyllisch die Landschaft, doch die Straße auf meiner Route heute zeitweise ein Graus. Keine Ahnung, wie sich das weiter entwickeln wird. Wahrscheinlich muss ich hier mehr auf größeren Straßen fahren als nur auf Wegen abseits. Abends war ich dann dennoch zufrieden, weil ein Waschbrettabenteuer heil geschafft.

 

11. Juli 2024

Ein schwüler Tag und Gewitter am Abend

Schon am Morgen beim Losfahren ist es ausgesprochen warm. Die Schlaglöcher finde ich, ohne zu suchen. Denn kaum aus der Stadt raus, tauchen sie leider wieder auf. Hier in einer neuen Variante: Sie sind mit Asphalt umrahmt. Doch es ist nur ein kurzes Stück an einem Kanal entlang. Danach wird es entschieden besser.

 

Die Strecke führt anfangs viel durch aufgelockerten Wald. Auf gutem Belag surren die Reifen. Erste Wiesen tauchen auf, mit dem Duft von Heu. Auf anderen sehe ich jede Menge Siloballen in weißer Folie. Bei den Bauernhöfen gibt es sie in Schwarz, Weiß und Mint, und die Kühe in schwarzweiß gescheckt. Einige Höfe sind recht groß und nah zur Straße. Wenn man sie nicht sehen will, kann man sie beim Vorbeifahren jedenfalls riechen. Und von den Feldern den süßlichen Duft von Mais ebenso. Er steht hier schon fast zwei Meter hoch.

 

Gegen Mittag wird es zunehmend schwüler. Beim Stehenbleiben sind die Bremen lästig. Die spüren offensichtlich auch das Wetter, genauso wie ich. Viel trinken, nehme ich mir vor. Und so kehre ich nicht nur einmal bei einem der kleinen Läden an der Strecke zu. Auf wenig Quadratmeter haben sie hier meist alles dicht an dicht übereinandergestapelt. Die einkaufenden Frauen finden ihre Ware, und ich mein Wasser auch. Irgendwo hinten hat ein Fahrer Ware angeliefert. Er steht dann vor mir an der Kassa an, und lässt sich bezahlen. Keine Ahnung wie sie abrechnen, doch große Zettelwirtschaft scheint es hier nicht zu brauchen.

 

Irgendwann tauchen dann mehr Getreidefelder auf. Ein paar Mähdrescher sind auch zu sehen, und noch mehr Strohballen. Ihren Duft, oder vielmehr den der abgeernteten Felder liebe ich. Er ist ganz eigen, und passt heute ausgezeichnet zur schwülen Hitze. Das Thermometer zeigt 36 Grad, und Gegenwind gibt es noch dazu. Etwas fordernde Bedingungen, meine ich. Zum Schluss des Tages wühle ich mich noch kurz durch weichen Sand, auf der Strecke zu einem Ressort im Wald. Unter der Dusche bin ich froh, dass ich untertags nicht zu sehr rumgetrödelt hatte. Es ist nämlich ein Unwetter aufgezogen, mit Blitz und Donner. Die Regenrinnen laufen über. Den losen Sand von der Zufahrt schwemmt es am Eingang vorbei in den Wald hinein. Na habidere, nicht auszudenken, wie es mir jetzt da draußen am Rad in so einem Sturzregen wohl ginge.

 

12. Juli 2024

Vollwäsche ohne Föhnen

Beim Losfahren ist es windstill. Mit dem leichten Nebel oder dem Dampf über den Wiesen fühlt es sich so an, als ob der abendliche Gewitterregen alles platt gemacht hat, und die Landschaft sich jetzt davon erst erholen muss. Zum Glück bin ich ausgeruht. Denn die tiefe, nasse Sandstraße fordert mich gleich kräftig. Und etwas Mut brauche ich auch. Eine kleine Brücke auf meiner Route ist gesperrt, die morschen Bretter teilweise eingebrochen. Doch die Betonträger scheinen mir stabil genug für meinen Balanceakt und das Luftanhalten gleich schon in der Früh.

 

Etwas laut war es auf meiner Fahrt da im Wald auch. Zumindest dann, wenn mir ein brüllendes „Maa“ entwich. Der nasse Sand blieb nämlich überall kleben, in der Kette und dem Zahnkranz natürlich auch. Notdürftig versuchte ich das Ganze etwas später zu reinigen. Eine vorbeikommende Frau wunderte sich, ihr kleiner Hund auch, wieviel Sand ich auch aus meinen Schuhen zaubern konnte. Beim Rad schuf später eine Waschanlage an der Straße Anhilfe. Da wählte ich das volle Programm, Schaumbad inklusive. Nur Föhnen war nicht dabei. Doch die mittägliche Hitze trocknete mich und das Rad im Nu.

 

Ansonsten gab es recht viel Militärfahrzeuge und Polizeiautos auf der Straße. Wahrscheinlich der nahen Grenze wegen. Und jede Menge Wegkreuze mit kitschigem Kunststoffblumenschmuck. Das tat fast weh beim Hinschauen. Mittags lockte mich eine schattige Bank vor einer großen Kirche. Und gleich mal danach der Rasen daneben. Ich breitete meine Plane aus und hielt Mittagsschlaf. Der hat mir richtig gutgetan. Und beim Wegfahren machte ich noch ein Foto vom großen Weihwasserbehälter aus Nirosta in einer gemauerten Laube. Er hatte unglaubliche 17 Abfüllhahnen an der Unterseite. Es waren Kugelhähne. Wer immer also schnell und viel Weihwasser brauchte, konnte hier aus dem Vollen schöpfen.

 

Kurz vor meinem Etappenziel verlor ich am Hinterrad leider Luft. Bei einer Parkbank machte ich mich an die Reparatur. Doch der Hausbesitzer insistierte, dass ich das doch unbedingt in seiner Garage machen soll. Mir war er anfangs fast etwas aufdringlich. Doch es war eine nette Erfahrung polnischer Gastfreundschaft. Über seine Frau ließ er mir sogar einen Reserveschlauch besorgen, wenn auch mit unpassendem Autoventil. Mit Karmi Piwo 0,0 stießen wir auf die gelungene Reparatur und meine Weiterfahrt an.

 

13. Juli 2024

Eine Seilfähre und viele Getreidefelder

Weil schon früh aufgewacht, wollte ich noch vor 6 Uhr losstarten. Als ich das Haus verließ, wieherte eines der beiden Pferde in der Stallbox daneben. Wahrscheinlich wusste es schon, was mich erwarten wird. Mein Rad hatte hinten einen Plattfuß. Das war nun wirklich zum Wiehern, weil doch grad gestern erst geflickt. Beim Abgreifen des Mantels nach einem spitzen Widerstand war nichts zu entdecken. Auch gestern nicht. Also ging ich auf Nummer sicher. Vielleicht hätte der Reifen noch vier oder fünf Tage gehalten, dann hätte ich ihn voll abgefahren sicher wechseln müssen. Also tat ich es gleich heute in der Früh. Und mit frischem Material surrte ich reichlich später als geplant dann los.

 

Mein morgendlicher Schwung hat wohl eine gute Stunde angehalten, dann wurde ich eingebremst. Es begann zu regnen. Doch es schaute nur nach einem kurzen Schauer aus. Also stand ich bei einem über die Straße ragenden Baum unter. So konnte ich noch weitere zwei Mal die Regenwolken austricksen. Dann war die Regenfront endgültig vorbeigezogen. Doch die Regenschuhe musste ich dennoch überziehen. Die Straße war über viele Kilometer frisch asphaltiert, vielleicht erst gestern. Das Wasser wollte daher nicht abfließen. Es blieb großperlenartig als Wasserteppich liegen, und spritzte munter meine Füße nass.

 

Bei einer kleinen Ortschaft hatten die fahrenden Händler gerade ihre Stände aufgebaut. Erste Kundschaften näherten sich eher scheu dem Markt, war so mein Eindruck beim Passieren. Neben Kleidung war viel Gemüse zu sehen, ein Verkaufswagen mit Fleisch auch. Obwohl ich die Straße zwei Mal abfuhr, hatte ich nichts für mich gefunden. Die Jause gab es dann erst im nächsten Ort. Den Frischkäse mit Brot aß ich barfuß vor dem Laden. Die Socken hingen in der Sonne zum Trocknen am Rad.

 

Irgendwann in einem Waldstück überholte mich ein olivgrüner Planenlastwagen des Militärs. Auf der Ladefläche saßen Soldaten. Ich winkte ihnen grüßend nach. Und freute mich dann an der Reaktion. Einer der beiden, die an den Bankenden saßen, erwiderte das Winken. Aha, dachte ich mir, obwohl vielleicht in ernster Mission unterwegs, so lässt sich mit einer Geste auch in einer Uniform leicht das menschlich Freundliche wecken.

 

Den einen großen Fluss auf meiner heutigen Etappe querte ich auf einer Seilfähre, die von Hand betrieben wurde. Die beiden Fährmänner lachten, als ich zuerst auf ihren Bizeps zeigte, der mit den Ziehbewegungen am Seil jeweils kräftig anschwoll, und dann auf meine entspannten Oberschenkel und das Rad. Am Rad sind solche jedenfalls von Vorteil, ist zumindest meine Erfahrung nach den knapp 6.000 Kilometern bisher. Den Rest des Tages dominierten dann schwüle Hitze und visuell die vielen Getreidefelder. Bei den bereits abgeernteten freute ich mich über den Duft des Strohs.

 

14. Juli 2024

Vormittags ein Unwetter und nachmittags eine Bremenattacke

Als ich frühmorgens das Wetterradar checkte, meinte ich, es könnte passen. Doch just schon beim Verladen der Packtaschen aufs Rad fing es an zu regnen. Und das gleich kräftig. Das Vordach des alten Hauses war undicht. Ich musste mein Rad woanders hinstellen. Und zum Regen gesellte sich bald Blitz und Donner. Ich verzog mich wieder nach drinnen. Draußen wurde es lauter und lauter. Es schüttete in vollen Strömen, obwohl die Front eigentlich woanders hätte sein sollen. Also nochmals unter die Bettdecke und auf Besserung hoffen.

 

Irgendwann ließ der Regen nach, ging in Nieseln über, und hörte dann gänzlich auf. Am Himmel ließen sich ein paar blaue Flecken erahnen. Das war mein Startschuss. Zum Glück war der Radweg weit genug weg von der Straße. Denn an einigen Stellen stand das Wasser tief. Die Fontänen der vorbeifahrenden Autos schauten spektakulär aus. Und nach gut einer Stunde schaute es dann auch am Himmel spektakulär aus, nämlich voll dunkel. Dazu kam starker, böiger Seitenwind auf, und bald kamen auch erste schwere Tropfen.

 

Weiter vorne sah ich ein Buswartehäuschen. Doch der Regen ließ mich nicht bis dorthin kommen. Ich zog die einzige Alternative vor, und bog zu einem Haus mit kleinem, überdachtem Eingangsbereich ab. Und dann ging ein Donnerwetter los, wie noch nie erlebt. Ein Sturzregen ließ am Vorplatz alles überlaufen. Auf mächtige Blitze folgte in Sekundenschnelle gewaltiges Donnergrollen, das die ganze Landschaft einnahm. Mir war nicht mehr geheuer unter dem kleinen Vordach. Die Regenkombi hatte ich zwischendurch längst angezogen. Der Kälte wegen, und auch weil der Wind den Regen waagrecht daherkommen ließ. Wenn ich meinte, dass das Spektakel jetzt mal vorbei sein müsste, folgten prompt die nächsten Blitz- und Donnerserien. Am Handy ging ein RCB Alert ein: “Warning! Storms, strong wind, heavy rainfall und hail expected. During the storm seek shelter.“ Na ja, ein sicherer Unterschlupf war es hier glaub nicht. Doch besser als ganz ohne Schutz war es jedenfalls.

 

Es war wohl mehr als eine Stunde vergangen, bis ich mich wieder aufs Rad traute. Der Sturzregen war in einen Landregen übergegangen, und die Blitze waren weiter weg. Doch von einem Nachlassen des Regens war weit und breit nichts zu sehen. Im Gegenteil, es prasselte wieder kräftiger. Zum Glück erreichte ich bald eine größere Ortschaft mit einem Laden. In der Regenkombi gab es im Foyer sitzend meine Jause, und das schützende Dach für das Warten auf Besserung. Das Zuschauen, welche Leute sonntags hier einkaufen und was sie in ihren Flipflops nach draußen tragen, war durchaus kurzweilig. Die Männer beschränkten sich meist auf irgendwas in Glasflaschen, und Zigaretten brauchten auch viele. Doch als Ganztagesprogramm sah ich meinen Platz dann auch wieder nicht. Mit der ersten Aufhellung am Himmel startete ich am Rad neu durch, und konnte dann bald auch meine Regenkombi wieder ausziehen.

 

Mit Fortdauer des Tages wurde es schöner und schöner, und heißer natürlich auch. Man konnte sich gar nicht mehr vorstellen, dass es vor ein paar Stunden gänzlich anders war. Landschaftlich hat es mir gefallen. Viele unterschiedliche Getreidefelder, und das Gelände ganz leicht kupiert. In einer der kleinen Steigungen entdeckte mich dann ein Schwarm Bremen. Ich meinte, die fliegen volle Attacke gegen mich. Ich konnte sie kaum abwehren. Erst als ich die Kuppe erreicht hatte, und in der Abfahrt schneller wurde, war der Spuk wieder vorbei. Voll lästig und aggressiv, die Viecher.

 

15. Juli 2024

Raps auf dem Feld und Mittagsschlaf am See

Ich hatte gestern den Aufenthalt in dem kleinen einsamen Bungalow inmitten von Mais- und Getreidefeldern genossen. Heute am Morgen hatte ich das Wegfahren gar etwas in die Länge gezogen. Ich trödelte beim Frühstück auf der Bank im Garten und dann beim Packen der Sachen. Doch irgendwann startete ich doch. Schon bald sah ich einen Storch mit einem großen Beutestück im Mund über mich hinwegfliegen. Er zog einen weiten Bogen, und landete dann straßennah in seinem Nest auf einem Leitungsmast. Als ich ihn erreichte, herrschte oben reges Flügelschlagen und Picken. Ich meinte, zwei junge Störche zu sehen, die da wohl grad ihr Frühstück serviert bekamen.

 

Unten begegnete mir ein kleiner Traktor langsam tuckernd. Ursus stand vorne drauf. Aha, dachte ich mir, das wäre bei mir daheim dann wohl ein kleiner grüner 15er Steyr von früher. Später höre ich an der Straße einen Hahn krähen. Gut gelaunt erwidere ich den morgendlichen Gruß mit einem lauten "dzień dobry". Und prompt kriege ich ein weiteres Krähen von der anderen Straßenseite. Man grüßt sich hier also, an der Grenze zur Ukraine. Und man schaut hier auch, wer alles auf der Straße daherkommt. Ich sehe mehrere Patrouillen der polnischen Grenzsicherung. Mit Ferngläsern sitzen sie in ihren Autos und mustern die Vorbeikommenden schon von weitem. An mir zeigten sie jedoch kein Interesse.

 

Bei einem großen bereits abgeernteten Feld ist bei der Einfahrt noch ein kleiner Streifen der Pflanzen stehen gelassen. Und weil ich aus dem Hof vom Haus vis-á-vis Stimmen höre, frage ich dort nach, was es denn für Pflanzen sind. Ich hatte sie schon so oft gesehen, doch nie zuordnen können. Doch heute Mittag lernte ich es: Es war Raps. Außen sind es vor der Ernte unscheinbare, lange, trockene, blasse, cremefarbene Früchte ähnlich dünner Bohnen. Sie lassen sich leicht aufbrechen und enthalten innen wohl an die 10 oder mehr kleine schwarze Körner. Der Bauer schrieb mir auf den Zettel: Rzepak.

 

Keinen Bauer gab es dann zum Fragen, unter welchem Baum ich bei meiner Pause am Liegen war. Das war herrlich dort an dem See mit der Kirche auf einer kleinen Anhöhe auf der anderen Seite. Nach oben schauen und dem Spiel des Windes in den Blättern zusehen. Dem Gurren der beiden irgendwo darin versteckten Tauben zuhören. Mich wundern, wie oft die Fische im Wasser am Springen waren. Und irgendwann dann über mich selbst staunen, dass ich hier mehr als eine ganze Stunde geschlafen hatte. Frisch ausgeruht und erholt gefielen mir die nachfolgenden Getreidefelder und deren Farben dann noch besser.

 

16. Juli 2024

Große Hitze und ein Gewitter

Gleich schon beim aus dem Haus gehen am Morgen beschäftigten mich die Schwüle und die Hitze. Und es wurde untertags nicht besser. Hie und da meinte ich, im Schatten des Waldes etwas Abkühlung zu finden. Doch große Unterschiede waren es nicht. Es war grad etwas zäh zum Fahren. Bei einigen Straßenbaustellen ging es den Arbeitern glaub gleich. Wir alle hatten eine schweißbedeckte Stirn. Und die Wasserflaschen waren überall schon halb leer. Beim Winken ging es mehr um die Temperatur als um das Grüßen.

 

Mittags suchte ich einen Lagerplatz im Wald. Ich meinte, einen ebenso schönen wie gestern finden zu können. Doch es blieb beim Versuch. Und Abkühlung gab es auch keine. Es war windstill. Kein Blättchen rührte sich. Die Hitze stand auch unter den Bäumen. Mir perlte der Schweiß im Rücken runter. Die Hände, Arme und Beine fühlten sich klebrig an. Auf der Zeltunterlage waren nasse Kontaktstellen zu sehen. Ein heißer Sommertag, und ohne Fahrtwind nur schwer zum Aushalten.

 

Allzu lang blieb ich an meinem Mittagsplatz im Wald nicht. Entferntes leises Donnergrollen mahnte mich zum Aufbruch. Und am Himmel sich auftürmende dunkle Wolken empfand ich gar bedrohlich. Ich gab also kräftig Gas am Rad. Das hatte vor mir wohl auch ein Lastwagen mit Anhänger gemacht. Er lag seitlich im Straßengraben. Die Ladung Kies schon halb entleert. Ich dachte, dass er das sicher auch anders hätte abladen können. Den verdutzten Mienen der Polizei und einiger Personen rundum war zu entnehmen, dass sie noch keine Idee hatten, wie sie das Fahrzeug wieder auf die Straße bringen.

 

Doch mich interessierte eher mehr das Geschehen am Himmel. Seitlich entfernt waren Blitze am Horizont zu sehen. Und bald vor mir dann auch schwere Regentropfen. Viel Zeit hatte ich nicht zum Überlegen. Im Nu war die Gewitterfront da. Eine Friedhofskirche mit überdachtem Eingang tauchte in meinem Blickfeld auf. Das schmiedeeiserne Friedhofstor stand offen. In voller Fahrt bog ich ab. Unterschlupf am Friedhof finden, das schien mir ob es aufgekommenen Regens zumindest temporär eine gute Idee. Und so hatte ich ausreichend Zeit, die vielen Plastikblumen zu bewundern, die im Regen fast noch besser zur Geltung kamen als sonst. Aufräumen wollte ich jedoch nicht. Der Wind hatte einige leere Plastik-Grableuchten, von denen auf jedem Grad immer viele standen, von den hohen Steinplatten runtergeworfen. Mir bot die Kirche mit ihrem ausladenden Dach Schutz. Ich stand im Lee. Und als nach einiger Zeit auf den Pfützen keine Spritzer mehr zu sehen waren, setzte ich meine Fahrt fort. Es war zum Glück nur ein kurzes Gewitter.

 

17. Juli 2024

Karpatenvorland und eine Erinnerung

Regen am Morgen. Ich höre ihn schon früh ans Fenster klopfen. Und Richtung Süden, ins Karpatenvorland, dort wo ich heute hinwill, ist alles Grau in Grau. Ich bin froh, dass ich unter Dach bin. Spät am Vormittag soll es dann besser werden. Das will ich abwarten. Das Hotel ist recht groß. Es liegt etwas außerhalb vom Ort. Doch obwohl Sommer und Ferien, ist hier absolut nichts los. Es ist nur ein einziger weiterer Gast mit mir hier abgestiegen. Offensichtlich will niemand in Grenznähe zur Ukraine Urlaub machen. Ein Hotel für mich allein, ich finde Gefallen daran.

 

Als die Straße dann am späten Vormittag abgetrocknet ist, düse ich los. Auf einer Hügelkette mit Seitenwind entlang gleiten. Rundum Felder in leicht rötlichem Braun, dort wo Getreide angebaut ist. Und auf den hellgrünen Ackerstreifen wächst Mais. Am weiten Horizont ist Wald zu sehen. Schön, dieses Panorama hier. In der Karte steht Karpatenvorland. Statt der Holzhäuser gibt es hier gemauerte Häuser, und meistens mit irgendwelchen Dachfenstern und Giebeln. Ein fester Zaun rundum muss auch überall sein, und Rasen sowieso. Beim schnellen Hinschauen im Vorbeifahren wirkt alles gut gepflegt.

 

Die Straße windet sich zwischen den bewaldeten Hügeln mit leichtem Auf und Ab dem Talgrund entlang. Ein Gewässer gibt es auch. Einmal muss ich gar einen weiten Weg machen, weil es die auf der Karte eingezeichnete Fähre nicht gibt. Kaum Verkehr und lässig zum Fahren. Ich komme gut voran. Einen staunenden Überraschungsjuchzer mit einem lauten „Hey, des kenn i jo“ gibt es in einer größeren Stadt. In Sanok bin ich vor 5 Jahren von der Ukraine kommend schon mal durchgefahren. An die Stadt erinnert hatte ich mich nicht. Es war ein auffälliger Lebensmittelladen mit einem Café an der Straße, das die Erinnerung wachgerufen hat. Da habe ich mich gefreut. Und ja, das Karpatenvorland hat mir damals auch schon gefallen. Der heutige Regenmorgen hat sich zu einem schönen Tag entwickelt, und das Fahren war ziemlich gut.

 

18. Juli 2024

In der Slowakei

Es sind heute nur noch ein paar Kilometer bis zur Grenze der Slowakei. Polen habe ich demnach im Eilzugtempo hinter mir gelassen. Es hat mir gefallen. Auch jetzt am Morgen, als ich durch den Wald die schmale Straße ohne Verkehr zum Landesübergang hochfahre, ist es im Schatten der Bäume ein angenehmes Kurbeln. Oben tut sich dann eine weite Sicht auf große Wiesen zwischen den Waldstücken auf. Und ein paar Löcher mehr in der Straße tun sich auch auf.

 

In der ersten größeren Ortschaft falle ich fast vom Rad. Ich bin zwar in der Abfahrt und kopfschüttelnd schnell vorbei, doch die Farben habe ich mir eingeprägt. Ein weinrotes Haus mit steilem, knallorangem Blechdach. Davor im schmalen Garten zur Straße hin rostrote Erde und dunkelrote große Steine, mit einer rauchenden Frau mittendrin. Und wie könnte es auch anderes sein, sie trug ein knalloranges Kleid und weinrote Haare. Mir schien, alles ganz nach rotem Styleguide gekonnt in Szene gesetzt. Ich nehme an, es war die Hausherrin.

 

Es war ein krasser Gegensatz zu dem, was sich sonst so an Bauten, Menschen und Landschaft zeigte. Die Vermieterin hatte mich gestern vielleicht schon mit leisen Vorurteilen angesteckt. Und wenn mal im Ohr, bringt man sie schlecht weg. Es seien im Osten der Slowakei nahe zur Grenze viele Gypsys. Ich solle auf meine Sachen aufpassen. Manche Siedlungen zeigten sich dann aber auch so wie angedeutet: Alles war ziemlich schmuddelig, zumindest war es so mein Eindruck beim Durchfahren. Zum Bleiben jedenfalls nicht gerade einladend. Abends las ich dann im Internet über die Elendsviertel oder Roma-Slums in der Slowakei nach. Auch so etwas ist Europa, das wohl nicht nur ich gerne ausblende.

 

Auf der Straße begegneten mir viele Holztransporter. Alle durchwegs mit langen, schweren Buchenholzstämmen beladen. Die wenigen Brennholztransporter waren alte Lastwagen der Marke Tatra. Äußerlich wirken sie so, als ob sie jederzeit auseinanderfallen könnten. Doch anscheinend halten sie ewig und tun ihren Dienst.

 

Irgendwann kam auf meiner geplanten Route am Ende einer Ortschaft überraschenderweise eine Fahrverbotstafel. Ich wunderte mich, aber zuversichtlich fuhr ich weiter. Am Navi schaute es nach einer Strecke durch den Wald aus, und steil dazu. Der Anstieg war eine lange Gerade. Ich blieb gar öfters stehen, weil mir die Puste ausging. Von Baumschatten zu Baumschatten, so hantelte ich mich hoch. Schieben wollte ich keinesfalls. Vor der Abfahrt dachte ich mir, dass sie sich das Fahrverbot hätten sparen können. Denn es war ein schmaler Hohlweg durch Buchenwald. Für Mountainbiker sicher ein Highlight. Für mich mit Gepäck etwas fordernd. Doch der Lichteinfall durch die Bäume hat mir gefallen. Das war eine Inszenierung sondergleichen. Unten freute ich mich, dass ich eine Route weit weg von der stark befahrenen Hauptstraße gefunden hatte. Und dass ich längere Zeit im klimatisierten Wald unterwegs war. Denn danach war es ein Brutzeln in der Sommerhitze.

 

19. Juli 2024

Flache Rolleretappe und ein ungarisches Schloss

Gleich auf den ersten paar Kilometern schon bekam ich heute eine Begleiterin. Sie war bis mittags über viele Kilometer dabei. Es war die blaue Kornblume, die die Straßenränder in der Slowakei zierte. Schön anzuschauen war sie, und die Felder daneben auch. Es waren entweder brachliegende Äcker, weil schon abgeerntet, oder Bohnen, hoher Mais, und Sonnenblumen in allen möglichen Größen.

 

Mit etwas Rückenwind hatte ich die Grenze zu Ungarn schnell erreicht. Ein Übergang zwischen Maisfeldern und Sonnenblumenfeldern. Mich wunderte, dass hier niemand am Weg war. Dabei war die Straße in sehr gutem Zustand. Und was mir vorher schon gefallen hat, setzte sich in Ungarn fort. Nur vielleicht um eine Spur mehr an Sonnenblumen.

 

Geärgert hatte ich mich nur über die vielen Fahrverbotstafeln für Radfahrer in den Ortschaften. Dort will man die Radfahrer absolut nicht auf der Dorfstraße haben. Es ist ein Meer an Verbotsschildern. Zum Glück gab es gar nicht so viele Orte auf meiner Route. Mein Radweg führte später zumeist über einen Damm entlang eines Gewässers. Auf der Karte war es blau eingezeichnet. In Natura war es jedoch eine träge dahinfließende, braune Suppe. Am erhöhten Damm gab es dafür abwechslungsreiche Aussicht über das flache Land mit den vielen Sonnenblumenfeldern. Sie wechselten sich mit Maisfeldern und Wiesenstücken ab. Oder es gab etwas Wald, und hie und da nah zu den Ortschaften auch kleinere Apfelplantagen.

 

In den kleinen Läden gab es das ähnliche, leicht überschaubare Angebot wie in der Slowakei, oder auch in Polen. Lange suchen musste ich nicht. Ich wollte heute nur Wasser und Limo haben. In einem hatte die Verkäuferin schon beim Hereinkommen mit der Hand in Richtung Kühlvitrine mit den Getränken gezeigt. Radfahrer war ich der Einzige. Doch auch die Bauern und die Bauarbeiter hatten den gleichen Einkaufszettel wie ich. Es war heiß. Aber beim Fahren fand ich öfters schattenspendende Waldstücke. Und weil das Gelände flach war, war es heute eine Rolleretappe, die ganz ok war.

 

Bei der Unterkunft gab es dann noch eine Überraschung. Ich war in einer sehr feinen Pension gelandet. Doch das, was dahinter und zugehörig sich auftat, ließ mich dann mit offenem Mund staunen. Es war der riesige Rosengarten des Luby-Kastély, das auch noch mit einem tropischen Palmenhaus aufwartet. Meine Limonade zum Abendessen war mit Rosen angesetzt, ein wunderbares Getränk. Und das nebenbei geführte Gespräch mit dem Verwalter war herzerfrischend wohltuend. Vielleicht, weil es dabei auch ums Radfahren und nicht nur um die Rosen ging.

 

20. Juli 2024

Der Fährmann Vasudeva

Beim Wegfahren drehte ich noch eine Runde um das Schloss und dessen Garten. Alles pipifein gepflegt. Ein starker Kontrast zu den Häusern rundum oder in der Gegend dort. Na ja, ein Schloss ist halt ein Schloss, muss immer anders sein. Doch sein Besitzer würde in Budapest wohnen. Keine Ahnung, ob er dort auch in einem Schloss wohnhaft ist, oder nur der anderen Häuser hier überdrüssig ist.

 

Kaum die nächste Ortschaft durchquert, gelange ich wieder auf einen Damm. Diese sind zum Radeln großartig. Zwar etwas holprig, doch immer ohne Verkehr, und auch mit Aussicht auf ein Gewässer oder das weite Land mit den Äckern und Feldern rundum.

 

Für das Überqueren des Flusses Szamos gibt es auf meiner Route eine Seilfähre. Leider habe ich keine Forint, und der ungarische Fährmann will meine zwei Euro als Alternative nicht annehmen. Es wäre viel zu viel. Nach zähem, aber lustigem Verhandlungspallawatsch einigen wir uns, dass ich für das Rad und die beiden schweren Taschen einen Aufpreis zahle, und die zwei Euro damit gerechtfertigt sind. Irgendwie wird er finanziell schon durchkommen mit seiner Fähre, denke ich mir danach. Denn lange vor und nach dem Übergang sind mir keine Fahrzeuge begegnet. Doch mit seiner Ruhe und Herzlichkeit hat er mir imponiert, und auch, wie er mit wenigen Handgriffen und Seilkurbeln die Fähre gekonnt abgestoßen hat, und dann wieder punktgenau anlanden ließ. Das dazwischen war ein wundersames Gleiten, die Bewegung und Kraft des Wassers spürend. Ein paar Kilometer weiter fragte ich mich, ob der Mann vielleicht Vasudeva aus Hesses Roman Siddhartha gewesen sein könnte.

 

Das Träumen und Sinnieren war aber schnell wieder vorbei, als ich an der Grenze zu Rumänien auf eine in mehreren Spuren wartende Autokolonne stieß. Nach einem Dutzend Staaten mit freier Durchfahrt war es hier die erste Grenzkontrolle. Bevor ich weiterdurfte, wurde mein Personalausweis sowohl auf ungarischer als auch auf rumänischer Seite gescannt. Leider führte mich meine Route dann auf eine stark befahrene Hauptstraße. Mit der Gemütlichkeit auf den Nebenstraßen zuvor war es damit vorbei. Auch mit der Sauberkeit an der Straße ebenso. Es lag viel Müll im Graben herum. Komisch, dass es sich vom einen zum nächsten Kilometer so schnell ändern kann. Später fing es dann an, mir wieder zu gefallen. Als ich auf die vielen Straßenverkaufsstände stieß, wo Händler vor ihren Autos, oder Frauen vor den Haustüren oder Hauseinfahrten ihre Waren aus dem Garten anboten. Ich erinnere mich jedenfalls an Gemüse, Kartoffeln, Mais, Paprika, Melonen, Karotten, und das oft nur in ganz kleinen Mengen.

 

21. Juli 2024

Verregneter Sonntag

Auf den gestrigen schwülen Sommertag folgte heute ein sommerlicher Regentag. Es begann irgendwann in der Früh kräftig zu schütten, und hielt dann mit weniger Intensität den Vormittag über an. Mich lockte es nicht nach draußen. Nach einer weiteren Front am Nachmittag soll es morgen wieder besser sein, und ein paar Tage auch bleiben. Darauf freue ich mich. Dann will ich ausgeruht die Höhenmeter im nördlichen Rumänien angehen. Während ich also in der Hängematte liege, sind die Teilnehmer des Transcontinetal Race heute in Roubaix gestartet. Vielleicht begegne ich ihnen, falls sie sich auf ihrem Weg nach Istanbul verfahren.


22. Juli 2024

Region Maramures - Kirchen, Torbögen und Anderes

Gestern gegen Abend zu ist es noch recht freundlich geworden. Die Sonne ging als roter Ball hinter einem der wenigen Hügel unter. Länger geblieben sind die vielen Autos auf der Durchzugsstraße. Das Rauschen hielt bis in die Nacht hin an. Und früh am Morgen waren dann die vielen Hähne schon früher wach als ich. Ein Kikeriki-Konzert für Frühaufsteher. Ich war mit dabei.

 

Wider Erwarten war es auf der Straße ruhig. Ich konnte also auch die Gegend rundum genießen. Abenteuerliche Rohbauten sondergleichen, die wohl nie fertig werden, und die dem Aussehen nach schon vor Jahrzehnten aufgegeben wurden. Vielleicht sind die Erbauer selbst erschrocken, was sie da angefangen hatten. Alle nur erdenklichen Stilelemente waren kreuz und quer zu sehen, Säulen, Erker, Balkone, Veranden, Giebel, Gewölbe, Rund- und Steildächer, und möglichst viele Stiegen. Doch auch die bewohnten Neubauten schauten vollendet keinesfalls besser aus. Dort spiegelten sich in den vielen Glasflächen die verfallenden Häuser auf der Straße vis-á-vis wider. Später, als ich die Stadt hinter mir gelassen hatte, kamen dann viele Holzhäuser dazu.

 

Meine Route führte mich einen kleinen Pass hoch. Der war lässig zum Fahren. Es gab richtig viele Kehren, wie ich sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Zwar zogen oberhalb Nebel auf, doch der Blick zurück auf das weite Tal und meine Strecke hat mir gefallen. Die Abfahrt ging dann durch einen Buchenwald, und brachte mich in ein grünes, kleinbäuerlich geprägtes Tal. Pferdefuhrwerke auf der Straße, Omiles mit Kopftüchern, alte Männer mit Hut und Stiefeln, Bauern mit Sense und Gabel am Fahrrad, Heuschober statt Siloballen, Handarbeit am Feld, Hühner und Ziegen im Garten. Eine etwas andere Welt.

 

Viele Kirchen waren auch zu sehen. Solche aus Holz, mit schmalen, geschindelten Holztürmen spitz und weit in den Himmel ragend. Oder mächtige aus Stein, mit Kuppeln und Ornamenten sich auf der Erde breitmachend. Einige Klöster gab es auch, mit großen Tafeln an der Straße auf sich aufmerksam machend. Und dazu kamen bei den Häusern gewaltige, kunstvoll geschnitzte und mit Blumenelementen verzierte Tore und Torbögen aus Holz, verwittert und ergraut, oder neu gemacht und lackiert glänzend. Die Häuser dahinter, oft niedrige, gestrickte Holzhäuser, konnten dieser Pracht meist nicht standhalten. Es ist die Maramures-Region, der so etwas zu eigen ist. Und wohl auch die vielen Kleinverkäufe von Gemüse durch die Bewohner entlang der ganzen Straße im Tal, mit ein paar größeren Marktständen dazu. Bei einem Stopp für ein Foto bekam ich gleich Paprika, Gurke und Tomate eingepackt, „pentru salata“ hieß es freudestrahlend und zahnlückenlächelnd mit dazu. Und wo die woanders feilgebotenen Steinpilze und Pfifferlinge herkommen, bekam ich auch erklärt, in für mich perfektem Englisch von einer Frau und deren Tochter im Teenageralter. Die hatten einige Zeit in Irland gelebt, und sind dann wieder nach Rumänien zurückgekehrt.

 

Was gab es heute noch? Ach so, ja, viele Hunde, streunend oder angekettet, kläffend oder dösend, und hie und da auch äußerst lästig, weil mich wild verfolgend. Ein Mal ist mir gar ein Autofahrer helfend beigestanden. Lang hupend und die Hunde seitlich abdrängend hat er hinter mir die Situation erkannt, und mir zu einem nicht mehr einholbaren Vorsprung verholfen.

 

23. Juli 2024

Honig zum Frühstück

Am heutigen Passübergang auf fast 1.500 Meter Höhe war ich erst um halb zehn. Dabei war ich schon früh los. Doch es hat sich gezogen. Und am Morgen hatte ich mich noch gehörig geschreckt. Nicht der Hunde wegen, sondern weil mein Fahrrad nicht mehr da war. Ich hatte es wie von der Vermieterin empfohlen an der Hauswand vor meinem Fenster abgestellt. Doch am Morgen war es weg. Nach einem ersten Schock entdeckte ich es dann doch. Jemand hatte es in die Pergola hinters Haus gestellt. Mir ging da in der einen Minute alles Mögliche durch den Kopf. Die Erleichterung beim Finden war jedenfalls groß.

 

Bis ich meinen runden Tritt gefunden hatte, dauerte es nach diesem Ereignis etwas länger. Doch mit der aufgehenden Morgensonne kam ich dann in Schwung. Die bewaldeten Berge rundum schauten aus wie daheim in den Alpen. Auch die Passauffahrt hätte es genauso sein können. Entlang einem Bach mit vielen Kehren, und irgendwann dann ein Skiressort. Hotelburgen, Liftanlagen, Beschneiungslanzen, Abfahrtsschneisen. Skitourismus geht demnach überall gleich.

 

Die weitere Auffahrt zum Prisloppass hat mir gefallen. Ohne Verkehr, zumeist gleichbleibend ansteigend, kühl die Temperatur, und hie und da in einer Kehre ein Blick zurück in das weite Tal. Irgendwann blieb ich bei einem der Honigverkäufer an der Straße stehen. Die Sonne setzte seine Produkte gerade in ein gutes Licht. Und damit es nicht nur beim Foto blieb, kaufte ich etwas Honig in der Wabe. Ihn gab es dann auf der Passhöhe zum Frühstück. Daneben weideten eifrig ein paar Kühe. Müll gab es auch rundum, und ein alter blauer Tatra stand als Wrack in der Wiese. Im Kiosk gab es den für Passübergänge typischen Touristenramsch. Den Vogel abgeschossen hat jedoch eine neue orthodoxe Kirche direkt auf der Passhöhe. Mit ihren vielen Dachtürmen war sie schrecklich anzuschauen. Lange hielt es mich da nicht, ich wollte möglichst schnell wieder weiter.

 

Die Abfahrt zog sich dann recht lang. Und als ich endlich in ein anderes Tal einbiegen konnte, war die Mittagshitze da, und ich auf einer Straße mit viel Verkehr am Weg. Die Auffahrt auf den folgenden kleinen Pass war dementsprechend zäh. Doch ich konnte Radfahren, das war schon mal gut, denn am Morgen hat es kurz mal gar nicht danach ausgeschaut.

 

24. Juli 2024

Rosendorn, Glasscherbe und ein bunter Teppich

Heute Morgen war das Rad wieder woanders abgestellt. Doch ich sah es gleich schon beim Aufmachen der Tür. Das hat mir gepasst. Der Vermieter hatte es auf der Eingangsveranda unter Dach gebracht. Denn am späten Abend und in der Nacht gab es heftigen Regen. Beim Losfahren schaute es mit den tiefhängenden Wolken so aus, als ob es jederzeit wieder beginnen könnte. Doch ich kam trocken durch. Beim Gewitter am Abend war ich schon in einem Hotel. Das Donnern hatte ich unterwegs nur entfernt wahrgenommen.

 

Ich war am Morgen noch keine hundert Meter gefahren, als ich am Vorderrad ein schwammiges Gefühl wahrnahm. Ich probierte es mit Nachpumpen. Aber richtig Druck konnte ich keinen aufbauen. Ich ahnte, dass ich mir da wohl einen Plattfuß eingefahren hatte. Kaum hatte ich das Rad ausgebaut, war er auch schon in seiner ganzen Pracht zu sehen: Ein Rosendorn grüßte etwas seitlich von der Reifenmitte. Ich grüßte freundlich zurück, und suchte nach einem Ersatzschlauch. Die Reparatur hatte ich vor einer Hauseinfahrt begonnen. Das wollte dem Hausbesitzer nicht so recht passen. Er schaute immer wieder argwöhnisch zur Tür heraus. Nur seine Frau konnte sich zu einem kurzen Winken entschließen, als ich meine Fahrt wieder fortsetzte.

 

Ich war auf der Hauptstraße unterwegs. Die vielen Lastwagen nervten, und die Geräuschkulisse auch. Dazu war der Asphalt am Straßenrand von der Hitze immer wieder wellenartig aufgeworfen. Es erforderte ein konzentriertes Fahren, da ich das leichte Gefälle ausnutzend kräftig in die Pedale tretend schnell unterwegs war. Und schnell suchte ich auch die Einfahrt zu einer Kirche mit Vorplatz auf der anderen Straßenseite, als ich am Vorderrad schon wieder Luft verlor. Auf der Straße wollte ich mein Rad nicht neben den vorbeirauschenden Autos reparieren müssen. Die Kirchenstufen waren ideal zum Ausbreiten meiner Utensilien. Beim Abgreifen des Reifens merkte ich es sofort: Ein kleines Stück einer Glasscherbe hatte sich in der Karkasse breit gemacht. Ich konnte es leicht entfernen. Die weiteren Handgriffe hatte ich davor schon geübt. Es ging also flott mit Reparieren. Das Einschmieren des Reifenwulstes konnte ich auch unterlassen. Beim Aufpumpen freute ich mich, wie der Reifen schön gleichmäßig ins Felgenbett sprang. Also wenn schon die Misere mit zwei Patschen hintereinander, dann wenigstens Genugtuung beim Reparieren. Etwas später überholte mich dann ein Autotransporter. Er kam mir bekannt vor. Denn gestern war er auf der letzten Steigung vor der Stadt mit Pannendreieck und einem zerfetzten hinteren Zwillingsreifen auf der Straße gestanden.  

 

Am späten Vormittag konnte ich dann auf Nebenstraßen ausweichen. Da war es gleich ein anderes Fahren. Ich meine, dass mich die Geräuschkulisse bei viel Verkehr am meisten nervt. Auf den Nebenstraßen war es entschieden ruhiger. Da hatte ich auch Zeit und Muße zum Schauen was sich sonst so tut. Viele Pferdefuhrwerke gab es hier zu sehen, und auch zu hören. Doch es waren nicht alle Pferde beschlagen. Eines der mit Langholz beladenen Fuhrwerke stand bei einer Tankstelle mit Bar. Es war mittags. Der Bauer gönnte seinem Pferd anscheinend eine Pause, und sich selbst auch. Er hatte auf den Buchenhölzern einen bunten Teppich ausgebreitet, und machte darauf liegend ein Nickerchen. Schon spannend, was man beim Radfahren auf Nebenstraßen alles entdecken kann.

 

25. Juli 2024

Eine fordernde Etappe

Aus der Stadt raus sollte es gut gehen. Laut Karte war es bei meinem morgendlichen Check nur ein kurzes Stück. Doch nach einer rasanten Abfahrt stehe ich vor Geleisen. Weg scheint keiner weiterzugehen. Doch mir kommen Leute entgegen. Also überquere auch ich die mit Gras und Büschen eingewachsenen vielen Geleise, das Rad tragend. Etwas später höre ich Pfeifsignale. Zwischen den Büschen sehe ich eine Lok mit drei Waggons vorbeifahren. Beim Queren hätte ich noch gewettet, dass da schon lange kein Zug mehr gefahren ist.

 

Kaum auf den kleinen Straßen durch die Ortschaften am Weg, begegnen mir viele streunende Hunde. Scheu und verwahrlost suchen sie mehr nach Futter als nach einem Kontakt mit mir. Ich bin froh. Denn mich beschäftigten ohnedies die vielen ruppigen Ansteige. Bei denen hatte auch mancher alte Lastwagen zu kämpfen. Und wenn sie mir runterfahrend begegneten, hoffte ich jedes Mal, dass der Fahrer seine Fuhre im Griff hat. Vielleicht dachten sie es auch über mich, wenn sie mich in vollem Tempo daherkommen sahen.

 

Obwohl nur ganz kleine Ortschaften, war die Straße auf meiner Route in gutem Zustand. Ich freute mich, denn ich hatte mir eine längere Etappe vorgenommen. Ich wollte bis nach Moldawien kommen. Doch die gute Straße ging unerwartet jäh in einen schottrigen Feldweg über. Und nach einer langgezogenen Kurve ging es gar bergauf. Von oben kam mir ein Pferdefuhrwerk entgegen. Seine Spuren waren auf dem Weg gut zu erkennen. Und bald merkte ich, dass es ein angefeuchteter Lehmuntergrund war. An Fahren war nicht mehr zu denken. Ich schob mein Rad nur widerwillig hoch. Denn der Lehm blieb an den Reifen haften, und an meinen Schuhen auch.

 

Irgendwann tauchten dann Hunde auf. Sie erwarteten mich oben auf der Kuppe. Mir wurde etwas mulmig. Sicherheitshalber wechselte ich beim Schieben die Seite. Zwischendurch musste ich immer wieder stehen bleiben, und den Lehm zwischen Reifen und Schutzblech entfernen, und von meinen Schuhen auch. Die fühlten sich zunehmend schwerer an. Auch das Rudel Hunde loswerden war nicht einfach. Da kann das Fell ganz verfilzt sein, die weißen Zähne schauen beim Fletschen dennoch scharf aus. Zum Glück wollte nur einer näher ran. Mit aggressivem Schreien und Drohgebärden konnte ich mir Respekt verschaffen. Die Meute war jedenfalls beeindruckt, sie ließen langsam ab.

 

Der eine lehmige Feldweg hoch war jedoch nur die Vorspeise heute. Ich war in einer Einöde gelandet, die sich über viele Kilometer und endlose Weite hinzog. Hügelige Schafwiesen, manchmal auch Maisanbau. Am Feldweg gab es längst keine Fahrspuren mehr. Nur ausgewaschene Rinnen. Und von einer Kuppe sah ich den Weg auf der nächsten weitergehen. Auch wenn ich das Rad mehr seitlich im Gras schob, so setzte sich dennoch der Lehm fest. Es war mühsam sondergleichen. Und doch merkte ich eine große innere Zufriedenheit, mit welcher Energie ich mich der Anforderung stellte. Und welche Faszination von dieser Landschaft und der Einsamkeit ausgehen kann. Irgendwann nach fast drei Stunden erreichte ich dann wieder festen Boden, und eine Ortschaft mit dazu. Und in der nächsten gab es dann die Belohnung, oder kam es mir so vor. Es waren Kinder auf der Straße, und die klatschten mich ihre Hände ausstreckend ab. Hey, war das eine Freude auf allen Seiten.

 

Weniger Freude hatte ich dann mit der Warterei an der Grenze zu Moldawien. An der kilometerlangen Autoschlange konnte ich mich seitlich vorbeimogeln. Doch bis ich bei beiden Grenzstellen kontrolliert war, dauerte es dann doch fast eine ganze Stunde. Und der moldawische Beamte interessierte sich sehr für den Inhalt meiner Packtaschen. Na ja, wenn sonst nur Autokofferräume anzuschauen sind, so ist ein Fahrradfahrer sicher spannend zum Kontrollieren, ging es mir durch den Kopf. Am Abend war ich mit dem Tag zufrieden. Voll fordernd, mich selbst in Ausnahmesituationen gespürt, eine unglaubliche Landschaft gesehen, und das Etappenziel erreicht. Voll cool.