8. September 2025

Eine Fährfahrt und erste Kilometer in Belgien

Etwas Vogelgezwitscher am Morgen, und ein paar Sonnenstrahlen auch. Entfernt war gelegentlich Zuglärm zu hören, und das Röhren von einzelnen Motorrädern beim Beschleunigen in der Auffahrt auf die Autobahn. Durch einen gepflegten Park sind die ersten Kilometer angenehm zu fahren. Kurvig zwischen Bäumen durch, und später an einem Golfplatz entlang. Eine schmale Straße führte mich bei wenig Verkehr durch Wiesengelände und Marschland zur Küste. In der Morgensonne sind die Trikots einer entgegenkommenden größeren Radlergruppe schön anzuschauen. Ich sah sie schon von weitem in den Kurven daherkommen. Am Meer spiegelt und glitzert es. Es ist glatt. Am Horizont sind Schiffe zu sehen. Und näher zu Dover werden sie mehr. Und bevor es dort die Steilküste runter zur Fähre ging, gönnte ich mir noch ein paar letzte englische Brombeeren. Die werden mir von der Insel jedenfalls in Erinnerung bleiben.

 

Wegen der Fährfahrt hatte ich mich vorher nicht erkundigt. Es freute mich daher, dass ich ohne großes Warten fast in einem durch auf das Schiff fahren konnte. Am Ticket stand in Großbuchstaben DK und Abfahrt 10.00. Hatte ich zuletzt mit den Fähren wenig Glück, so klappte es hier wie am Schnürchen. Bei ruhiger See ließ ich mein fast viermonatiges Inselabenteuer hinter mir.

 

Und das Weiterfahren auf der rechten Seite hatte ich auch gleich drauf. Obwohl ich ein Mal bei einer Kurve einem entgegenkommenden Radfahrer nach links ausgewichen bin. Sich von Automatismen schnell zu trennen ist anscheinend gar nicht so einfach. Auf den Radwegen und auch sonst in den Ortschaften sind ausgesprochen viele Leute mit dem Rad unterwegs. Ein voller Gegensatz zu England. Flach und mit etwas Rückenwind düse ich durch landwirtschaftliche Gegenden. Große Zwiebelfelder haben sie hier auch, und Mais, Kartoffeln, Sprossenkohl, Sonnenblumen und Kürbis dazu. Große Höfe ebenso, und hie und da der Geruch nach Schweinemast auch. Abends feierte ich in Poperinge bei wunderbarer Abendsonne mit einer veganen Ramen Pasta Einstand am Festland. Herrlich, mal wieder gediegen zu essen.

 

9. September 2025

Radrouten und Radfahrende noch und noch

Ich starte heute reichlich spät. Irgendwie bin ich am Morgen nicht aus dem Bett gekommen. Oder nach dem Aufwachen nochmals eingeschlafen. Doch dafür begegnen mir auf der Straße dann schon viele Radfahrer. Und das hält so den ganzen Tag an. Ich staune, wie viele freizeitradelnd am Weg sind. Einige auch in ambitioniertem Tempo. Es ist ein ausgesprochen schöner Herbsttag. Am Morgen zwar noch etwas frisch, doch mit Fortdauer des Tages stieg auch die Temperatur. Meine Route führt gegen Osten. Die Sonne blendet etwas. Ich folge den Schildern mir der Aufschrift Heuvelroute. Es ist eine Radroute, die durch den Süden Flanderns und quer durch Belgien führt. Doch am Weg sehe ich immer wieder auch Hinweisschilder für andere Routen. Es schaut fast so aus, als ob die Nebenwege alle als Radwege dienen.

 

Am Weg liegen viele Kartoffelfelder. Irgendwoher müssen die belgischen Pommes ja kommen. Bei einem wird gerade geerntet. Zwei Fernlastzüge lassen sich via Förderband von der Erntemaschine beladen. Große Felder bringen auch große Ernten. Mais wird auch eingehäckselt, und erntefrisch serviert. Bei einem Viehhof an der Straße haben die Kühe ihre Köpfe tief in die Futtertröge versenkt. Zuckerrüben, Kraut und Karotten gibt es auch, Hopfen- und Weinanbau ebenso. Das Fahren gefällt mir. Über kleine Nebenwege geht es quer durch das Land, und über Hügel auch. Manche Anstiege sind auf der Straße beschriftet. Das spornt den Sportradler an. Einige der Steigungen fordern mich. Doch sie sind selten lang. Und danach folgen meist wieder flache Passagen.

 

Hie und da riecht es nach Mist. Große Höfe liegen am Weg. Ortschaften sind selten. Und wenn, dann meist nur kleine Weiler. Etwas vom berühmten Kopfsteinpflaster bekomme ich auch mit. Ein Mal ist es ein Weg an einem schönen Gewässer entlang. Idyllisch das Ambiente, doch zäh das Fahren. Dieses ständige Holpern mag ich definitiv nicht. Und noch etwas mag ich nicht, ist mir heute aufgefallen: Dass die Belgier nicht grüßen. Weder wird ein Gruß erwidert, nicht mal mit einem Kopfnicken oder einer Andeutung von einem Handzeichen, noch dass sie selber von sich aus am Rad grüßen. Sie schauen bei Begegnungen einfach nur stur geradeaus. Das war die letzten Monate anders, und das hat mir so auch besser gefallen. Am Nachmittag ertappe mich als etwas müde dahinradelnd. Ich lasse mich immer wieder zum Stehenbleiben verleiten. Doch in einer leichten Steigung konnte ich gar nicht anders: Es gab zu meiner großen Freude eine Brombeerhecke mit köstlichen Beeren. Sie schmeckten fast besser als die zuletzt in England.

 

10. September 2025

Auf Kopfsteinpflaster macht das Fahren wenig Spaß

In der Nacht und am Morgen war es ziemlich frisch. Doch bei bewölktem Himmel fahre ich bald mit kurzem Shirt. Die Landschaft zeigt sich im Morgenlicht in sanften Pastelltönen. Auf gutem Belag sind die ersten Kilometer heute ein Genuss. Kurvenreich geht es auf schmaler Straße durch Felder. Es ist flach und wunderbar zum Fahren. Kartoffeln, Zuckerrüben, und immer wieder viel Mais. Hie und da kommen mir Traktoren mit vollem Anhänger entgegen. Oder ich sehe irgendwo in einem Maisfeld den Häcksler, wie er die Ernte auf die Anhänger bläst. Ein Mal ist es ein Zwiebelfeld, das den Geruch der Landschaft bestimmt. Obwohl schon abgeerntet sind es die liegen gebliebenen kleinen Zwiebeln, die noch so stark duften.

 

Auf einigen Feldern lockern Traktoren den Boden auf. Der Wind treibt dann eine Staubfahne übers Feld. Bei einem Hof steht ein Erdäpfelautomat. Eh klar, in Belgien muss man immer Zugang zu einem so wichtigen Nahrungsmittel haben. Ein paar Wasserwege quere ich auch, oder fahre kurz an ihnen entlang. Auf einem fährt unter der Brücke gerade ein Lastkahn durch. Diese Schiffe finde ich total interessant. Schmal und lang pflügen sie durch die Kanäle. Meist haben sie auch ein Fahrrad mit an Bord, und öfters auch ein Auto.

 

Irgendwann im Laufe des Tages mehren sich die Steigungen. Sie sind zwar selten lang, doch am Abend bilanziere ich, dass auch die kurzen Anstiege Höhenmeter ergeben. Und heute gab es auch öfters Kopfsteinpflasterpassagen. Die mag ich definitiv nicht. Wenn es sie gab, dann bin ich beim Fahren in die seitlichen, schmalen, betonierten Abwasserrinnen ausgewichen. Den belgischen Rennradlern scheint das Kopfsteinpflaster nichts auszumachen. Ich habe bewundert, wie sie ohne große Tempoeinbußen mit diesem Belag zurechtkommen. Die fahren da drüber als ob es bester Asphalt wäre, während ich mich holpernd abmühte und auch ärgerte. Abends war ich vom Fahren recht müde. Die vielen Tempo- und Richtungswechsel forderten mich, und die Höhenmeter auch. Doch gefallen hat es mir schon. Vor allem auf den Nebenwegen ohne Verkehr durch die bunten Felder.

 

11. September 2025

Erst feine Wege und dann Regen und Plattfuß

Am Morgen bin ich in Brüsselnähe unterwegs. Entsprechend viel Verkehr ist auf den Straßen. Es staut und staut, eine lange Kolonne. Am Fahrradweg herrscht freie Fahrt. Viele Schülerinnen und Schüler sind auch unterwegs. Einzelne mit dem Fahrrad. Lastenräder sehe ich ebenfalls. Alle mit Kindern an Bord. Vorne, oder hinten, in der Schale oder am Sitz, hintereinander und nebeneinander, die Modellvielfalt lässt alle Varianten zu. Eine der breiten Straßen im Zentrum einer Stadt ist abgesperrt. Marktstände sind aufgebaut. Es riecht verlockend. Der Fischstand ist ganz außen.

 

Unterwegs treffe ich später auf eine Schulklasse mit Fahrrädern. Schulausflug ist meine Annahme. Alle tragen gelbe Westen. Die Begleitpersonen haben Lastenräder. Vielleicht führen sie damit auch Regenkleidung mit. Denn für kurze Zeit gab es leichtes Nieseln. War es am Morgen auf den Straßen etwas hektisch, so wurde es am späteren Vormittag ganz ruhig. Den Radweg durch einen wunderbaren Wald hatte ich für mich allein. Und auch die Wege danach hatten mir ausgesprochen gut gefallen. Und gut gefallen hat mir auch ein Feinkostgeschäft am Weg. Da habe ich mit einem leisen Juchzen über die Theke geschaut. So schön angerichtet war alles, dass ich nur staunen konnte. Herrliche Farben, wunderbar, mir ist das Wasser im Mund zusammengelaufen. Vom Radfahren gab es bei mir die letzten Monate reichlich viel. Doch von gutem Essen eher wenig. Das ist mir in diesem Laden bewusst geworden. Den italienischen Pastasalat habe ich im Heißhunger noch stehend vor dem Geschäft gegessen, die Erdäpfel mit Gemüseallerlei unterwegs dann später in der Sonne auf einer Bank im Grünen, mit Ausblick auf ein Maisfeld und eine Baumreihe am Horizont. Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren. Außer vielleicht solche Pausen beim Radfahren.

 

Am Nachmittag dominieren dann Obstplantagen das Landschaftsbild. Die Apfelernte ist gerade im Gang. Rotbacken leuchtet es zwischen den Blättern. Überall stehen Leitern und Kisten. Kleintraktoren hört und sieht man zwischen den Baumreihen. Und am Himmel sehe ich dunkle Wolken. Es dauert nicht lange, und ich bin in meiner schwarz-grünen Regenkombi unterwegs. Ein kräftiger Regenschauer zieht übers Land. Nach kurzer Sonnenpause ein zweiter. Die kurze Pause hatte ich für einen Schlauchwechsel genutzt. Am Hinterrad hatte ich plötzlich keine Luft mehr. Eine Flickstelle war undicht geworden. Ärgerlich, doch auch Glück, dass ich die Reparatur noch im Trockenen durchführen konnte. Denn wenig später gab es neuerlich ausgiebigen Regen. Den Plan mit Campieren ließ ich danach fallen. Ich suchte schleunigst nach einem nahen Hotel.

 

12. September 2025

Schöne Wiesen-, breite Wasser-, herrliche Waldwege

Schon am Morgen klarer Himmel und Sonne. Doch am Rad fühlt es sich frisch an. Es herbstelt merklich. Ich fahre mit Mütze unterm Helm. Das Gras am Seitenrand glitzert tau- und regennass in der Sonne. Bei der ersten Obstplantage am Weg gibt es gleich schon einen Stopp. Einer der rotbackigen Äpfel ist mein Frühstück. Knackig, herrlich saftig, angenehm säuerlich, vollreif, die Kühle der Nacht noch in sich gespeichert. Einfach köstlich. Die Bäume der Plantage sind voll mit diesen groß geratenen Früchten. Die Kisten für die Ernte stehen schon parat.

 

Es ist ein ausgesprochen schöner Radweg, der mich anfangs durch die Wiesen führt. Manchmal mit kleinen Steigungen in Hohlwegen. Ein paar Radler überholen mich rasant. Sie sind mit ihren S-Pedelec wohl am Weg zur Arbeit. Ein Schüler ist auch unterwegs, mit Schultasche am Rücken und ohne Unterstützung eines Motors. Irgendwann am Vormittag fahre ich unweit der Grenze zu den Niederlanden an einem großen Kanal entlang. Und etwas später laufen mehrere Wasserwege zusammen. Am Knotenpunkt befindet sich eine mächtige Schleusenanlage. In ihr haben gar mehrere Lastenkähne oder ein ganzer Schubverband Platz. Die Höhendifferenz ist beträchtlich. Ich fahre mit Sicherheitsabstand zum Kanalufer. Denn es weht ein böiger Seitenwind.

 

Mit einer kleinen Fußgängerfähre quere ich den Fluss Maas, und mache damit einen Abstecher nach Holland. Es ist das südliche Eck des Landes, durch das ich schnell durch bin. Am Nachmittag bin ich dann im Naturpark Eifel und den Ardennen unterwegs. Ein langer, gleichmäßig ansteigender Forstweg führt mich kurvenreich durch einen wunderbaren Buchenwald. Die Blätter sind noch satt grün. Der Wind sorgt für ein lautes, stetiges Rauschen. Und dennoch ist es ein Gefühl der Ruhe, das einem begleitet. Die mächtigen Stämme sind schön anzuschauen. Oben, auf einer Art Hochebene angekommen, bin ich mit diesem Etappenteil richtig zufrieden. Etwas fordernd beim Fahren, doch mit dem Wald ein faszinierendes Ambiente bietend. Später bin ich dann auf einer stark frequentierten Hauptstraße unterwegs. Doch weil sie breit angelegt ist, und teilweise auch einen Seitenstreifen hat, stören mich die vielen Autos nicht. In der Abfahrt staune ich, wie viel ich vorhin wohl hochgekurbelt sein muss.

 

13. September 2025

Bunte Sprachenvielfalt und eine herrliche Naturparkroute

Kräftiger Regen bis in den Vormittag hinein lässt mich später starten. Doch der Wetterbericht sagte Besserung voraus. Also starte ich mit der Hoffnung, dass sie auch eintritt. Bei recht lange noch nasser Straße zeigen sich irgendwann doch die erhofften Andeutungen von blauen Fenstern am Himmel. Aber die trüben Wolken wollen nur ungern weichen. Noch vor der Sonne ist der Wind da. Er bläst aus allen Richtungen, nur nicht von hinten.

 

Kurz führt mich der Radweg eine ehemalige Eisenbahntrasse entlang. Doch sie geht nach Osten, während ich mich nach Süden orientiere. Mir bleibt nur die Hauptstraße, und der dort dichte Verkehr. Angenehm ist es nur, wenn ich für ein paar Kurven auf eine Nebenstraße ausweichen kann. Mittags kehre ich in einer Bäckerei zu. Außen steht groß Boulangerie angeschrieben, doch drinnen spricht man überraschenderweise Deutsch. Und beim Verzehr einer veganen Power-Stulle habe ich den Kreisverkehr vor dem Laden im Blick. Dort sind die belgischen Autos fast in der Minderheit. Holländische und Deutsche dominieren. Etwas später zieren dann viele „L“ die Nummernschilder am Weg. Ich hatte die Grenze zu Luxemburg passiert. Spannend, dass die Straßennamen französisch waren, während die Reklameschilder in deutscher Sprache gestaltet waren. Ein kleiner, überschaubarer Länderfleck in Europa, doch Sprachgrenzen, die für mich nicht zu durchschauen waren.

 

Noch bevor mich der Verkehr auf der Hauptstraße zu nerven begann, führte meine Route wieder von ihr weg. Es waren für Autos gesperrte, jedoch gut asphaltierte, landwirtschaftliche Nebenwege durch die hügeligen Wiesen. Sie waren satt grün und für das Auge schön anzuschauen. Etwas Ackerbau gab es auch. Auf einem warteten Randig auf die Ernte. Ihre Blätter waren schon abgeschnitten. Und die meisten Getreidefelder waren bereits umgebrochen. Mir hat es auf diesen Wegen und in dieser hügeligen Landschaft gefallen. Mehrere Juchzer gab es dann, als ich durch einen Naturpark fuhr. Recht viele Anstiege, doch dann auch Fahren durch Wald und an kleinen Gewässern entlang. Steile Abfahrten mit lässigen Kurven, kleine Kuppen, die ich mit Schwung nehmen konnte, kein Verkehr, Eicheln auf dem Weg, die beim Drüberfahren knacksten, einfach toll. Ich hatte eine wahre Freude mit dem nachmittäglichen Etappenteil. 

 

14. September 2025

Viel Auf und Ab und ein Dreiländereck

Die Straße ist am Morgen noch ganz nass. Es hatte bis in der Früh geregnet. Beim Losfahren gibt es im Taleinschnitt Nebel. Und auch gleich einen kräftigen Anstieg. Ich kurble die Serpentinen hoch, und nach ein paar weiteren Kehren komme ich aus dem Nebel raus. Solche Übergänge gefallen mir. Wenn sich oben etwas Blau abzeichnet, und man irgendwann auf den Nebel runterschauen kann. Oben blau, unten grau, dazwischen glitzerndes Grün in den Wiesen. Auf der Kuppe dreht sich das Windrad schon in der Sonne. Ich genieße ihre wärmenden Strahlen und die Stimmung. An einem Waldesrand sind unweit voneinander mehrere Jägerstände. Vielleicht, um sich gegenseitig beobachten zu können. Aus dem Nebel des Talgrundes hört man einen Zug. Die Geräusche unterscheiden sich, wie er eine Kurve fährt, und dass es da auch eine Brücke geben muss, weil man Räderrattern wahrnehmen kann.

 

Meine Freude über die Sonne und das Blau am Himmel währte nicht lange. Denn bald schon ging es in den nächsten Taleinschnitt wieder hinunter. Eintauchen in den Nebel, und nach saftigem Anstieg wieder Auftauchen ins Blaue. Kirchenglocken sind auch zu hören. Sonntagsmesse. Das Läuten dauert länger. Das Auf und Ab in der Landschaft hält den ganzen Tag an. Doch die Anstiege sind gut zu fahren. Meist gleichmäßig ansteigend, und ohne viel Verkehr. Den gibt es dann nur bei der Stadtdurchfahrt in Luxemburg. Dort bin ich vom Fluss mit einem Panorama-Aufzug aus dem Talgrund hochgefahren, mit spektakulärer Sicht aus der Glaskabine.

 

Ein paar Ortschaften weiter mache ich in einem Park Halt. Am Weg ist eine Waschanlage für Fahrräder. Die kommt mir sehr gelegen. Ich spritze eine Runde mehr als nötig, und hole so die versäumten Reinigungen während meiner Tour nach. Aufs Polieren verzichte ich. Dass ich irgendwann das Tal der Mosel erreiche, war an den plötzlich auftauchenden Weingärten in den Hängen unschwer festzustellen. Vom Kosten der Trauben war ich enttäuscht. Sie schmeckten gar nicht so gut wie erwartet. Gefreut hat mich, dass ich jetzt weiß, wo die Stadt Schengen liegt. Sie lag am Nachmittag auf meiner Route, und die Durchfahrt im Dreiländereck zwischen Luxemburg, Frankreich und Deutschland war frei. Ganz so, wie es nach dem Abkommen eigentlich überall im EU-Raum sein sollte. Von Äpfeln hatte ich danach, schon in Deutschland angekommen, auch noch gekostet. Aus hellgrünem, lichtem Laubwerk auf niederen Bäumen stachen dunkelrote Früchte heraus. Es waren aber Lageräpfel, die noch ausreifen mussten. Meine Freude beschränkte sich auf den optischen Eindruck.

 

15. September 2025

Reichlich Wind und etwas Obst

Wieder ist es am Morgen regnerisch. Ich starte erst um 10 Uhr, und habe die Regenüberziehschuhe als Spritzwasserschutz angezogen. Doch es klart danach bald auf. Aber auf meiner Strecke durch ein größeres Waldgebiet bekomme ich davon noch nicht so viel mit. Erst als der Wald lichter wird und es mehr in die offenen Hügel geht, sehe ich den kitschig blauen Himmel. Herrlich oben, doch auf der Straße ist der Wind recht nervend. Böig kommt er von der Seite. Und manchmal auch von hinten. Dann treibt er mich kräftig an. Nur aufpassen muss ich jedenfalls, wenn das Tempo etwas schneller wird. Die seitlichen Böen sind trügerisch.

 

Am späteren Vormittag ziehen für kurze Zeit dunkle Wolken auf. Ein paar Regentropfen bringen sie auch mit. Doch rasch setzt sich das Blau wieder durch. Es geht Hügel auf und Hügel ab. Zum Fahren ist es auf den Nebenwegen ganz ok, wenn auch die Steigungen manchmal anstrengend sind. Und beim Runterfahren habe ich Mühe mit dem Schalten auf das große Kettenblatt vorne. Da müsste ich glaub die Schaltschraube nachjustieren. Die Ortschaften sind nicht sehr attraktiv. Irgendwie sind sie alle nach dem gleichen Muster gestrickt. Meist ältere Bauten und kaum architektonischer Pfiff. Baumarktcharakter fällt mir als Beschreibung ein.

 

Der Landschaft kann ich mehr abgewinnen. Wald und Wiesen wechseln sich auf den Hügeln ab. Überall wird Mais angebaut, und Energie produziert. Auf den Hügeln drehen sich Windräder, öfters mehrere in einer Kette. Die Rotoren haben in der Mitte eine rote Banderole. Das wird nicht mehr Strom ergeben, doch bessere Sichtbarkeit garantieren. Vom Obst am Weg habe ich heute wieder einiges gekostet. Äpfel waren reichlich im Angebot. Geschmeckt hatten sie mir aber nur so lala. Besser waren die Zwetschgen. Schön blau, doch von der Sonne zu sehr temperiert und auch fast schon überreif. Eine Enttäuschung waren die Brombeeren. Es gab sie sowieso nur sehr spärlich am Wegesrand. Doch ihre Zeit war schon um. Entweder fielen sie bei der kleinsten Berührung gleich von selber ab, oder sie wurden beim Pflücken breiig. Und die wenigen Birnen waren sehr säuerlich. Sie eigneten sich wohl eher für die Mostpresse. Gefreut hatte ich mich über den Gruß eines Mountainbikers. Es war ganz überraschend ein „Servus“, das er mir zurief. Das hatte ich zwar schon seit mehr als vier Monaten nicht mehr gehört, doch es klang ganz heimisch vertraut. Na ja, und bis Bayern ist es auch nicht mehr weit.

 

16. September 2025

Vormittags ruhig, nachmittags busy

Heute hatte ich mich am Morgen vom Wetterbericht verunsichern lassen. Es waren Schauer vorhergesagt. Doch es war dann nur ein stark bewölkter Himmel, der nach Regen ausschaute. Vielleicht war der Regen woanders runter gegangen. Ich kam trocken durch. Die ersten Kilometer ging ich gleich sehr flott an. Ich hatte Rückenwind, und ließ mich gerne antreiben. Es war ein herrliches Gleiten bei wenig Verkehr. Die Route führte durch verschlafene kleine Weiler. Da war absolut nichts los. Nicht mal ein Traktor war zu sehen. Später ging es dann durch Wald und Wiese. Für kurze Zeit auch auf unbefestigtem Waldweg. Eine Gegend, wo Fuchs und Hase einander Gute Nacht sagen, so kam es mir ob der Einsamkeit vor. Doch gesehen hatte ich weder Fuchs noch Hase. 

 

Die Erde auf den Feldern war mehr rötlich. Sie bot im Kontrast mit den Wiesen daneben ein schönes Bild. Aber satt waren die Farben nicht. Die vielen Wolken ließen alles eher fahl erscheinen. Es waren weite Felder, über die heute der Wind blies. An einem Waldrand waren gestapelte kleine Holzkisten zu sehen. Bienenstöcke. Gegen Mittag änderte sich dann das Landschaftsbild. Statt den weiten Feldern und Wiesen gab es jetzt Weinbau. Überall waren Rebstöcke zu sehen. Das ganze Tal schien dem Weinbau gewidmet. Ich probierte natürlich ein paar Trauben am Weg. Es waren eher kleine Trauben, dunkelblau und milchig gelb. So richtig schmecken wollten sie nicht. Als Tafeltrauben ungeeignet, war mein Resümee. Die waren zum Keltern wohl besser. Ein paar Kurven weiter war die Weinlese gerade im Gang. Sie wurde maschinell durchgeführt. Und das Umladen von der Erntemaschine auf den Anhänger am Traktor erinnerte mich an die Vorgänge bei der Kartoffelernte. Der Behälter mit den Beeren wurde einfach umgekippt, und gleich fuhr der Vollernter vibrierend die nächste Rebenreihe ab. 

 

Vor Worms nahm dann der Verkehr zu. Da war es mit der Ruhe auf der Straße vorbei. Als ich den Rhein querte, staunte ich ob seiner Größe. Ich erinnerte mich an die letzte Querung in Liechtenstein beim Start meiner Tour. Da war der Rhein im Vergleich nur ein kleiner Fluss. Hier war er breit, und ließ Schifffahrt zu. Es waren einige Lastkähne zu sehen. Und auf den Straßen viele Autos. Ich nahm die Radwege daneben als Fahrspur gerne in Anspruch. Sie waren zwar von minderer Qualität als die normale Straße, doch dafür war bis auf das gelegentliche Holpern ein entspanntes Fahren möglich. Vormittags ruhig, nachmittags busy, war meine Bilanz am Abend. Und gefallen hat mir der Vormittag eindeutig besser.

 

17. September 2025

Lässig im Odenwald, und auch sonst auf Nebenwegen

Die elf Grad am Morgen fühlen sich am Rad frisch an. Um Halstuch und Mütze bin ich froh. Doch mit der aufkommenden Morgensonne gefällt es mir, auch wenn sie nur zaghaft zwischen den Wolken durchkommen mag. Und wenn sie es schafft, dann zaubert sie ein wunderbares Licht in die grüne Landschaft mit Wald und Wiesen. Es gibt Hahnengekrähe von irgendwelchen Höfen, Forstmaschinen in Wegeinfahrten, und Anstiege auch. Die gleich mehrfach, und oft auch länger. Ich habe den Kopf tief über den Lenker gesenkt, während die Schafe es mir gleichtun, nur sie halt im nassen Gras. Ich glaube, sie holen sich dabei auch kalte Ohren.

 

Die weißen Häuser am Gegenhang leuchten grell im Sonnenlicht. Weiter unten höre ich den Lärm eines Baggers. Er fährt rückwärts. Es tutet und rattert. Doch auch mich kann man hören. Ein Anstieg in einen Wald hinein fordert mich sehr. Mein Atmen ist merklich lauter geworden. Am Boden liegen Kiefernadeln und Buchenlaub. Die Abfahrt führt mich in ein anderes Tal. Dort kriecht Nebel als weißer Teppich durch die Talsenke. Ich hoffe, dass mein Weg nicht dorthin führt. Doch er macht es doch. Es ist gleich um ein paar Grad kälter. Jetzt hole ich mir kalte Ohren. Auf den Tafeln steht Mossautal angeschrieben. Dabei müsste es heute ja Nebeltal lauten. Über einem Speichersee liegen Nebelfetzen dicht über dem Wasser. Doch bis ich das andere Uferende erreicht habe, hat die Sonne sie aufgelöst. Und mit ihr ist das Fahren gleich angenehmer geworden.

 

In einem langen Anstieg in einem Waldgebiet verlangsamt ein Motorradfahrer sein Tempo und hält gleiche Höhe. Er klopft auf die Schulter und nickt mit dem Helm: Anerkennung für mein Kurbeln auf dieser Route. Ich nicke ebenfalls, und habe ein Grinsen drauf. Ein bisschen Motivation in einer Steigung tut immer gut. Ich bin im Odenwald unterwegs. Der Anstieg ist zwar gleichmäßig, und der Belag sehr gut, doch es zieht sich länger hin, bis ich oben bin. Aber zum Fahren ist es klasse. Der Wald mit vielen Buchen, die Sonne hie und da blinzelnd zwischen den Stämmen, abwechselnd Kurven und Geraden, bis auf einige Lastwagen kaum Lärm, ein leicht angeschwitzter Nacken unterm Halstuch, und ein Höhenmesser, der stetig größere Zahlen anschreibt. Ich bin zufrieden. Und zufrieden bin ich später auch auf den landwirtschaftlichen Nebenwegen, die mich ohne Verkehr quer übers Land führen. Zur Belohnung gibt es fallfrische Zwetschgen und Nüsse am Weg. Die Pausen dauern jeweils länger, und bei den Nüssen sowieso. Da ist das Aufmachen der Schale ein Gedulds- und Geschicklichkeitsspiel.

 

18. September 2025

Mit einem breiten Grinsen quer übers Land

Schon gleich am Morgen ist mir klar, dass es ein toller Herbsttag werden wird. Blauer Himmel pur, und Sonne wärmend auf den ersten Metern gleich. Dazu ein feines Licht. Eine Weinterrasse am Weg war als offen angeschrieben. Ich setzte meine Fahrt ohne Einkehren fort. In den Wiesen waren Obstbäume zu sehen. Es leuchtete Rot noch und noch. Fast schaute es aus, als ob die Bäume gar keine Blätter hätten, so dicht hingen die Äpfel. Und die Äste oft fast bis zum Boden. Nicht bis zum Boden reichten die Rotoren der Windräder. Dafür war ihr entferntes Drehen mit einem leisen Rauschen zu hören. Auf der Hügelkette standen sie in einer Reihe. Und später sah ich noch viele mehr.

 

Den Pullover hatte ich schon gleich nach den ersten Metern wieder ausgezogen. Die Beinlinge auch kurz darauf. Obwohl das Gelände flach ausschaut, finden sich doch immer wieder sanfte Anstiege. Auch das vordere Kettenblatt kommt oft zum Einsatz. Ein paar Weinberge gab es auch, im Übergang zu den vielen Wiesen danach. Bei einem Hof standen mehrere Anhänger beladen mit großen offenen Plastikbehältern. Doch nicht nur die Weinlese war im Gang, auch Mais wurde eingefahren. Da staunte ich, wie groß Traktoren sein können, wenn die Anhänger richtige Ungetüme sind. Die Höfe lagen meist einsam irgendwo mitten im Grünen. Ein paar Kirchtürme gab es an meiner Route auch, doch hie und da noch mehr vom Stallgeruch. Die Schweinemastbetriebe waren auch in den kleinen Dorfzentren noch wahrzunehmen. Nicht überaus intensiv, aber jedenfalls so, dass es einem sofort aufgefallen ist.

 

Das Fahren war eitel Wonne. Der Straßenverlauf war oft weit voraus einzusehen, mit ein paar Kurven durch die Wiesen, oder über die sanften Hügel. Es gab Weiden entlang von kleinen Gewässern. Oder prächtige, einzeln am Horizont stehende Eichen. Überall Windräder noch und noch, und über weite Strecken keine Ortschaften. Landwirtschaftliches Gelände pur. Dazu oft ein knalliges Grün als Kontrast zum Blau des Himmels, oder hie und da ein markantes Gelb von Raps. Mittags fuhr ich zwar eine Zeit lang auf einer dicht befahrenen Verkehrsader, doch bald konnte ich wieder auf Rad- oder Nebenwege ausweichen. Die Wasserscheide Rhein/Donau war irgendwann auf einer Tafel angeschrieben, und später die Grenze zum Freistaat Bayern. Der Duft von frischer Erde riecht auch in einem Freistaat gleich wie in anderen Bundesländern, konnte ich beim Entlangfahren an frisch umgebrochenen Feldern feststellen. Den wenigen Kleinstädten am Weg bin ich eher ausgewichen. Mit deren Kopfsteinpflaster in den Zentren wollte ich mich nicht abmühen. Doch mit ihren historischen Bauten hatten sie mir schon gefallen.

 

19. September 2025

Die Donau, den Lech, und eine bayrische Großstadt gequert

Ein Herbstmorgen, klar und ähnlich dem von gestern. Nur etwas kälter. Über die Felder zieht träge ein leichter Nebelschleier. Auf einem bereits abgeernteten Kürbisfeld liegen noch viele kleine Hokkaidokürbisse. Vielleicht holt sie der Bauer ja doch noch. Ich habe keinen mitgenommen. Auf dem Feld vis-a-vis war Mais angebaut worden. Die Storzen ragen noch zirka zwanzig Zentimeter empor. Maisfelder sehe ich heute später noch jede Menge. Sowohl abgeerntet als auch noch stehend. Und auch viele Traktoren mit vollbeladenen Anhängern gehäckselten Maises. Wenn sie hinter mir herkommen, dann ist es am Geräusch zu erkennen, ob sie vom Feld kommen, oder dorthin unterwegs sind.

 

Irgendwann am Vormittag erreiche ich dann mit großer Spannung die Donau. Ich hatte einen großen Strom erwartet. Doch die Donau war hier weder blau noch groß. Das Flussbett war zwar breit, doch das Wasser floss nur sehr träge dahin. Schön anzuschauen waren nur die Spiegelungen des Ufers im dunklen Wasser. Auf einer Hinweistafel kann ich lesen, dass ich im Schwäbischen Donautal unterwegs bin. Und dass die unzersiedelte Offenlandschaft ein großes Vogelparadies mit mehr als zweihundert Arten ist. Für mich ist sie eine gute Radlerumgebung. Wenig Verkehr, gute Straßen, flach, und mit öfters wechselnder Flora auch interessant zum Durchfahren. Wenig spektakulär wie die Donau gab sich auch der nächste Fluss, den ich heute gequert hatte. Es war der Lech bei Augsburg. Als Wildwasser in Erinnerung, gab er hier im Stadtgebiet ganz den seriösen Biedermeier.

 

In der Stadt Augsburg war es ein eher zähes Durchfahren. Obwohl es immer wieder Passagen mit Radwegen gab, waren sie dennoch nur ein städtetypisches Flickwerk. Am meisten genervt haben mich die Randsteine, mit denen die Radwege von den anderen Verkehrsflächen abgetrennt sind. Leicht emporstehend gab es bei jeder Querung einen unangenehmen Holperer, durch die Packtaschen noch verstärkt. Keine Ahnung, wieso die Radwege überall so gebaut sind. Für die Autos gibt es immer plane Flächen, doch für die Radler werden Schikanen eingebaut. Heute hatten sie mich genervt. Am Abend bilanzierte ich die Querung von zwei Flüssen, und von mehr als tausend Randsteinen. Doch einen lauten Juchzer gab es am Nachmittag auch noch: Entfernt am Horizont waren plötzlich graubläuliche Berge zu sehen. Es war wohl ein Teil des Wettersteingebirges. Ich werde mir es morgen näher anschauen, und wahrscheinlich wieder mehr Höhenmeter sammeln als heute.

 

20. September 2025

Hochsommerliches Schwitzen in oberbayrischer Landidylle

Schon um sechs Uhr holen mich die Kirchenglocken aus dem Bett. Ich hatte den Eindruck, sie läuten Sturm, weil so lang. Doch danach war alles wieder ruhig. Auch der blau-weiß bemalte Maibaum am Dorfplatz stand noch gleich geschmückt wie am Vortag da. Es ist ein wunderbarer Herbstmorgen. Sonne pur. Vor einer Bäckerei unterhält sich eine Gruppe von Leuten. Wohl Austausch von Neuigkeiten zum Tag. Vielleicht, wie lange das Wetter noch so schön bleiben wird wie heute. Oder wer bei der Eröffnung des Oktoberfestes dabei sein wird, und wen sie dort wahrscheinlich nicht sehen werden. Es musste jedenfalls etwas Wichtiges gewesen sein. Sie hielten nämlich die Köpfe eng zusammen.

 

Am Ammersee schaukeln Boote in Ufernähe. Im Gegenlicht der Sonne sind nur ihre Umrisse wahrzunehmen, und das Glitzern des Wassers. Auf einigen Wiesen wird Heu gemacht. Das Gras liegt schon gut angetrocknet in Mahden da. Es duftet intensiv nach Heu. Ich bleibe stehen und gehe nah zu einer Mahd hin. Herrlich, wie das Heu raschelt, und wie es fein duftet. Bei einem Nussbaum an der Straße versucht ein Rabe eine Nuss zu knacken. Mein Näherkommen passt ihm nicht. Eilig packt er die ganze Nuss mit seinem Schnabel und fliegt mit ihr davon. In den nassen Wiesen oder Rieden blühen Herbstzeitlose. Und öfters stehen große Eichen einzeln auf Geländekuppen oder am Radweg in den Wiesen. Mit den Seen und dem hochsommerlichen Herbsttag ist es eine kitschig schöne Landschaft in Grün mit Bergen vor der Nase. Diese bilden mit ihren farblichen Grauabstufungen ein wunderbares Bild. Waren sie zuerst weit weg, so bin ich schon bald mittendrin. Eine späte Vormittagspause hat es auch gegeben. Ein Bioladen lag am Weg. Die mächtige Linde am Platz bot angenehmen Schatten. Am Nebentisch unterhielten sich drei ältere Frauen über ihre Erfahrungen am Oktoberfest von früher. Ich genoss eine schwäbische Seele mit Ingwer-Hummus. Lecker.

 

Weniger lecker war es dann einige Zeit später zum Fahren. Weil ich die Auffahrt auf den Radweg verpasst hatte, war ich länger bei dichtem Wochenend-Kolonnenverkehr auf der Hauptstraße unterwegs. Eine schöne Landschaft lockt anscheinend auch viele Leute in die nahen Berge, oder sonst wohin. Im Aufstieg zum Ammersattel hatte ich reichlich Mühe. Nicht nur des Verkehrs wegen, sondern auch wegen der großen, ungewohnten Hitze. So heiß war es den ganzen Sommer über nicht. Und so geschwitzt hatte ich auch die ganze Tour bisher nicht. Irgendwann kam dann die Abzweigung Richtung Reutte, und damit weniger Verkehr und etwas kühlender Schatten im Wald. Meinen hochroten Kopf behielt ich jedoch weiterhin, gefühlt bis in den Abend hinein.

 

21. September 2025

Wunderbares Heimkommen

Etwas nervös am Morgen. Bin schon früh aufgewacht. Wohl auch, weil ich der angekündigten Sommerhitze des Tages zumindest ein bisschen ausweichen wollte. Und noch mehr, weil es die letzte Etappe meiner diesjährigen langen Radtour sein wird. Mit zwei kräftigen Bergwertungen wird sie wohl auch etwas fordernd werden. Vom gestrigen Autoverkehr ist am Morgen nichts mehr zu sehen. Bei klarem Himmel starte ich Richtung Lechtal. Obwohl etwas Gegenwind ist es ein gutes Fahren auf bekannter Strecke. Das breite Flussbett des dahinmäandernden Lechs ist schön anzuschauen. Und ich erfreue mich an den Bergspitzen rundum. Vom Flachen kommend, wirkten sie noch attraktiver und imposanter. Später ertappe ich mich mit Erinnerungslücken. Ich errate die kleinen Orte nicht mehr alle, und wundere mich, wie viele es da vor Steeg am Talschluss noch gibt.

 

In Steeg nimmt die Steigung der Straße zu. Die Motorradfahrer sind da bedeutend rasanter unterwegs als ich. Ein paar deutsche Kennzeichenkürzel kommen mir bekannt vor. Und bei jenen aus Vorarlberg fragte ich mich, wie früh die wohl schon gestartet sein müssen, und welche Route sie nahmen. Irgendwann staubt es vorne auf der Straße. Ein überholender Autofahrer konnte einen Unfall mit Ausweichen auf den schmalen Schotterstreifen am Rand gerade noch verhindern. Auch das Auto vor ihm war ausgeschert. Mir kamen plötzlich drei Autos nebeneinander entgegen. Wenn es geknallt hätte, wäre ich wohl auch noch involviert worden. Mein schon hoher Puls war jedenfalls kurzfristig noch etwas höher. Im Wald waren ein paar Laubverfärbungen des Herbstes zu erkennen. Doch die Temperatur war sommerlich hoch. In Warth war ich um eine erste Pause froh. Im Dorfcafé meinten sie, dass gestern so viele Motorräder unterwegs waren wie noch nie. Ich konnte berichten, dass es in Deutschland noch mehr waren.

 

Die Abfahrt vom Hochtannbergpass Richtung Bregenzerwald hatte ich im Nu genommen. Für den folgenden Anstieg auf das Furkajoch brauchte ich etwas länger. Da hatte ich Mühe mit der Hitze. Die Straße kam mir dadurch noch viel steiler vor. Bei jeder Kurve meinte ich, dass das flache Stück nach Damüls jetzt gleich kommen wird. Aber es hat sich gezogen. In der Erinnerung war die Strecke kürzer. Genossen hatte ich dafür die letzten Kilometer zum Joch, als ich es schon im Blickfeld hatte. Mit hochrotem Kopf bin ich dort an den wie auf einer Ausstellung geparkten vielen Motorrädern vorbeigerollt. Ich war mit mir zufrieden. Letzter Anstieg geschafft, Ausblick ins Laternsertal wunderbar, und in den Schweizer Bergen am Horizont schon der vorausgesagte Schlechtwetterumschwung erkennbar. Das Beeilen mit Heimkommen hat sich also doch gelohnt. Eine fordernde Etappe, war meine Bilanz dann am Abend zu Hause. Dazu große Freude, es nach fünf Monaten gesund bis hierher geschafft zu haben. Und ein inneres Glücksgefühl über den Tag, so wie er verlaufen war, und in welch wunderbarer Umgebung ich wieder angekommen bin. So viel gesehen, und doch die Freude über das Daheim am größten.

 

 

Nachspann

Lange am Rad unterwegs zu sein ist immer etwas Spezielles. Und fast fünf Monate sowieso. Die gefahrenen mehr als 13.000 Kilometer entsprachen zwar in etwa meinem Plan. Doch der Schnitt mit 100 Kilometern pro Tag war fordernder als erwartet. Das viele Regenwetter machte mir öfters einen Strich durch die Rechnung, und die vielen Höhenmeter ebenso. Der Küste entlangzufahren schien mir im Voraus recht einfach. Doch dann tauchten plötzlich absolut steile Straßenstücke auf. Mein persönlicher Rhythmus war bei solchen Passagen schnell gebrochen, und hie und da die Motivation auch. Denn das Rad hochschieben nagte etwas an meiner Radlerethik. Doch mein Cycling Britannia war landschaftlich abwechslungsreich und beeindruckend, aber mit der gewählten Routenführung und den vorgefundenen Wetterbedingungen recht ambitioniert. Manch Ereignis oder Begegnung unterwegs hebt sie als großartige Tour in die Erinnerung. In diesem Sinn reiht sie sich gut in meine anderen jährlichen Abenteuer am Rad ein: Viel gesehen und erlebt, immer Glück gehabt, gesund und zufrieden heimgekommen, öfters gestaunt, mich mit Mundwinkel oben unglaublich gefreut, Enttäuschungen schnell vergessen, persönliche Grenzen ausgelotet, die Komfortzone mehrmals verlassen, den runden Tritt immer wieder gefunden, und die Freude am Radla auf meine Art behalten.

 

TOOT, der Reihe nach:

Die schönen Wege im Burgund, der mächtige Eifelturm, die bunten Strandkabinen, das kurvenreiche Auf und Ab entlang grüner Hecken, die imposanten Kreidefelsen, die rücksichtsvollen Autofahrer in Cornwall, die herrlichen Küstenabschnitte in Wales, das Wellenklatschen und die aufspritzende Gischt, der faszinierende Wild Atlantic Way in Irland, die prächtigen Farne und die kunstvollen Steinmauern, die malerische Halbinsel Kerry, die grandiosen Kilkee Cliffs, die steilen Cliffs of Moher, der einsame Burren Nationalpark, das beeindruckende Connemara, der windige Silgo-Way, das magische Purpur des Heidekrauts, mein Kurbeln am einsamen Sheffry-Pass, die goldgelben Kornfelder, der außergewöhnliche Charme des Causeway Costal Path, die Whitepark Bay zum Dahinschmelzen, die Beschaulichkeit auf der Isle of Man, das knackige Grün im Lakeland District, die weitläufigen Marschlandschaften in den Solway Wetlands, die süßreifen Brombeeren zum Pflücken vom Rad aus, die Insel Ailsa Craig als lustiger Gugelhupf, das berauschende Fahren auf der bezaubernden Kintyre Halbinsel, die unbeschreibliche Schönheit der schottischen Highlands, die anziehend raue Nordwestküstenlandschaft, das magische Orkney und die imposanten Steinsäulen beim Ring of Brodgar, das unbekannte John o’Groats als nördlicher Umkehrpunkt, über die Hügel sich weit erstreckende Getreidefelder, der betörende Duft nach Stroh, das Glitzern des Meeres im Gegenlicht, das faszinierende Aufklaren nach Regengüssen, das engmaschige Radwegenetz Belgiens, das Kosten von knackigen Äpfeln frisch vom Baum, die guten Feldwege in Luxemburg, das lässige Fahren zwischen Buchen im Odenwald, das kitschige bayrische Herbstwetter zum Abschluss, und die heimische Bergwelt als Türöffner daheim.

 

BOOT, der Reihe nach:

Frieren am Chasseral im Berner Jura, ausgefallene Fähren, steile Rampen, zermürbender Gegenwind, unerwartete Wetterkapriolen, heftiger Regen, nervende Windböen, Fahrrad schieben, Fahren durch Industriegebiete und Docks, vermüllte Böschungen, Convenience-Food, Starkregen, Sauwetter und nasse Füße, Crash mit Motorrad, Kälte im feuchten Nacken, Sturm und Regen auf Isle of Skye, undichte Luftmatratze, lästige Midges im Nordwesten, andauernder Nebel, ermüdender Großstadtverkehr im englischen Südosten, kaum grüßende Radler in Belgien.

 

DIES UND DAS, kreuz und quer:

Schwankende Doppeldeckerbusse, Baked Beans und Hash Browns zum Überleben, wunderbare Wetterübergänge mit Wolkenspiel zum Staunen, tolle kleine Unterkünfte als B&B, Landhäuser mit Stil, Backsteinhäuser verputzt und unverputzt, erfrischende Meeresbrise, üppig grüne Schafwiesen, kleine Fährboote, wuchernde Hecken, gut erzogene Hunde, Ferienparks mit uniformen Holiday Homes, weitläufige Meeresbuchten, erfolgreiche Servicearbeiten am Rad, Tankstellen zum Unterstehen und Aufwärmen, meditative Anstiege, monotones Brandungsrauschen, beeindruckende Brücken, vielfältig farbige Seen in allen Formen, surrende Windräder, Torfstecher bei der Arbeit, bunt markierte Schafe, Schafe mit gewundenen Hörnern, karge Hochebenen, abgeschliffene Steine, Einsamkeit und Stille, mystisches Nebelziehen, Abfahrten mit Kurven und Bodenwellen zum Genießen, Straßenparaden mit Fahnenträgern und Musikkapellen, abgesperrte Gatter und Kuhwiesen als vermeintliche Wege, gepflegtes Green auf Golfplätzen, wunderbare Gastfreundschaft in Liverpool, pulsierendes Saturday Night Fever in Städten, große Unterschiede von Ebbe und Flut an den Küsten, üppige Brombeerranken, fachkundige Beratung in Sportgeschäften, unkomplizierte Hilfeleistungen, faszinierende Graustufen in Hügelketten, Boote als bunte Farbklecks, Strohballen noch und noch, Windspiel in hohen Gräsern, schrille Amusementparks in Badeorten, desolate Straßen und Radwege an Englands Küste, gepflegte Naturparks und Wälder in Luxemburg. Ach ja, und nicht zu vergessen, die köstlich süßen Brombeeren als kulinarische Erfrischung und Abwechslung am Weg.

 

UNGLAUBLICHES, unvollständig:

Bleibend in Erinnerung behalten werde ich wohl den schottischen Dudelsackspieler im Kilt, der an einsamer Stelle in wunderbarer Natur mit seinem Bagpipespiel die Teilnehmenden an einem lokalen Radrennen anfeuerte. Und dann gab es noch die drei Andrews aus Nähe Ballywater in Nordirland. Das war der schrägste Abend, den ich je erlebte. Zuerst mit wüsten Drohungen von ihrer Waldwiese fast vertrieben, erfuhr ich Freundlichkeit und Herzlichkeit über alle Maßen, und gewann Einblicke in ein Leben und eine Familiengeschichte ganz spezieller Art. Unglaublich und unvergesslich.

 

DAS WETTER, kommentiert:

„It’s not so bad“, war der meistgehörte Spruch in Irland und Schottland, wenn es um das leidige Thema Regenwetter ging.