European Circuit - Ein Rundkurs als imaginäre Leitlinie

Wohin die Reise

Nach der Tour ist vor der Tour, hieß es schon gleich nach dem Heimkommen im Spätherbst letzten Jahres. Wohin soll es nächstes Mal gehen, war eine oft gehörte Frage. Mir kam sie reichlich komisch vor, wollte ich doch zuerst wieder daheim ankommen, und mich an einen Alltag ohne Rad gewöhnen. Dennoch ertappte ich mich dabei, wie ich mir beim Auspacken meiner Sachen schon Notizen machte. Die Liste wurde dabei gar reichlich lang. Denn Packtaschen, Kleidungsstücke und anderes mehr zeigte durch die vielen Tourentage doch deutlichen Verschleiß. Die Frage nach dem mich wieder auf den Weg machen war also durchaus berechtigt.

 

Doch die Notizen gerieten mit dem frühen ersten Schnee schnell in Vergessenheit. Ich hatte bald vollen Fokus auf das Skitouren. Waren es im Sommer Kilometer, so hatte ich wohl ab November nur noch Höhenmeter im Kopf. Und eine Tour nach der anderen. Auch wenn es später und den Winter durch oft wenig Schnee und ungünstige Bedingungen gab, so machte mir das Skitouren mächtig Spaß. Das Radfahren war weit weg, die Notizenliste fast vergessen. Doch irgendwann im Jänner kramte ich sie wieder hervor. Und damit war mein Fahrrad dann auch gleich schon zum Service gebracht, und ein erstes Nachdenken, wohin es mit ihm wieder gehen könnte, angestoßen.

 

Weil rundum in der Welt die schlechten Nachrichten dominierten, Populisten und Kriegstreiber das demokratische und soziale Geschehen in vielen Ländern ins Wanken brachten, kam mir in Europa bleiben vernünftig vor. Der Blick auf meine Tourenkarte brachte dann rasch Klarheit. Die Grenzen des Kontinents hatte ich schon abgefahren. Kreuz und quer durch zeigen sich auch schon viele bunte Tourlinien. Doch Platz für neue meinte ich dennoch zu erkennen. Wenn ich eher in der Mitte der Länder bleibe, dann ist vieles ja noch gänzlich unbefahren, unberührt. Das Höhenmetersammeln vom Skitouren im Kopf kam mir ein Reisebericht über eine Tour entlang dem Apennin in Italien in die Hände. Damit war das Interesse geweckt.

 

Der Apennin zieht sich als großer Gebirgszug von den Ligurischen Alpen im Norden Italiens bis nach Kalabrien im Süden. Den abzufahren kam mir spannend vor, und mit den vielen Steigungen auch herausfordernd. Die erste Ausrichtung meiner Tour war damit gelegt. Vom Süden könnte ich dann über den Balkan wieder nordwärts fahren, ebenfalls mehr im Landesinneren, und das Ganze dann zu einem Rundkurs formen, mit Start und Ziel daheim. Wohin die Reise? European Circuit war also die Antwort, das Verfolgen eines Rundkurses die imaginäre Leitlinie. Doch der Apennin ist mächtig und lang genug, mir erstmal mehr über dessen Bewältigung Gedanken zu machen als im Voraus schon über den Verlauf der Route dann danach.

 

Die Vorbereitung

Früher hatte ich mir öfters Gedanken gemacht, wie ich mich auf meine Tour am besten vorbereiten kann. Oder wo ich Hinweise auf ideale und für mich auch passende Ausrüstungsgegenstände finde. Doch mit der Erfahrung von zwischenzeitlich online dokumentierten 105.000 Reisekilometern und knapp 1.000 Tagen am Rad ging ich es entspannt an. Konditionell mussten die über 100 Skitouren dieses Winters für eine gute Ausdauerbasis reichen. Die Notizenliste mit dem Nachbessern einiger Gegenstände zum Mitnehmen hatte ich schon nach und nach penibel abgehakt. Das Rad war wie gewohnt serviciert und neu bereift. Es blieb also nur der Blick auf meine Packliste aus den Vorjahren zu werfen, die Sachen zusammenzutragen, und den Wetterbericht für gute Verhältnisse zum Start im Auge zu haben. Im Acker galt es als liebgewordenes Abschiedsritual und als Vorsorge für eigene Lebensmittel beim Heimkommen noch Kartoffeln und Mais auszubringen. Und schon war die Vorbereitung für meinen European Circuit abgeschlossen. Aufsteigen und losfahren war die nächste Aktion. Dann konnten die Kette und die Reifen surren

 

 


Der Start - Aufbruch von zu Hause

26. April 2026

Auf bekanntem Terrain ein paar unbekannte Wege

Der erste Tourentag beginnt mit einer Überraschung. Während ich mich mit Müsli für die Abfahrt stärke, schaut mein Freund Günter am Weg zu einer Skitour noch kurz vorbei um Ciao zu sagen. Wir freuen uns beide. Sein Timing hat gut gepasst. Nur wenige Minuten später steige ich aufs Rad. Es ist eine etwas wackelige Fuhre am Beginn. Ich muss mich erst wieder ans Radfahren gewöhnen, und auch an das schwer beladene Rad.

 

In Liechtenstein wähle ich einen Fahrradweg in Landesmitte. Ich staune, dass ich diesen Weg bisher noch nie gefahren bin. Er gefällt mir. Durch grüne Wiesen und entlang von Bauernhöfen und einigen Reitställen quere ich das Land. Die das Rheintal säumenden Berge zeigen stolz noch ihre weißen Gipfel, und glitzern manchmal in der Sonne. In der Schweiz führt mich der Weg dann immer und oft auch nah dem Rhein entlang. Wie bei ihm der Wasserstand im Laufe des Tages immer weniger wird, je näher ich zu seinem Ursprung komme, so nimmt auch meine Kondition kontinuierlich ab. Das heiße Wetter setzt mir merklich zu. Viele der mir begegnenden Sonntagsradler sind eindeutig schneller. Doch ohne Taschen ist es wahrscheinlich eine leichte Übung.

 

In der Rheinschlucht gibt es ein paar kräftige Steigungen. Belohnung danach ist dann jedes Mal der Ausblick auf die Flusswindungen und das türkise Wasser weit unten. Später gerate ich dann entlang des Rheins nur auf unbefestigte Wege. Ganz so gefallen will mir das Fahren auf ihnen nicht. Ich war eher auf Einrollen auf Asphalt eingestellt, als auf staubigem Schotter. Keinen Staub sehen jedenfalls die Passagiere im Glacier Express der Rhätischen Bahn. Hinter übergroßen Panoramafenstern genießen sie auf Schiene das faszinierende Graubünden  Meine Route führte eine Zeit lang entlang der Bahntrasse. Als ich am frühen Nachmittag dann vom Rad steige, bin ich ziemlich geschafft. Doch auch zufrieden, dass mein Vorhaben für den ersten Tag aufgegangen ist, auch wenn ich mehr zu kämpfen hatte als mir lieb war.

 

27. April 2026

Über den Lukmanierpass ins Tessin

Am Morgen ist es recht frisch. Ich fahre mit Beinlingen und Pullover, zumindest die erste halbe Stunde lang. Kurz nach dem Losfahren höre ich eine Kirchenglocke. Sie schlägt 8 Uhr. Es ist nur der Glockenturm zu sehen. Er schaut hinter einer grünen Kuppe hervor. Davor fährt gerade ein rotes Zügle der Rhätischen Bahn vorbei, mit leichtem Knirschen der Räder in den Kurven. Hinter dem Kirchturm erhebt sich ein mächtiger Bergrücken mit weißen Graten. Es ist ein kitschiges Bild unter herrlich blauem Himmel und mit mich schon wärmender Sonne im Rücken.

 

Der Anstieg zum Lukmanierpass ist gut zu fahren. Die Steigung ist angenehm gleichmäßig. Am Anfang bin ich zwar im Talgrund einige Zeit im Schatten und in Galerien unterwegs. Doch irgendwann wird das Bergtal etwas breiter. Intensives Grün an den Hängen, dazu von der Sonne braun gebrannte einzelne Holzgehöfte in Blockbauweise, und glitzerndes Weiß auf den Gipfeln. Ein Kuckuck begleitet mich für einige Zeit mit seinem Ruf. Und beim Hospiz auf der Passhöhe sind es Murmeltiere, die einander vor mir als Radfahrer warnen. Am Parkplatz schnallen gerade zwei Skitourengeher ihre Rucksäcke ab. Es wäre noch ganz passabel gewesen, sagen sie auf meine Nachfrage hin. Aufstieg gestern in einem Seitental, und Biwak im Schnee. Ihr Bericht hörte sich stolz und zufrieden an. Sie wollen auch bald aufs Rad umsteigen, sagten sie mir noch zum Schluss, bevor ich die lange Abfahrt anging. Die Passhöhe bot kein attraktives Bild. Der Stausee war ohne Wasser. Eine felsplattige Steinsenke war die ganze Zier.

 

Schon bald konnte ich auf eine Seitenstraße abbiegen. Sie führte mich hoch überm Tal die Südseite eines Hangrückens entlang talauswärts. Es war herrlich zum Fahren. Schmal, ein leichtes Auf und Ab, kurvig, Steinhäuser mit Steindächern und Blick ins Tal zu den einzelnen Dörfern dort. Weiter unten im Flachen hatte ich reichlich Gegenwind. Und am Fahrradweg zogen einige E-Biker ihre Bahn. Hie und da konnte ich ihren Windschatten ausnützen. Später am Lago Maggiore musste ich die Straße mit den Autos teilen. Der See war dennoch schön anzuschauen. Die lange Steigung einen Hang hoch zu meiner Unterkunft trieb mir den Schweiß auf die Stirn mehr als am Lukmanier am Vormittag. Wenn ich den Ausblick über den See mit dem Ausblick am Pass auf die Berggipfel vergleiche, so gefielen mir diese noch eine Spur besser. Und einsamer oder ruhiger war es oben auch.

 

28. April 2026

Unspektakuläre Stecke mit etwas Regen

In der Nacht zog eine Regenfront durch. Doch am Morgen war die Straße schon wieder trocken. Nur der Himmel war stark bewölkt. Der See zeigte sich in einem dunklen Grau. Er passte sich farblich dem Himmel an, und verbarg geschickt die ihm zugeschriebene Schönheit. Doch ich musste ohnedies auch auf die Straße achten. Sie führte schmal entlang des Sees und durch einige kurze Tunnels. Mein Rücklicht blinkte eine Zeit lang eifrig.

 

Schon bald nach dem Start passierte ich den Grenzübergang zu Italien. Bennvenuti in Italia war in Großbuchstaben angeschrieben und nicht zu übersehen. Die Straße und das Ufer waren aber gleich wie in der Schweiz zuvor. Nur dass irgendwann etwas Regen aufkam. Ich sah die Wolken schon von weitem als graue Front heranziehen. Große Lust auf ein Fahren im Regen hatte ich nicht. Eine Bushaltestelle lud mit ihrem Dach zum Abwarten und zur Rast ein. Die vom Frühstück mitgenommene Apfeltartelette zog auch die Blicke der vorbeigehenden Leute an. Doch teilen wollte ich sie dennoch nicht.

 

Es war wohl eine gute Stunde, die ich im Schutz der Bushaltestelle mit Zuwarten verbrachte. Und als ich mich schon damit abfand, mit der Regenkombi weiterzufahren, klarte es recht schnell auf. Die Sonne wollte sich aber den ganzen späteren Tag nicht zeigen. Auch war die Strecke nicht sonderlich attraktiv. Viele kleine Nester entlang der Straße, die Häuser meist mit geschlossenen Fensterläden, und weil das Gelände flach, gab es auch keinen weiten Blick in die Landschaft. Entlang der Hügel hingen zudem die Wolken tief. Auch hatte ich den Eindruck, dass mein Navi eine recht eigenwillige Streckenführung ausgewählt hatte. Eine längere Schotterpassage war ebenfalls mit dabei, dazu auch noch eine Steigung zum Schieben. Ein eher mäßiger Tag, bilanzierte ich am Abend. Und zum Essen hatte ich auch lange nichts gefunden. In den kleinen Ortschaften gab es nirgends einen Laden. Und als dann endlich einer an einem Stadtrand kam, war er so riesengroß, dass ich gerne weiterfuhr.

 

29. April 2026

Gefälliges Radeln durch Agrarland nach Turin

Gleich am Morgen herrschte schon viel Verkehr auf den vorgefundenen langen Geraden. Zwar gab es mehr Gegenverkehr als mich Überholende, doch der schlechte Straßenzustand ließ es mich eher vorsichtig angehen. Auch war es wegen des trüben Himmels etwas ungut. Der Wechsel meiner Brillengläser auf die helle Variante ließ mich die Umgebung dann angenehmer wahrnehmen. Denn Sonne musste es hier ja geben, der Weingärten wegen in den Feldern.

 

Später tauchten dann erste Reisfelder auf. Ein das seichte Wasser durchpflügender Traktor mit Anhänger zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Statt mit breiten luftgefederten Rädern ausgerüstet, hatte er schmale Stahlräder in Sägezahnform. So etwas hatte ich bisher noch nie gesehen. Für den Straßentransport wurde er auf ein eigenes Zugfahrzeug umgeladen. Es überholte mich danach und bog nicht unweit vom Feld zu einem weitläufigen Hof ab. Maisfelder säumten ebenfalls die Straße. Ihr Grün war noch ganz frisch und nur wenig mehr als fünf Zentimeter hoch. Dennoch wohl etwas größer schon als mein Mais daheim.

 

Am späteren Vormittag leistete ich mir einen kleinen Umweg. Auf einem Militärgelände war kein Durchkommen möglich. Als ich dann wieder auf meine geplante Route zurückfand, verlief sie entlang eines weit verzweigten Kanalnetzes zur Bewässerung. Immer wieder stieß ich auf Schleusen und Pumpanlagen. Willkommener Aufputz am Straßenrand waren auch die vielen roten Mohnblüten. Vereinzelt kam ich auch an stark duftenden, in voller Blüte stehenden, Holunderbüschen vorbei. Doch Autobahnschneisen gab es ebenso. Das nahe Turin war dafür die Erklärung. Irgendwann vor Turin verlief meine Route entlang des berühmten Flusses Po. Beim Queren einer der Straßen in der idyllischen Park- und Aulandschaft vor Turin hatte ich mir im Hinterrad einen haardünnen Metalldraht eingefangen. Ich konnte ihn zum Glück beim Abtasten des platten Reifens auch noch erfühlen und vollständig entfernen. Trotz des Plattfußes hatte mir der heutige Tag gefallen. Herrlich, allein auf kleinen Verbindungswegen durch Agrarland zu fahren und dabei mehr und mehr Sonne genießen, und gute Beine ebenso.

 

30. April 2026

Tiefhängende Wolken und flache Strecke

Gestern hatte ich am Abend noch eine kurze Runde durch die Stadt gedreht. Von Piazza zu Piazza. Es hat mir gefallen. Und sensationell war gar die Pizza Peperoni in einer Seitenstraße. Wunderbar fluffiger Teigrand. Ein wahrer Genuss. Wenig zum Genießen gab es hingegen am Morgen beim Blick aus dem Fenster: Nieselregen. Ich dehnte mein Frühstück etwas aus und startete später. Aber statt des freundlichen Sonnenglanzes von gestern zeigten sich die Plätze heute grau in grau. Porca miseria hätte man dazu sagen können. Doch es kam nicht aus meinem Mund. Es war ein Straßenarbeiter, der so meinen Ausrutscher auf nassen Straßenbahnschienen kommentierte. Zum Glück war mir nichts passiert. Ich musste dem Arbeiter unerwartet ausweichen, und schon lag ich mit meiner Fuhre am Boden. Ich kürzte danach meine Stadtrunde etwas ab. Turin zeigt bei Schönwetter eindeutig mehr Charme.

 

Am Po entlang ging es wieder durch kleinere Parkanlagen. Bei einer Brücke sah ich mehrere Sportruderboote. Den lauten Kommandos nach waren sie im Wettkampf unterwegs, flussabwärts und auch ziemlich schnell. Ich fuhr in entgegengesetzte Richtung. Zeitweise war es etwas mühsam. Immer wieder hatten mächtige Baumwurzeln die Fahrbahn zu einer Holperstraße gemacht. Später ging es dann flotter voran. Auf einer ehemaligen Eisenbahntrasse war ein Radweg angelegt. Bolzengerade und flach ging es unter stark bewölktem Himmel dahin. Es war recht kühl. Ich fuhr mit Mütze und Halstuch samt Pullover und Beinlingen.

 

So wie gestern kam ich in zwei Kleinstädten wieder an Marktständen vorbei. Frisches Obst und Gemüse wurde angeboten, dazu allerlei Aussaatpflanzen. Ein paar Stände mit Kleidung gab es auch, gleich neben den Käse- und Wurstständen. Doch der Renner waren glaub die paar Verkaufswägen mit Grillhühnern. Da standen am meisten Leute an. Beim Fahren am Nachmittag war es dann etwas zäh. Es fehlten mir die landschaftlichen Reize, dass ich Freude aufbauen hätte können, oder Spaß am Schauen hatte. Für Abwechslung sorgten nur ein paar wenige Schweinemastbetriebe mit ihrem Geruch. Kein Wunder, wieso die immer außerhalb der Ortschaften waren. Abends schaute ich mir auf der Karte dann die Berge nördlich meiner heutigen Route an. Von meinem Westalpencross 2016 entlang der französisch-italienischen Grenze war mir der MonViso noch wunderbar in Erinnerung.

 

1. Mai 2026

Vormittag mäßig, Nachmittag nice

Die eine Hälfte des übergroßen zentralen Stadtplatzes von Cuneo war am Morgen mit Marktständen belegt. Leute waren noch wenige zu sehen. Dies lag vielleicht auch an der kühlen Temperatur und den tiefhängenden Wolken. Ich schaute mir das Angebot der Marktfahrenden erst gar nicht an. Mehr interessierten mich die ganz vorsichtig zwischen den Wolken im Ansatz erkennbaren Berge mit deutlichem Weiß. Vielleicht hat es dort geschneit, als die letzten Tage der Regen hier durch die Ebene zog.

 

Die frisch angelegten Maisfelder beeindrucken mit ihren Kontrastfarben. Ein erfrischendes Grün der noch kleinen Pflanzen und ein sattes Dunkelbraun der nassfeuchten Erde. Auch sind in größeren Abständen immer wieder kleine, die ganze Feldlänge erstreckenden Erdwalle erkennbar. Wohl für eine gleichmäßige Bewässerung beim Fluten der Felder.

 

Irgendwann geriet ich mit meiner Route in mehr hügeliges Gelände. Und gleich war ich mit den dortigen Steigungen kräftig gefordert. Dazu zwickte mich seit dem Morgen die rechte Wade, und mit Fortdauer immer mehr. Keine guten Aussichten für das anstehende Fahren in den Bergen dann die nächsten Tage. In den Hügeln gab es recht viel Weinbau. Die Rankhilfen waren zum Teil kunstvoll und optisch beeindruckend durch die Hänge gezogen. Ab Mittag geriet ich mit meiner Route auf eine dicht befahrene große Straße. Sie führte Richtung Süden ans Mittelmeer. Fast meinte ich, dass ich keine gute Wahl getroffen hatte. Doch als ich dann endlich abbiegen und das Flussufer wechseln konnte, war das Fahren richtig klasse. Ein schmaler, teilweise asphaltierter Weg führte mich flussaufwärts mit kurvigem Auf und Ab nah zum Gewässer weiter. Dazu gab es Ausblicke auf die dicht grün bewaldeten Hügel, und hie und da auf ein paar Schneefelder weiter oben. Einzelne Steigungen waren ruppig, doch insgesamt hat es mir im Wechsel zwischen Schatten und Sonne und dem Rauschen des Gebirgsflusses sehr gefallen. Als es dann irgendwann wieder auf einer größeren Straße abwärts ging, freute ich mich über das lange und mühelose Dahinrollen. Ich legte mich zwar nicht so stark wie die mich überholenden Motorradfahrer in die Kurven, doch zügig unterwegs war auch ich. Herrlich, der etwas mäßige Vormittag noch im Piemont, und dann meine Freude mit dem ungetrübten Nachmittag schon in Ligurien.

 

2. Mai 2026

Herrliches Kurbeln in Liguriens Hügeln

Sonne, klarer Himmel, kühle Morgenfrische, gute Laune. Mit Mütze, Pullover und Beinlingen ging ich die kurze Abfahrt an. Doch als es wieder aufwärts ging, fuhr ich bald kurz/kurz. Und nach einer Abzweigung dann auch fast ohne Verkehr. Es passte mir, und ich war zufrieden. Bloß meine Wade macht mir Bedenken. Sie fühlt sich im oberen Bereich verhärtet und druckempfindlich an. Womöglich habe ich mir eine Zerrung zugezogen. Bei starkem Pedaltritt spüre ich sie recht unangenehm. Doch die bewaldeten Hügel Liguriens lenken mich ab. Mir gefallen die einzelner kleinen Dörfer mitten an den Hängen.

 

Von den Hügelkuppen ist im Süden bald das Mittelmeer auszumachen. Von dort weht mir ein strammer Wind entgegen. Doch auf der Leeseite ist es frühlingshaft mild. Ich bin auf den schmalen, kurvigen Straßen nicht allein am Weg. Rennradler noch und noch. Ciao, Ciao, Ciao, tönt es in jeder Kurve. Gar viele ziehen auf edlen Rennern ein flottes Tempo durch. Doch ein schnelles Grüßen oder ein lässiges Winken mit vom Lenker abgespreizter Handfläche geht sich für alle aus.

 

Irgendwann gegen Mittag biege ich von meiner geplanten Route in den Hügeln ab. Ich wähle den Weg abwärts Richtung Meer. Obwohl nicht sonderlich hoch oben gewesen, kommt mir die Abfahrt mit den vielen Kurven und Spitzkehren ewig lang vor. Der Kontrast im Flachen ist dann aber recht groß. Statt Blätterrauschen gibt es Meeresgischt, statt pedalierenden Rennradfahrern flanierende Menschenmengen, statt Powerbars süßes Gelati, statt gleichmäßigem Reifensurren Stimmengewirr auf Italienisch. Während oben über den Hügelkuppen hie und da noch weiße Bergspitzen hervorschauen, blühen an der Straße dem Meer entlang schon die rosafarbenen Oleander.

 

3. Mai 2026

Etappenabbruch und Heimfahrt

Gestern hatte ich es mir bei der Abfahrt Richtung Meer schon kurz überlegt, und heute dann spontan durchgezogen. Mit einer schmerzenden, lädierten Wade macht Radfahren keinen Sinn. Erst die Muskelzerrung auskurieren, und dann von Neuem durchstarten, lautet mein Entschluss. Mit Flixbus und Zug war ich spät am Abend schon wieder daheim. Die Erkundung des Apennins muss warten. Es blieb jetzt im Mai vorerst nur bei der Anfahrt und beim Erkundenwollen. Oder beim Reinschnuppern und Vorerkunden. In Albenga am Meer war unerwartet schon Schluss, und hatte ich die Heimfahrt angegangen.