Schwedens Süden entdecken

18. Juni 2024

Radeln im weißen Bademantel

Durch Helsingborg durch geht es am Morgen ruck zuck. Es ist gefühlt eine grüne Welle bei den Ampeln. Ich habe immer freie Fahrt. Und bald sehe ich auch die Hinweisschilder für den Radweg „Kattegattleden“, der mich entlang der Küste führen wird.

 

Nah zu den Häusern dort treffe ich auf einige Leute im Bademantel, und auch auf ein paar Mutige im Wasser. Etwas ungewohnt ist der Geruch nach Algen, der vom Wasser ausgeht. Und frisch ist es auch noch. Doch das scheint die Leute im Bademantel nicht von ihrem Weg Richtung Wasser abzuhalten. Etwas später kommen sie mir dann auch auf dem Fahrradweg entgegen, Radler im weißen Bademantel. Wenn das Meer vor der Haustüre liegt, dann scheint ein morgendlicher Sprung ins kalte Nass Pflicht zu sein.

 

Das Fahren an der Küste macht mir mächtig Spaß. Der Weg ist abwechslungsreich. Manchmal führt er durch kleine Waldstücke, dann wieder durch Ortschaften, durch Wiesen, Küstenvorland, oder direkt am Meer entlang. Dort weht fast den ganzen Tag lang eine kräftige Brise aus Richtung Westen. Ein paar kurze Anstiege finden sich auch. Und jede Menge üppig blühende Heckenrosen. Rosa Rugosa noch und noch, wunderbar.

 

Auf einem an der Straße liegenden großen Acker ist bereits die Kartoffelernte im Gang. Flinke Hände sortieren eifrig am Erntewagen, meine ich im Vorbeifahren erkennen zu können. Und der Geruch der frisch aufgeworfenen Erde begleitet mich längere Zeit. Später ist es das leicht angetrocknete frisch gemähte Gras auf großen Wiesen, das die Duftnote bestimmt. Herrlich, da mitten durch zu Radeln. Und wenn ich irgendwo nah zum Wasser stehen bleibe, dann kommt das Plätschern des Wassers hinzu. Der erste Tag in Schweden hat mir auf dieser Route sehr gefallen.

 

19. Juni 2024

Giftiger Gegenwind und Fettuccine al dente

Mein Zelt hatte ich schneller gepackt als erwartet. Daher war ich auch schon früh unterwegs. Am Campingplatz war es noch total ruhig. Nicht einer wollte schon um halb sieben aus den Federn. Vielleicht ahnten sie, dass bald ein kalter Wind aufkommen wird. Mich begleitete er den ganzen Tag. Nur kurz hingegen tat dies ein Hase. Er saß mitten auf dem Radweg, und lief dann hakenschlagend auf ihm weiter, bevor er in das leicht rötliche Wiesengras wechselte. Mir schien, als ob er sein Spiel mit den Radfahrern schon mehrmals gemacht hat. Denn sonderlich fluchtergreifend erschien mir sein Hoppeln gerade nicht.

 

Dort wo der Radweg in unmittelbarer Meeresnähe führte, war es ein kräftiges Rauschen. Gestern noch habe ich es als angenehmes Wasserplätschern empfunden. Heute gab es mit dem Wind entschieden mehr Dynamik. Die Gischtkronen zogen sich in vielen Reihen den Buchten entlang. Bei stark bewölktem Himmel hatte das Meer auch eine aggressivere dunkle Farbe. Kein Wunder, dass ich heute niemanden in einem weißen Bademantel zu Gesicht bekam. Dabei war ich durch ähnliche, langgezogene Straßensiedlungen unterwegs wie gestern. Zumindest bis in den frühen Vormittag hinein.

 

Danach dominierten dann anstelle der schmucken roten Holzhäuser für kurze Zeit große Industrieanlagen in unmittelbarer Meeresnähe. Und so riesig wie mir diese Areale erschienen, war dann auch einer der Golfplätze am Weg. Statt vielen Spielern war jedoch mehr Servicepersonal am Green. Rasenmähen wird hier für einige ein Fulltimejob sein, war mein Eindruck im Vorbeifahren.

 

Später, als meine Route auf dem Radweg wieder nah zum Meer verlief, beschäftigte mich der Gegenwind. Nach dem gestrigen pipifeinen Sommertag war es heute mit dem Wind jedoch entschieden anstrengender zum Fahren. Erst am späten Nachmittag konnte sich die Sonne durchsetzen und wurde es angenehmer. Doch da war ich schon fast in meiner Unterkunft, und freute mich auf selbst gekochte Nudeln. Dies entpuppte sich aber als Geduldsprobe. Denn das Einschalten des banalen Elektroherdes schaffte ich nur mit Nachfragen bei der Vermieterin. Der Gegenwind hatte mir also doch kräftig zugesetzt. Das entsprechende Hinweisschild am Herd ist mir nämlich peinlicherweise entgangen. Die Fettuccine schmeckten dennoch lecker.

 

20. Juni 2024

Bretterstapel im Hafen und Langläufer am Radweg

Mit herrlicher Sonne und blauem Himmel ging es heute los. Zwar war es gegen Mittag dann wieder bewölkt und kalt, doch gegen Abend kam sie mit dem wunderbaren Blau wieder auf Besuch. Es hat also gepasst. Und der Wind war auch nur mittags für ein paar Stunden lästig. Doch je nach meiner Fahrtrichtung, ob ich in eine Bucht hineinfuhr oder aus ihr heraus, kam er mir auch gelegen. Die vielen Buchten haben mir heute gefallen. Oder vielmehr die Stimmung, die es mit dem Wind rund um sie herum gab. Es war ein kräftiges Anrollen der Wellen. Und hie und da spritzte das Wasser gar bis auf den Radweg. Mit der Gischt in der Bucht, der Meeresweite draußen, und dem Rauschen im Ohr war das Fahren ein Genuss.

 

Bei einem Hafen wurden Bretterstapel verladen. Der Lagerplatz war riesig. Die Stapel waren in grüne oder in weiße Folie eingepackt. Manchmal war noch etwas vom Holz sichtbar. Es schaute nach thermobehandeltem Material aus. Bis ich um den Lagerplatz herum war, dauerte es gar eine Zeit. Oder vielleicht war ich auch langsamer unterwegs vom vielen Schauen und Staunen ob der Größe. Ein paar Kilometer weiter war dann eine Fabrik mit einem mächtigen Schlot. Mir schien, als ob die Lastwagen mit Rundholz im Minutentakt bei ihr vorfuhren. Nach dem beschrankten Eingang war die Brückenwaage ihr erstes Ziel. Bei den weiteren Stationen bedienten die Fahrer vom Führerhaus aus die in ihrer Höhe angebrachten Bildschirme. Und irgendwo hinter dem großen Betonquader der Halle neben dem Schornstein werden dann wohl die fertig bearbeiteten und in Folie eingepackten Bretterstapel ausgeworfen, waren meine Gedanken. Meine Route zweigte nämlich rechts ab. Ich konnte nur die Holzanlieferung etwas näher beobachten.

 

Windig, wolkig, kühl, fiel es mir gegen Mittag ein, wie ich es erklären könnte, dass ich mit Mütze und Halstuch unterwegs war. Den Wind konnte ich nicht nur beim Fahren spüren, sondern auch an den vielen flatternden oder waagrecht stehenden schwedischen Fahnen ablesen. Ein Fahnenmast stand gefühlt wohl bei jedem zweiten Haus. Sie scheinen schon stolz zu sein, die Schweden, auf ihr Land.

 

Und typisch schwedisch begegneten mir nahe zu Göteborg dann auch die ersten Langläufer am Radweg. Statt mit den Beinen kräftig treten wie ich, waren sie mit den Armen kräftig am Schieben. Bergauf übten sie auch ein paar Skatingschritte. Doch im Schnee schaut das Langlaufen jedenfalls edler und rassiger aus, als wie heute hier am Radweg auf den zwei kleinen Rollen je Ski.

 

21. Juni 2024

Ein dominanter Turm und Blumenkränze im Haar

Der Campingplatz war idyllisch direkt am Meer gelegen. Die wenigen Zelte verloren sich fast auf den Wiesen am Schilfgürtel. Nur die Wohnmobile standen weiter hinten näher zueinander, wohl auch weil zahlreich eingecheckt. Dennoch war es ruhig. Es freuten sich glaub alle über den fast windstillen und überraschend lauen Sommerabend. Nur heute am Morgen ging es laut zu. Das Kreischen der Möwen schon vor 5 Uhr war lästig. Und ausgerechnet vor meinem Zelt hatten mehrere Krähen einen Disput, der schier nicht enden wollte. Ich bin dennoch wieder eingenickt, und daher heute später los als sonst. Die Sonne blinzelte schon von weit oben durch die Wolken. Ein Frühstück mit Joghurt und Banane ging sich trotzdem aus, ein Snickers mit dazu. Etwas anderes gaben meine Taschen nicht her.

 

Im Reiseführer zu Göteborg wurden die Hügel der Rundumsicht wegen empfohlen. Und so wurde ich die Beinlinge und den Pullover rasch los. Vom Skansen Kronan fesselte einem gleich ein riesiger Turm auf der Insel vis-á-vis. Es war der Karlatornet, das mit 245 Metern höchste Gebäude Skandinaviens. Und egal wo ich dann in Hafennähe oder der Stadt unterwegs war, der mächtige Turm dominierte stets das Bild. Und auch vom hohen Aussichtsberg im Keillerspark betrachtet blieb er riesengroß. Dort hatte mir das Rauf- und Runterfahren in den Serpentinen gefallen. Und auch das Applaudieren einer Frau in einem Straßencafé unten, die mich ins Flache Schwung mitnehmend herannahen sah.

 

In einem schmucken Café in der Innenstadt lockten mich die Tische in der Sonne. Das Avocado-Sandwich mit Chilli war ein Gedicht. Und beim Glas mit dem Himbeer-Smoothie musste der Zeigefinger mithelfen, dass ja kein Tropfen übrigblieb, so lecker. Hey, diese Einkehr hat sich gelohnt. Vielleicht auch, weil unmittelbar vor meinem Tisch ein perlweißer Porsche 911 geparkt war. Zum Hinschauen immer schön. Gut schmeckte mir auch das Fahren raus aus der Stadt durch die schönen Parks. Da störte irgendwann jedoch zumindest akustisch die nahe Autobahn.

 

Meine Route hatte einen ähnlichen Verlauf wie die Autobahn. Ich querte sie im Laufe des Tages später mehrfach. Doch mehr als die Autos blieben mir die vielen kleinen Seen entlang des Weges in Erinnerung. Das Glitzern des Wassers und die Einbettung der Seen in die bewaldeten Hügel und die abwechslungsreiche Landschaft waren schön anzuschauen. Herausgeputzt waren auch einige junge Frauen, die ich beim Durchfahren von Ortschaften immer wieder sah. Sie sind mir auch in den Straßen von Göteborg schon aufgefallen. Die Bedeutung ihrer Blumenkränze im Haar wurde mir erst am Abend mit Nachlesen zum schwedischen Midsommerfest bewusst. Vielleicht hat mir das Radeln heute auch deshalb sehr gefallen, weil es ein Feiertag war, mit Windstille, blauem Himmel und Sonne pur.

 

22. Juni 2024

Regen ... erationstag

Gestern noch ein wunderbarer Sommertag, heute nur ein Fest für die Enten. Ich mag nicht nach draußen. Es regnet fortwährend. Und laut Wetterbericht wird es irgendwann auch noch kübeln. Eine kräftige Regenfront zieht von Norden kommend durch. Wenn die Vorhersagen stimmen, soll es morgen wieder besser sein. Heute bleibe ich jedenfalls unter Dach. Habe ein nettes Appartement und kann mich ausbreiten. Regenerieren steht am Programm. Womit der Regen ja auch sein Gutes hat.

 

23. Juni 2024

Auf Naturstraße durch grünen Wald

Bei leichtem Nieseln aus dem Nebel fahre ich los. Es ist frisch, der Radweg nass. Er führt mich eine lange Gerade entlang durch den Wald. Links und rechts reicht das Gras in die Straße hinein. Der Weg durch den Wald will kaum enden. Anfangs geht es länger sanft ansteigend hoch, dann monoton flach geradeaus. Die Umgebung immer dieselbe: Wald. Ein paar Mal kreuzt eine Straße den Weg. Und dann geht es wie davor wieder geradeaus. Das nasse Gras kitzelt an den Beinen, wenn ich es streife. Die schwarzen Schuhe glänzen.

 

Bei der ersten Stadt am Weg höre ich Kirchenglocken. Es ist Sonntag. Vielleicht ist um 9 Uhr eine Messe. Doch Leute begegnen mir keine. Außer bei den Seen. Da sind vereinzelt welche mit ihren Hunden am Spazieren. Hie und da spiegelt das Wasser die am Ufer stehenden Gebäude wider. Doch weil die Sonne noch nicht durchkommt, sind es nur matte Bilder.

 

Meinem Navi vertrauend folge ich einer Naturstraße. Der Schotter ist grobkörnig. Entsprechend fordernd ist das Fahren, da auch noch leicht ansteigend. Ich denke mir, dass ich auf so einem Weg nicht den ganzen Tag fahren möchte. Da ließen sich keine Kilometer machen. Dafür ist es mit dem Moos und dem lichten Wald ganz nett. Naturreservat ist mehrfach angeschrieben. Weiterfahrend zweifle ich, ob diese Route eine gute Wahl war. Denn irgendwann bin ich auf einer Langlaufloipe unterwegs. Irgendwann ist sogar Skistadion angeschrieben. Schnee hat es jedoch keinen. Also komme ich auf dem sandigen Weg doch halbwegs gut voran.

 

Bei einer Pause am frühen Nachmittag entdecke ich, dass meine schwarzen Beinlinge fehlen. Ich habe sie vormittags ausgezogen und abgelenkt nur über die Taschen gelegt. Offensichtlich bin ich dann ohne sie zu verpacken losgefahren. Das ärgert mich mächtig. Denn ich war bisher recht froh um diese wärmenden Dinger. Hoffentlich kommt jetzt der Sommer, dann brauche ich sie nicht mehr so schnell. Hier im einsamen Wald gibt es jedenfalls keine zu kaufen.

 

Mit Fortdauer des Tages kommt mehr und mehr blauer Himmel durch. Als ich dann beim Vätternsee entlang radle, ist es ein Fahren zum Juchzen. Richtig toll. Kurvig, leicht auf und ab, im Grünen. Und dazu die schmucken roten Holzhäuser mit den steilen Dächern und den weißen Fensterrahmen. Hie und da ein paar Pferde in den Wiesen, und kaum Verkehr. Lässig, dieser Streckenteil, auch wenn ich mir zwischendurch vorne einen Plattfuß eingefahren habe.

 

24. Juni 2024

Kraxelnde Boote am Gotakanal

Ein herrlicher Abend mit wunderbarem Sonnenuntergang am Vätternsee gestern, doch heute am Morgen tiefhängende Wolken. Keine Spur von Sonne, dafür ein taunasses Zelt und ziemlich kalt. Ich fahre mit Mütze und Weste los, die Beine frei. Da hätte ich die verlorenen Beinlinge gut gebrauchen können. Entlang des Weges sehe ich bei einigen Schornsteinen Rauch aufsteigen. Demnach habe also nicht nur ich etwas kalt, sondern auch die Bewohner hier in ihren Häusern. Na ja, es ist ja Sommer.

 

Der Radweg führt entlang einer Anhöhe parallel zum See. Die Stimmung gefällt mir, auch wenn es keine Weitsicht über das Wasser gibt. Der See scheint in den Wolken zu enden. Dort verschwindet auch die gelbe Fähre, die mir gestern schon begegnet ist. Das Fahren gefällt mir. Es geht manchmal wunderbar durch lichten Wald, mit Moos und Flechten, und auch auf guter, sandiger Naturstraße dahin.

 

Gegen Mittag kommt dann doch die Sonne durch. Die Getreidefelder mit den vielen Mohnblüten sind so noch schöner anzuschauen. Und weil der Wind von Westen kommt, radle ich ziemlich flott durch die Felder. Mit Rückenwind geht es einfach besser. Als ich ein Handtuch im Straßengraben liegen sehe, mache ich einen Boxenstopp. Meine Kette freut sich danach, dass sie wieder wie neu ausschaut.

 

Ich freue mich dann etwas später, als ich den Gotakanal erreiche. Er ist eine Verbindung zwischen mehreren schwedischen Seen. Ihm entlang führt auch eine Radstrecke. Gleich auf dem ersten Kilometer schon kommt eine mehrstufige Schleusenanlage. Laut Karte werden so 15 Meter zwischen zwei Seen überwunden. Beim Zuschauen staune ich, wie interessant das sein kann. Etwas stressiger ist es für die Bootsbesitzer und ihre Mitfahrenden. Mit Seilen versuchen sie, innerhalb des schmalen Schleusenraumes die Segelboote zu manövrieren. Erleichterung macht sich dann bei allen breit, als die Wärterin endlich die Freigabe für das Öffnen der Schleuse gibt. Ich habe mir meine Freigabe zum Weiterfahren auch gleich geholt. Das Fahren entlang des kurvigen Kanals war lässig. Auf Wasserhöhe dahinradeln, mit Aussicht auf Wiesen und Getreidefelder auf der einen Seite, und hie und da ein paar Booten begegnen, oder sie überholen.

 

25. Juni 2024

Ein feiner Tag am Gotakanal

Ein Juchzen schon bald am Morgen. Zwar geht es am Stadtrand zuerst durch Industriegebiete und ich passiere einige Straßenbaustellen mit Umleitungen. Doch danach wird es dann klasse zum Fahren. Allein auf Nebenstraßen Getreidefeldern entlang. Dazu ist ein See recht nah, und immer wieder mit einem Blitzen unter blauem Himmel zu sehen. Es ist mild, Sonne pur, mit Vogelgezwitscher beim Stehenbleiben, und landwirtschaftliches Gebiet. Viele große Scheunen als roter Blickfang zwischen den Feldern. Einige scheinen schon aufgelassen, und doch stehen sie mit Würde in der Landschaft und geben ihr einen farbigen Aufputz.

 

Doch es sind nicht nur die Bauernhöfe allein in der Landschaft. Auch einzelne Häuser verlieren sich in der Weite. Oder es finden sich zwei oder drei Briefkästen am Straßenrand mit einem Feldweg irgendwohin in kleine Waldstücke hinein. Ich folge dem Weg Nr. 7. Göta Kanalleden ist auf den kleinen weinroten Tafeln in weißer Schrift angeschrieben.

 

Irgendwann am frühen Vormittag komme ich zur Kanalschleuse bei Norsholm. Mich zieht es zwar zuerst zum Einkaufen in den kleinen Markt daneben. Doch zum Essen passt mir der Tisch im Schatten neben dem Schleusenkontrollraum sehr gut. Hier habe ich alles im Blick, was sich auf der Straße, den Schienen, und am Wasser tut. Und das ist für mich mehr als nur zum Staunen. Vier Segelboote warten im Schleusenraum auf die Weiterfahrt. Nachdem mehrere Züge vorbeigefahren sind, heben sich die Gleise ähnlich einer Zugbrücke senkrecht in die Höhe. Die Ampel am Wasser schaltet auf Grün, die Boote fahren aus der Schleuse raus. Und auf der anderen Seite dreht sich die Straße auf einem Drehkreuz, und macht den Weg für die Einfahrt neuer Boote in die Schleuse frei.

 

Weil ich länger am Zuschauen bin, interessiert sich auch ein einheimischer Urlauber für mich. Er erklärt mir bereitwillig, was es so mit dem Kanal auf sich hat. Dass er von Mai bis Oktober offen ist. Dass die Schleusen meist von Studenten im Nebenjob bedient werden. Dass man auf dem Kanal vom Baltischen Meer bis in die Nordsee durchkomme. Dass er als Feuerwehrmann letztes Jahr ein großes Schiff habe leerpumpen müssen, weil es auf Grund gelaufen sei und beschädigt wurde. Und mit einem Zwinkern ergänzte er noch, dass die Schweden die Schleusen hier „divorce pitch“ nennen. Das kam mir dann auch schlüssig vor. Denn bis alle Boote ihren Platz in der Schleuse gefunden haben, vertäut sind, und wieder heil vorwärtskommen, bedarf es schon eines guten Zusammenspiels der ganzen Mannschaft am Boot.

 

Bei einem See wollte ich den Kanal auf der Schleuse davor queren. Doch auf einem kleinen Aluminiumfährboot warteten schon andere Radfahrer. Die Fahrt an Land sei bei diesem See nicht erlaubt, wurde ich aufgeklärt. Und mit einer Gratisfahrt querte ich daher den See der Länge nach, mit Helm und Schwimmweste an Bord der Radlerfähre, in der Fahrrinne der Boote am Gotakanal.

 

Am Nachmittag wurde es dann richtig heiß. Die Sonne heizte sommerlich ein. Entlang des Kanals war auf vielen Wiesen die Heuernte im Gang. Herrlich, im Duft des angetrockneten Grases zu radeln. Und etwas müde war ich heute auch. Am Nachmittag schlief ich gar im Schatten einiger Bäume am Weg. Powernapping als Stärkung für die Weiterfahrt an einem feinen Tag.

 

26. Juni 2024

Einsame Gegend mit grünem Farn

Als ich in der Nacht aufwache, wundere ich mich über die große Helligkeit draußen. Demnach muss ich wohl schon weit im Norden sein, weil es nicht mehr richtig dunkel wird. Kurz denke ich mir, dass man bei solchen Verhältnissen ja durchradeln könnte. Doch es war glaub nur ein launisches Blitzlicht, denn ich schlafe weiter im gewohnten Rhythmus.

 

Nach wenigen Kilometern in der Früh, auf denen mir ein paar Arbeiterbusse begegnen, zweige ich auf eine Naturstraße ab. Sie führt mich immer wieder durch Waldstücke, Lichtungen entlang, und manchmal auch bei brach liegenden Wiesen vorbei. Es gefällt mir sehr. Die Gegend ist leicht kupiert, die Straße kurvig angelegt, der Untergrund fest wie Asphalt. Niederes Gebüsch, kleine und große Birken, viele Kiefern, und am Straßenrand und in den Wald hinein jede Menge hübscher grüner Farne.

 

Vereinzelt finden sich wenige Häuser versteckt im Wald. Manchmal lugt der Giebel mit den weißen Stirnbrettern zwischen den Bäumen hervor. Hie und da treffe ich auch auf kleine Höfe. Als ich für ein Foto stehen bleibe, schnaubt ein Pferd entfernt in einem Paddock stehend. Das Schnauben wiederholt sich, und klingt mit dem Wald rund herum ganz eigen. Es ist eine einsame Gegend hier, und doch mit viel Charme. Zurückgezogen leben und gleichzeitig irgendwo Anschluss haben, so ein Modell ließe sich hier wohl gut umsetzen. Und dann denke ich mir wieder, dass ich es zu Hause eigentlich auch recht nett habe. Doch dieses Schweden hier entfaltet schon seinen Reiz.

 

Mittags fahre ich durch eine Kleinstadt an einem See. Ein Kanal führt in ihr Zentrum. Hier herrscht im Gegensatz zu den Stunden davor touristischer Rummel. Oder jedenfalls ein Ansatz in diese Richtung. Urlaubsstimmung ist überall spürbar. Und das herrliche Sommerwetter sorgt anscheinend für eine gelassen ruhige Atmosphäre. Nur mich fordert es etwas heraus. Ich habe zwar unlängst gerade noch über die Kälte gejammert, doch wenn es zu heiß ist, will es mir auch nicht richtig passen. Zum Glück kommen mir die Gegend und die Landschaft hier entgegen. Die freien Felder wechseln mit schattenspendenden Waldstücken ab. Und nah zu den Seen gibt es auch kühlenden Wind. Es lässt sich also schon ganz gut radeln, hier in Schwedens Süden. Und am Abend dann am See auch gut campieren.


27. Juni 2024

Sightseeing Stockholm

Die erste Fähre wäre schon um 6 Uhr gegangen. Doch ich nahm die eine halbe Stunde später. Da hatte ich dann auch das Vorderrad wieder frisch aufgepumpt. Wahrscheinlich verliert der geflickte Schlauch etwas Luft. Doch mit wechseln warte ich noch bis ich irgendwo einen neuen auftreibe. Auf der Fähre waren nur wenige Autos. Und danach hatte ich eine Zeit lang die Straße nur für mich allein. Als ich bei einem Holzumschlagplatz vorbeikomme, bleibe ich kurz stehen. Es umgibt mich ein herrlicher Duft von frisch geschälter Rinde.

 

Später begegnen mir zwei riesige Mähmaschinen. Sie haben Teleskoparme wie große Bagger, und machen einen gehörigen Lärm. Sie erreichen damit nicht nur den einen Meter neben der Straße, sondern mähen einige Meter mehr. Die Walderdbeeren bei einem Jausenplatz haben sie zum Glück nicht erreicht. Die hatten gut geschmeckt. Da hätte ich gerne noch mehr davon gefunden.

 

In einem der Vororte von Stockholm überhole ich einen Mann auf einem Lastenrad. Er hatte Bettzeug geladen. Gleich musste ich an Ikea denken. Entweder kommt er von dort, oder er ist am Siedeln, ging es mir durch den Kopf. Vom schwedischen Möbelhaus hatte ich bisher den ganzen Weg über jedoch noch keines gesehen, und auch keine Werbung.

 

Für Stockholm hatte ich mir eine Sightseeingrunde zurechtgelegt. Alles, was an einem Tag mit Durchfahren leicht geht, war die Idee. Und als erste Station gelangte ich zum großen Waldfriedhof. Der hat mich mit seiner Atmosphäre und den Grabsteinen im sonnigen Wald mit viel Rasen beeindruckt. Schlicht, ohne viel Pomp, dafür Ruhe ausstrahlend, und Vogelgezwitscher in den Bäumen, so war mein erster Eindruck beim Durchradeln eines Teiles davon.

 

In der Stadt kam ich natürlich auch beim königlichen Schloss vorbei. Dass man da mit dem Fahrrad nicht hineinfahren darf, sagte mir mit ernster Mine und gehörig Nachdruck einer der Wachen an den Toren. Ich merkte bald, dass selbst mit Verhandeln kein Meter mehr zu machen ist. Die Waffe war sicher auch geladen, und die königliche Miene ernst.

 

Am Nachmittag sah ich diese Wachen in ihren grauen Uniformen mit den weißen Gamaschen und Stiefeln ein weiteres Mal. Denn das Lustschloss Rosendal im Stockholmer Stadtteil Djurgården hatte ich auch auf meiner Liste. Dort war gerade die Wachübergabe im Gang. Es kam mir reichlich aus der Zeit gefallen vor, wie sie mit den Waffen mit aufgesteckten Bajonetten im Stechschritt bestimmte Wege abschritten, und dann Position vor irgendwelchen Türen bezogen. Die Kommandos gab es laut, und der Ablauf war mit militärischem Drill. Der Sinn des Ganzen wollte sich mir aber nicht ganz erschließen. Doch ich hatte meine Freude auf der schlösslichen Parkbank sitzend beim Zuschauen ein paar Minuten später. Da marschierte eine asiatische Touristin mit senkrecht ausgefahrener Zweimeterteleskopstange und aufmontierter Fischaugkamera die Parkwege ab. Ihr Schritt ließ sich kaum von jener der Wachen unterscheiden, und ihr Ausdruck ebenso. Vielleicht war sie vom kaiserlichen Hof in Japan. Ganz sicher war ich mir aber, woher die Mähroboter am Rasen waren. Da stand der schwedische Firmenname drauf. Bei der Rasenpflege orientiert sich der König also doch an der modernen Zeit.

 

28. Juni 2024

Eine Jause am See in einsamer Gegend

Statt auf meiner geplanten Route die Kilometer zu machen, leiste ich mir am Morgen einen längeren Verfahrer. Mein Radweg bot mir zu viele Abzweigungen, und die gewählte entpuppte sich als Extrarunde. Denn dem Navi wollte ich nicht folgen, weil es mich über eine Mountainbikestrecke mit vielen Wurzeln gelotst hätte. So lernte ich ein paar Seitenstraßen kennen, und wusste danach, dass sie hier alle gleich ausschauen.

 

Beim Einkaufen entdeckte ich einen knusprigen Laib Brot. Dazu passend lockte eine bunt angepriesene vegetarische Paste vom Regal, die ich bisher noch nirgends gesehen hatte. Doch es war nur die Vorfreude, die ihren Einkauf rechtfertigte. Zum Glück war das Brot so, wie es sich in der Papiertüte anfühlte. Es schmeckte mir auch ohne Pastete gut. Als Jausenplatz fand ich eine kleine Bootsanlegestelle an einem der vielen Seen am Weg. Von Schilf eingerahmt war sie kaum zu sehen. Mit etwas Wind war es in der Sonne richtig angenehm. Im Gegenlicht glitzerte das Wasser wunderbar. Ich meinte, dass am See wohl nur Boote und Stege der umliegenden Häuser waren. Viel war jedenfalls nicht los hier. Mir passte es gut. Von weiter draußen näherte sich irgendwann langsam ein Ruderboot. Eine Frau ließ sich von ihren zwei kleinen Matrosenkindern beim Rudern anleiten. Ferienspaß auf Schwedisch, ging es mir durch den Kopf.

 

Gab es am Morgen schon wenig Verkehr, so war ich gegen den Nachmittag hin gefühlt allein am Weg. Als Radfahrer jedenfalls. Die Route führte mich immer wieder an einsam gelegenen Häusern vorbei. Von den Wiesen waren nur wenige gemäht. Die meisten lagen wohl brach. Oder warteten noch, bis sich ein Bauer ihrer annehmen wird. Doch auch wenn einsam gelegen, die Postzustellung scheint hier zu funktionieren. Denn ich traf heute gleich auf drei der blauen Zustellfahrzeuge irgendwo im Nirgendwo. Auch ohne Aufschrift sind sie leicht zu erkennen, weil rechts gesteuert. Damit lassen sich die Briefkästen vom Fahrersitz ohne Aussteigen leicht erreichen. Wahrscheinlich machen die Postler in so einer Gegend mehr Kilometer als ich am Tag. Und dabei steige ja auch ich selten ab.